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"Geist, Identität und Gesellschaft" von George Herbert Mead - Eine Analyse und systematische Rekonstruktion seines Werkes

Hausarbeit 1988 51 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhaltsangabe

A Einleitung

B Der Symbolische Interaktionismus und seine wissenschaftstheoretischen Vorläufer
1. Die Entstehung des Symbolischen Interaktionismus
2. Die frühen wissenschaftstheoretischen Vorläufer des SI
3. Die direkten wissenschaftstheoretischen Vorläufer des SI in den USA
3.1. Der Pragmatismus
3.2. Der Behaviorismus
3.3. Die Synthese aus Pragmatismus und Behaviorismus

C George Herbert Mead: Self, Mind and Society
1. Teil I: Der Standpunkt des Sozialbehaviorismus
1.1. Einführung in den Sozialbehaviorismus
1.2. Die wissenschaftstheoretischen Vorläufer des Sozialbehaviorismus in der Psychologie
1.3. Die Grundlagen des Sozialbehaviorismus
2. Teil II: Geist
2.1. Die Bedeutung der Geste
2.2. Die Bedeutung von Sinn und Objekt
2.3. Die Bedeutung von Intelligenz und Bewusstsein
3. Teil III: Identität
3.1. Die Bedeutung der Identität
3.2. Die Entwicklung der Identität
3.3. Das “Ich” (“I”) und das “mich” (“me”) der Identität
3.4. Geist und Identität (Zusammenfassung von Teil II und III)
4. Teil IV: Gesellschaft
4.1. Der physiologische Organismus oder die biologischen Grundlagen der sozialen Evolution des Menschen
4.1.1. Die physiologische Grundlage und die Umwelt
4.1.2. Die biologischen Impulse und die physiologischen Differenzierungen bei
der Gattung Mensch
4.1.3. Das evolutionäre Auftreten der Identität und seine gesellschaftlichen Implikationen
4.2. Der gesellschaftliche Organismus oder die organisierten Formen
gesellschaftlicher Tätigkeit
4.2.1. Die Verschmelzung von „Ich“ und „mich“ in der gesellschaftlichen Aktivität
4.2.2. Die Institutionen
4.3. Ausdrucksformen gesellschaftlicher Identität
4.3.1. Die Religion
4.3.2. Die Wirtschaft
4.3.3. Die Wissenschaft und das logische Universum
4.3.4. Der Staatsaufbau, die Nationen und die Politik

D Fazit

E Vorläufiges Modell der sozialen Evolution des Menschen

Literaturliste

A Einleitung

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit stellt eine Analyse des Werkes “Geist, Identität und Gesellschaft” von George Herbert Mead dar, bei dem gleichzeitigen Versuch der Rekonstruktion des sozialbehavioristischen Modells von Mead, welches in seinem Werk in weiten Teile nur ungenügend zum Ausdruck kommt. Diese Situation wird noch verstärkt durch den Umstand, dass es sich bei dem Hauptwerk von Mead um eine Vorlesungsmitschrift handelt, die erst posthum veröffentlicht wurde.

In Teil B der Arbeit werden die wissenschaftstheoretischen Vorläufer des Symbolischen Interaktionismus behandelt, dessen Hauptbegründer George Herbert Mead ist. Dieser Teil der Arbeit wurde gegenüber der ursprünglichen Fassung stark gekürzt, zugunsten des Hauptteil C der Arbeit. Da ich in Teil C der Arbeit bereits eine eigene Systematik in das umfangreiche Rohmaterial Meads zu bringen versuche, ist Teil D der Arbeit, das Fazit, entsprechend knapp ausgefallen. Teil D wird ergänzt von den Grafiken in Teil E, welche ein vorläufiges Modell der sozialen Evolution des Menschen darstellen.

Das Werk “Geist, Identität und Gesellschaft” von George Herbert Mead ist für mich durch seine Vielschichtigkeit und die besondere Herangehensweise Meads an die soziologische Fragestellung, nämlich weder positivistisch noch ausschließlich den logischen Denkgesetzen verhaftet, außerordentlich faszinierend. Ich beende diese Arbeit mit einer gewissen Trauer darüber, das Modell der sozialen Evolution des Menschen nicht noch mit anderen, z.B. anthropologischen Arbeiten, bis zum Ende erforscht zu haben.

