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Der Körper im Kontext der Sterilisationspraxis

Einflussverhältnis von Rassenhygiene und Sterilisationspolitik am Beispiel des Erbgesundheitsgesetzes

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 22 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Erbgesundheitsgesetz

3. Einflussverhältnis von Rassenhygiene und Sterilisationspolitik
3.1 Die strategische Maßnahme der Unfruchtbarmachung des Menschen um 1900
3.2 Interaktion beim Erlass des Erbgesundheitsgesetzes

4. Das Verständnis vom sterilisierten Körper

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die folgende Ausarbeitung entsteht im Kontext der Blockveranstaltung „Einfüh- rung in die Körpergeschichte“, die ich im Rahmen meines Masterstudiengangs Kultur der technisch-wissenschaftlichen Welt im Wintersemester 2009/2010 be- sucht habe. Am Beispiel des Erbgesundheitsgesetzes nimmt die Arbeit eine Ana- lyse des Einflussverhältnisses von Rassenhygiene und Sterilisationspolitik - als eine radikalisierte Entwicklungstendenz der staatlichen NS-Bevölkerungspolitik - vor. In diesem Bezugsrahmen wird die strategische Maßnahme der menschlichen Unfruchtbarmachung hinsichtlich seiner elementaren Funktion für diese Verbin- dung untersucht.

Verschiedene Gründe veranlassten mich zur Auswahl dieses Themas. Ausschlag- gebend war zunächst einmal die Tatsache, dass ich in meinem Studiengang unter anderem das Fach Geschichte studiere und großes Interesse für die Zeit des Nati- onalsozialismus habe. Ich war positiv überrascht, wie viel Potential in dem Semi- nar steckte. Da mir Themenbereiche wie Rassenhygiene und Euthanasie ansatz- weise bekannt waren, ich bis zu dem Zeitpunkt aber noch nicht selbstständig dazu gearbeitet hatte, reizte mich dieses Arbeitsgebiet außerordentlich. Folglich war es letztendlich die Möglichkeit zur Verbindung meines Interessengebietes National- sozialismus mit einer für mich noch unerforschten Disziplin, der Rassenhygiene, die mich in meiner Entscheidungsfindung beeinflusste. Bereits bei meinen ersten Recherchen wurde ich auf ein interessantes Detail aufmerksam: Nach 1945 wur- de, hauptsächlich von Rassenhygienikern, der Standpunkt vertreten, dass das Ste- rilisationsgesetz (Erbgesundheitsgesetz) kein politisches und folglich auch kein nationalsozialistisches Gesetz sei. Es wurden drei Gründe1 angeführt:

1. Das Gesetz enthalte keine nationalsozialistische Ideologie und sei allenfalls von Nationalsozialisten missbraucht worden. Diese Argumentation wird auch als Missbrauchsmythos2 bezeichnet.

2. Das Gesetz könne nur als nationalsozialistisch gelten, wenn ausschließlich Hit- ler bzw. NSDAP-Mitglieder es formuliert und durchgesetzt hätten. Da aber die Forderung nach Sterilisationen „minderwertiger“ Menschen unter Zwang bereits vor 1933 existierte, wäre das Sterilisationsgesetz auch ohne die nationalsozialisti- sche Bewegung zustande gekommen. Demzufolge gab es weder Gemeinsamkei- ten zwischen dem Gesetz und dem Nationalsozialismus als Bewegung und Herr- schaftsform noch hatten sie eine zentrale Bedeutung füreinander.

3. Rassenhygiene und Sterilisationsgesetze, auch zwangsmäßige, habe es auch in Kulturstaaten des Auslandes, beispielsweise in Amerika gegeben, doch habe das amerikanische Militärtribunal das Sterilisationsgesetz 1947 nicht zu den national- sozialistischen Verbrechen dazu gezählt. Daher könne das deutsche Sterilisations- gesetz, wenngleich es von Nationalsozialisten erlassen wurde, auch nicht als nati- onalsozialistisch gelten.

Die Behauptung unter Punkt 2, die eine Kooperation von nationalsozialistischer Politik und Rassenhygiene bei der gesetzlichen Umsetzung verneint, veranlassten mich dazu, das besagte Verhältnis am Beispiel des Erbgesundheitsgesetzes zu untersuchen. An dieser Stelle möchte ich dennoch kritisch anmerken, dass alle drei Aussagen von einer strikten Trennung zwischen Nationalsozialisten bzw. Sterilisationspolitikern und Rassenhygienikern ausgehen. Fakt ist aber, dass ein- zelne Rassenhygieniker extreme Nationalsozialisten bzw. Sterilisationspolitiker waren und umgekehrt. Eine Analyse hinsichtlich dieses Aspektes wird auch meine Arbeit nicht leisten, da der Fokus nicht auf den Grenzverschiebungen zwischen den beiden Disziplinen liegt, sondern auf dem Verhältnis und den zentralen Moti- ven bei der Gesetzgebung. Ich möchte dennoch eindringlich auf die Problematik einer solch subjektiven Betrachtung hinweisen.

