Lade Inhalt...

Die Bedeutungskonzeption von Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen §1 – 65

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 28 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Einführung
1. Das Vorwort
2. Gliederung und Methode

III. Die Konzeption
1. Augustinus
2. Der Tractatus
3. Sprachspiele und Lebensformen
4. Eine Partie Schach
5. Die Taufe
6. Nothung – Das Schwert

IV. „Denk nicht, sondern schau!“

I. Einleitung

Diese Arbeit hat es sich zur Aufgabe gemacht die Bedeutungskonzeption von Wittgenstein, soweit sich dies aus den ersten 65 Paragraphen der „Philosophischen Untersuchungen“[1] erschließen lässt, erläuternd darzulegen. Dabei werde ich als erstes auf die Bedeutungskonzeption des Augustinus eingehen. Aber dies nur insoweit, als sie aus dem ersten Paragraphen der PU ersichtlich ist. Die Position Augustinus ist die Grundlage auf der Wittgenstein seine eigenen Ansichten und Einsichten in Bezug auf das Funktionieren der Sprache entwickelt. Eben deshalb soll in dieser Arbeit auch stets versucht werden einen Rückbezug zu dieser Grundlage zu finden, um die Sachlage besser zu kontrastieren. Dieser Kontrast soll dazu dienen, dass man erstens das von Wittgenstein neu herausgearbeitete besser erkenne und zweitens, dass man somit ein Verständnis dafür gewinne, worin gerade das Besondere an seiner Konzeption besteht.

Weiterhin soll im Verlauf der Arbeit der „Tractatus Logico Philosophicus“ kurz angeschnitten werden, zumal schon Wittgenstein im Vorwort der PU erwähnt, dass er die PU am liebsten mit dem Tractatus zusammen veröffentlichen wollte, da diese erst durch den Kontrast zum Tractatus besser eingesehen werden könne.

Ich werde versuchen mich während der Arbeit ausschließlich mit dem Originaltext zu beschäftigen. Es wird also keine Sekundärliteratur zur Hilfe gezogen werden. Zumindest nicht insofern, dass ich meine Betrachtungen von Interpretationen aus zweiter Hand bezöge und im Weiteren darauf aufbaute. Wenn Informationen aus externen Quellen verarbeitet werden, so nur um manche Kontexte oder Rückbezüge klarzustellen, ohne die die Arbeit nicht fortkommen würde. Das Ergebnis dieser Arbeit wird – ob zufrieden stellend oder nicht – das Ergebnis meiner Bemühungen sein im Rahmen meiner Möglichkeiten Wittgensteins Gedanken nachzuvollziehen. Das Ergebnis soll schließlich allein die Bestrebungen eines Geistes widerspiegeln, welcher auf nackten Sohlen die Gedankenschritte eines großen Philosophen nachzuspüren sucht.

Im Folgenden liegt es mir im Sinn während der Ausarbeitung chronologisch vorzugehen – obschon das nicht immer möglich sein wird. Bevor jedoch mit der Hauptarbeit begonnen wird, scheint es mir von Vorteil zu sein aufgrund seiner Bedeutsamkeit auf das Vorwort näher einzugehen. Auf eine Zusammenfassung des Gesamtwerkes soll in diesem Zusammenhang verzichtet werden, da es nicht von unabdingbarer Relevanz für das Verständnis der ersten 65 Paragraphen ist.

II. Einführung

1. Das Vorwort

Wie erwähnt, will ich zuerst auf das Vorwort der PU eingehen, da meines Erachtens gerade in dieser kurzen Passage ein wichtiger Moment, ein Schlüssel geliefert wird, durch dessen Benutzung wir überhaupt in das Vorzimmer der PU gelangen können. Hier erhalten wir nämlich nicht nur Hintergrundinformationen über die Entwicklungsgeschichte des Werkes, sondern auch einen elementaren Verweis darauf, wie die ungewohnte numerische Gliederung des Textes zu lesen sei.