B Der Symbolische Interaktionismus und seine wissenschaftstheoretischen Vorläufer

1. Die Entstehung des Symbolischen Interaktionismus

Die Theorie des Symbolischen Interaktionismus (SI) entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der soziologischen Schule von Chikago in den USA. Als Hauptbegründer des SI gilt George Herbert Mead.

“Die amerikanische Soziologie wurde in der Zeit zwischen 1890 und etwa 1950 von den wissenschaftlichen Leistungen der Soziologen dominiert, die an der Universität Chikago tätig waren. ... Zu den bedeutendsten Gelehrten in der ersten Phase gehörten Albion Smith und William Isaac Thomas. In der Abteilung für Philosophie arbeitete ein so bedeutender Mann wie John Dewey. Auf Anregung und Einladung von Dewey wurde Mead 1894 in die Abteilung für Philosophie berufen. Sein Einfluss auf die Entwicklung der Soziologie beruhte darauf, dass das Zentrum der Soziologie selbst in Chikago lag. Das ist besonders einleuchtend, wenn man berücksichtigt, wie wenig er zu seinen Lebzeiten publiziert hat. Obwohl Mead selbst eine der führenden Gestalten des Pragmatismus war, verhielt er sich sehr zurückhaltend damit, Gedanken niederzuschreiben und zu publizieren, die ihm noch unfertig erschienen. Diese Zurückhaltung führte dazu, dass er zu seinen Lebzeiten kein Buch veröffentlichte, sondern nur Aufsätze. Die bedeutende Wirkung, die er dennoch gehabt hat, beruht auf der Stärke seines mündlichen Vortrags, insbesondere auf seiner Lehrtätigkeit als Philosophieprofessor an der Universität Chikago in den Jahren von 1894 bis kurz vor seinem Tode. ... Nach seinem Tode wurden durch Zusammenfügen der Vorlesungsmitschriften seiner Studenten mit Manuskripten aus dem Nachlass vier Buchpublikationen ermöglicht.”[1]

Die bekannteste dieser vier Buchpublikationen ist “Mind, Self and Society” (dt. “Geist, Identität und Gesellschaft”). Sie wurde 1934, drei Jahre nach Meads Tod, herausgegeben, und ist heute als soziologisches Standardwerk anzusehen. Die deutsche Übersetzung erschien erst 1968 erstmals in Deutschland.

Das Denken George Herbert Meads war von zahlreichen früheren Philosophen und Wissenschaftlern seiner Zeit beeinflusst. Nach Ansicht Ellworth Faris, einem Schüler Meads, gehören zu diesen Autoren Wilhelm Wundt aus Deutschland, Auguste Comte aus Frankreich, Herber Spencer aus England und Charles Horton Cooley aus den USA. Außerdem stand Mead unter dem Eindruck der Arbeiten von Adam Smith, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Marx, Charles Darwin und Sigmund Freud.[2]

Herbert Blumer, der nach dem Tode von Mead seine bekannteste Vorlesung “Comparative Psychology” fortführte, prägte den Begriff “Symbolic Interaktionism”.[3] Blumer entwickelte die Arbeiten Meads im Zusammenhang mit den Arbeiten von Cooley, Dewey und Thomas weiter[4], und wurde nach dem 2. Weltkrieg “zur Symbolfigur für die Theorie des Symbolischen Interaktionismus”[5].

“Zu den Konzepten Meads, die ohne Schwierigkeiten Eingang in die soziologische Lehre fanden, gehörten seine Sozialisationstheorie und seine Begriffe des “generalisierten Anderen” und des “Selbst”. Diese Ideen gefielen den Soziologen der zwanziger und dreißiger Jahre, weil sie ihnen dabei behilflich waren, die biologistischen Erklärungsversuche vom menschlichen Verhalten zu überwinden. Vor allem Meads Begriff des “Selbst”, oder wie wir heute zu sagen uns angewöhnt haben, der “Identität”, waren wirksame Gegenkräfte gegen Sigmund Freud und andere individualistische, psychologische Theorien, indem sie zugleich als nützliches Konzept für die Bearbeitung der Sozialisation von Gruppenmitgliedern diente.”[6]

2. Die frühen wissenschaftstheoretischen Vorläufer des SI

Der SI steht grundsätzlich in der Tradition der Philosophen, die sich mit dem Subjekt-Objekt-Problem auseinandersetzen, d.h. mit der Frage in welchem Verhältnis das menschliche Subjekt zu den Objekten seiner Umwelt steht.

