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Interkulturelle Kompetenz von Lehrkräften

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Pädagogik - Der Lehrer / Pädagoge

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interkulturelle Kompetenz- Begriffsklärung und kurzer geschichtlicher Abriss

3. Wichtige Impulse für die Entwicklung interkultureller Kompetenz

4.Neue Herausforderungen für Lehrpersonen
4.1 Umgang mit Kulturunterschieden – Entwicklung einer Schulkultur der Offenheit
4.2 Sprachförderung
4.3 Dilemma:Zwischen Unsicherheit und Anforderungserfüllung

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Erweiterung der europäischen Union sowie die Globalisierung tragen dazu bei, dass sich in vielen Ländern der Welt, so auch in der Bundesrepublik ein neuer Gesellschaftstypus herausgebildet hat. Die moderne Gesellschaft besteht aus einer ethnischen und sprachlichen Vielfalt, die als logische Konsequenz daraus auch in den schulischen Bereich Eingang gefunden hat. Die Anzahl der Schüler mit Migrationshintergrund ist in den vergangenen Jahren enorm angestiegen. Heike Diefenbach[1] stellt heraus, dass in den Jahren zwischen 1991 und 2000 ein Anstieg an ausländischen Schülerinnen und Schülern von knapp 150.000[2] zu verzeichnen ist. Die Zunahme der Kinder mit Migrationshintergrund in deutschen Schulklassen bedeutet gleichzeitig eine Veränderung des Schulalltags. Die Schülerinnen und Schüler verfügen über unterschiedliche Werte und Normen, die sie aus ihren Herkunftsländern so zu sagen in das Klassenzimmer mitbringen. Für die Lehrpersonen bedeutet diese gewandelte Lehrumgebung eine neue Herausforderung in ihrem Beruf. Im Zuge

dieser Prozesse hat sich der Begriff Interkulturelle Kompetenz zu einem Schlagwort entwickelt, welcher zur Beschreibung der Bewältigung des multikulturell geprägten Schulalltags dienen soll. Seine inhaltliche Bedeutung und Dimension ist in der Wissenschaft jedoch noch nicht abschließend bestimmt. Die Debatte lässt sich jedoch bis in die 1990er-Jahre zurückführen, in denen die interkulturelle Kompetenz der pädagogischen Fachkräfte erstmals vermehrt in den Fokus der Wissenschaft gerückt ist. Seitdem gibt es zunehmend zahlreiche Forderungen von der Gesellschaft und von diversen Kultusministerien nach mehr interkultureller Kompetenz für Lehrerinnen und Lehrer. Im gleichen Atemzug wird die Bildungsdiskussion in Deutschland enorm durch Schulleistungsuntersuchungen wie z.B. die PISA-Studie oder die DESI-Studie beeinflusst. Im Rahmen der daraus resultierenden Diskussionen ist insbesondere auch die Bildungssituation der Migrantenkinder zunehmend in den Forschungsmittelpunkt gerückt.

Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich aus all diesen Tatsachen ableitend die, die interkulturelle Kompetenz betreffende Frage klären, vor welche neuen Herausforderungen Lehrerinnen und Lehrer in multikulturell zusammengesetzten Klassen gestellt sind und inwiefern diese Herausforderungen eine neue Chance und Perspektive für den multikulturellen Schulkontext bieten kann.

Zur Beantwortung dieser Leitfrage werde ich zunächst ausarbeiten was genau unter dem Begriff der interkulturellen Kompetenz zu verstehen ist und inwieweit er sich überhaupt klar definieren lässt. Im Anschluss daran werde ich mich den wichtigen Impulsen für die Entwicklung interkultureller Kompetenz bei Lehrpersonen widmen, um mich darauf aufbauend mit den neuen Herausforderungen, mit denen Lehrer im Zuge der Globalisierung und Erweiterung der EU konfrontiert werden, zu befassen. Insbesondere werde ich mich dabei auf die Dimensionen Umgang mit Kulturunterschieden, Sprachförderung und Zwiespalt zwischen eigenen Handlungsunsicherheiten, die entstehen können, wenn mehrere sich fremde Kulturen aufeinander treffen, und den hohen Anforderungen, die an Lehrpersonen gestellt werden, konzentrieren. Im Bereich der Sprachförderung richte ich mein Augenmerk verstärkt auf die Ergebnisse der DESI-Untersuchung, bei der ich mich in meinen Ausführungen vor allem auf das Werk Spr achliche Kompetenzen - Konzepte und Messung. DESI-Studie (Deutsch Englisch Schülerleistungen International) von Eckhard Klieme und Bärbel Beck stütze. Zum Schluss werde ich ein Resümee aus meiner Ausarbeitung ziehen und die anfangs gestellte Leitfrage zusammenfassend beantworten, um abschließend einen Ausblick auf weitere Themen und Fragen anzubieten.

