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Prozesskostenrechnung und Relative Einzelkosten- und Deckungsbeitragsrechnung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 43 Seiten

BWL - Rechnungswesen, Bilanzierung, Steuern

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung und Motivation

2. Terminologische Grundlagen

3. Prozesskostenrechnung (PKR)
3.1 Entstehung und begriffliche Abgrenzung
3.2 Grundlagen und Rechnungsziele
3.3 Methodisches Vorgehen
3.3.1 Ermittlung der Prozesse und Zuordnung von Kosten
3.3.2 Ermittlung der Kostentreiber
3.3.3 Ermittlung der Prozesskostensätze
3.3.4 Zusammenfassung zu Hauptprozessen
3.4 Beurteilung der PKR

4. Relative Einzelkosten- und Deckungsbeitragsrechnung (REDR)
4.1 Grundlagen und Rechnungsziele
4.2 Grundprinzipien der REDR
4.3 Konzeption von Grundrechnung und Sonderrechnung
4.4 Konzeptionelle Schwächen bei der Entscheidungsfindung
4.5 Beurteilung der REDR

5. Fazit

Anhang

Literaturverzeichnis

Vortragsfolien

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Veränderte Kostenstrukturen in der betrieblichen Wertschöpfung

Abb. 2: Zusammenfassung zu Hauptprozessen

1. Einleitung und Motivation

Das wirtschaftliche Umfeld einer Unternehmung ist geprägt durch ein hohes Maß an Änderungen der verschiedensten Rahmenbedingungen. Die Verschärfung des Wettbewerbs, Globalisierung, technische Innovationen oder die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise sind nur einige Faktoren, die damit auch erheblichen Ein­fluss auf die interne Unternehmensrechnung ausüben. So werden in zukunfts­orientierten Unternehmungen erhebliche Investitionen in die Gestaltung und den Ausbau ihrer Kostenrechnungssysteme getätigt, um diesen Einflüssen entgegen­zuwirken und ein zeitgemäßes und wirkungsvolles Informationsinstrument zur Unterstützung spezifischer Führungsaufgaben zu erhalten. Für Entscheidungs- Kontroll- und Koordinationsrechnungen werden sog. Basisinformationen wie Kosten und Erlöse[1] benötigt. Es stellt sich nun die elementare Frage, in welcher Art und Weise die benötigten Basisdaten konkret zu berechnen sind, da von deren Qualität die Qualität einer optimalen Lösung der genannten Rechnungen abhängt. Basisdaten werden jedoch vom angewendeten Kostenrechnungssystem, dessen spezifischer Vorgehensweise und den daraus resultierenden Problemen beeinf­lusst. Im Rahmen dieser Arbeit erfolgt eine Eingrenzung auf zwei Systeme der Kostenrechnung die sowohl in Theorie als auch Praxis wegen ihrer differenzierten Vorgehensweise besondere Bedeutung erlangten. (vgl. Ewert/Wagenhofer (2008), S.646).

Ziel ist es, die methodische Vorgehensweise der Prozesskostenrechnung und Grundzüge der Relativen Einzelkosten- und Deckungsbeitragsrechnung darzustel­len, deren Problembereiche aufzugeigen und diese im Hinblick auf die Aussage­fähigkeit der gewonnenen Daten kritisch zu analysieren.

Nach Darstellung der terminologischen Grundlagen wird zunächst auf das System der Prozesskostenrechnung, dessen Entstehung, Rechnungsziele und das methodi­sche Vorgehen eingegangen, gefolgt von einer kritischen Beurteilung. Im Anschluss daran werden Grundzüge des Systems der Relativen Einzelkosten- und Deckungsbeitragsrechnung erläutert. Nach Darstellung der Rechnungsziele, Grundprinzipien und der Konzeption von Grund- und Sonderrechnung erfolgt eine Analyse der konzeptionellen Schwächen und die Beurteilung des Systems. Mit einem abschließenden Fazit endet dieser Beitrag.