Der griechische Philosoph Platon (428 - 347 v. Chr.) versuchte als einer der ersten, eine Übereinstimmung zwischen dem subjektiven Vorstellen und dem objektiven Sein durch das Einführen einer dritten Welt zwischen Subjekt und Objekt zu erreichen - der “geistigen Welt der Ideen”.[7] Die Welt der platonischen Ideen ist ihrem Wesen nach unwandelbar und statisch, während Platon die Objekte der Sinneserfahrung ständig im Fluss sieht.[8] Die geistige Welt der Ideen als unwandelbar anzunehmen, ist ein Ausdruck des statischen Weltbildes der Antike. Es wurde in der Neuzeit in allen Wissenschaftsbereichen aufgegeben.

Immanuel Kant (1724 - 1804) behandelte das Subjekt-Objekt-Problem, indem er zwischen Verstand und Vernunft unterschied. Der Verstand war für die Auseinandersetzung mit den erfahrbaren Objekten zuständig, und die Vernunft für ein Vordringen in die Welt der Ideen, wie Platon sie beschrieb. Das Vordringen in die Welt der Ideen geschieht über “spekulatives, die Erfahrung transzendierendes Denken”, wobei durch den Prozess des Denkens etwas ganz Neues, “noch in keiner Erfahrung gegebenes”, entstehen kann - eine neue Idee.[9] Die Leistung der Vernunft ist bei Kant eine Fortsetzung von Sinneserfahrung mit anderen gedanklichen Mitteln, d.h. der selbe geistige Inhalt wird von der Vernunft mit Hilfe des transzendierenden Denkens auf einer höheren geistigen Ebene weiterverarbeitet, als dies beim Verstand der Fall ist.[10]

3. Die direkten wissenschaftstheoretischen Vorläufer des SI in den USA

Die Theorie des SI ist auf der Grundlage des philosophischen Pragmatismus und des psychologischen Behaviorismus in Nordamerika entstanden. Der SI entwickelte sich in kritischer Auseinandersetzung mit der positivistischen Ausgangslage der amerikanischen Soziologie.[11] “Wissenschaft wird als Umweltanpassungstechnik gesehen, und da die Naturwissenschaften unter diesem Aspekt so außerordentlich erfolgreich gewesen sind, liegt nichts näher als zu fordern, dass die Sozialwissenschaften um ihrer Nützlichkeit willen die Methodologie der Naturwissenschaften reduktionistisch übernehmen und möglichst weitgehend kopieren.”[12] Diese Ausgangslage war trotz unterschiedlicher sozialhistorischer Hintergründe in Nordamerika und Kontinentaleuropa gleich. Die Amerikaner verbanden dieses positivistische Wissenschaftsverständnis mit ihrem Pionierethos. “Die Auseinandersetzung mit der materiellen Umwelt spielt in dem Pionierbewusstsein der Amerikaner gegen Ende des vorigen Jahrhunderts eine wichtige Rolle, und Aufgabe der Soziologie wird es zunächst, die tatsächlichen Erscheinungen zu erfassen und Kausalverkettungen zwischen ihnen aufzuzeigen, also zu erklären. Auf ein Verstehen, in dem sich das Wesen der Erkenntnisobjekte erschließen lässt, wird zugunsten der Suche nach Gesetzmäßigkeiten bewusst verzichtet.”[13]

3.1. Der Pragmatismus

Der Pragmatismus als Philosophie bot die Chance mit Hilfe des Pionierethos dieses positivistische Weltbild zu überwinden, denn sein Credo lautete: Wahrheit ist jenes Denken, dass mir zu erfolgreichem Handeln verhilft (oder auf englisch: The truth is, what works.).