2. Interkulturelle Kompetenz- Begriffsklärung und kurzer geschichtlicher Abriss

Der Begriff der interkulturellen Kompetenz hat derzeit Hochkonjunktur im alltäglichen Sprachgebrauch. Er befindet sich so zu sagen in aller Munde. Doch was genau ist mit dieser Begrifflichkeit gemeint? Um die Beantwortung dieser Frage soll es in diesem Kapitel gehen.

"Wenn man versucht, sich einen Überblick über die Diskussion zum Thema interkulturelle Kompetenz zu verschaffen [...], so kann einen die Fülle des [...] Materials ratlos machen"[3].

Dies kommt dadurch zustande, weil die unterschiedlichen Disziplinen mittlerweile eine kaum überschaubare Anzahl an Modellen zur Beschreibung und Entwicklung interkultureller Kompetenz hervorgebracht haben[4].

Aus diesem Grund ist es sinnvoll, den Begriff interkulturelle Kompetenz vorab sprachwissenschaftlich zu betrachten und ihn in seine Bestandteile zu zerlegen. Unmittelbar fällt der darin enthaltene Begriff der Kultur ins Auge. Doch auch die Definition dieses Begriffs ist nicht ganz leicht, da dieses Konzept ebenfalls in vielerlei Fachgebieten wie z.B. der Kultwissenschaft, der Soziologie, der Psychologie und natürlich auch der Pädagogik verwendet wird. Für mich ist die Einteilung nach Williams[5] in drei Kategorien von Kulturdefinitionen relevant:

1) Ideale Bestimmung von Kultur:

Es geht um perfekte und kultivierte Auslebung bestimmter allgemeingültiger Werte.

2) Dokumentarische Kulturbestimmung:

Damit sind z.B. die Produkte Musik, Kunst und Literatur gemeint.

3) Soziale Kulturebene:

Diese Ebene konzentriert sich auf die Kultur als Lebensart. Es geht dabei um bestimmte Werthaltungen, die sich sowohl institutionell, als auch individuell ausdrücken lassen.

Für die Beantwortung meiner Ausgangsfrage beziehe ich mich in der vorliegenden Arbeit auf das zuletzt genannte Kulturverständnis. Darin kann Kultur „verstanden werden als von einer Gruppe geteiltes System an verhaltensleitenden Kognitionen“[6]. Für das Verständnis der interkulturellen Kompetenz ist es notwendig, dass man eher von einem gewandelten Kulturverständnis spricht, denn unter den Bedingungen der Globalisierung hat sich die Gedachte Einheit von Raum, Gruppe und Kultur als nicht mehr real erwiesen und menschliche Lebenswelten werden zunehmend als heterogenen Kulturen verstanden.

Der Psychologe Alexander Thomas geht davon aus, dass sich interkulturelle Kompetenz

„…in der Fähigkeit, kulturelle Bedingungen und Einflussfaktoren im Wahrnehmen, Urteilen, Empfinden und Handeln bei sich selbst und bei anderen Personen zu erfassen, zu respektieren, zu würdigen und produktiv zu nutzen im Sinne einer wechselseitigen Anpassung“[7].

zeige. Ähnlich stellt dies auch Neval Gültekin heraus, indem sie sagt:

„Unter interkultureller Kompetenz wird in erster Linie die Fähigkeit zum erfolgreichen Agieren in der Kommunikation und Interaktion von Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft und der Minderheiten verstanden[…]“[8].

Auernheimer verweist des weiteren auf zwei Grundprinzipen einer interkulturell kompetenten Haltung: Zum einen bezieht er sich auf den Grundsatz der Gleichheit, zum anderen auf den Grundsatz der Anerkennung von deren Identitätsentwürfen bzw. kultureller Andersartigkeit[9]. Vor welchen Herausforderungen interkulturelle Kompetenz bei LehrerInnen gerade im Bildungsbereich steht, möchte ich in den nachfolgenden Kapiteln herausarbeiten. Zunächst jedoch folgt ein kurzer geschichtlicher Abriss:

Geschichtlich betrachtet begann die Diskussion um interkultureller Erziehung in den 1980er Jahren, so zu sagen als Ablöse für die Ausländerpädagogik der 70er-Jahre. Einige Zeit davor, sprich in den 60er-Jahren als die Arbeitsmigration ihren Boom erlebte, gab es von Seiten der Pädagogik keinerlei Reaktionen auf die Tatsache der Benachteiligung der Migranten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Eine Notwendigkeit dafür wurde nicht erkannt, da man von dem Bild des Gastarbeiters ausging, der seine Familie im Heimatland zurückgelassen hat. Somit wurden „die Folgen der Arbeitsmigration […] nirgends mitberücksichtigt“[10].