2. Terminologische Grundlagen

Die Kosten- und Erlösrechnung ist neben der Finanzbuchhaltung Teil des betrieb­lichen Informationssystems und dient der Planung, Kontrolle und Koordination unternehmensinterner Entscheidungen. Deren Konzeption und Strukturierung basiert auf den beiden Hauptfunkionen Informationen zur Beeinflussung eigener Entscheidungen sowie Informationen zur Beeinflussung fremder Entscheidungen bereitzustellen (vgl. Ewert/Wagenhofer (2008), S. 6f.). Um speziell die mit der Kostenrechnung verfolgten Zwecke realisieren zu können wurden Kostenrech­nungssysteme entwickelt, die aus einer Gesamtheit von Regeln zur Erfassung, Speicherung und Auswertung von Kosten bestehen. (vgl. Haberstock (2008), S. 53f). Da es eine Vielzahl an Kriterien zur Kennzeichnung derartiger Systeme, und damit zahlreiche Möglichkeiten ihrer Gliederung gibt wird im Folgenden auf eine nur grundlegende Einordnung der beiden in dieser Arbeit behandelten Sys­teme der Kostenrechnung eingegangen. Grundsätzlich kann die Rechnungsziel­orientierung sowie Art und Umfang der Verrechnung als wichtigste Kriterien herausgehoben werden. Aus der Anwendbarkeit und Zweckmäßigkeit lässt sich die Rechnungszielorientierung mit einer Systematisierung nach ermittlungs- planungs- und verhaltenssteuerungsorientierten Systemen ableiten. Art und Um­fang führt zu einer Unterscheidung in einflussgrößenbezogenen Voll- und Teil­kosten- sowie Kombinierten Rechnungen. Die Prozesskostenrechnung kann nun unter den genannten Kriterien als eine planungsorientierte Rechnung auf Vollkos­tenbasis eingeordnet werden. Unter Beachtung einer Aufspaltung nach der Zure­chenbarkeit auf verschiedene Bezugsgrößen kann die relative Einzelkosten- und Deckungsbeitragsrechnung nach Riebel dem Grunde nach als planungsorientierte Rechnung auf Teilkostenbasis bezeichnet werden (vgl. Schweitzer/Küpper (2008), S. 61-72); (vgl. Anhang, Anlage 1).

3. Prozesskostenrechnung (PKR)

3.1 Entstehung und begriffliche Abgrenzung

Die traditionellen Produktionsabläufe in den Unternehmungen haben sich seit Ende der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts aufgrund der fortschrei­tenden technologischen Entwicklung, der Automatisierung der Produktionspro­zesse und einem damit einhergehenden Anstieg an Planungs- und Steuerungsauf­gaben drastisch verändert. Durch diese Veränderung der betrieblichen Wertschöpfungsstruktur, der Zunahme der indirekten Leistungsbereiche wie vor­bereitende, planenden und steuernden Tätigkeiten veränderten sich die Kosten­strukturen, wie in Abb. 1 zu erkennen ist, hin zu einem stetigen Anstieg der Ge­meinkosten bei gleichzeitigem Rückgang der Einzelkosten, wodurch die her­kömmliche Zuschlagskalkulation nicht mehr zu einer verursachungsgerechten Verrechnung der Gemeinkosten führen konnte (vgl. Coenenberg/Fischer (1991), S.22). So wurden in den USA Ende der 1970er Jahre Gemeinkostenzuschläge von bis zu 1.000 % ermittelt, was zu gravierender Intransparenz und Fehlsteuerungen insbesondere bei strategischen Entscheidungen führte. (vgl. Miller/Vollmann (1985), S. 142).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Vereränderte Kostenstrukturen in der betrieblichen Wertschschöpfung

Quelle: Miiller/Vollmann (1985), S. 143

Das Bestreben zur Lösung dieser Probleme bildete den Ausgangspunkt für die Entstehung eines kostenrechnerischen Prozessdenkens. Bereits 1985 entwickelten Miller/Vollmann in dem Harvard-Business-Review-Artikel ”The hidden factory” konkrete Vorschläge zur Gemeinkostensenkung durch eine Reduktion kostentrei­bender Transaktionen (vgl. Miller/Vollmann (1985), S. 146). In der Folgezeit grif­fen Johnson, Kaplan sowie Cooper diesen Ansatz auf und konkretisieren ihn insbesondere weiter in Richtung einer strategischen Kalkulation. Als Bezeichnung für Ihr Verfahren prägten sie den Begriff des „activity based costing“ (vgl. Cooper/ Kaplan (1988), S. 96).

