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Der halbierte Dialog in Jean Cocteaus “Die geliebte Stimme“

Hausarbeit 2010 10 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Halbierter Dialog

3. Inhalt
3.1 Inhaltsangabe
3.2 Gesellschaftliche Hintergründe
3.3. Inhaltliche Unterschiede

4. Stilmittel
4.1 Pausen
4.2 Betonung
4.3 Hintergrundgeräusche

5. Fazit

6. Anhang

1. Einleitung

Der französische Schriftsteller Jean Cocteau soll einmal gesagt haben: „Es gibt nichts, das mehr Orakel sein könnte als das Telefon. Es ist eine Stimme, die für sich allein in die Häuser kommt. Auch das Filmwerk ist orakelhaft, aber das Telefon ist es seinem ganzen Stil nach.“ (zitiert nach: Kasparie, 3) Möchte man dieses Zitat deuten, so ergibt sich eine Vielzahl von Interpretationsmöglichkeiten. Was allerdings eindeutig wird, ist die Anspielung auf sein Werk „La Voix Humaine“ (dt. „Die menschliche Stimme“), welches ursprünglich als Theaterstück gedacht, aber später auch in zahlreichen Verfilmungen und Hörspielen adaptiert wurde. Coc- teau gibt uns in diesem Zitat einen Hinweis darauf, dass er der menschlichen Stimme gegen- über der Körperlichkeit, beispielsweise in Form von Gestik und Mimik, den Vorrang einräumt und in ihr etwas Unglaubliches oder sogar mystisches sieht. Die Stimme scheint für Cocteau insofern etwas Symbolhaftes zu sein. „Die menschliche Stimme“ eignet sich gleich aus mehr- facher Hinsicht perfekt für eine Hörspieladaption. Zum einen beschränkt sich die Handlung auf eine einzelne Protagonistin, zum anderen agiert diese innerhalb eines nur sehr kleinen Raumes. Für die vorliegende Arbeit beschäftige ich mich mit der Hörspielfassung aus dem Jahr 1961, in welcher die Schauspielerin Hildegard Knef als Sprecherin auftritt. Meiner per- sönlichen Ansicht nach sticht diese Vertonung besonders positiv heraus, da Knef mit ihrer Stimme auf ein breit gefächertes Repertoire an Emotionen zurückgreifen kann. Für „Die menschliche Stimme“, im deutschen Sprachraum auch als „Die geliebte Stimme“ bekannt, ist dies für eine Hörspielfassung absolut notwendig, da Knef die ganze Zeit allein agieren muss und bis auf den Einsatz einiger Hintergrundgeräusche, keinerlei weitere Eindrücke für den Zuhörer erlebbar sind. Dies hat vor allem damit tun, da es sich bei „Der menschlichen Stim- me“ um einen halbierten Dialog handelt, welcher eine Sonderform des Dialoges darstellt. Worum es sich dabei genau handelt, werde ich in meiner Arbeit noch näher erläutern. Anzu- merken ist, dass sich die Hörspielfassung in manchen Teilen wesentlich von der Theaterfas- sung aus dem Jahr 1971 unterscheidet. In welchen Punkten und warum dies womöglich der Fall ist, werde ich in einem späteren Kapitel versuchen zu klären. Ziel der vorliegenden Ar- beit ist es herauszustellen, welche Mittel bei der Hörspielfassung von 1961 eingesetzt wurden, um das eigentliche Theaterstück adaptieren zu können und inwieweit sich ein halbierter Dia- log dafür besonders gut eignet, beziehungsweise worin die große Herausforderung für Knef als Sprecherin besteht. Daran anknüpfend werde ich anhand ausgewählter Ausschnitte aus dem Handlungsverlauf aufzeigen, wie die Sprecherin ihre Stimme konkret anwendet.

2. Halbierter Dialog

Um eine zutreffende Definition eines „halbierten Dialogs“ zu ermöglich, ist es notwendig, sich zunächst mit dem Begriff des Dialogs auseinanderzusetzen. Eine allgemeine Definition lautet: „Der >Dialog< ist eine Textform des argumentativen, insbesondere des philosophischen Diskurses, in der ein fiktives Wechselgespräch zweier oder mehrerer Sprecher der Argumentbildung dient.“ (Lamping, 121)