Der pragmatische Wahrheitsbegriff ermöglichte nun die Ablösung von dem positivistischen Weltbild, in dem Sinne, dass es bestimmte statische Gesetzmäßigkeiten gäbe, die man nur zusammenfassen müsse, wenn man sie erkannt hätte.[14] Denn: “Solange Kultur und Gesellschaft sich fortentwickeln, ist die Wahrheit unseres Denkens darüber stets vorläufig und revisionsbedürftig. Da die Wahrheit sich im Handeln bewähren muss, muss auch im Handeln neue Wahrheit sich ergeben können.”[15]

Der philosophische Pragmatismus ist mit den drei amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce (1839 - 1914), William James (1842 - 1910) und John Dewey (1859 - 1952) verbunden. George Herbert Mead war ein Schüler von James und arbeitete eng mit Dewey zusammen. Charles Sanders Peirce begründete den Pragmatismus unter dem Einfluss der Arbeiten Kants. “Der philosophischen Pragmatismus, der James, Dewey und Mead verband, stellte den Versuch dar, die Vorstellungen vom Menschen und von der Stellung des Menschen in der Welt neu zu formulieren und dabei auch das Subjekt-Objekt-Problem zu berücksichtigen.”[16]

3.2. Der Behaviorismus

Der Begründer der behavioristischen Psychologie ist John B. Watson (1878 - 1957). Er ist ein Anhänger der positivistischen Auffassung von Wissenschaft und übernimmt die Methoden der Naturwissenschaften in seine Theorie. “Um irgendwelche Fragen nach menschlichem Verhalten adäquat beantworten zu können, müssen wir den Menschen studieren, wie der Chemiker eine neue organische Verbindung untersucht. Psychologisch ist der Mensch immer noch ein reagierendes Stück nicht analysierten Protoplasmas.”[17]

In welchem Sinne Watson die Psyche weiter untersuchen will, macht folgendes Zitat deutlich: “Der Behaviorismus wendet sich ab von den Aufrufen, den Blick ins Innere der eigenen Seele zu richten, die für die Philosophie und die Psychologie des William James kennzeichnend sind. Psychologie soll mit Daten arbeiten, die auf dem Messen und Zählen des sichtbar gewordenen Verhaltens (engl. behavior) basieren.”[18]

George Herbert Mead modifiziert den Ansatz Watsons zu einem “social behaviorism”, auf deutsch “Sozialbehaviorismus”: “Für Mead bedeutet Behaviorismus dies: Der Mensch muss aufgrund seiner Handlungen studiert werden, und zwar sowohl aufgrund der offen ausgeführten, als auch der unsichtbar bleibenden, weil nur gedachten. Da jedes Individuum an einer Folge gemeinsamer Aktivität zusammen mit anderen beteiligt ist, ist es zweckmäßig, seine Handlungen als Segmente größerer Handlungszusammenhänge zu studieren. So gelangte Mead zur Fragestellung der Sozialpsychologie.”[19]

3.3. Die Synthese aus Pragmatismus und Behaviorismus

Ungefähr zur selben Zeit wie George Herbert Mead bemühen sich noch zwei weitere Wissenschaftler um eine Synthese von Behaviorismus und Pragmatismus, auf die ich im folgenden zugunsten der Arbeit Meads nicht weiter eingehen werde, aber die ebenfalls als Mitbegründer oder Wegbereiter des SI angesehen werden müssen. Es sind Charles Horton Cooley (1864 - 1929) und William Isaac Thomas (1863 - 1947).

Cooley entwickelte das Modell des Spiegelselbst in seinem Hauptwerk “Mirrors and Masks”. “Soziale Beziehungen werden in vielen Fällen von der Einstellung geprägt, die der Einzelne seinem Selbst gegenüber deshalb hat, weil er sie einem anderen Bewusstsein zuschreibt. Darum schauen wir in den Spiegel, weil wir uns dann am ehesten vorstellen können, mit welchen Augen uns die anderen sehen.”[20] Cooleys Untersuchungen beziehen sich fast ausschließlich auf die Primärgruppe als soziales Gebilde.

William Isaac Thomas entwickelte das berühmt gewordene Thomas-Theorem, das besagt, dass “jedem selbstbestimmten Handeln ein Stadium der Prüfung und Überlegung vorausgeht, in dessen Verlauf die Situation, in der gehandelt werden soll, definiert wird.”[21] Außerdem stammt von Thomas und seinem polnischen Kollegen Florian Znaniecki die erste große Oral-History-Studie “The Polish Peasant in Europe and America”.

