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Ökonomische Integration von Migrantinnen und Migranten am Beispiel ethnischen Unternehmertums

Hausarbeit 2009 20 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Völkerrecht und Menschenrechte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 ÖKONOMISCHE INTEGRATION VON MIGRANTEN
2.1 Bedeutung der ökonomischen Integration für Migranten
2.2 Theoretische Ansätze zu Migration und Arbeitsmarkt
2.3 Ethnisches Unternehmertum

3 INTERAKTIVES MODELL NACH WALDINGER UND ALDRICH
3.1 Opportunitätsstrukturen
3.2 Individuelle und gruppenspezifische Ressourcen
3.3 Unternehmerische Strategien - Transkulturalität als Praxis

4 ZUSAMMENFASSUNG UND FAZIT
4.1 Zusammenfassung
4.2 Fazit

5 BIBLIOGRAPHIE

1 Einleitung

Im Jahr 2007 hatten 18.5 Prozent der deutschen Bevölkerung einen Migrationshin­tergrund im engeren Sinn[1], was bedeutet, dass entweder sie selbst oder ihre (Groß-) Eltern in die Bundesrepublik eingewandert sind. Deutschland ist zum Einwanderungs­land geworden und Migrantinnen und Migranten[2]verändern die Gesellschaft, deren Sozialstruktur durch „differenzierte Funktionsbereiche und Organisationen" (Bommes 2004: 3) gekennzeichnet ist. Alle Individuen einer Gesellschaft - auch Migranten - sind mehr oder weniger in die Systeme der Wirtschaft, des Rechts, der Erziehung, der Gesundheit, der Wissenschaft, der Politik usw. inkludiert:

"Internationale Migrationen sind Teil der sozialen Strukturbildung in modernen Gesell­schaften, weil sie ein wesentlicher und an Bedeutung zunehmender Faktor waren und sind, der diese differenzierten gesellschaftlichen Strukturen tangiert und dadurch viel­fältige Veränderungen und Neubildungen auslöst." (Bommes 2004: 3)

In der vorliegenden Ausarbeitung soll es um einen dieser Teilbereiche der Gesell­schaft - die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt - gehen.

In einem ersten Teil soll geklärt werden, welchen Zusammenhang es zwischen Migra­tion und Wirtschaft gibt, was ökonomische Integration bedeutet und weshalb diese wichtig für die Migranten, aber auch für die Aufnahmegesellschaft ist. Ausgangspunkt ist dabei die Feststellung, dass Arbeit und Ausbildung bedeutende Bereiche der Ge­sellschaft sind, die einen wichtigen Beitrag zur Integration von Migranten leisten. Weiter soll ein kurzer Überblick über theoretische Ansätze im Zusammenhang mit ökonomischer Integration von Migranten erfolgen. Die meisten Theorien zeichnen sich dadurch aus, dass sie sich entweder mit abhängiger oder selbstständiger Er­werbstätigkeit beschäftigen und in den beiden Bereichen wiederum die strukturelle oder die individuelle Seite betrachten. Nach einem allgemeinen Überblick über die Theorien soll es dann insbesondere um ethnisches Unternehmertum gehen.

Als Grundlage für das erste Kapitel dienten zwei Texte von Michael Bommes, zum einen ein Gutachten, das 2004 für den Sachverständigenrat für Zuwanderung und Integration des Bundesministeriums des Inneren der Bundesrepublik Deutschland erstellt wurde und zum anderen ein Artikel von Michael Bommes und Holger Kolb (2006), der einen aufschlussreichen Überblick über den Stand der Forschung zur ökonomischen Integration von Migranten liefert.