„In dem Folgenden veröffentliche ich Gedanken, den Niederschlag philosophischer Untersuchungen, die mich in den letzten 16 Jahren beschäftigt haben. (…) Ich habe diese Gedanken alle als Bemerkungen, kurze Absätze, niedergeschrieben. Manchmal in längeren Ketten, über den gleichen Gegenstand, manchmal in raschem Wechsel von einem Gebiet zum andern überspringend.“[2]

Obwohl Wittgenstein im Präsens spricht, wenn er sagt, dass er die Arbeit „veröffentliche“, hat er in der Tat die Veröffentlichung der PU selbst nie veranlasst. Die PU erschienen erst zwei Jahre nach seinem Tode durch das Engagement seiner Freunde.[3] Wenn Wittgenstein im Weiteren sagt, dass er die Hoffnung fahren lassen habe, diese seine philosophischen Bemerkungen zu einem in sich abgeschlossenen ganzen Buch „zusammenzuschweißen“, so gewinnt der Umstand, dass die PU erst postum veröffentlicht wurden eine besondere Bedeutung. Diese besondere Bedeutung hängt in enger Weise mit dem Geständnis Wittgensteins zusammen, mit der er das Scheitern seiner ursprünglichen Absicht begründet:

„(So sah ich ein), dass das Beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden; dass meine Gedanken erlahmten, wenn ich versuchte, sie, gegen ihre natürliche Neigung, in einer Richtung weiterzuzwingen. – Und dies hing freilich mit der Natur der Untersuchung selbst zusammen.“[4]

Warum also hat er die Veröffentlichung dieser Manuskripte nicht schon zu seinen Lebzeiten selber veranlasst? Es scheint mir einfach die strikte Konsequenz des letzten zitierten Satzes und im Grunde seiner ganzen Auffassung von Sprache überhaupt zu sein, die er vollzog oder besser gesagt lebte. Denn, was ist es eigentlich, was er mit der „Natur der Untersuchung“ meint?

Der Gegenstand der Untersuchung ist die Sprache und dieses ist laut Wittgenstein wiederum ein Etwas, dass sich nicht fassen lässt. Das heißt: nicht im Ganzen und als ein Ganzes - und „fassen“ heißt hier den Wesen zu erfassen. Und zwar deshalb nicht, weil die Sprache nichts Stetes, Festes ist. Sie befindet sich in ständiger Veränderung. Denn sie ist nichts, was außerhalb des Menschen existieren kann. Der Mensch aber befindet sich stets in einer Entwicklung. Und so die Sprache mit ihm. Das, so scheint mir, ist es was er meint, wenn er sagt, dass er seine Gedanken nicht „gegen ihre natürliche Neigung, in einer Richtung“ weiter zwingen könne. Denn das wäre so, als ob man eine frisch sprießende Blume in eine enge, quadratische Form zwingen wollte, um somit am Ende behaupten zu können, dass die Pflanze eine klar strukturierte Form habe. Dieses Vorgehen widerspräche der Natur(!) der Untersuchung. Die Sprache entwickelt sich mit dem Menschen mit. Manche Wörter verändern dabei im Laufe der Zeit ihre Bedeutung. Manche Wörter kommen neu hinzu und manche geraten in Vergessenheit. Mitunter entwickeln sich die Abzweigungen der Sprache auch in unvorhergesehener Weise. Deshalb muss man die Sprache in ihrer natürlichen Entwicklung untersuchen.

Aber unter diesen Umständen ließe sich auch nichts Endgültiges mehr über die Sprache aussagen, als eben dieses, nämlich, dass man nichts Endgültiges über die Sprache sagen kann. Es wäre weder möglich eine Logik der Sprache zu entwerfen, noch auch nur eine in sich abgeschlossene Theorie zu formulieren. Das Einzige, was man noch tun könnte, wäre die Sprache in ihrer alltäglichen Anwendung zu studieren und das Allgemeinste, was man hieraus als Erkenntnis formulieren könnte, wäre zu sagen, dass der alltägliche Gebrauch der Sprache die Definition der Sprache bestimmt. Dieses jedoch ist ja gerade die Kernaussage der PU.

Wenn man aber bestreitet, dass der Gegenstand der Untersuchung eine manifeste, allgemeine Form hat, die man definieren könnte, welche Form, welche Gestalt soll dann das Werk annehmen in dem diese Gedanken erörtert werden? Wie und in welche Richtung sollen sich die Gedanken entwickeln?