C George Herbert Mead: Self, Mind and Society

1. Teil I: Der Standpunkt des Sozialbehaviorismus

1.1. Einführung in den Sozialbehaviorismus

George Herbert Mead erläutert zu Beginn des ersten Kapitels die Prämisse für seine sozialpsychologischen Arbeiten: “In der Regel befasst sich die Sozialpsychologie mit den verschiedenen Phasen gesellschaftlicher Erfahrung aus der psychologischen Sicht der individuellen Erfahrung. Ich möchte einen anderen Ansatz vorschlagen: die Erfahrung vom Standpunkt der Gesellschaft aus zu betrachten, zumindest unter dem Gesichtspunkt der Kommunikation als Voraussetzung für eine Gesellschaftsordnung.”[22]

1.2. Die wissenschaftstheoretischen Vorläufer des Sozialbehaviorismus in der Psychologie

Der Sozialbehaviorismus ist eine Weiterentwicklung verschiedener Stadien von erkenntnistheoretischen Grundlagen in der Psychologie. Die Psychologie wurde dabei auch durch immer neue Erkenntnisse in den Naturwissenschaften, vor allem in der Biologie, beeinflusst. Charles Morris sagt 1934 in seiner Einleitung zu “Mind, Self and Society”:

“Mead zeichnet auf den folgenden Seiten den Prozess nach, der die Psychologie, von biologistischen Erwägungen beeinflusst, durch die Stadien des Assoziationismus, Paralle-lismus und Funktionalismus zum Behaviorismus führte.”[23] Den Assoziationismus verbindet Mead mit dem englischen Philosophen David Hume (1711 - 1776).[24] Für Mead war die Assoziationspsychologie jedoch zu sehr statisch angelegt, der dynamische Teil von Erfahrung wurde ihm zu wenig beachtet. ”Als die psychologische Seite immer mehr ins Zentral-nervensystem verlegt wurde, erkannte man, dass es eine ganze Anzahl von Erfahrungen gab, die sich als Wahrnehmungen bezeichnen ließen und doch sehr verschieden waren von jenen, die man so wie Ton, Geschmack und Farbe als statisch ansehen konnte. Assoziationen gehören zu dieser statischen Welt. Man sah immer deutlicher, dass ein großer Sektor unserer Erfahrung dynamisch war.”[25]

Die logische Fortführung dieser Erkenntnis war für Mead der Parallelismus in der Psycho-logie, d.h. der Parallelität der Abläufe im Bewusstsein zu den Abläufen im Zentralnerven-system, wobei Mead die Abläufe im Zentralnervensystem ebenfalls für dynamisch hält, es seien Handlungsstrukturen.[26] Aber der Parallelismus geht nicht nur von der Analogie der Abläufe im Bewusstsein und im Zentralnervensystem aus, sondern auch von der Analogie zwischen Handlung und Erfahrungsinhalt. “Das heißt, dass man nun eine Reihe von psychischen Zuständen mit den verschiedenen Phasen der Handlung verbinden muss.”[27]

1.3. Die Grundlagen des Sozialbehaviorismus

“Was ist der grundlegende Mechanismus durch den der gesellschaftliche Prozess voran-getrieben wird? Es ist der Mechanismus der Geste, der die passende Reaktionen auf das Verhalten der verschiedenen individuellen Organismen ermöglicht, die in einen solchen Prozess eingeschaltet sind. Innerhalb jeder gesellschaftlichen Handlung wird durch Gesten eine Anpassung der Handlung eines Organismus an die Tätigkeit anderer Organismen verursacht. Gesten sind Bewegungen des ersten Organismus, die als spezifische Reize auf den zweiten Organismus wirken und die gesellschaftlich angemessene Reaktion auslösen.”[28]

Die Gesten und die daraus resultierenden späteren Handlungen werden organisiert durch die Haltungen der Individuen. Die Haltung eines Individuums wird bestimmt durch seine Erfahrungen, aber auch durch seine Vorstellungen, die er vielleicht niemals selbst erfahren hat. Seine Haltung bestimmt, welche der möglichen Bedeutungen er ein und demselben Objekt geben will. Ein “Pferd” ist z.B. ein Tier auf dem man reiten kann, dass Nahrungsgeber sein kann oder als Rennpferd eine Wertanlage darstellt.[29] Pferd ist im Sinne Meads als Wort eine vokale Geste, und aus vokalen Gesten wird Sprache gebildet.

