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Zur Soziologie der Kritik. Luc Boltanski, Eve Chiapello und der Geist des Kapitalismus

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 16 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Dynamik des kapitalistischen Geistes und die Rolle der Kritik

3. Aufgabe der Kritik

4. Antikapitalistische Kritik und Umsturz des Kapitalismus?

5. Zusammenfassung

6. Auswahlbibliografie

Anhang

1. Einleitung

Der Kulturwissenschaftliche Blick auf den Kapitalismus und seine Produktionsformen liefert für gewöhnlich interessante Bilder und lässt uns scheinbare Notwendigkeiten des Alltags aus einer distanzierten Perspektive betrachten. Nicht selten kamen die Theoretiker zu der Einsicht, dass der Kapitalismus das Mensch-Sein behindere. Die Auffassungen was dieses Menschliche ausmacht wandeln sich dabei in gleichem Maße, wie die Produktionsformen des Kapitalismus und deren Anforderungen an die Menschen. Angefangen bei Adorno und der Kritik der Kulturindustrie, sowie Markuses Beschreibung des „eindimensionalen Menschen“, die sich als Kritik am fordistisch großindustriellen Arbeitsregime lesen lassen, bis hin zu Richard Sennett, der im Gegensatz mit einer Karikatur des flexiblen Menschen den heutigen Kapitalismus in seiner Unberechenbarkeit betont, zeichnet sich ein Wandel der Empörung ab. Boltanski und Chiapello versuchen in ihrem Werk das Zusammenspiel von Kritik und Kapitalismus zu ergründen und machen dabei besonders deutlich inwiefern der Kapitalismus auf seine Kritik angewiesen ist und wie er bzw. sein Geist von ihr lebt.

In diesem Aufsatz möchte ich zunächst das Bild einer Kapitalismuskritik nach Boltanski und Chiapello nachzeichnen – hierzu die „Rolle“ der Kritik beim Wandel des Kapitalistischen Geistes beleuchten und die Aufgabe oder die Methode der Kritik anhand des Beispiels der Hausarbeit als Bewährungsprobe diskutieren. Es wird die Frage nach der Unvollständigkeit der Kapitalismuskritik aufkommen, welche unter anderem Anlass zur Kritik am Konzept der Autoren bietet. Genauer soll anschließend geklärt werden, inwieweit die Autoren radikale antikapitalistische Kritik unzureichend beachten und ob mit Boltanski und Chiapello überhaupt ein Umsturz des Kapitalismus zu denken ist.

2. Die Dynamik des kapitalistischen Geistes und die Rolle der Kritik

Wie einige andere Autoren unterscheiden Boltanski und Chiapello verschiedene historische Phasen des Kapitalismus.[1] Für die Einteilung in bourgeoise, industrielle und netzwerkförmige Phase ist der jeweils mitschwingende „Geist des Kapitalismus“ entscheidend. Der Begriff des Geistes meint hier aber nicht ein treibendes psychisches Moment, welches bei Max Weber aus der religiösen Verankerung des Einzelnen resultierte und sich langsam verflüchtigt, sondern die Ideologie einer Rechtfertigungsordnung, die sich reproduziert und wandelt.

Hieraus folgt gleichzeitig, dass der Kapitalistische Geist nicht eine Ideologie im Sinne eines starren falschen Bewusstseins sein kann (wie es die kritische Theorie nahe legt). Andererseits soll der Begriff auch nicht soweit aufgeweicht werden, dass sich sämtliches „geteiltes Wissen“ im Sinne einer konstruktivistischen Vertragsphilosophie darunter subsumieren lässt, wodurch Machtverhältnisse außer Acht gerieten. Chiapello macht in einem Aufsatz klar, dass Ideologie sowohl ein Instrument zur Legitimation einer Handlung sein kann (auch im Sinne einer Verschleierung von Machtstrukturen), aber Ideologie gibt auch immer einen beschränkenden Rahmen für alle beteiligten Akteure indem sie die Legitimität einer Handlung an sich bindet und somit sichtbare Abweichungen, die als ungerecht empfunden werden, angreifbar macht.[2] Der Geist des Kapitalismus schränkt also das ungestüme wuchern des Akkumulationsprozesses ein, indem er auf eine Rechtfertigung drängt. Gleichzeitig kann das „absurde System des Kapitalismus“[3] nur durch diesen Geist die Teilnahme der Akteure sichern.

Das amoralische (moralisch neutrale) Prinzip der Kapitalakkumulation braucht also zunächst eine Verbindung zu den Werten einer Gesellschaft, um Umsetzung zu erfahren. Diese Assoziation des Kapitalismus mit dem „gesunden Menschenverstand“ schlägt sich in der jeweiligen Rechtfertigungsordnung nieder, welche letztendlich die Form der materiellen Reproduktion bestimmt.[4] Zentrale Aspekte der Rechtfertigungsordnungen, die in jedem Geist des Kapitalismus wiederkehren, sind Fragen der allgemeinen Gerechtigkeit, der Sicherheit und der persönlichen Anreize, auf die das System antworten muss. An dieser Stelle sei auf eine tabellarische Zusammenfassung der drei Rechtfertigungsordnungen verwiesen, die die Autoren selbst ausgearbeitet haben (sh. Anhang 2).