Erst ab den 80ern, als erkannt wurde, dass die Arbeiter ihre Familien mit der Absicht des Verbleibs nachholten und die Zuwandererkinder in das nationale Bildungssystem aufgenommen wurden, wurden erstmals Konzepte einer interkulturellen Erziehung entwickelt. Die interkulturelle Öffnung der pädagogischen Institutionen führte schließlich in den 1990er-Jahren zu einer vermehrten öffentlichen Debatte über interkulturelle Kompetenz der entsprechenden Fachkräfte. Diese Diskussion hat bis heute Aktualität, da durch die zunehmende Globalisierung und Öffnung der Ländergrenzen verstärkter von multikulturellen Gesellschaften gesprochen werden kann. Interessant ist nun einmal zu schauen, wie sich diese gesellschaftliche Tatsache auf die Institution Schule auswirkt und insbesondere auf das Handlungsrepertoire der Lehrpersonen.

3. Wichtige Impulse für die Entwicklung Interkultureller Kompetenz

Aktuell gibt es in der Wissenschaft nur eine kleine Fülle an Literatur, die sich mit den bedeutsamen Lehrpersonenmerkmalen bzgl. der interkulturellen Kompetenz auseinandersetzt. Bekannt ist jedoch, dass es viererlei Bereiche gibt, die die interkulturelle Kompetenz umschließen[11]. Dazu zählt die interne Wirkung, die die Reflexionskompetenz umfasst. Darunter soll die Relativierung von Kompetenzrahmen und die Empathiefähigkeit verstanden werden. Unter die externe Wirkung lässt sich die konstruktive Interaktion fassen. D.h. es geht um Vermeidung von Regelgesetzen und um eine Zielerreichung. Zu den wichtigen Haltungen und Einstellungen zählen sicherlich die Wertschätzung von Vielfalt sowie Ambiguitätstoleranz. Um den Kreis zu schließen spielen zudem Handlungskompetenzen wie umfassendes kulturelles Wissen, Kommunikations- und Konfliktlösungsfähigkeiten eine entscheidende Rolle. Dafür notwendig ist die Fähigkeit der Selbstreflexivität[12].

„Selbstreflexivität heißt, dass man Gefühle wie Angst und Irritation, Blockaden, Projektionen wahr- und annimmt und ihnen vor dem Hintergrund des eigenen Möglichkeitsraums auf den Grund gehen kann“[13].

Mittels Selbstreflexion wird eine Erweitung der Sicht auf gesellschaftliche Gegebenheiten ermöglicht.

Wie zuvor erwähnt, ist eine positive Haltung gegenüber anderen Kulturen der Ausgangspunkt, um von Entwicklung interkultureller Kompetenz sprechen zu können. Allein interkulturelle Erfahrung stellt jedoch noch lange keine hinreichende Voraussetzung dar. Es ist allerdings eine wichtige Voraussetzung für den Impuls zu interkulturellen Lernprozessen[14]. Kerstin Göbel stellte heraus, dass Lehrpersonen mit größerer Kulturkontakterfahrung interkulturelle Situationen mittels eigener Erfahrungen veranschaulichen können und ihren SchülerInnen mehr Raum für das einbringen von Erfahrung ermöglichen[15]. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass die interkulturellen Lernergebnisse der SchülerInnen durch die verschiedenen Kulturerfahrungen der Lehrperson in positiver Weise beeinflusst werden. Ausschlaggebend ist auch die Einstellung der Lehrpersonen, da es von entscheidendem Vorteil ist wenn sie an interkulturellen Geschehnissen interessiert sind und neuen Entwicklungen offen gegenüberstehen. Pädagogische Befunde, wie z.B. von Helmut Fend[16] haben gezeigt, dass sich die Ansichten der Lehrperson bzgl. der Interkulturalität auch in ihren Unterrichtspraktiken widerspiegeln.