Mead betont, dass die Sprache nur ein Werkzeug ist für den Zweck, den Inhalt der Erfahrung subjektiv auszuwählen und dann zu organisieren. Die Bedeutung, die sich aus dem Prozess der Organisation ergibt, ist aber für das Subjekt schon vor dem sprachlichen Ausdruck vorhanden.[30] Der Prozess der Symbolisierung von Erfahrung in Form von Sprache ist aber für die Entwicklung der menschlichen Intelligenz verantwortlich.[31] Eine ebenso wichtige Rolle bei der Entstehung der menschlichen Intelligenz spielte der Einsatz der Hand zur Isolierung physischer Objekte.[32] Das Ziel des Sozialbehaviorismus ist es, auch dass, was nur dem Individuum erfahrbar ist, weil in seinem Innenleben abläuft, in seiner Beziehung zur umgebenden Situation darzustellen, oder - konkret - auf eine gemeinsame Sprache, eine ge-meinsame Welt zu beziehen.[33] Mead beruft sich hier auf die Erkenntnisse der Gestalt-psychologie: “Die Erfahrung, selbst die des Einzelnen, muss mit einem Ganzen beginnen. Es muss ein Ganzes geben, damit wir die gesuchten Elemente erfassen können.”[34]

2. Teil II: Geist

2.1. Die Bedeutung der Geste

Die Geste bildet, wie in Kapitel C 1.3. bereits beschrieben, den grundlegenden Mechanismus, der den gesellschaftlichen Prozess vorantreibt. Mead übernahm seinen Begriff der Geste von Wilhelm Wundt (1832 - 1920).

“Wundt entwickelte eine sehr wertvolle Konzeption der Geste als jenem Phänomen, das später zu einem Symbol wird, in seinen Anfangsstadien aber als Teil einer gesellschaftlichen Handlung angesehen werden kann. Es ist jener Teil einer gesellschaftlichen Handlung, der als Reiz auf andere, in die gleiche gesellschaftliche Handlung eingeschaltete Wesen wirkt.”[35] Für Wundt waren Gesten damit “Werkzeuge, durch die die anderen Wesen reagieren”.[36]

Die Bedeutung der Geste liegt also darin, für andere einen Reiz darzustellen, auf den sie reagieren und diese Reaktion der anderen wird selbst wieder zum Reiz für das erste Individuum, führt bei ihm zu einer Anpassung an die Reaktion der anderen bis die endgültige gesellschaftliche Handlung zustande kommt.[37] Es handelt sich hier um ein einfaches Reiz-Reaktions-Modell, dessen Basis unbewusste Kommunikation, d.h. eine Kommunikation mit nicht-signifikanten Symbolen ist. Daher sind Gesten in diesem Sinne ein Ausdruck von Gefühlen. “Diese Funktion des Ausdrucks von Gefühlen kann zum legitimen Arbeitsgebiet des Künstlers oder Schauspielers werden.”[38]

Mead wehrt sich aber gegen die Ansicht Darwins, der Ausdruck von Gefühlen sei die eigentliche Funktion von Gesten.[39] Denn dem Menschen ist im Gegensatz zu den Tieren auch bewusste Kommunikation möglich, da er in der Lage ist, Gesten zu setzen, die signifikante Symbole darstellen. Eine Geste als signifikantes Symbol drückt eine hinter der Geste stehende Idee aus, und es löst diese Idee auch im anderen Menschen aus.[40] Eine Idee stellt eine Abstraktion der Handlung dar, sie ist eine Handlung, die kein sichtbares Verhalten nach sich zieht, oder andersherum, sie ist eine mögliche Reaktion.[41] Wenn ein signifikantes Symbol eine dahinter stehende Idee ausdrückt und im anderen auch auslöst, besitzt dieses Symbol damit eine bestimmte Bedeutung. Diese Bedeutung muss für alle beteiligten Personen bis zu einem gewissen Grad identisch sein, um bewusste, signifikante Kommunikation zu ermöglichen.[42] Unsere Sprache setzt sich aus solchen signifikanten Symbolen zusammen. Die vokale Geste wird damit zu wichtigsten Form bewusster Kommunikation.