Anhand der detaillierten Beschreibung des Umbruchs vom zweiten zum dritten Geist des Kapitalismus wird deutlich welche Rolle die Kritik für die Formierung des Geistes spielt. Die 68er-Bewegung steht hierbei im Mittelpunkt. Studenten, Intellektuelle und die jungen Führungskräfte sehen ihre Vorstellungen von einer autonomen und authentischen Lebens-führung durch die Unterordnung in ein fordistisches Produktionsregime gefährdet. Ihre Empörung gegenüber der Unterdrückung und Entzauberung durch den Kapitalismus fassen Boltanski und Chiapello als Künstlerkritik zusammen. Auf der anderen Seite steht die Sozialkritik (hauptsächlich verkörpert durch die Gewerkschaft), welche Solidarität und Chancengleichheit fordert, also am gesellschaftlichen Egoismus und an der Ausbeutung durch die Kapitalisten Anstoß nimmt.[5]

Natürlich ist dieses Schema recht idealtypisch, aber dennoch aufschlussreich, betrachtet man die Reaktion des Kapitalismus (bzw. der Arbeitgeber-Organisationen) auf die Kritik. Die Zugeständnisse die seitens der Arbeitgeber im Sinne der alten fordistischen Rechtfertigungs-ordnung und vor allem den Forderungen der Gewerkschaften entsprechend gemacht wurden, konnten den Protest und die Produktionskrise Anfang der 70er Jahre nicht verhindern. Man begann sich umzuorientieren. Besonders die jungen Führungskräfte, die sich noch dem studentischen Milieu verbunden fühlten, trugen die Anliegen der Künstlerkritik in die Unternehmen hinein.[6] Mit dem Begriff der „projektbasierten Polis“ (cité par projets) fassen Boltanski und Chiapello das zusammen, was sich aus diesem Input ergibt: Eine neue Rechtfertigungsordnung, nach der die Wertigkeit einer Person nicht mehr an ihrem Status und ihrer Verbundenheit und sozialen Verankerung bemessen wird, sondern an ihrer Selbstständigkeit und an der Fähigkeit sich in Teamarbeit einzubringen. Mobilität und Vernetzung machen den Charakter dieser „konnexionistischen Welt“ aus.[7]

Pech für all diejenigen die den überkommenen Werten des veralteten Produktionsregimes verhaftet bleiben, immobil und somit ausgegrenzt sind. Diese Entwicklung lässt sich auch als Individualisierung beschreiben und an Theorien Michel Foucaults anknüpfen. Aus der Möglichkeit sich selbst zu finden wird schnell eine Pflicht. Nach Foucault ist dieses Selbst jedoch nur ein Ideal, welches uns vom humanistischen Diskurs aufgezwungen wird, letztlich aber nicht existiert und sich in den Machtverstrickungen der Diskurse auflöst.[8]

Inwiefern die Forderungen der Künstlerkritik wirklich umgesetzt wurden, ist also fraglich. Vielmehr ist hier von einer Adaptation zu sprechen, die auf der einen Seite der Sozialkritik die Rechtfertigungsgrundlage ihrer Forderungen unter den Füßen weg zieht und auf der anderen Seite den Feind oder das konstitutive Außen[9] des Produktionsregimes für die Künstlerkritik an Schärfe verlieren lässt. Der kapitalistische Akkumulationsprozess gerät hierdurch wieder auf den Vormarsch, Sozialleistungen können abgebaut werden, bis das Rechtfertigungsfundament so ausgehöhlt ist, dass Forderungen nach einer Sanierung oder einen Abriss wieder lauter werden.

3. Aufgabe der Kritik

Die schon angesprochene Ausgrenzung einiger Gesellschaftsmitglieder hat laut Boltanski und Chiapello die Sozialkritik lange Zeit ausgefüllt. Es kam zu einer Verschiebung, die die Sozialkritik hauptsächlich im Auftreten von humanitären Hilfsorganisationen erscheinen lies. Neue Formen der Ausbeutung müssen erst identifiziert werden. Hierin sehen die Autoren die Hauptaufgabe der Sozialkritik.[10]