Nach einer Definition, was in der vorliegenden Ausarbeitung unter ethnischem Unter­nehmertum verstanden wird und was genau einen ethnischen Unternehmer aus­macht, soll in einem zweiten Teil der Ausarbeitung auf das interaktive Modell von Howard Aldrich und Roger Waldinger (1990, vgl. Bibliographie) eingegangen werden. Dieses wurde deswegen ausgewählt, weil es anders als andere Ansätze versucht, strukturelle und individuelle Faktoren zu kombinieren, um ethnisches Unternehmer­tum zu erklären. Das theoretische Modell der beiden Autoren soll durch die Studie von Robert Pütz zu "Transkulturalität als Praxis" (2004, vgl. Bibliographie) und aktu­elle Zahlen zu türkischstämmigen Unternehmern in Berlin ergänzt werden. Warum gerade Unternehmer mit türkischem Migrationshintergrund als Beispiel ausgewählt wurden, wird in einem Exkurs erläutert. Das Modell von Aldrich und Waldinger ba­siert auf den zwei Dimensionen Opportunitätsstrukturen und individuelle Ressourcen, aus denen sich die dritte Dimension der unternehmerischen Strategien ergibt. Die verschiedenen Bereiche werden einzeln betrachtet, um dann abschließend die ,Transkulturalität als Praxis' als eine mögliche Strategie zu erläutern.

Als Quelle für den zweiten Teil der Ausarbeitung dienten vor allem der Text von Aldrich und Waldinger zu "Ethnicity and entrepreneurship", in dem das interaktive Modell erläutert wird, sowie das Buch "Transkulturalität als Praxis" von Robert Pütz (2004) und aktuelle Zahlen zu türkischen Unternehmern in Berlin, die im Jahr 2005 von Faruk §en und Martina Sauer herausgegeben wurden.

Abgeschlossen wird die vorliegende Ausarbeitung durch eine Zusammenfassung der Erkenntnisse und ein Fazit.

2 Ökonomische Integration von Migranten

2.1 Bedeutung der ökonomischen Integration für Migranten

Strukturbildungen durch die so genannte 'Gastarbeitermigration' spielen in Deutsch­land eine große Rolle, denn diese „war und ist für die Bundesrepublik die bis heute folgenreichste ausländische Zuwanderungsbewegung" (Bommes 2004: 9). Ursprüng­lich war geplant, dass die 'Gastarbeiter', die vor allem aus der Türkei und Italien ka­men, nur befristet in Deutschland beschäftigt werden und sich nicht dauerhaft nie­derlassen. Nach dem Anwerbestopp 1973 blieben jedoch immer mehr ausländische Arbeitskräfte in Deutschland und zogen ihre Familienangehörigen nach. Klassische Beschäftigungsgebiete dieser 'Gastarbeiter' sind Produktionsbereiche wie verarbei­tendes Gewerbe, Bauhauptgewerbe und Bergbau, inzwischen stellen ausländische Arbeitskräfte jedoch auch in den meisten anderen Wirtschaftszweigen einen stabilen Anteil der Erwerbsbevölkerung. (ebd.: 9-10)

Die ökonomische Integration eines großen Teils von Arbeitsmigranten der ersten Ge­neration und auch teilweise der zweiten Generation erfolgt laut Bommes (2004: 10) „auf dem Niveau meist niedrig qualifizierter Beschäftigung." Diese niedrige Position hat dabei Auswirkungen sowohl auf die (Aus-)Bildungs-, als auch auf die Arbeits­marktchancen der zweiten und dritten Generation, denen „vielfach die Erlangung von Bildungszertifikaten und konkurrenzfähigen Positionen auf dem beruflichen Ausbil- dungs- und Arbeitsmarkt [misslingt]." (ebd.)

Da Arbeit und Ausbildung als einer der relevanten Bereiche[3]der Integration von Migranten in Deutschland betrachtet werden kann, wird klar, welche negativen Aus­wirkungen die niedrige Position der ehemaligen 'Gastarbeiter' auf deren Leben und das ihrer Nachkommen haben kann. Laut Bommes (ebd.: 39) hat die von den rele­vanten Teilsystemen ausgehende Integration starken Einfluss auf die Integrations­chancen in anderen Bereichen und bestimmt damit in einem erheblichen Masse die Lebensbedingungen von Migranten. Ein Individuum muss dabei nicht zwingenderma­ßen an allen Teilbereichen der Gesellschaft teilnehmen, auch wenn es auf deren Funktionieren angewiesen ist. So kann man zum Beispiel die Entscheidung treffen, nicht an Wahlen teilzunehmen oder die Zeitung nicht zu lesen. Das Selbe funktioniert jedoch nicht für die Teilsysteme der Wirtschaft oder der Familie:

