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Strukturalismus als Kulturtheorie am Beispiel von Claude Lévi-Strauss’ „Das kulinarische Dreieck“

Hausarbeit 2009 12 Seiten

Kulturwissenschaften - Allgemeines und Begriffe

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das kulinarische Dreieck
2.1. Idee und Struktur
2.2. Das kulinarische Dreieck als Kulturtheorie
2.3. Transformation

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 28. November 2008 feierte Claude Lévi-Strauss seinen 100. Geburtstag. Der französische Anthropologe ist einer der bedeutendsten Vertreter seines Faches und zugleich Mitbegründer des anthropologischen Strukturalismus. Lévi-Strauss studierte von 1927-1932 Rechtswissenschaften und Philosophie in Paris. 1934 erhielt er einen Lehrstuhl für Soziologie an der Universität von São Paulo. Von dort aus unternahm Lévi-Strauss mehrere Expeditionen ins Landesinnere und betrieb verschiedene ethnographische Forschungen. Diese und viele andere Reisen verschafften dem Anthropologen umfangreiche Kenntnisse über kulturelle Strukturen verschiedener Stämme in Zentralbrasilien und anderen Teilen Südamerikas. Bis 1982 war Lévi-Strauss Professor für Sozialanthropologie am Collège de France.[1] In der Anthropologie zählt Lévi-Strauss zu den so genannten Rationalisten bzw. Strukturalisten. Im Gegensatz zu den empiristischen Anthropologen verfolgen diese nicht das Ziel, eine faktische Analyse einzelner Kulturen herzustellen. Viel mehr geht es den Strukturalisten, wie der Name schon sagt, darum, grundlegende und allgemein gültige Strukturen gesellschaftlicher Systeme herauszuarbeiten.[2] In seiner Forschung ließ Claude Lévi-Strauss sich dabei von der Sprachwissenschaft inspirieren – ein neuer Weg für Anthropologen. Um die Schnittpunkte beider Disziplinen aufzuzeigen, werde ich im Folgenden die Grundidee des Strukturalismus und die Verbindung zu Lévi-Strauss’ Kulturtheorie näher beschreiben.

Wenn der Begriff Strukturalismus fällt, darf ein Name nicht fehlen: Ferdinand de Saussure. Der Schweizer Sprachwissenschaftler prägte die Schule des Strukturalismus nachhaltig. Saussure sieht die Sprache als ein System von Zeichen. Nach seiner Theorie muss dabei jedes Zeichen als eine Verbindung zweier Ebenen betrachtet werden – einerseits das Bezeichnende (Signifikant), andererseits das Bezeichnete (Signifikat). Ein Beispiel hierfür wäre das Laut- bzw. Schriftbild „Haus“ als Signifikant und die Vorstellung eines Hauses an sich als Signifikat. Laut Saussure ist die Beziehung beider Ebenen vollkommen willkürlich. Es besteht kein logisch nachvollziehbarer Zusammenhang zwischen Signifikant und Signifikat, allein gesellschaftliche Konventionen stellen die Verbindung her. Demnach ist auch die Beziehung zwischen dem Zeichen als Ganzes, sprich Bezeichnendes und Bezeichnetes zusammen, und der tatsächlichen „Sache“, dem Haus, willkürlich. Das Zeichen erhält seine Bedeutung nur aus der Differenz zu anderen Zeichen. Ein Haus ist ein Haus, weil es eben nicht Maus oder Laus heißt. Solange ein Zeichen seine Verschiedenheit zu anderen Zeichen bewahrt, erhält es seine Bedeutung aufrecht.[3]

Dass sprachliche Zeichen rein willkürlich sind, bestreitet Lévi-Strauss und bezieht sich dabei hauptsächlich auf die Erkenntnisse des russischen Linguisten Roman Jakobson, insbesondere auf dessen Theorie phonologischer Strukturen. Die Phonologie ist eine Teildisziplin der Linguistik, die die Struktur einzelner Phoneme untersucht. Phoneme sind die kleinste Einheit der Sprache, so z.B. einzelne Vokale oder Konsonanten. Die Theorie Jakobsons fußt auf der Annahme, dass die Sprache stets in binären Oppositionspaaren organisiert ist. Demnach lernen Kleinkinder den Gebrauch von Phonemen und damit die Entwicklung sinnvoller Geräusche nach einem von der Natur festgelegtem Muster aus eben diesen Gegensatzpaaren. So unterscheidet der Phonologe beispielsweise zwischen dumpfen und spitzen Lauten.[4] Dazu später mehr. Die Untersuchung sprachlicher Strukturen nach Jakobson führt Lévi-Strauss zu der Ansicht, dass Zeichen nicht nur durch Konventionen festgelegt, sondern auch von der Natur, der Struktur des Gehirns, vorgegeben sind. Als Beispiel nennt Lévi-Strauss in seinem Werk „Strukturale Anthropologie“ ein Zitat Jakobsons, das die Verbindung von Phonemen und Farben aufzeigt. Nach Jakobson bringt der Mensch bestimmte Vokale mit bestimmten Farben in Verbindung und gibt der Sprache damit automatisch gewisse Nuancen mit auf den Weg. So ist zu beobachten, dass in der englischen Literatur oft die Vokale i und e für fahle, blasse Färbungen benutzt werden, während u und a kräftige und düstere Passagen beschreiben. Nach diesem Beispiel verlieren die Wörter laut Lévi-Strauss viel von ihrer Willkür. Der Sinn, der den Zeichen gegeben wird, ist nicht mehr nur Funktion einer Konvention.[5]

