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Friedrich der Große und Friedrich Wilhelm I. – Erziehungsmaximen im Vergleich

"...dass der Fürst zu einem frommen und pflichtgerechten Menschen werde"

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Erziehungsmaximen Friedrich Wilhelms I.
2.1. Grundlagen der Erziehungsinstruktion von 1718
2.2. Religion als Ausgangspunkt monarchischen Handelns
2.3. Nützliche Fertigkeiten
2.4. Widersprüchlichkeiten: Die Doppelnatur der Instruktion
2.5. Das Leitbild: Der junge „successor“ als Ebenbild des Königs

3. Die Erziehungsmaximen Friedrichs des Großen
3.1. Zu den Erziehungstexten Friedrichs des Großen
3.2. Autonomie und säkularisierte Tugend
3.3. Der Ökonom und Feldherr
3.4. Pädagogisches Vorgehen

4. Schlussbetrachtungen

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das die Jugend Friedrichs des Großen prägende Phänomen war die sich über Jahre hinziehende Auseinandersetzung mit seinem Vater. Schon in früher Kindheit war ihm kein kindliches Leben beschert, der strenge Vater ließ seinen Sohn und Thronfolger kaum einmal unbeschwert seinen Launen nachgehen, der sich wiederum in die für ihn vorbestimmte Rolle immer weniger fügen wollte. Schließlich eskalierte der Konflikt; nach einem missglückten Fluchtversuch ließ der König den Freund und Mitwisser Friedrichs, von Katte, hinrichten. Später arrangierte sich Friedrich mit seinen Aufgaben. Als der König 1740 starb, waren beide längst ausgesöhnt.

Ohne das Zerwürfnis im Einzelnen aufarbeiten zu wollen, kristallisiert sich darin heraus, dass Friedrich Wilhelms I. „Ringen[] mit dem Nachfolger [...] mehr als nur ein klassisch- fürstlicher Vater- Sohn- Konflikt“[1] gewesen ist Wenn auch die Frage erlaubt sein muss, inwiefern der junge Prinz schon über ein systematisch ausgeprägtes Staatsverständnis verfügt hatte, das dann in Widerspruch zu dem seines Vaters geraten konnte, liegt der Zusammenhang von Erziehungsprogramm und Staatsverständnis nahe; schließlich geht es doch in der Erziehung darum, einen zukünftigen König zu formen. Der persönliche Aspekt des Konflikts zwischen Vater und Sohn tritt daher in den Hintergrund; die Frage, ob Friedrich ein ,guter Sohn‘ gewesen ist und inwiefern er den väterlichen Anweisungen nachkam, wird hier nicht gestellt. Es geht um die für das Staatswesen bedeutsamen Sachverhalte, denen die Frage gilt: Wie wird aus dem Kind ein guter zukünftiger König? Was zeichnet einen guten Regenten überhaupt aus? Welche Entwicklung sollte also der Thronfolger dem Willen des Königs nach nehmen, d. h. welches Selbst- und Staatsverständnis hatte er zu verinnerlichen?

Nach der Herausarbeitung der Erziehungsmaximen Friedrich Wilhelms I. werden ihnen die Leitlinien der Erziehungsschriften Friedrichs gegenübergestellt. Die Kontinuitäten und Brüche zwischen den Auffassungen beider Hohenzollern sollen deutlich gemacht werden, um Aussagen darüber treffen zu können, inwiefern sich das Selbst- und Staatsbild vom ,Soldatenkönig‘ zum ,roi philosophe‘ möglicherweise gewandelt hat.

2. Die Erziehungsmaximen Friedrich Wilhelms I.

2.1. Grundlagen der Erziehungsinstruktion von 1718

Ein Fürstenkind wurde für gewöhnlich spätestens[2] im Alter von sieben Jahren in die Obhut einer männlichen Aufsichtsperson gegeben. Für den am 24. Januar 1712 geborenen Friedrich sollte nach dem Willen des Königs Graf Fink von Finkenstein die Funktion des Gouverneurs ausüben, dem Oberst von Kalkstein als Untergouverneur zur Seite gestellt wurde. An sie richtet sich die königliche Instruktion zur Erziehung Friedrichs vom 13. August 1718; sie ist im Großen und Ganzen derjenige Plan, nach dem Friedrich Wilhelm I. selbst schon erzogen worden war. Auf Anweisung des Kurfürsten Friedrich III. arbeitete ihn dessen Minister Paul von Fuchs im Jahre 1695 für den Gouverneur des Prinzen, Alexander Graf zu Dohna, auf der Grundlage einer älteren Instruktion aus.