Die pädagogischen Erkenntnisse über den Wissenserwerb von SchülerInnen machen den Bereich der interkulturellen Kompetenz so bedeutsam. SchülerInnen „entwickeln neues Wissen und neue Fähigkeiten auf der Basis ihrer bisherigen Sozialisationserfahrungen“[17]. Davon ausgehend, dass Kinder am besten lernen, wenn sie das Gelernte als sinnvoll ansieht, so ist es für den Unterricht und die Unterrichtsmethoden des jeweiligen Lehrers wichtig, dass er die Lebenswelt des Kindes kennt. Stets muss die familiale und herkunftsspezifische Wirklichkeit bedacht werden, in welcher der Schüler/die Schülerin aufwächst, denn die Entwicklung interkultureller Kompetenz kann nicht isoliert, nur vom Lehrer ausgehend, gesehen werden. Es spielen noch andere Faktoren eine entscheidende Rolle. Auf diese möchte ich jedoch erst im späteren Verlauf dieser Arbeit näher eingehen.

[...]


[1] Diefenbach, Heike: Kinder und Jugendliche aus Migrantenfamilien im deutschen Bildungssystem. Erklärungen und empirische Befunde. Wiesbaden 2007, S. 38.

[2] 1991 handelte es sich um 801.587. Im Jahr 2000 befand sich die Zahl auf einem bis dahin gemessenen Höhepunkt von 950.490.

[3] Auernheimer, Georg: Interkulturelle Kompetenz und pädagogische Professionalität. Opladen 2002, S. 183.

[4] Vgl. Rathje, Stefanie: Interkulturelle Kompetenz. Zustand und Zukunft eines umstrittenen Konzepts. In: Zeitschrift für Interkulturellen Fremdsprachenunterricht. 2006.

[5] Over, Ulf/ Mienert, Malte/ Grosch, Christiane/ Hany, Ernst: Interkulturelle Kompetenz von Lehrern: Die Entwicklung eines Fragebogens. In: Ringeisen, Tobias/ Buchwald, Petra/ Schwarzer, Christine: Interkulturelle Kompetenz in Schule und Weiterbildung. Berlin 2008, S. 65.

[6] Ebd., S. 66.

[7] Thomas, Alexander: Interkulturelle Kompetenz. Grundlagen, Probleme und Konzepte. In: Erwägen, Wissen, Ethik, 14. S. 143.

[8] Gültekin, Neval: Pädagogische Professionalität in der pluriformen Einwanderungsgesellschaft. In: Leiprecht, Rudolf/ Kerber, Anne (Hrsg.): Schule in der Einwanderungsgesellschaft. Schwalbach 2006, S. 369.

[9] Auernheimer, Georg: Anforderungen an das Bildungssystem und die schulen in der Einwanderungsgesellschaft. In: Auernheimer Georg: Migration als Herausforderung für pädagogische Institutionen. Opladen 2000, S. 45-58.

[10] Auernheimer, Georg: Einführung in die Interkulturelle Pädagogik. Darmstadt 2005, S. 35.

[11] http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_17145_17146_2.pdf (Stand: 10.11.2009)

[12] Gültekin, Neval: Pädagogische Professionalität in der pluriformen Einwanderungsgesellschaft. In: Leiprecht, Rudolf/ Kerber, Anne (Hrsg.): Schule in der Einwanderungsgesellschaft, S. 373.

[13] Ebd., S.374.

[14] Vgl. dazu Thomas, Alexander: Können interkulturelle Begegnungen Vorurteile verstärken? In: Thomas, Alexander: Psychologie und multikulturelle Gesellschaft. Göttingen 1994, S. 227-238.

Schäfer, Bernd/Six Bernd: Sozialpsychologie des Vorurteils. Stuttgart 1978.

[15] Göbel, Kerstin: Qualität im interkulturellen Englischunterricht. Eine Videostudie. Münster 2007, S. 183.

[16] Fend, Helmut: Qualität im Bildungswesen. Schulforschung zu Systembedingungen, Schulprofilen und Lehrerleistung. München 1998, S. 280.

[17] Lanfranchi, Andrea: Interkulturelle Kompetenz als Element pädagogischer Professionalität- Schlussfolgerungen für die Lehrerausbildung. In: Auernheimer, Georg: Interkulturelle Kompetenz und pädagogische Professionalität. Wiesbaden 2008, S.231.

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640867479
ISBN (Buch)
9783640868025
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168811
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,7
Schlagworte
interkulturelle kompetenz lehrkräften

Autor

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Titel: Interkulturelle Kompetenz von Lehrkräften