Für Lévi-Strauss hat die Entwicklung der Phonologie nicht nur die Perspektiven der Sprachwissenschaftler, sondern auch die der Anthropologen beeinflusst. In vielen Hinsichten sehen sich Sozial- und Sprachwissenschaftler in ähnlichen Situationen. So vergleicht Lévi-Strauss beispielsweise das System der Phoneme mit den Verwandtschaftsbeziehungen verschiedener Kulturen, die nach seiner Theorie ebenfalls binären Gegensatzpaaren unterworfen sind.[6] So wie das Verwandtschaftssystem kann man laut Lévi-Strauss auch andere Aspekte des kulturellen Zusammenlebens auf ähnliche Weise untersuchen. Die von Lévi-Strauss entwickelte Theorie ist in der Sozial- und Sprachwissenschaftwissenschaft als strukturale Anthropologie bekannt geworden.

2. Das kulinarische Dreieck

2.1. Idee und Struktur

Wie bereits beschrieben, ist der Einfluss der Phonemanalyse von Roman Jakobson prägend für Lévi-Strauss’ strukturale Anthropologie. Jakobson selbst erläutert seine Theorie der Sprachstruktur anhand eines doppelten Vokal- und Konsonantendreiecks (Abb.1). In der Entwicklung der Sprache unterscheiden Kinder zwischen Vokal und Konsonant durch eine Unterscheidung in Lautstärke (laut/leise) und Tonhöhe (dumpf/spitz). Um diesen Vorgang näher zu beschreiben, müsste man an dieser Stelle tiefer in die Linguistik eintauchen. Wichtig für uns ist jedoch nur die Struktur, die Jakobson mittels des Dreiecks aufzeigt. Konsonanten und Vokale stehen durch binäre Oppositionspaare in einem gewissen Verhältnis zueinander. Tonhöhe und Lautstärke bestimmen die Beziehung zwischen Vokalen bzw. Konsonanten untereinander (Bsp: Verhältnis zwischen a und u), gleichzeitig wird aufgezeigt in welcher Beziehung Konsonanten und Vokale selbst zu einander stehen (Bsp: Verhältnis zwischen a und k).[7]

Abb. 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses Muster der Beziehungen und den Mechanismus des Denkens überträgt Lévi-Strauss auf anthropologisches Terrain. Ein zentrales Element gesellschaftlicher Strukturen ist für ihn die Nahrungszubereitung in verschiedenen Kulturkreisen. Dabei stellt sich die Frage, warum für Lévi-Strauss gerade die Kochkunst ein gutes Beispiel kultureller Strukturen ist. Der britische Sozialanthropologe Edmund Leach vermutet einen Gedankengang Lévi-Strauss’, nach dem die Menschen Nahrung aus rein symbolischen Gründen von einem natürlichen Zustand in einen „künstlichen“ versetzen. Obwohl der Mensch selbst ein Teil der Natur ist, begreift er sich als etwas Höheres. Das Kochen dient einzig und allein dazu, zu zeigen, dass Menschen Menschen sind und keine Tiere. Die Nahrungszubereitung verwandelt Naturprodukte in Kulturprodukte und ist somit eine der grundlegenden Säulen kultureller Strukturen.[8]

[...]


[1] Leach, Edmund: Lévi-Strauss zur Einführung. Hamburg: Junius 1991. S. 11-14.

[2] Leach, Edmund: Kultur und Kommunikation. Die Logik symbolischer Zusammenhänge. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1978. S. 12-13.

[3] Eagleton, Terry: Einführung in die Literaturtheorie. Stuttgart: Metzler 1988. S. 74.

[4] Leach, E.: Lévi-Strauss zur Einführung. S. 34.

[5] Lévi-Strauss, Claude: Strukturale Anthropologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967. S. 106-110.

[6] Ebd. S. 45-46.

[7] Leach, E.: Lévi-Strauss zur Einführung. S. 34.

[8] Leach, E.: Lévi-Strauss zur Einführung. S. 111.

Details

Seiten
12
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640865857
ISBN (Buch)
9783640866090
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168779
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Linguistik und Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Strukturale Anthropologie Saussure Roman Jakobson Vokaldreieck Konsonantendreieck Kultur Natur Ethnologie

Autor

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