Um zu verdeutlichen wie das geschehen kann, stellen Boltanski und Chiapello das Konzept der Bewährungsproben vor. Bewährungsproben sind zunächst einmal Situationen im Alltag, in denen es darum geht eine Wertigkeit von, bzw. eine Rangfolge zwischen Personen herzustellen. Dies kann anhand des Gesetzes des Stärkeren (Kraftprobe) vollzogen werden oder aber als legitime Bewährungsprobe unter Bezug auf die geltende Rechtfertigungs-ordnung.[11] Die legitime Bewährungsprobe stellt jedoch einen Idealtyp dar, denn in Situationen der Personalauswahl, der schulischen Benotung oder auch der Prüfung des Partners in einer Liebesbeziehung spielen immer auch „andere Einflüsse“ eine Rolle. An dieser Stelle wird Macht sichtbar, da in der konkreten Ausgestaltung der Bewertungskriterien immer ein Spielraum bleibt, illegitime Ressourcen anzuwenden, die zugunsten egoistischer Interessen im Allgemeinen oder der Ausbeutung der Arbeitskräfte im Speziellen genutzt werden können.[12] Ausbeutung in der konnexionistischen Welt darf sich jedoch nicht zu starr vorgestellt werden. Boltanski und Chiapello zeichnen ein Bild des Netzwerkopportunismus der darin besteht, aus fluiden Beziehungen Profit zu schöpfen. Nicht nur die Management-literatur, auch die Wissenschaft hat mit der Entwicklung des Internet und vor allem mit dem Gebrauch des Netzwerk-Modells zur Beschreibung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, letztlich dazu beigetragen, dass Unternehmen als flexible Knotenpunkte Strukturiert werden, aber auch dass der Einzelne seine Umwelt als ein Netzwerk versteht.[13] Dies befördert zwei Typen von Handelnden, die Boltanski und Chiapello ausfindig machen: „Vernetzer“ und „Netzopportunisten“. Der Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass Vernetzer ihre Kontakte mit anderen teilen und so die Konnektivität im Allgemeinen steigern, während Netzopportunisten ihre Kontakte zurückhalten, somit einen Flaschenhals an ihrer Position konstruieren und die über diese Schnittstelle laufenden Interaktionen für sich ausnutzen. Sie selbst sind also mobil und nutzen die Immobilität Anderer, um zu profitieren.[14]

[...]


[1] Autoren, die eine ähnliche Einteilung vornehmen sind z.B. Richard Sennett, Andreas Reckwitz oder Sigmund Baumann.

[2] Chiapello bezieht sich hier auf den Ansatz von Ricoeur: Chiapello, Ève (2003): “Reconciling the Two Principal Meanings of the Notion of Ideology. The Example of the Concept of the ‘Spirit of Capitalism’”, European Journal of Social Theory, 6(2), S. 160.

[3] Im Anhang habe ich hierzu ein Bild untergebracht, dessen Untertitel die oben angesprochene Idee in diversen Internetforen repräsentiert (sh: Anhang 1).

[4] Ein Kritikpunkt der an dieser zentralen Sichtweise angebracht wird, ist die Ausklammerung des Einflusses Politischer Umbrüche auf den Geist des Kapitalismus und den Wandel der Produktionsformen. Auch die Auswirkungen „inner-ökonomischer“ Gesetzmäßigkeiten (Technischer Fortschritt, Konkurrenzprinzip, Globalisierung) werden bei Boltanski und Chiapello weitestgehend vernachlässigt. In Anlehnung an einen Beitrag Lothar Peters lässt sich behaupten, dass Ideologie aus der dem Kapitalismus eigenen Logik der Konkurrenz und des Privateigentums entsteht. Hierzu Peter, Lothar (2005): "’Der neue Geist des Kapitalismus’. Stärken und Schwächen eines Erklärungsversuchs“, in: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, 16. Jg. Nr. 62/2005, S. 10. Boltanski und Chiapello könnten entgegnen, dass diese Prinzipien bei der Umsetzung der Kritik immer wieder eingepflanzt und reproduziert werden, aber den Wandel des Geistes an sich nicht erklären können.

[5] Boltanski, Luc / Chiapello, Ève (2003): „Der neue Geist des Kapitalismus“, Konstanz , S. 79ff.

[6] Boltanski, Luc / Chiapello, Ève (2003), S. 226ff.

[7] Dies. S. 152ff.

[8] Moebius, Stephan (2008): „Macht und Hegemonie. Grundrisse eine poststrukturalistischen Analytik der Macht“, in Ders., Andreas Reckwitz (Hg.): Poststrukturalistische Sozialwissenschaften , Suhrkamp Taschenbuch, S.160ff.

[9] Hierzu: Stäheli, Urs (2004): „Die politische Theorie der Hegemonie: Ernesto Laclau und Chantal Mouffe“, in: André Brodocz / Gary S. Schaal (Hg.): Politische Theorien der Gegenwart II , 2. Auflage, Opladen, S. 274f.

[10] Boltanski, Luc / Chiapello, Ève (2003), S. 380ff.

[11] Dies. S. 72ff.

[12] Dies. S. 529ff.

[13] Dies. S. 203.

[14] Dies. S. 392.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (Buch)
9783668123045
Dateigröße
699 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168626
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
soziologie kritik boltanski chiapello geist kapitalismus

Autor

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