Bei meiner methodischen Vorgehensweise orientiere ich mich an den Ausführun- gen des Geschichtswissenschaftlers Daniel Siemens3 und werde die rassenhygie- nische Körpervorstellung in Beziehung zum konkreten Zugriff auf den Körper durch Zwangsterilisation setzen und analysieren. Meine Arbeit gliedert sich wie folgt: In Kapitel 2 werde ich vorerst die begriffliche Klärung des Erbgesundheits- gesetzes vornehmen. In diesem Kapitel wird noch keine explizite Analyse des Verhältnisses vorgenommen, sondern es werden die am Entstehungsprozess des Gesetzes beteiligten Einflussgrößen lediglich aufgezeigt. Dies ist eine notwendige Voraussetzung, um im folgenden den Schwerpunkt dieser Arbeit bildenden Kapi- tel 3 schließlich das Einflussverhältnis von Rassenhygiene und Sterilisationspoli- tik zu diskutieren. Basierend auf dem in Kapitel 2 erläuterten Sterilisationsgesetz wird aufgezeigt, welche Motive ausschlagend für die gesetzliche Realisierung der Sterilisationspraxis waren. Einleitend wird in Kapitel 3.1 die sich um die Jahrhun- dertwende herausbildende Möglichkeit zur Sterilisation thematisiert, um nach- vollziehen zu können, aus welchen Gründen dieser Maßnahme in der Folgezeit eine derartige Zentralität zukommen konnte. Anschließend wird in Kapitel 3.2 die Interaktion von Rassenhygienikern und Sterilisationspolitikern bei der gesetzli- chen Umsetzung Betrachtung finden. Vordergründiges Ziel wird es sein, die je- weiligen Motive zu erörtern und davon ausgehend das Verhältnis zu diskutieren. Das 4. Kapitel wird nach den Entwicklungen und Prozessen fragen, die zum Ver- ständnis vom sterilisierten Körper geführt haben, folglich den Zugriff auf den Körper erst ermöglichten und dem sich Rassenhygieniker und Sterilisationspoliti- ker gleichermaßen bedienten. Meine Hausarbeit endet mit einem Fazit, in dem ich abschließend die oben gestellte Behauptung diskutieren werde.

2. Das Erbgesundheitsgesetz

Das Erbgesundheitsgesetz („Gesetz zur Verhütung erbranken Nachwuchses“, GezVeN), das am 26. Juli 1933 bekannt gegeben wurde und am 1. Januar 1934 in Kraft getreten ist, war das wichtigste rassenhygienische Gesetzeswerk unter dem NS-Regime.4 Die rassenhygienische Sterilisationspolitik bildete einen Zweig der Erbgesundheitspolitik, die in den ersten sechs Jahren des „Dritten Reiches“ das Kernstück der nationalsozialistischen Bevölkerungs- und Rassenpolitik war.5 Während seines 11-jährigen Bestehens wurden mindestens 400.000 Menschen infolge des Gesetzes sterilisiert.6 Die Mehrzahl der Sterilisationen lässt sich auf den Zeitraum von 1934 bis 1936 festlegen.7

Die „Politik des Eingriffs in Leben und Körper“8 war durchdrungen vom Streben nach gesellschaftlicher Heilung, ihrer Therapie und der Prophylaxe sowie nach der Einflussnahme auf nachfolgende Generationen. Hitlers Vision von der „Rein- haltung der deutschen Rasse“9 war der Kernaspekt dieser Politik und bewirkte die absolute Fokussierung auf die Fortpflanzung der deutschen Rasse. In diesem Kon- text wurde die Praxis der Sterilisation als eine Heilmaßnahme zur Reinigung des Volkskörpers von negativen Elementen verstanden. Mit diesem Anspruch unter- grub das Gesetz die Gleichheit aller Menschen, da sie entsprechend ihrem Nutzen für das Volk nach unterschiedlichen Werten gemessen wurden.10 Das Erbgesund- heitsgesetz lieferte die gesetzliche Legitimation für die Unfruchtbarmachung „minderwertiger“, häufig erbkranker Menschen mithilfe des chirurgischen Ein- griffs der (Zwangs-)Sterilisation und bewirkte ihren Ausschluss aus dem Fort- pflanzungsprozess des „gesunden“ Volkes.

[...]


1 Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf: BOCK, Gisela (1986): Zwangssterilisation im Nationalsozialismus: Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH. S. 104.

2 Dieser Mythos besagt, dass sich die Politik die Wissenschaft zu eigen gemacht und sie nach ihren Vorstellungen beeinflusst, umgeformt und folglich missbraucht habe.

3 Vgl.: SIEMENS, Daniel: „Von Marmorleibern und Maschinenmenschen“. Neue Literatur zur Körpergeschichte in Deutschland zwischen 1900 und 1936“, in: ARCHIV FÜR SOZIALGESCHICHTE, 47, S. 641f.

4 Vgl.: WEINGART, Peter u.a. (Hgg.) (1996): Rasse, Blut und Gene: Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag. S. 464.

5 Vgl.: SÜß, Winfried (2003): Der „Volkskörper“ im Krieg. Gesundheitspolitik, Gesundheitsverhältnisse und Krankenmord im nationalsozialistischen Deutschland 1939-1945. München: Oldenbourg Wissenschaftsverlag GmbH. S. 37.

6 Vgl.: BOCK, Gisela (1986): Zwangssterilisation im Nationalsozialismus: Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH. S. 8.

7 Ebd. S. 38.

8 BOCK, Gisela (1986): Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. S. 94.

9 Ebd. S. 23.

10 Vgl.: BOCK, Gisela (1986): Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. S. 110.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640851126
ISBN (Buch)
9783640851331
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168189
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Abteilung für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Erbgesundheitsgesetz Körper Nationalsozialismus Rassenhygiene Sterilisationspraxis Sterilisationspolitik Bevölkerungspolitik Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses Arthur Gütt Ernst Rüdin. Volkskörper

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