Wenig später wurde von Horváth und Mayer eine auf deutsche Kostenrechnungs­zwecke zugeschnittene Anpassung des activity based costing (ABC) vorgenom­men und unter dem Begriff der Prozesskostenrechnung (PKR) bekannt (vgl. Horväth/Mayer (1989), S. 216). PKR und ABC stellen jedoch keine Synonyme dar, da beide Ansätze trotz grundsätzlicher Gemeinsamkeit unter­schiedliche Schwerpunkte einer prozessorientierten Kostenrechnung verfolgen. Primäre Unterschiede sind darin zu sehen, dass die PKR als eine an den Gege­benheiten des deutschen Rechnungswesens ansetzende, aktivitätsorientierte Kostenrechnung darstellt, die sich auf den indirekten Gemeinkostenbereich kon­zentriert. Demgegenüber wurde das ABC aufgrund von Unzulänglichkeiten des US-amerikanischen Rechnungswesens im Fertigungsbereich konzipiert, wobei hier besonders das Fehlen einer differenzierten Kostenstellenrechnung hervorzu­heben ist. Das ABC stellt damit ein eigenständiges und vollständiges Kostenrech­nungssystem dar, wobei die PKR die in Deutschland ohnehin differenzierten Kos­tenrechnungssysteme ergänzt (vgl. Horváth et al. (1993), S. 610-611).

3.2 Grundlagen und Rechnungsziele

Mit der PKR soll ein neuer Managementansatz mit dem besonderen Merkmal ver­folgt werden, die Verrechnung von Gemeinkosten nicht über Kostenstellen und den dazugehörigen wertmäßigen Bezugsgrößen, sondern über exakt definierte Prozesse und deren mengenmäßigen Wiederholungen vorzunehmen. Dadurch soll ein neues Verständnis für die in den indirekten Bereichen erstellten Leistungen geschaffen werden (vgl. Horváth/Meyer (1989), S.216) .

Für die PKR als differenzierte Vollkostenrechnung können damit im Wesentli­chen folgende Ziele genannt werden:

Durch eine präzise Erfassung der realisierten Kosten soll eine detaillierte und transparente Abbildung des Unternehmensprozesses insbesondere im indirekten Leistungsbereich geschaffen werden. Darauf aufbauend soll die Bereitstellung von Kosteninformationen für die mittel- und langfristige Planung und Steuerung sowie die Bereitstellung von Informationen für die Kontrolle und Sicherung der Wirtschaftlichkeit im indirekten Leistungsbereich erreicht werden (vgl. Schweit­zer/Küpper (2008), S. 347-349).

3.3 Methodisches Vorgehen

3.3.1 Ermittlung der Prozesse und Zuordnung von Kosten

Die Grundlage der PKR bildet eine Analyse der Tätigkeits- bzw. Prozessstruktu­ren der Unternehmung. Zunächst werden wesentliche in den Kostenstellen ablau­fende Prozesse mittels einer Grobanalyse anhand von Interviews und vorhandenen Erfahrungswerten identifiziert, gefolgt von einer anschließenden Einzelanalyse, in der eine endgültige Festlegung der Prozesse erfolgt (vgl. Horváth/Mayer (1989), S.216). Um die Strukturierung und Transparenz zu gewährleisten, werden fünf bis zehn dieser Prozesse vorgeschlagen, die einen Großteil der Ressourcenkosten ab­decken. In einem nächsten Schritt werden die festgelegten Prozesse in repetitive und nicht repetitive Prozesse unterteilt. Repetitiv ist ein Prozess dann, wenn er in nennenswerter Häufigkeit abläuft und gleichzeitig wenig Entscheidungsspielraum aufweist, wie dies z.B. in der Buchhaltung der Fall ist. Ist ein Prozess innovativ, dispositiv oder kreativ, wie z.B. im Marketing oder Forschung & Entwicklung, so kann er als nicht repetitiv definiert werden, und ist für die Verrechnung über einen Prozesskostensatz weniger geeignet. Um die Kosten für einen Prozess zu erhalten, werden die Kostenstellenkosten auf die identifizierten Prozesse verteilt. In der Kostenverteilung kann nun unter zwei Methoden differenziert werden.

Bei einer direkten Ermittlung werden sämtliche Kostenarten einzeln untersucht und zugerechnet, wogegen bei der indirekten Ermittlung, als kostengünstigere Alternative, einfachere Maßgrößen verwendet werden um die Kostenstellenkosten zuzuordnen. Es muss jedoch beachtet werden, dass mit zunehmender Vereinfa­chung auch die Ungenauigkeit der verrechneten Kosten zunimmt (vgl. Ewert/Wagenhofer (2008), S. 682).