Der für Mead zentrale Punkt bei den Gesten im Sinne signifikanter Symbole ist, dass die Geste im Sprecher dieselbe Haltung - und daraus sich ableitend die potentiell selbe Reaktion - auslöst wie im Angesprochenen. Dies ergibt sich sowohl aus der Geste als einer dahinterstehenden Idee, die auch im Angesprochenen ausgelöst wird, als auch aus der bis zu einem gewissen Grad identischen Bedeutung, die ein signifikantes Symbol für alle beteiligten Personen haben muss.

Es gibt nun zwei Voraussetzungen für den Mechanismus von Gesten, mit denen sich der Sprecher selbst so beeinflusst wie den Angesprochenen. Die erste Voraussetzung ist eine physiologische: jeder Mensch besitzt sowohl Stimme wie Gehör, d.h. er kann sich selbst genauso wahrnehmen, wie der andere ihn wahrnimmt. Man kann sich also auch selbst beeinflussen, wenn man zu sich spricht.[43] So kann man beim Singen in sich die Stimmung des Liedes auslösen.

Die zweite Voraussetzung, um in sich selbst durch die eigene Geste die gleiche Haltung wie im anderen auszulösen, ist etwas komplizierter. Wenn Ideen mit Möglichkeiten sichtbarer Reaktionen gleichzusetzen sind, wie Mead sagt, müssen in ihnen die erwarteten Haltungen der anderen bereits implizit enthalten sein, denn eine Idee kann nur zu einer Handlung werden, wenn die anderen mit dem Sprecher der Idee kooperieren.[44] Die Idee bzw. die daraus resultierende vokale Geste stellt also bereits eine Anpassung der Haltung des Sprechers an die vermutete Haltung des Angesprochenen dar. Da die vokale Geste damit für den Sprecher ebenso neu ist, wie für den Angesprochenen, sie stellt ja nun eine Synthese aus seiner eigenen Haltung mit der erwarteten Haltung des Angesprochenen dar, wird sie für den Sprecher ebenso zum Reiz wie für den Angesprochenen, auf den der Sprecher mit derselben Haltung reagiert, die er beim Angesprochenen wünscht oder erwartet. Die gesellschaftliche Handlung kann erfolgreich im Sinne des Sprecher vollzogen werden (was dann auch erfolgreich im Sinne des Angesprochenen sein kann), wenn sich beide auf die selbe Haltung “einigen” können, denn dem Angesprochenen bleibt die Freiheit, trotz gleicher Bedeutung der signifikanten Symbole in der vokalen Geste aus einer anderen als der vom Sprecher erwarteten Haltung heraus zu reagieren.[45]

Die beschriebene Synthese der eigenen Haltung und der vermuteten Haltung des anderen, bevor der Sprecher die vokale Geste dem anderen gegenüber explizit äußert, stellt eigentlich ein inneres Gespräch dar, welches gleichbedeutend mit dem Denken ist.[46]

[...]


[1] Helle, Horst Jürgen: Verstehende Soziologie und Theorie der Symbolischen Interaktion. Stuttgart 1977, 1. Auflage, S. 68f

[2] ders., ebd., vgl. S. 69

[3] ders., ebd., vgl. S. 5

[4] ders., ebd., vgl. S. 98

[5] ders., ebd., S. 6

[6] Simmel, Georg: Hauptprobleme der Philosophie. Leipzig, 1911, 2. Auflage, S. 87

[7] Helle, Horst Jürgen: a.a.O., vgl. S. 11f

[8] ders., ebd., vgl. S. 13

[9] ders., ebd., vgl. S. 14

[10] ders., ebd., vgl. S. 15

[11] ders., ebd., vgl. S. 47

[12] ders., ebd., S. 49

[13] ders., ebd., S. 49

[14] „Der Pragmatismus passte zum Pionierethos der Nordamerikaner, die im 19. Jahrhundert die „frontier“ schrittweise bis an die Pazifikküste vorschoben. In seinem Kern besagt er dies: Wahrheit ist jenes Denken, dass mir zu erfolgreichem Handeln verhilft, oder auf englisch: the truth is that works. Dieser pragmatische Wahrheitsbegriff ermöglichte erst die Ablösung von dem Glauben, das die Wahrheit sich durch die Addition zahlloser Einzelansichten akkumulieren und in einem enzyklopädischen Lexikon von 10, 20 oder 30 Bänden Umfang für alle Zeiten festhalten ließe.“ ders., ebd., S. 50