Für unser Beispiel eines Hörspiels ist die vorliegende Definition jedoch nur in Teilen ver- wendbar, weshalb eine Ergänzung um das Stichwort des dramatischen Dialogs sinnvoll er- scheint. Dramatische Dialoge kommen im Gegensatz zu narrativen Dialogen ohne eine ge- sprächsexterne Erzählinstanz aus (vgl. Lamping, 221), was bei unserem gewählten Beispiel „Der geliebten Stimme“ eindeutig der Fall ist. Es lässt sich keine narrative Sprecherindikation finden, welche uns in das Geschehen einführt, dieses kommentiert, weiterführt, ergänzt oder durch eine abschließende Erzählung beendet. Der Hörer muss sich ganz allein auf das Gesagte der Protagonistin einlassen und sich daraus den Rahmen sowie den Verlauf der Handlung erschließen. Unterstützend können hierbei eingespielte Hintergrundgeräusche oder etwa Mu- sik wirken, auf welche ich später noch genauer zu sprechen kommen werde.

Entscheidend für eine nähere Definition ist außerdem der Aspekt, ob bei dem zu untersuchen- den Hörspiel eher das behandelte Thema oder der Kommunikationsakt im Vordergrund steht. Diese Frage lässt sich meiner Ansicht nach nicht eindeutig klären, da sich beide Unterkatego- rien wieder finden lassen und voneinander nicht trennbar sind. Schwerpunktmäßig würde ich für Hörspiele im Allgemeinen aber feststellen, dass der Kommunikationsakt im Vordergrund steht, da es ohne diesen Akt im Hörspiel keinerlei Handlung gäbe. Da, wie schon mehrfach erwähnt, sich der Hörer bei einem Hörspiel allein auf die auditiven Eindrücke verlassen muss, ist die Frage nach dem „wie wird die Handlung umgesetzt“ entscheidender, als die Frage „was in der Handlung geschieht“. Zudem übermitteln auditive Eindrücke wie Lautstärke, Höhe, Klangfarbe, Geschwindigkeit oder Gesprächsanteile für den Zuhörer wesentliche Informatio- nen, um etwa die Gefühlswelt der handelnden Protagonisten zu unterstreichen.

Ein halbierter Dialog in einem Hörspiel zeichnet sich nun dadurch aus, dass für das Publikum nur der Anschein erweckt wird, als agierten zwei oder mehrere Protagonisten in einem Dialog miteinander. Auf unser Hörspiel „Die geliebte Stimme“ umgesetzt, bedeutet dies, dass die Stimme der weiblichen Protagonistin hörbar ist, der Gegenpart am anderen Ende der Telefon- leitung allerdings nicht. Um für den Zuhörer dennoch die Fiktion eines „echten“ Dialoges zu erzeugen, wird vor allem auf das Stilmittel der Pause zurückgegriffen. Die Pause soll dabei jene Zeitpunkte „erlebbar“ machen, in denen der ja eigentlich nicht zu hörende Protagonist redet. In unserem Beispiel wird dadurch die Dialogteilnahme von vier unterschiedlichen Cha-rakteren ermöglicht. Der Chronologie der Handlung folgend tritt zunächst zum Beginn des Hörspiels eine Dame auf, welche ständig die Telefonleitung besetzt. Fast parallel dazu redet unsere Hauptprotagonistin mit einer weiblichen Person, welche in der Telefonvermittlung tätig ist. Dabei wird leider nicht immer deutlich, mit welcher der beiden Frauen sich unsere Protagonistin gerade unterhält. Um diese anfängliche Verwirrung zu verstehen, muss man sich die technischen Umstände eines Telefonates zur Zeit der Handlung vor Augen führen. Als Cocteau das Stück Ende der 20er Jahre verfasste, war es für die Führung eines Telefona-tes noch notwendig, zuvor manuell von einer Telefonzentrale mit den Gesprächspartner ver-bunden zu werden. Zudem erfolgte, da die damaligen Telefonkapazitäten noch gering waren, nach wenigen Minuten eine Zwangstrennung, was in „Die geliebte Stimme“ auch mehrfach der Fall ist. Als dritte Person am anderen Ende der Leitung lässt sich eindeutig der ehemalige Partner der Hauptprotagonistin feststellen, welcher zudem den restlichen Teil des halbierten Dialoges ausmacht. Person Nummer vier bildet ein Mann namens Joseph, bei welchem es sich wahrscheinlich um einen bediensteten des früheren Lebensgefährten handelt.

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Details

Seiten
10
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640853809
ISBN (Buch)
9783640854035
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168406
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Institut für Germanistik, Medien-, Technik- und Interkulturelle Kommunikation
Note
1,3
Schlagworte
Die geliebte Stimme Hörspiel Jean Cocteau Halbierte Dialog Hörspiel Stilmittel

Autor

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Titel: Der halbierte Dialog in Jean Cocteaus “Die geliebte Stimme“