„Wesentlich aber schien es mir, dass darin die Gedanken von einem Gegenstand zum andern in einer natürlichen und lückenlosen Folge fortschreiten sollten.“[5]

Wie schon erörtert, war ihm dies jedoch nicht möglich. Zumindest nicht in diesem Stadium seiner Untersuchungen. Das Fehlen gerade dieser Form, der in dem Werk ausgedrückten Gedanken, war, wie Wittgenstein es auch selbst schon sagt, mit Sicherheit ein elementarer Punkt, was zum Scheitern der Veröffentlichung führte. Oder treffender gesagt: was zu der Entscheidung führte es nicht zu tun. Denn das im Vorwort gesagte entschuldigt ja gerade diesen Mangel des Werkes auch überzeugend. Es scheint also, dass diese Entscheidung eine strikte Konsequenz der in dem Werke errungenen Erkenntnisse sei.

Nichtsdestotrotz kann ein weiterer Punkt aber auch darin liegen, dass Wittgenstein sein Werk als unvollendet angesehen haben könnte. Denn nicht alle Themenbereiche, die er als in den PU behandelte Themen im Vorwort anspricht, sind auch tatsächlich in dem Werk verarbeitet. So z.B.: die Grundlagen der Mathematik. Auf einen weiteren naheliegenden Umstand soll später eingegangen werden.

2. Gliederung und Methode

Schon bei dem ersten Durchblättern der Seiten der PU wird man sich schnell bewusst, dass es sich hier, allein der Form halber, um ein ungewohntes Werk handelt. Denn weder besitzt das Werk eine eindeutige Gliederung, noch auch eine für philosophische Abhandlungen gewohnte Struktur. So gibt es in den PU keine Kapitel und Abschnitte, die das Werk übersichtlich einteilen. Die PU sind eine Ansammlung verschiedenster Betrachtungen und Aphorismen, die alle hintereinander aufgelistet und einzeln nummeriert sind. 693 an der Zahl.

Aber auch inhaltlich stellt die PU den Leser vor neue Herausforderungen. Denn im Gegensatz zu Wittgensteins Frühwerk kann man in der Art und Weise der Problembehandlung der „Untersuchungen“ keine logischen Schritte erkennen, so dass ein Argument aus dem anderen folgen würde, um endlich zu einer allgemeinen Schlussthese zu gelangen. Vielmehr werden verschiedenste Fragestellungen anhand von simplen Beispielen erörtert und analysiert, wobei eigentlich nie konkrete Lösungen für die Probleme angeboten werden. Es gibt ferner keine eindeutigen Abschnitte, in denen ein Thema, oder ein Gesichtspunkt zur Gänze abgehandelt wird, sondern es wird jeder Themenbereich immer wieder von neuem und aus anderen Kontextpunkten heraus erörtert.

Dennoch kann man nicht einfach behaupten die PU hätte keine eindeutige Methode, weil man es nicht gewohnt ist, so an philosophische Themen heranzugehen, wie Wittgenstein es tut. Auch, wenn man genauso viel nicht sagen kann, es sei eine neue Methode in diesem Werk angeboten, so doch soviel, dass man sagen kann, es ist eine neue Art und Weise des Denkens. Eben eine für den späten Wittgenstein spezifische Art. So sagt auch Wittgenstein selber in Bezug auf die Form und Methode seiner Untersuchungen:

„Die gleichen Punkte, oder beinahe die gleichen, wurden stets von neuem von verschiedenen Richtungen her berührt und immer neue Bilder entworfen. Eine Unzahl dieser waren verzeichnet, oder uncharakteristisch, mit allen Mängeln eines schwachen Zeichners behaftet. Und wenn man diese ausschied, blieb eine Anzahl halbwegser übrig, die nun so angeordnet, oftmals beschnitten werden mussten, dass sie dem Betrachter ein Bild der Landschaft geben konnten. – So ist also dieses Buch eigentlich nur ein Album.“[6]