"Wer arbeitet, nimmt eine Leistungsrolle ein und bezieht dafür Geld, Reputation und Einfluss (ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital). Bildung vermittelt Qualifika­tion und damit die Voraussetzung für die Einnahme solcher Leistungsrollen und für den Zugang zu Arbeit und Einkommen." (ebd.: 40)

In anderen Teilsystemen nehmen die meisten Individuen nur so genannte Komple­mentär- oder Publikumsrollen ein, die Übernahme dieser Rollen wird jedoch meist durch den Besitz des im Gebiet des Arbeitsmarktes und der Familie erworbenen Ka­pitals ermöglicht, was wiederum auf die bedeutende Rolle dieser Bereiche hinweist: "Auf die Teilnahme an Arbeit und Bildung kann also nicht ohne erhebliche Folgen für die übrige Lebensführung verzichtet werden." (ebd.: 39-41)

Die Integration auf dem Arbeitsmarkt kann also als ein wichtiger Teil der Integration von Migranten gesehen werden, wobei ökonomische Integration „the general ability to pay and the effort to gain this ability by either selling services or goods" (Bommes and Kolb 2006: 100) bedeutet. Ein Individuum kann diese Fähigkeit erlangen, in dem es auf dem Arbeitsmarkt entweder ein Angestelltenverhältnis eingeht oder sich selb­ständig macht (ebd.: 100). Die Herausbildung von ethnischen Ökonomien und die „Veränderung von Angebots- und Nachfragemustern auf Kredit-, Güter- und Dienst­leistungsmärkten" (Bommes 2004: 11) stellen dabei ökonomische Wandlungsprozes­se dar, die sich unter anderem auf die Arbeitsmigration ab den 1960er Jahren zu­rückführen lassen.

Ökonomische Integration ist nicht nur wichtig für Migranten, umgekehrt sind Migran­ten auch ein wichtiger Bestandteil der Wirtschaft eines Staates. In dieser Arbeit wur­den die Unternehmer türkischer Herkunft als Beispiel ausgewählt, da es dazu viele Daten gibt und Pütz' Studie (2004, vgl. Bibliographie) sich auf türkische Unterneh­mer in Berlin bezieht.

Innerhalb Deutschlands ist Berlin die Stadt mit dem größten Ausländeranteil, die türkischen Staatsbürger sind dabei mit einem Anteil von 27% (im Jahr 2004) die mit Abstand größte Gruppe (Pütz 2004: 57). Diese große Zahl und die teilweise räumli­che Segregation[4]türkischer Migranten macht Berlin zu einem besonders interessan­ten Forschungsfeld, das es insbesondere erlaubt, Theorien der ethnischen (Nischen- markt-)Ökonomie zu untersuchen. Die Unternehmer türkischer Herkunft können als bedeutendes Element des allgemeinen Wirtschaftslebens in Berlin gesehen werden: Sie schaffen Arbeits- und Ausbildungsplätze, zahlen Steuern, leisten andere Abgaben und sie erweitern das Angebot von Waren und Dienstleistungen (§en und Sauer 2005: 5).