Ernst Bratuschek zufolge gehen wesentliche Züge der Anweisung auf die Königin Sophie Charlotte zurück, deren Ideen wiederum von einem regen Gedankenaustausch mit dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz beeinflusst worden sind [3]. Carl Hinrichs erwähnt als weitere Inspirationsquelle den halleschen Theologieprofessor August Hermann Francke, der einen dynamischen, auf das Weltliche gerichteten Pietismus vertrat, d.h. eine Bewegung zur Umgestaltung des Diesseits, um das ,Reich Gottes‘ auf Erden zu verwirklichen[4].

Leibniz verfasste 1693 selber ein Konzept zur Erziehung eines künftigen Fürsten, nämlich des sächsischen Kurprinzen. Darin beschrieb und bewertete er die Eigenschaften eines Königs, die „Grade von Vollkommenheiten [...]: Notwendig ist,“ fasst Bratuschek die leibnizschen Ausführungen zusammen, „daß der Fürst zu einem [...] frommen und pflichtgetreuen Menschen, zu einem Mann von Mut, von gesundem Urteil und gesellschaftlichem Anstand erzogen werde. Nützlich ist es dann, daß er seinen Beruf: die Staats- und Kriegskunst [...] lerne“, um vom Rat seiner Minister und Generäle möglichst unabhängig zu sein. „Zur Zierde gereicht es ihm, wenn er über das Bedürfnis hinaus aufgeklärt [...] ist.“[5]

2.2. Religion als Ausgangspunkt monarchischen Handelns

Untersucht man den Erziehungsplan von 1718 anhand dieser Kategorien, stellt sich als Grundlage der ,notwendigen‘ Eigenschaften des Hohenzollernprinzen die „rechte Liebe und Furcht vor Gott“ heraus, die „das Fundament und die einzige Grundsäule unserer zeitlichen und ewigen Wohlfahrt“[6] sei. Gefährliche Irrlehren und Sekten will der reformierte Vater von seinem Sohn abhalten, ebenso die katholische Religion. Er soll die ,richtige‘ Religion verinnerlichen, gleichzeitig aber auch anderen Lehren ihren Raum lassen, wie sich aus dem Politischen Testament von 1722 ergibt: auch an dessen Anfang stellt der reformierte König sein Bekenntnis zum universalreformierten Glauben; Lutheraner seien prinzipiell wie Reformierte zu behandeln, Katholiken müsse man tolerieren, Juden allerdings solle man vertreiben. Das Bekenntnis zur Religion bedeutet jedoch nicht, den Priestern politische Einflussnahme zuzugestehen: Der König trennt scharf zwischen dem Rat von Predigern und Staatsangelegenheiten[7].

Neben der Gottesfurcht stellt die auch religiös gerechtfertigte Pflichtschuldigkeit und der Respekt gegenüber den Eltern - und damit natürlich auch vor dem königlichen Vorgänger - ein weiteres wichtiges Element der persönlichen Tugenden dar, die Friedrich anerzogen werden sollten; diese bilden freilich kein separates Teilgebiet einer Persönlichkeit, keinen von staatsmännischen Qualitäten und Erfordernissen abgeschotteten Privatbereich, sondern einen Wesenskern monarchischen Verhaltens. Ein Prinz müsse „erst den Ruhm, daß er ein honnete homme ist, erwerben“, also ein Mensch sein, der sich kraft eigenen Willens Bescheidung auferlegt, bevor ihm zugesprochen werden könne, „ein größerer und löblicher Fürst“[8] zu sein. Dieser Rat ist durchaus von praktischem Nutzen: Ein bescheidener König verinnerlicht Haushaltsdisziplin und lebt sie selbst vor, ein demutsvoller König kann den an die Eitelkeit appellierenden Einflüsterungen der „flatteurs und schmeichelers“[9] eher widerstehen.

Aus den grundlegenden Prinzipien der Instruktion folgen die jeweiligen konkreten Unterrichtsgegenstände, d.h. diejenigen Grundkenntnisse und -fertigkeiten, über die der künftige Regent verfügen muss, wenn er den Prinzipien gemäß agieren will. Dementsprechend stehen Bibelkunde und das Studium der fundamentalen Texte der , Christlich Universalreformierten Religion‘ als die ersten praktischen Aufgaben der Ausbildung auf dem Plan.