[15] James, William: Principles of Psychology, 2 Bände. New York/London, 1910, Bd. I, S. 225 - 239 (vgl. auch: Zijderveld, Anton C.: De Theorie van hat symbolisch interactionisme. Meppel, 1975, 2. Auflage, S. 53) Aus: Helle, Horst Jürgen: a.a.O., S. 51

[16] Helle, Horst Jürgen: a.a.O., S. vgl. S. 47

[17] ders., ebd., S. 48

[18] ders., ebd., S. 49

[19] Zijderveld, Anton C.: a.a.O., S. 74 Aus: Helle, Horst Jürgen: a.a.O., S. 51f

[20] Helle, Horst Jürgen: a.a.O., S. 55

[21] ders., ebd., S. 60

[22] Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt am Main, 1968, 1. Auflage, S. 39

[23] Morris, Charles: Einleitung: George H. Mead als Sozialpsychologe und Sozialphilosoph. Chikago, 1934, 1. Auflage. Aus: Mead, George Herbert: a.a.O., S. 16

[24] „Gemeinsam mit David Hartley ist er der Begründer Assoziationspsychologie auf der Basis gehirn- und nervenanatomischer Untersuchungen. ... Assoziationen entstehen oft durch räumliche ode zeitliche Nachbarschaft (Kontiguität) oder Ähnlichkeit der Einzelvorstellungen. Die Assoziationspsychologie nahm solche Regeln als Gesetze aller seelischen Verläufe an. Das Denken wird jedoch nicht nur durch Assoziationen, sondern z.B. auch durch Interessen und Einstellungen gelenkt.“ dtv-Lexikon: Ein Konversationslexikon in 20 Bänden. München, 1980, 1. Auflage, Band 9, S. 83, Stichwort: Hume, David (vgl. Band 1, S. 227, Stichwort: Assoziation 3.)

[25] Mead, George Herbert: a.a.O., S. 57 f.

[26] „Ich bestehe daraus, dass die im Zentralnervensystem vorgefundenen Strukturen, Handlungsstrukturen sind - nicht Strukturen der Kontemplation, der reinen Anschauung.“ ders., ebd., S. 65

[27] ders., ebd., S. 59

[28] ders., ebd., S. 52 (Fußnote 9)

[29] ders., ebd., S. 50

[30] ders., ebd., S. 52

[31] ders., ebd., S. 52 (Fußnote 9)

[32] ders., ebd., S. 284

[33] ders., ebd., S. 71 f.

[34] ders., ebd., S. 76

[35] ders., ebd., S. 81

[36] ders., ebd., S. 83

[37] ders., ebd., vgl. S. 83

[38] ders., ebd., S. 83

[39] ders., ebd., vgl. S. 82

[40] ders., ebd., vgl. S. 85

[41] ders., ebd., vgl. S. 139

[42] ders., ebd., vgl. S. 94

[43] ders., ebd., vgl. S. 281

[44] „Wenn man über die Symbole einer anderen Sprache verfügt, aber mit den Menschen, die diese Sprache sprechen, keine gemeinsamen Ideen hat (und diese setzen gemeinsame Reaktionen voraus), ist eine Kommunikation mit ihnen unmöglich; somit muss sogar hinter dem Gesprächsprozess ein kooperative Tätigkeit liegen.“ ders., ebd., vgl. S. 306

[45] ders., ebd., vgl. S. 96

[46] „Nur durch Gesten qua signifikante Symbole wird Geist oder Intelligenz möglich, denn nur durch Gesten, die signifikante Symbole sind, kann Denken stattfinden, das einfach ein nach innen verlegtes oder implizites Gespräch des einzelnen mit sich selbst mit Hilfe solcher Gesten ist.“ ders., ebd., vgl. S. 86

Details

Seiten
51
Jahr
1988
ISBN (eBook)
9783640864201
ISBN (Buch)
9783656213710
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168227
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Institut für Journalistik
Note
1,5
Schlagworte
George Herbert Mead Geist Identität Gesellschaft Patriarchat physiologische Identität rationalistische Identität soziale Evolution Anthropologie Entwicklung des Menschen me Ich das I der verallgemeinerte Andere

Autor

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Titel: "Geist, Identität und Gesellschaft" von George Herbert Mead - Eine Analyse und systematische Rekonstruktion seines Werkes