2.2 Theoretische Ansätze zu Migration und Arbeitsmarkt

Obwohl wirtschaftliche Theorien in den letzten Jahrzehnten nicht im Mittelpunkt der Migrationsforschung standen, gibt es laut Bommes und Kolb (2006: 99) eine große Anzahl an wissenschaftlichen Arbeiten, die sich mit Migration und Arbeitsmarkt be­schäftigen. Ausgehend von der Definition wirtschaftlicher Integration, die im Kapitel 2.1 formuliert wurde, können Migranten auf zwei Arten in den Arbeitsmarkt inkludiert werden: entweder als Angestellte oder als selbständige Unternehmer. So unterschei­den Bommes und Kolb (2006: 99) die bestehenden wissenschaftlichen Ansätze zu Migration und Arbeitsmarkt entlang der Kategorien abhängige Beschäftigung und Selbständigkeit. In beiden Kategorien von Arbeiten gibt es wiederum die Unterschei­dung in sozio-strukturelle Bedingungen (Nachfrageseite) und individuelle Vorausset­zungen (Angebotsseite). (Bommes and Kolb 2006: 99-101)

Studien die sich mit der Angebotsseite der abhängigen Beschäftigung auseinander­setzen sind zum Beispiel neoklassische Theorien, Ansätze der Arbeitsmarktsegmen­tierung, Netzwerktheorien oder auch marxistische Arbeitsmarktheorien. Individuelle Ansätze sind etwa Humankapital-, Assimilations-, sowie Kulturtheorien. Forschungen die sich mit dem selbständigen Unternehmertum von Migranten beschäftigen sind dagegen laut Bommes und Kolb (2006: 103) eher spärlich gesät und kommen weni­ger von wirtschaftswissenschaftlicher Seite, sondern eher von Soziologen, Historikern und Geographen. Dieses Ungleichgewicht lässt sich unter anderem dadurch erklären, dass die meisten Migranten ein Angestelltenverhältnis eingehen und nur ein kleiner Teil sich selbständig macht. Die wenigen wissenschaftlichen Studien, die es zum Thema Unternehmertum gibt, beschäftigen sich auf struktureller Seite mit Wettbe­werbsmärkten und wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen und auf individueller Ebene sind ähnliche Theorien anzutreffen wie im Bereich der worK-Theorien: Humankapital­ansätze, Assimilationstheorien, sowie Kultur- und Netzwerktheorien. Ansätze der ethnischen Ökonomien, die in der vorliegenden Arbeit im Zentrum stehen sollen, können auch zu diesem Bereich gezählt werden, der sich mit den individuellen Vor­raussetzungen des Unternehmertums beschäftigen. (Bommes and Kolb 2006: 101- 103)

Studien zu ethnischen Ökonomien wurden bisher vor allem von Soziologen und Sozi­alanthropologen durchgeführt und unterstreichen laut Bommes und Kolb (ebd.: 116) meist die Bedeutung von sozialen Netzwerken und sozialem Kapital: "Many depart from the assumpt/on that ethnicity /s used by the /mm/grants themse/ves as a tool for economic advancement w/thin an enclave." Auch die Untersuchung von Pütz (2004, vgl. Bibliographie), auf die in Kapitel drei eingegangen werden soll, kann zu diesen Studien gezählt werden. Das interaktive Modell von Aldrich und Waldinger (1990, vgl. Bibliographie) ist einer der wenigen Ansätze, der nicht nur individuelle sondern auch strukturelle Aspekte einbezieht, um ethnisches Unternehmertum zu erklären. Doch bevor auf das Modell eingegangen wird, soll geklärt werden, was un­ter ethnischem Unternehmertum verstanden wird.

[...]


[1] Quelle: Statistisches Bundesamt <http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Bevoelkerun g/MigrationIntegration/Migrationshintergrund/Tabellen/Content100/MigrationshintergrundLaender,templat eId = renderPrint.psml >. Stand: 14. September 2009

[2]Der Einfachheit halber wird im Folgenden nur noch die männliche Form benutzt.

[3]Andere relevante Integrationsbereiche sind Erziehung und Familie (Bommes 2004: 39).

[4]Insbesondere in den Stadtteilen Kreuzberg und Wedding lebt eine grosse Zahl von türkischen Migranten, Deutsche verlassen vermehrt diese Gebiete (Pütz 2004: 63).

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640866694
ISBN (Buch)
9783640866540
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168736
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,0
Schlagworte
Arbeitsmarkt Migration Ethnisches Unternehmertum

Autor

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