Es ist also ein Album voller Skizzen und Beschreibungen von philosophischen Problemen. Diese Bescheidenheit Wittgensteins sollte jedoch nicht allzu wörtlich genommen werden. Die Form, die er der PU gibt, möge sie auch noch so formlos wirken, erfüllt durchaus einen bestimmten Zweck. Denn bei weitem sind die Bemerkungen nicht so willkürlich aneinander gesetzt, wie es zuweilen bei Photoalben geschehen kann. Allein der Umstand, dass er 16 Jahre lang an diesen Bemerkungen gearbeitet hat, würde uns zur Genüge reichen es einzusehen, wenn nicht Wittgenstein selbst schon folgendes gesagt hätte:

„Und wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten.“[7]

Hier wird deutlich, dass gerade diese „Beschreibungen“, diese Landschaftsskizzen Wittgenstein so wichtig waren. Tatsächlich geht es Wittgenstein in dem ganzen Werk eigentlich um das Beschreiben. Es geht ihm nicht darum eine neue Theorie aufzustellen – nein, davon distanziert er sich ja ausdrücklich, sondern alle seine Bemühungen gelten einer neuen Art und Weise des Betrachtens, des Denkens. Dieses Denken soll sich distanzieren von allem theoretisieren und soll im praktischen bleiben. Es soll nicht immer versucht werden neue Erfahrungswerte aufzusuchen, sondern die Bekannten sollen immer wieder neu modifiziert und zu neuen Erkenntnissen zusammengeschlossen werden. Man muss nicht immer zu erklären, zu definieren suchen, da nicht alles, ja überhaupt das wenigste erklärt werden kann - sondern man soll beschreiben. Denn gerade in diesem Streben nach allgemeingültigen Definitionen liegt für Wittgenstein der Kern aller philosophischen Probleme und Missverständnisse:

„Diese (Probleme) sind freilich keine empirischen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Sprache gelöst, und zwar so, dass dieses erkannt wird: entgegen einem Trieb, es mißzuverstehen.“[8]

Das will sagen, dass die philosophischen Probleme zwar erst durch die Sprache begründet sind, dennoch können sie wiederum allein durch die Sprache aufgelöst werden. Das nämlich, was uns als ein Problem erscheint, ist eigentlich nur ein Missverstehen der Sprachlogik, also ein Missverständnis dessen, wie die Sprache funktioniert. Das hängt wiederum damit zusammen, dass der Philosoph die Sprache fern von ihrer aktuellen Präsenz untersucht. Untersucht man sie jedoch in ihrer aktuellen Präsenz, d.h. in jeglicher Situation, in der sie alltäglich gebraucht wird, so erlangt man „eine Einsicht in das Arbeiten“ der Sprache, wodurch allein die Missverständnisse gelöst werden können. Ein Musterbeispiel für die spezifische Art des Denkens und des Ausdrucks von Wittgenstein ist folgender Satz, mit dem er diesen Zirkel prägnant zusammenfasst:

„Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.“[9]

Wittgenstein entfaltet seine Gedanken auf zwei Ebenen. Die tiefere Ebene, die Untergründig stets ein Ziel verfolgt und sich somit chronologisch fortsetzt und die höhere Ebene, die stets denselben Gedanken von verschiedensten Punkten aus beleuchtet, um ihn besser fassen zu können.

Eigentlich scheint es, als sei die Einführung einer solchen Unterscheidung zwischen einer höheren und einer tieferen Ebene völlig unangebracht, zumal sie in den PU beide ineinander fallen, aber sie ist doch nicht unnütz. Denn das Ziel, welches verfolgt wird, worin sollte es in einem sprachphilosophischen Werk sonst liegen, als zu zeigen, was Sprache ist, in welchem Verhältnis sie zur Welt steht und wie sie funktioniert. Dieses aber wird von Wittgenstein verworfen und jenes ausführlich erörtert. Das heißt: Wittgenstein leugnet, dass die Sprache ein allen Sprachen gemeinsames Wesen hat. Eines, das in allen sprachlichen Äußerungen immanent ist und als ein solches bestimmt werden kann. Er verwirft seine früher aufgestellte Theorie, in der die Sprache ein Bild der Welt ist. Hingegen betont er die Funktionalität der Sprache. Anstatt die Gemeinsamkeit in allen Sprachen zu suchen begnügt er sich nunmehr damit, dass er die Komplexität der Sprache anerkennt und bestenfalls auf Ähnlichkeiten deutet, die sich finden lassen.

