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Politolinguistik: Lexikalische und pragmatische Analyse politischer Sprache

Am Beispiel der parlamentarischen Rede Merkels zum Haushaltsgesetz 2010

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 24 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Politische Rede als Sprechhandlung

2 Aspekte der Analyse politischer Sprache
2.1 Lexikologie
2.1.1 Ideologievokabular
2.1.2 Institutionsvokabular
2.1.3 Ressortvokabular
2.1.4 Allgemeines Interaktionsvokabular
2.2 Pragmatik
2.2.1 Implikaturen und Präsuppositionen
2.2.2 Die pragmatische Analyse nach Burkhardt und Holly
2.3 Entwurf eines Analysemodells

3 Untersuchung der Rede Angela Merkels zum Haushalt
3.1 Analyse der lexikalischen Merkmale
3.2 Pragmatische Untersuchung des Redeverlaufs
3.2.1 Institutionelle Sprechakte
3.2.2 Redestrategie
3.2.3 Zwischenrufe

4 Bedeutung der linguistischen Analyse öffentlich-politischer Kommunikation

5 Literaturverzeichnis

1 Politische Rede als Sprechhandlung

Ob Bundestagsrede, Diskussionsrunde im Fernsehen oder Wahlkampfveranstaltung, Politik basiert auf Sprache. Mit dem Ziel, die Zustimmung der Bürger zu erreichen und Wähler zu gewinnen, bedienen sich politische Akteure vielfältiger sprachlicher Strategien und Wortschätze. Der Sprachwissenschaftler Horst Grünert betont die existenzielle Bedeutung von Sprache für das politische Leben: „Politik wird durch (mit) Sprache entworfen, vorbereitet, ausgelöst, von Sprache begleitet, beeinflußt, gesteuert, geregelt, durch Sprache beschrieben, erläutert, motiviert, gerechtfertigt, verantwortet, kontrolliert, kritisiert, be- und verurteilt.“[1] Daraus ergibt sich, dass Sprache und Handeln in der Politik in einer engen Beziehung zueinander stehen und sich gegenseitig bedingen. In der sprachwissenschaftlichen Literatur spricht man vom sogenannten sprachlichen Handeln.[2]

Eine große Rolle in der Sprache der Politik spielen Ideologien. Diese „einer bestimmten Gesellschaftsordnung zugrundeliegenden Wertvorstellungen und Denkmuster“[3], in diesem Fall die der einzelnen politischen Parteien, ermöglichen die auf Emotionen der Bürger fokussierte Vermittlung von unterschiedlichen politischen Wirklichkeiten. Nicht zu verleugnen ist die durch Sprache ermöglichte Manipulation der öffentlichen Meinung, sowie die Beeinflussung des Handelns der Menschen.[4]

Auch wenn hier der Einfachheit halber von politischer Sprache die Rede ist, soll darauf hingewiesen sein, dass der Begriff keinesfalls alle Aspekte des Sprachgebrauchs in der Politik abdecken kann. Erwähnt seien beispielsweise die verschiedenen Handlungs- und Funktionsbereiche von Parlamentsdebatten, Wahlkampfbroschüren, Koalitionsverhandlungen und Sprechchören auf Demonstrationen. Zwar befasst sich diese Arbeit konkret mit der parlamentarischen Rede, man spricht im Allgemeinen aber korrekt von Sprache und Kommunikation in der Politik.5 Armin Burkhardt geht noch weiter und definiert politischen Sprachgebrauch als jegliche Form des Sprechens über politische Sachverhalte und den Gebrauch von politiktypischem Satzbau und Stil.[6]

Anhand lexikalischer und pragmatischer Gesichtspunkte sollen die sprachlichen und semantischen Merkmale der parlamentarischen Rede herausgestellt werden. Als Beispiel dazu dient die Rede der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel zum Haushaltsgesetz 2010 vor dem Deutschen Bundestag am 17. März 2010. Zuvor werden die Grundlagen der Lexikologie politischer Sprache vorgestellt sowie ein auf pragmatische Eigenschaften konzentriertes, politolinguistisches Analysemodell auf Basis der Modelle von Burkhardt und Holly entworfen. Im Folgenden werden diese theoretischen Erkenntnisse dann am oben genannten Redebeispiel angewendet, wobei sich die Analyse auf einzelne auffällige lexikalische und pragmatische Merkmale, besonders Zwischenrufe, während der Rede konzentrieren wird.