3.3.2 Ermittlung der Kostentreiber

Um für die wichtigsten kostentreibenden Prozesse sog. Kostentreiber als Bezugs­größen zu ermitteln, erfolgt eine Differenzierung in leistungsmengeninduzierte (lmi) und leistungsmengenneutrale (lmn) Prozesse (vgl. Horváth/Meyer (1989), S. 217). Lmi-Prozesse stellen von den Prozessen ausgelöste Kosten dar, sind direkt vom Leistungsvolumen der Kostenstelle abhängig und werden nach dem Beanspruchungsprinzip[2] verrechnet. Diesen Prozessen liegen repetitive Tätigkei­ten zu Grunde und variieren mit der Quantität der Vorgänge. Eine Leistungsmen­genneutralität lassen Prozessen erkennen, die sich im Verhältnis zum Ausbrin­gungsvolumen fix verhalten, wie dies z.B. bei Leitungskosten der Fall ist. Ge­nannte Kosten stellen somit einen Fixkostenanteil dar, der auch mit der PKR nicht verursachungsgerecht zurechenbar ist. Für jeden identifizierten lmi- Prozess werden nun Bezugsgrößen als Kostentreiber gesucht, wobei eine Mengenorientie­rung gegenüber einer Wertorientierung präferiert wird. Vereinfachend wird auch auf die direkt betroffene Prozessmenge zurückgegriffen. (vgl. Ewert/Wagenhofer (2008), S. 683)

3.3.3 Ermittlung der Prozesskostensätze

Stehen Prozesse und die dazugehörigen Kostentreiber fest, kann aus den bekann­ten Informationen der Prozesskostensatz errechnet werden (1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei den Prozesskosten kann wiederum danach differenziert werden, ob die lmn- Prozesskosten berücksichtigt werden, oder kostenstellenübergreifend in einer Sammelposition zusammengefasst werden. In einer Periodenrechnung können diese dann in Anlehnung an eine Fixkostendeckungsrechnung vor dem Ergebnis eingestellt werden. Bei einer direkten Verrechnung können die Kosten der Sam­melposition alternativ z.B. prozentual auf die Prozesskosten der einzelnen Pro­dukte zugeschlagen werden (vgl. Horváth/Meyer (1989), S. 217). Dieses Vorge­hen geht jedoch zu Lasten der Genauigkeit der Umlage. Aufgrund dessen, dass Prozesskosten unabhängig davon, ob nun lmn-Kosten oder Gesamtkosten ver­rechnet wurden, einen Anteil an Fixkosten enthalten, ergibt sich die Problematik, dass mit steigender Planprozessmenge ein geringerer Teil an Fixkosten im Pro­zesskostensatz enthalten ist. Damit ist der Prozesskostensatz wiederum abhängig von der Festlegung der Prozessmenge. Bei einer Plankostenrechnung zu Vollkos­ten wird dies für Kontrollzwecke durch eine Beschäftigungsabweichung korri­giert. In der PKR sind mehrere Möglichkeiten zur Problemlösung denkbar: Eine Einbeziehung der Ist- bzw. Normalbeschäftigung würde bei laufender Rech­nung ein Schwanken der Prozesskostensätze, je nach der aktuellen Prozessmenge ergeben. Dies stellt jedoch einen Nachteil im Hinblick auf strategische Entschei­dungen dar.

Bei Verwendung einer Engpassplanung richtet sich die Beschäftigung nach der maximalen Beschäftigung des Unternehmens, die sich auf den Engpass bezieht. Der Prozesskostensatz würde sich somit nur bei Auftreten eines Engpasses än­dern. Unter einer Einbeziehung der Kapazitätsplanung richtet sich die Beschäfti­gung für den Prozess nach der maximalen Beschäftigung des jeweiligen Prozes­ses. Der Prozesskostensatz wäre damit völlig unabhängig von der tatsächlichen Beschäftigung. Die Offenlegung der tatsächlichen Ressourcennutzung eines jeden einzelnen Prozesses stellt hierbei einen Vorteil dieser Alternative dar. Hohe Leer­kosten induzieren somit Überkapazitäten oder eine ungünstige Abstimmung der Prozesse (vgl. Ewert/Wagenhofer (2008), S. 683-685).