Gerade aufgrund dieser Haltung lässt es sich wohl erklären, warum Wittgenstein eine einfache, von jeglicher Fachterminologie ferne Sprache benutzt, so dass man meinen möchte, jeder Laie könne das Gesagte verstehen. Das birgt aber eine Falle in sich. Denn Wittgenstein erörtert, wie schon besprochen, alle Probleme anhand von simplen Beispielen aus verschiedenen Alltagssituationen, wie z.B. Handwerksburschen, die sich gegenseitig Platten reichen, oder ein Schüler, der Rechenaufgaben lösen soll. Obwohl man mit Sicherheit diese Beispiele versteht, ist es nicht immer – und für einen Laien wie mich erst recht nicht – einfach, jedoch mitunter sehr reizvoll, von ihnen ausgehend den Bezug zu Wittgensteins sprachphilosophischen Ansichten herzustellen. Nichtsdestotrotz dient dieser geringe Umstand einem nicht geringen Zweck:

„Ich möchte nicht mit meiner Schrift Andern das Denken ersparen. Sondern, wenn es möglich wäre, jemand zu eigenen Gedanken anregen.“[10]

Wie man aber überhaupt philosophisch denken kann, das gerade zeigt Wittgenstein, indem er über das ganze Buch hinweg vorführt, was es für ihn heißt: zu philosophieren.

III. Die Konzeption

1. Augustinus

„Nannten die Erwachsenen irgend einen Gegenstand und wandten sie sich dabei ihm zu, so nahm ich das wahr und ich begriff, dass der Gegenstand durch die Laute, die sie aussprachen, bezeichnet wurde, da sie auf ihn hinweisen wollten. Dies aber entnahm ich aus ihren Gebärden, der natürlichen Sprache aller Völker, der Sprache, die durch Mienen- und Augenspiel, durch die Bewegung der Glieder und den Klang der Stimme die Empfindungen der Seele anzeigt, wenn diese irgend etwas begehrt, oder festhält, oder zurückweist, oder flieht. So lernte ich nach und nach verstehen, welche Dinge die Wörter bezeichneten, die ich wieder und wieder, an ihren bestimmten Stellen in verschiedenen Sätzen, aussprechen hörte. Und ich brachte, als nun mein Mund sich an diese Zeichen gewöhnt hatte, durch sie meine Wünsche zum Ausdruck.“[11]

Dieses Augustinus Zitat, welches die PU einleitet, ist der Hintergrund, vor welcher Wittgenstein seine Gedanken über die Sprache entfaltet. Anlehnend an diesen Auszug kann er nicht nur über das Erlernen der Sprache philosophieren, sondern er findet hier genug Material, um z.B. über das Wesen der Sprache, das Privatsprachenproblem, das Meinen und Intendieren, etc. zu sprechen.

Niemand würde auf Anhieb etwas an dieser Erklärung Augustinus auszusetzen haben, da jeder, der über das Phänomen Sprache nachgedacht hat, dies auf ähnliche Weise getan hat und auf ähnliche Ergebnisse gekommen ist. Denn diese Art der Reflektion ist der menschlichen Vernunft die Natürlichste und die am einfachsten Nachvollziehbare. Aber gerade hieran richtet sich die Kritik Wittgensteins.

Er übt jedoch keine absolute Kritik an den Schlussfolgerungen Augustins, sondern hält sie lediglich für unzureichend. Unzureichend insofern, als Augustinus auf einen greifbaren Aspekt der Sprache, nämlich auf die Namen, fokussiert, alles andere, was ebenfalls zur Sprache gehört, ausblendet und anhebend von diesem einschlägigen Beispiel seine Schlüsse auf die ganze Sprache überträgt. Das ist aber nach Wittgenstein ein fundamentaler Fehler. Dieser Mangel aber hängt mit der Methode zusammen, mit der Augustinus seine Betrachtungen durchführt. Diese Methode ist die metaphysische, welcher Wittgenstein alle großen Fehler und Missverständnisse der Philosophie zuschreibt.