2 Aspekte der Analyse politischer Sprache

Heiko Girnth definiert im Allgemeinen vier Merkmale politischer Sprachverwendung: Die „Öffentlichkeit“ beschreibt den offiziellen Charakter und die nach außen gerichtete Willensbildung politischer Sprache. Mit „Gruppenbezogenheit“ ist die positive Bewertung der „Eigengruppe“, beziehungsweise die negative Bewertung der „Fremdgruppe“ gemeint. Die doppelte Funktion der sprachlichen Handlungen, zum einen die „direkte Interaktion zwischen den politischen Akteuren“ und zum anderen die „zwischen den politischen Akteuren und der nur indirekt beteiligten Öffentlichkeit“ bezeichnet Girnth als „Mehrfachadressiertheit“. Als Ziel des politischen Diskurses bestimmt er außerdem den Konsens, beziehungsweise einen Dissens zwischen den poltischen Parteien. Das demokratische Streben nach Einigung, jedoch nicht ohne die notwendige Abgrenzung zur Fremdgruppe durch Aufrechterhaltung einer Unstimmigkeit, nennt Girnth „Konsens-“, beziehungsweise „Dissensorientiertheit“[7]. Diese vier Merkmale müssen bei der Untersuchung politischer Sprache bezüglich ihrer Lexikologie und Pragmatik berücksichtigt werden.

Die Analyse von Sprache und Kommunikation in der Politik lässt sich in zwei Teilbereiche gliedern. Die Lexikologie untersucht den in der Politik häufigen Wortschatz und ordnet ihn je nach Verwendung in einzelne Teilbereiche ein. Durch Sprache werden in der Politik bestimmte Sachverhalte, Gruppen oder Äußerungen positiv oder negativ bewertet. Dadurch werden Bürger und andere politische Akteure indirekt in ihrer Einstellung beeinflusst. Das geschieht auch durch nicht ausgesprochene, aber unterschwellig gemeinte Aussagen. Mit diesem handlungsorientierten Aspekt politischer Sprache befasst sich die pragmatische Analyse.

2.1 Lexikologie

Auf lexikalischer Ebene wird bei der Analyse politischer Sprache der Gebrauch von spezifischem Wortschatz untersucht. Nach Klein lassen sich vier Wortbestände definieren: Das Institutionsvokabular, das Ideologievokabular, das Ressortvokabular und das allgemeine Interaktionsvokabular, wobei die Verwendungshäufigkeit des Vokabulars eines Wortbestandes je nach Textart und Ziel der politischen Kommunikation variiert.[8]

Der politische Wortschatz weist zwar Tendenzen einer Fachsprache auf, wird aber nicht als solche eingeordnet. Es handelt sich vielmehr um einen „Teil der allgemeinen Standardsprache.“[9] Dennoch werden in den politischen Wortschatz ständig neue fachsprachliche Begriffe integriert, deren Fachbereich zum politischen Thema wird.[10] Da die Wortschatzmenge dadurch stetig steigt, ist es generell schwer, eine Grenze zwischen politischer Sprache und anderen Sprachbereichen zu ziehen.[11]