3.3.4 Zusammenfassung zu Hauptprozessen

Durch eine kostenstellenübergreifende Zusammenfassung von mehreren sachlich zusammenhängenden (Teil-) Prozessen erfolgt die Bildung von sog. Hauptprozes­sen, die eine Verdichtung der (Teil-) Prozesse vornehmen und damit die Grundla­ge einer prozessorientierten Kalkulation bilden (vgl. Abb.2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Zusammenfassung zu Hauptprozessen

Quelle: Ewert/Wagenhofer (2008), S. 686, eigene Darstellung

Über die Addition der Prozesskostensätze werden zunächst alle Prozesse zusam­mengefasst, die denselben Kostentreiber besitzen. Weiterhin können auch Prozes­se, deren Kostentreiber in einem festen Verhältnis zueinander stehen zusammen­gefasst werden. Jede weitere Vereinfachung führt zu einem Verlust an Genauig­keit und Transparenz der Hauptprozesskostensätze und ist demnach zu vermeiden. In der Literatur ist der Vorschlag zu finden insgesamt sieben bis zehn Hauptpro­zesse zu bilden (vgl. Ewert/Wagenhofer (2008), S. 686). Diese Vorgehensweise birgt jedoch die Gefahr einer Informationsreduktion durch ungenauere Kostensät­ze, die durch die Zusammenfassung von an sich nicht völlig proportional verän­dernden Kostentreibern verursacht wird. Die durch die PKR erlangte größere Übersichtlichkeit über die Kosten einer bestimmten Aktivität stellt jedoch einen herausragenden Vorteil dieses Systems dar. Angesichts dieser Vorgehensweise wird deutlich, dass nicht mehr die Betrachtung der organisatorischen Verantwor­tungsbereiche wie Kostenstellen, sondern eine Betrachtung von kostenstellen übergreifenden Prozessen im Vordergrund steht (vgl. Ewert/Wagenhofer (2008), S. 685-687).

3.4 Beurteilung der PKR

Die PKR als Kostenrechnungssystem auf Vollkostenbasis stellt kein revolutionä­res System dar, sondern baut in Grundstruktur und Verrechnungslogik im We­sentlichen auf die traditionellen Systeme auf (vgl. Küpper (1991), S.390). Für die Beurteilung der Qualität und Aussagefähigkeit der gewonnenen Daten ist grund­legend zu analysieren, inwieweit die mit diesem Kostenrechnungssystem postu­lierten Ziele erreicht werden konnten. Die PKR gibt vor zu einer verursachungs­gerechteren und präziseren Kostenverteilung zu führen als die klassische Voll­kostenrechnung. Sie setzt sich dabei jedoch über das Kostenverursachungsprinzip[3] und das Identitätsprinzip[4] hinweg, indem eine Verrechnung der Gemeinkosten des indirekten Leistungsbereiches einschließlich der Berechnung beschäftigungsfixer Kosten unter Verwendung volumenabhängiger Bezugsgrößen vorgenommen wird. Derartige Bezugsgrößen stellen jedoch keine relevanten Bestimmungsgrö­ßen für die Kosten der indirekten Leistungsbereiche dar (vgl. Glaser (1992), S.287). Für mittel- und langfristige Planungs- und Entscheidungszeiträume ist die PKR als Vollkostenrechnungssystem nur begrenzt einsatzfähig, da Entschei­dungsprobleme auf Grundlage von einperiodigen, statischen Informationen aus der Kostenrechnung ohne Einbezug einer Investitionsrechnung keine zufriedens­tellende Lösungen bringen. (vgl. Glaser (1992), S. 288) Auch das Rechnungsziel zur Kontrolle der Wirtschaftlichkeit und zur Sicherung eines effizienten Ressour­cenverbrauchs wird nur bedingt verfolgt. Abweichungen von Soll-Prozesskosten und geplanten Gesamtprozesskosten lassen auf eine Beschäftigungsabweichung und damit auf die Effizienz der genutzten Potentialgüter schließen und decken damit die Zweckmäßigkeit eines Kapazitätsabbaus auf. Dagegen spricht jedoch, dass nicht die Unterbeschäftigung vergangener Perioden für einen Kapazitätsab­bau maßgeblich ist, sondern der zukünftige Kapazitätsbedarf berücksichtigt wer­den muss. Da ein kurzfristiges Eingreifen in kapazitive Anpassungsmöglichkeiten kritisch zu sehen ist, ist dieses Steuerungsinstrument nur für mittel oder langfristi­ge Anpassungen einsetzbar (Schweitzer/Küpper (2008), S.380f.). Insgesamt lässt sich erkennen, dass durch das schematische Vorgehen der PKR die Kostentrans­parenz besonders in den indirekten Bereichen erhöht wird, für die Aussagefähig­keit der gewonnen Daten jedoch aufgrund der angesprochenen Schwächen gewis­se Grenzen bestehen. Infolge der transparenten Vorgehensweise, kann die Verhal­tensweise der Mitarbeiter durch ein veranwortungs- und kostenbewusstes Handeln in Hinblick auf die indirekten Leistungsbereiche beeinflusst werden . Ungeachtet aller Kritik erfährt die Anwendung der PKR, trotz leicht stagnativen Trend gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts in der Praxis durchaus Beach­tung. So lässt sich in einer empirischen Studie von Franz/Kajüter erkennen, das rund 47% der in 2001 befragten deutschen Großunternehmen die PKR implemen­tiert haben, was jedoch im Vergleich zu 1996 (52%) einen leichten Rückgang im Einsatz dieses Systems bedeutet. Als Grund für den Rückgang wird der erhebliche Aufwand genannt, der mit der Einführung der PKR verbunden ist. (Vgl. Franz/Kajüter (2002), S. 579f.) Auch in Großbritannien ist eine leichte Stagnation bei der Anwendung prozessorientierter Kostenrechnungssysteme zu erkennen, im Vergleich zu 1994 (21%) arbeiteten 1999 nur noch 17,5% der britischen Großun­ternehmen mit dem ABC (Innes et al. (2000), S.349-362). Eine 18%-tige Anwen­dungsrate des ABC konnte 1995 in US-amerikanischen Industrieunternehmen festgestellt werden (APQC/CAM-I (1995)) während eine Studie in Canada eine lediglich 14%-tige Anwendungsrate feststellte (Armitage and Nicholson (1993)).