2.3. Nützliche Fertigkeiten

Der Beschäftigung mit religiösen Texten folgt das Handwerkszeug eines Herrschers, nämlich die Kenntnisse, die für die tagtägliche Regierungspraxis eines Monarchen (und in Kriegszeiten Feldherrn) unentbehrlich sind: Mathematik, Artillerie, Ökonomie, Kriegswissenschaften, Völkerrecht. Selbstverständlich soll ihm ein gewandter sprachlicher Umgang angewöhnt werden, allerdings nur im Französischen und Deutschen: Latein verbannte der König aus dem Lehrplan. Die hohenzollernsche Geschichte wie die der mit ihr verbundenen Häuser sind aufs Genaueste zu studieren; das Studium der allgemeinen Geschichte soll sich auf den Zeitraum der neueren Geschichte (der letzten 150 Jahre) beschränken.

Tugendhaftigkeit erscheint in der Instruktion als Grundpfeiler der Staatskunst. Religiöse Disziplin, Demut und das Bewusstsein der eigenen Geringheit vor Gott strahlen bei Friedrich Wilhelm I. in das politische Programm aus, z. B. indem sie zur Haushaltsdisziplin, zur Sparsamkeit auffordern: „Ein guter Wirth“[10] solle Friedrich werden. Die Abscheu vor Affären und dem Umgang mit Mätressen kann als ein Gebot des Glaubens, aber auch als eines der Staatsvernunft einer dynastischen Monarchie aufgefasst werden, der Erziehungsplan trennt Religiosität und Verfahrensweisen zum Nutzen des Staatswesens jedenfalls nicht. Auch wenn sich darin Spannungen ankündigen mögen, stehen sie bei Friedrich Wilhelm I. in Harmonie zueinander.

Diese Auffälligkeit setzt sich fort: Nicht die Tugend allein kann für den König der Quell von Ruhm und Ehre sein; ihr wird eine ganz anders geartete Fähigkeit zur Seite gestellt. Der Thronfolger habe zu verinnerlichen, so der Auftrag an die Erzieher, dass „gleich wie nichts in der Welt [...] als der Degen“ einem Prinzen Ruhm und Ehre zu verschaffen vermöge; den Prinzen dazu anzuleiten, „einen Officier und General zu agiren“[11], ist folgerichtig ein wichtiges Erziehungsziel. Schon im Alter von 6 Jahren wurde Friedrich zu diesem Zweck eine kleine Kadettenkompanie unterstellt, mit der er zu exerzieren lernte.

[...]


[1] Heinrich, Gerd: Geschichte Preußens. Staat und Dynastie, Frankfurt 1981

[2] Friedrich Wilhelm I., Instruktion und Bestallung...; abgedruckt in: Cramer, Friedrich [Hrsg.]: Zur Geschichte Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs II. Könige von Preußen, Hamburg 1829

[3] Bratuschek, Ernst: Die Erziehung Friedrichs des Großen, Berlin 1885, S. 3 f.

[4] Hinrichs, Carl: Friedrich Wilhelm I. König in Preußen. Eine Biographie. Bd. 1: Jugend und Aufstieg, Hamburg 1941, S. 24 f.

[5] Bratuschek, Erziehung, S. 4

[6] Friedrich Wilhelm I., Instruktion, S. 7

[7] vgl. Friedrich Wilhelm I., Instruktion König Friedrich Wilhelms I. für seinen Nachfolger [Das Politische Testament Friedrich Wilhelms I. von 1722; zit.: Friedrich Wilhelm I., Testament].; abgedruckt in: Dietrich, Richard [Hrsg.]: Die politischen Testamente der Hohenzollern, Köln/Wien 1986 (S. 221-243), S. 235

[8] Friedrich Wilhelm I., Instruktion, S. 12

[9] Friedrich Wilhelm I., Testament, S. 223

[10] Friedrich Wilhelm I., Instruktion, S. 12

[11] a. a. O., S. 15

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640867561
ISBN (Buch)
9783640868087
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168841
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Historisches Seminar
Note
1,6
Schlagworte
Friedrich der Große Friedrich Wilhelm I. Erziehung Absolutismus Aufklärung preußische Erziehung Preußen Pädagogik Friedrich II.

Autor

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