2.1.1 Ideologievokabular

Durch Ideologievokabular definieren politische Gruppen ihre Überzeugungen und Sichtweisen und damit ihre ideologisch begründete Wirklichkeit. Dazu zählen Lexeme, die jeweils „grundlegende soziale Beziehungen und Formationen [...], favorisierte Prinzipien der Organisation des politischen Lebens [...] [und] grundlegende Werte und Handlungsorientierungen“[12] artikulieren. Zum Ideologievokabular der politischen Sprache zählen die Schlagwörter. Burkhardt definiert Schlagwörter[13] wie folgt: Nach semantischer Auffassung sind Schlagwörter „[...] abstrakte, politisch-programmatische Kurzformel[n] [,..].[14] Von der pragmatischen Seite aus betrachtet, dienen Schlagwörter dazu, sich von der Fremdgruppe, also der gegnerischen politischen Position, zu distanzieren, sich mit der eigenen Gruppe zu solidarisieren und außerdem die öffentliche Meinung und das Handeln zu beeinflussen.[15] Diese Ansicht teilt auch Dieckmann: „Die Wörter des Ideologievokabulars haben neben der denotativen (bezeichnenden, deskriptiven) Bedeutung oft ein ausgeprägtes evaluatives (bewertendes) und ein deontisches (zu Handlungen aufforderndes) Potenzial.“[16] Das Ideologievokabular lässt sich deshalb in positive Miranda (Fahnenwörter und Hochwertwörter) beziehungsweise negative Anti-Miranda (Stigmawörter und Feindwörter) einteilen.[17] Dabei gilt aber, dass durch divergierende politische Positionen unterschiedliche Verständnisse desselben Begriffs entstehen können. So kann für die eine Partei ein Begriff als Stigmawort verwendet werden, während er für die andere ein Fahnenwort darstellt. Denn Fahnen- und Stigmawörter sind parteilich und ideologisch polysem, das heißt, dass die unterschiedlichen politischen Gruppen ein und denselben Ausdruck ideologisch verschieden auslegen. Burkhardt nennt als Beispiel dafür den Begriff Sozialismus, der für die CDU/CSU eine negative Bedeutung und für die SPD eine Zeit lang eine durchaus positive Konnotation hatte. Heute gilt der Terminus aufgrund seiner Assoziation mit dem SED-Regime auch bei der SPD nicht mehr als Fahnenwort.[18]

Als parteiübergreifende Schlagwörter gelten hingegen die positiv konnotierten Hochwertwörter[19] In der Demokratie haben sich „Zukunft, Frieden, Freiheit, Menschenwürde, Volk, Bildung [...]“[20] etabliert. Hochwertwörter dienen politischen Rednern dazu, mit öffentlich akzeptierten Werten und Einstellungen die eigene Position zu stärken und begründen.[21]

Das überparteiliche, negative Gegenstück dazu bilden Unwertwörter (bei Dieckmann Feindwörter)[22] wie „Chaot, Terrorist, Rassismus [und] totalitär“.[23] Als sogenannte Zeitgeistwörter definiert Burkhardt außerdem überparteiliche, mehr oder minder außerpolitische Schlagwörter, die an eine bestimmte Zeit gebunden sind: „Reizüberflutung, Postmoderne [...] oder Politikverdrossenheit.“[24]

Uwe Pörksen bestimmt zudem noch die Plastikwörter : Positiv konnotierte Begriffe wie Information, Kommunikation, Leistung und Zukunft, die ursprünglich aus der Umgangssprache stammend in die wissenschaftliche Sprache übergehen, dort den Status der Allgemeingültigkeit erreichen und mit diesem wieder in die Alltagssprache und damit auch in die politische Sprache eingehen.[25] Sie sind aufgrund ihres Ansehens im öffentlichen Diskurs häufig zu finden und zeichnen sich durch semantische Leere aus.[26]

2.1.2 Institutionsvokabular

Wie bereits erwähnt, enthält die Sprache in der Politik viele alltagssprachliche Elemente. Komponenten der Fachsprache liefert das Institutionsvokabular. Dazu zählen Begriffe, die das politische System beschreiben: „Bezeichnungen für die staatlichen Organisationen [und] politische Institutionen“ [...], für staatliche und politische Rollen [...], kodifizierte Normierungen politisch institutionellen Handelns [und] [...] Bezeichnungen für politische Handlungen, Prozesse und Zustände.“[27] Beispiele für den jeweiligen Teilbereich des Institutionsvokabulars sind: „Bundesregierung“[28] als Bezeichnung einer staatlichen Organisation, „Bundeskanzler(in)“[29] für die Benennung staatlicher und politischer Rollen,[30] Handelns und „Regierungserklärung“[31] als Begriff für politische Handlungen, Prozesse und Zustände.