4. Relative Einzelkosten- und Deckungsbeitragsrechnung (REDR)

4.1 Grundlagen und Rechnungsziele

Das System der relativen Einzelkosten- und Deckungsbeitragsrechnung wurde von Paul Riebel aus der Kritik an den traditionellen Voll- und Teilkostenrechen­systemen entwickelt und im Jahre 1959 erstmals unter dem Titel "Das Rechnen mit Einzelkosten und Deckungsbeiträgen" veröffentlicht (vgl. Riebel (1994), S.35-59). Riebel verzichtet dabei aufgrund mangelder Richtigkeit generell auf die Schlüsselung von Gemeinkosten sowie auf die Proportionalisierung fixer Kosten und rückt im System der REDR das Einzelkostenprinzip in den Mittelpunkt. Das als irreführend und ungenau kritisierte Verursachungsprinzip weicht dem sog. Identitätsprinzip (vgl. Coenenberg (2009), S.217). Ein weiteres Ziel ist es, die Aufspaltung von kurzfristiger und langfristiger Entscheidungsrechnung aufzuhe­ben und für jede Entscheidungssituation die entscheidungsrelevanten Basisinfor­mationen bereitzustellen.

[...]


[1] der Begriffe der Kosten (Erlöse) bezeichnet den bewerteten, sachzielbezogenen Güterverzehr (das bewertete, sachzielbezogene Ergebnis der Gütererstellung) eines Abrechnungszeitraumes (vgl. Möller et al. (2007) S.70-72).

[2] All jene Kosten werden einem Kostenträger zugerechnet, die auf dessen Erstellung eingewirkt haben, und deren Inkaufnahme dessen Erstellung erst ermöglichen (vgl. Möller et al. (2007), S.93).

[3] Einem Bezugsobjekt werden nur die Kosten zugerechnet, die ursächlich mit ihm in Verbindung stehen (vgl. Ewert/Wagenhofer (2008), S.694)

[4] Vgl. hierzu: 4.2 Grundprinzipien der REDR, S. 10

Details

Seiten
43
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640862825
ISBN (Buch)
9783640863044
Dateigröße
789 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168641
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Rechnungslegung und Controlling
Note
2,0
Schlagworte
prozesskostenrechnung relative einzelkosten- deckungsbeitragsrechnung

Autor

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Titel: Prozesskostenrechnung  und Relative Einzelkosten-  und Deckungsbeitragsrechnung