Sie nämlich kennt zwei Wege ein Problem zu untersuchen. Entweder vom Ganzen (Universell) zum Teil (Partikulär) herabsteigend, indem die universellen Urteile an ihren einzelnen Teilen auf ihre Konsistenz überprüft werden, oder von denjenigen Teilen ausgehend, die die ebenste Oberfläche für das Reflektieren bieten, zum Ganzen schließend, indem man die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Teile untersucht. Augustinus bedient sich hier, wie erwähnt der letzteren Option, indem er auf die Namen fokussiert und alles andere ausblendet, was wir ebenfalls sprechen nennen. Sein Ergebnis bezieht sich aber nicht darauf, wie man den Gebrauch der Namen erlernt, sondern wie man Sprache überhaupt erlernt.

Wittgenstein setzt genau hier an und fässt Augustinus Auffassung wie folgt zusammen:

„Die Wörter der Sprache benennen Gegenstände – Sätze sind Verbindungen von solchen Benennungen. - In diesem Bild von der Sprache finden wir die Wurzeln der Idee: Jedes Wort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht.“

Das ist aber nicht nur eine Zusammenfassung des Zitierten, sondern gleichsam eine Transformation, eine Übersetzung in die heutige Sprache. Besser gesagt in die moderne wissenschaftlich-logische Sprache. Denn gerade diese kurze Passage hat einen bestimmten Nachklang, um nicht zu sagen Nachgeschmack: Die Sätze sind kurz und prägnant, mit klaren Bezügen. Die Sprache ist sachlich und sicher, wodurch sie unwidersprechlich wirkt und hat dennoch etwas Pathetisches. Das ist bemerkenswert, denn nicht ein einziges Mal soll man diesen Pathos in dem ganzen Werk wieder hören. Hier wird klar, warum Wittgenstein die Sätze Augustins in die moderne Sprache übersetzt. Nicht etwa, weil Augustinus mittlerweile unverständlich geworden ist, im Gegenteil. Er hebt damit hervor, dass sich zwar die Form der Aussagen geändert haben mag, aber nicht ihr Inhalt. Damit zeigt er, dass er im Weiteren nicht nur Kritik an Augustins Ansichten üben will, sondern auch an der modernen Philosophie und mitunter an seinem „Tractatus“. Denn man muss nur versucht sein jeden Satz dieser Passage einzeln zu nummerieren, um zu sehen, dass das genauso gut ein Zitat aus dem Tractatus hätte sein können.

An diesem Punkt sollte man vielleicht auf die Frage einzugehen versuchen, warum Wittgenstein wohl gerade einen, fast zweitausend Jahre alten Zitat als Ausgangspunkt für seine Untersuchungen benutzt, zumal er, um seine Kritik an der metaphysischen Denkmethode auszuführen, genauso gut seine Lehrer Frege oder Russell, oder gar sich selbst aus dem Tractatus hätte zitieren können. Nachdem sich einem diese Frage überhaupt erst aufgedrängt hat, wird man sich plötzlich wieder der Worte Nestroys bewusst, die als Motto dem ganzen Werk vorangehen:

[...]


[1] Die „Philosophischen Untersuchungen“ werden künftig mit „PU“ abgekürzt werden.

[2] Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2003, S.7

[3] ebd., im Nachwort des Herausgebers, S. 281

[4] ebd., S.7 – (Hervorhebung durch den Autor dieser Arbeit)

[5] ebd., S.7

[6] Siehe: Wittgenstein, Ludwig, Werkausgabe: Bd. I. Tractatus logico-philosophicus [u.a.], Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1995, S. 231 f.

[7] PU, § 109

[8] PU, § 109

[9] PU, § 109

[10] Siehe: Wittgenstein, Ludwig, Werkausgabe: Bd. I. Tractatus logico-philosophicus [u.a.], Frankfurt am Main, Suhrkamp, 1995, S. 233

[11] PU, § 1

Details

Seiten
28
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640867653
ISBN (Buch)
9783640867899
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168858
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Philosophie, Wissenschaftstheorie, Wissenschafts- und Technikgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Wittgenstein Sprache Sprachphilosophie Philosophische Untersuchungen Sprachspiele Tractatus

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Bedeutungskonzeption von Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen §1 – 65