2.1.3 Ressortvokabular

Sämtliches Vokabular, das den verschiedenen Sachbereichen der Politik angehört, also zum Beispiel Umwelt, Bildung, Wirtschaft oder Finanzen, wird zum sogenannten Ressortvokabular gezählt. Dabei handelt es sich vorrangig um spezifische Begriffe aus der jeweiligen Fachsprache, die für politische Laien, die Adressaten politischer Kommunikation, häufig nur schwer verständlich sind.[32] Deshalb wird in der Kommunikation der Politiker untereinander mehr Ressortvokabular verwendet, als in der öffentlichen Kommunikation, die an die Bürger gerichtet ist. Es gibt allerdings durchaus Wörter, die sowohl Elemente der Fach- als auch der Allgemeinsprache enthalten und für die Adressaten besser zu verstehen sind. Zum einen sind das Begriffe, die aufgrund ihrer Zusammensetzung oder Geläufigkeit zu verstehen sind, beispielsweise „Ladenschlußgesetz“[33]. Zum anderen gibt es Bezeichnungen, die wie das Wort „Giftmüll“ [34] oder „Maschinensteuer“[35] sowohl aus einem fachterminologischen als auch aus einem allgemeinsprachlichen Element bestehen. Diese eignen sich in der politischen Debatte besonders gut als auffällige Schlagwörter, die komplexe Sachverhalte greifbarer machen.

2.1.4 Allgemeines Interaktionsvokabular

Wie die Bezeichnung bereits erkennen lässt, handelt es sich beim allgemeinsprachlichen Interaktionsvokabular um Ausdrücke aus der Alltagssprache, die wechselseitiges Handeln und Kommunikation in der Politik beschreiben. Dazu zählen Formulierungen wie „gefährden“[36] oder „Kompromiß“[37], beziehungsweise „appellieren“[38] oder „verhandeln“[39] Diese Begriffe haben die Eigenschaft, weder

[...]


[1] Grünert 1983: 43.

[2] Vgl. Girnth 2002: 1 f.; vgl. auch: Klein 2006. In: Girnth/Spieß: 17 ff.

[3] Girnth 2002: 3.

[4] Vgl. Girnth/Spieß 2006. In: Dies.: 9.

[5] Vgl. Dieckmann 2005. In: Kilian: 21 f.

[6] Vgl. Girnth/Spieß 2006: In: Dies.: 8.

[7] Girnth 2002: 33 f.

[8] Vgl. Klein 2005. In: Kilian: 132.

[9] Dieckmann. 2005. In: Kilian: 17.

[10] Vgl. Volmert 1989: 74- 77.

[11] Vgl. Dieckmann 2005. In: Kilian: 17.

[12] Klein 1989. In: Ders.: 7 f.

[13] Vgl. Burkhardt 2003: 353.

[14] Ders. 2003: 352.

[15] Vgl. ders. 2003: 353. Dieckmann 2005. In: Kilian: 19.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. Burkhardt 2003: 356 f.

[18] Vgl. Gordienko 2005: 163.

[19] Ebd.

[20] Vgl. Spieß 2006. In: Girnth/Spieß: 28.

[22] Vgl. Dieckmann 2005. In: Kilian: 19.

[23] Burkhardt 2003: 357.

[24] Ebd.

[25] Vgl. Pörksen 1992: 18.

[26] Vgl. ders. 1992: 64.

[27] Klein 1989. In: Ders.: 5.

[28] Klein 2005. In: Kilian: 134

[29] Ebd.

[30] Ebd.

[31] Klein 2005. In: Kilian: 135.

[32] Vgl. Dieckmann 2005. In: Kilian: 18 f.

[33] Klein 1989. In: Ders.: 6.

[34] 34 Ders.: 7.

[35] 35 Ders.: 7.

[36] 36 Ebd.

[37] 37 Ebd.

[38] 38 Ebd.

[39] 39 Ebd.

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640867530
ISBN (Buch)
9783640867837
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168835
Institution / Hochschule
Universität Passau – Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Politolinguistik Lexikologie politische Sprache

Autor

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Titel: Politolinguistik: Lexikalische und pragmatische Analyse politischer Sprache