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Die Universalität des Qurans

Das Ewige Wort Gottes oder nur Heilgeschichte? Überlegungen zur Deutung und Bedeutung der Botschaft des Qurans

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 29 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Islamwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

I Einleitung

II Definition
Klärung der Begriffe „Qur ʾ ān “ und „Mu ṣḥā f“

III Das Wort Gottes
1) Text und Kontext
2) Arabisch – Die ewige Sprache Gottes?
3) Deutung und Bedeutung

IV Zurück zu den Quellen?

V Literaturverzeichnis

I Einleitung

Nicht zuletzt aufgrund der Ereignisse des 11. Septembers ist heute das Interesse an der Botschaft des Qurʾāns allgemein geworden. Immer mehr Menschen beschäftigen sich mit dem heiligen Text der Muslime und immer mehr Fragen und Zweifel tauchen bezüglich seiner Gebote und Verbote auf. Ist der Qurʾān ein universelles, also offenes und leichtverständliches Buch, dessen Botschaft für jeden Menschen auf der Welt leicht zugänglich und nachvollziehbar ist, oder ist es ein dunkles Buch voller Geheimnisse und Rätsel? Ist es tatsächlich ein göttliches Buch oder ist es nicht doch vielmehr Menschenwerk?

Die Stimmen bezüglich der Mehrdeutigkeit des Qurʾāntextes werden immer lauter und allgemeiner. Während in den arabischen Ländern zum größten Teil die Vorstellung vorherrscht, dass nur Gelehrte, die in den Islamwissenschaften bewandert sind, die wahre Deutung des Qurʾāns wissen können, wird diese Vorstellung langsam aber sicher von der anderen Position übertönt, nach welcher jeder Mensch den Qurʾān für sich selber auszulegen hat. Diese Arbeit wird sich mit der Frage befassen, ob es denn nicht ein wissenschaftliches Kriterium in bezug auf die Vieldeutigkeit des Qurʾāns gibt, dass uns in Zukunft als ein Maßstab in der Auffindung eines Konsenses dienlich sein könnte. Dabei kann es nicht das Ziel dieser Arbeit sein eine Lösung der Probleme anzubieten. Ich werde mich damit begnügen, die Positionen, die es diesbezüglich gibt, aufzuzeigen.

Für die Zwecke dieser Arbeit wird es angebracht sein zuerst einige Klarheit in bezug auf die Begrifflichkeiten zu schaffen, weshalb in erster Linie die Begriffe „Qurʾān“ und „Muṣḥāf“ näher erläutert werden sollen. Während ich dem Leser die Bedeutung(en) dieser Begriffe näherbringe wird es natürlich unumgänglich sein schon einiges über die Textgeschichte des heiligen Buches der Muslime zu erwähnen. Es ist aber insofern gut, als dadurch die Einführung in die Thematik an sich komplettiert wird.

Viele der Themengebiete, die in dem Zusammenhang meiner Untersuchungen aufgezeigt werden müssten, können im Rahmen dieser Arbeit nicht aufgegriffen, wenn schon nur leicht berührt werden. Diese Berührungspunkte sind dabei im Grunde so essentiell, dass man sie im Besonderen abhandeln müsste. Das rührt daher, dass alle islamischen Wissenschaften ihren Ausgang vom Qurʾān nehmen. Den Qurʾāntext nachzuvollziehen heißt deshalb auch gleich die islamische Wissenschaftsgeschichte und auch die soziale und kulturelle Entwicklungsgeschichte der muslimischen Bevölkerung nachzuvollziehen. Denn eine grundlegende Einsicht eines Textes erfordert notwendigerweise eine grundlegende Einsicht in die Geschichte des Textes und seiner Kontexte. Nun ist aber von vornherein zu bemerken, dass man sich unter „Text“ nicht gleich eine auf bestimmten Medien festgehaltene Ansammlung von bedeutungstragenden Zeichen vorzustellen hat, sondern auch durchaus und vor allem das mündlich gesprochene Wort als ein Text anzusehen ist. Das bedeutet, dass man eigentlich vor allem besprechen müsste, was „Text“ bedeutet und dabei einen Fokus auf das Phänomen der Literalität und Oralität zu legen hätte. Ferner trägt ein Text nur in und mit seinem Kontext irgendeine Bedeutung.

Was ist dieser „Kontext“? In erster Linie die Sprache: Was bedeutet das Wort? Hat es Wandlungen erlitten? Hat es metaphorische Wendungen? Dieser Aspekt gewinnt besondere Bewandtnis dadurch, dass der Qurʾān sich selbst als ein „Wunder“ und als „unnachahmlich“ tituliert. Dieses führt uns in die Gefilde der Sprachphilosophie, des Kalāms und der Sprache als Dichtung. In diesem Zusammenhang müsste ferner besprochen werden: „Welches Form hat das Buch? Ist es in sich abgeschlossen und komplett? Hat es einen chronologischen oder logischen Aufbau?“ Weiterhin müssten die Themengebiete der Exegese und des Rechts besprochen werden. Denn der Qurʾān bezeichnet sich selbst gleich zu Anfang (Q 2/2) als eine „Rechtleitung“. Wenn wir das weiterverfolgen wollten, so müssten wir uns also auch mit den „Hörern“ der göttlichen Botschaft intensiver beschäftigen. Wer waren diese Menschen, wie lebten sie, was wussten sie etc.

Es ist nur allzu offensichtlich, dass ich diese Untersuchungen hier nicht in die Tiefe verfolgen kann und somit den selbst gestellten Aufforderungen nicht werde nachkommen können. Ich werde gemäß den Rahmenbedingungen dieser Arbeit meine ganze Aufmerksamkeit dem Anspruch der Universalität des Qurʾāns widmen. Nachdem also zuerst ein gewisser Überblick über den Qurʾān gegeben wird, ohne auf seinen Inhalt einzugehen, will ich damit beginnen zu untersuchen, wie der Anspruch der Universalität zu verstehen ist. Die muslimische Perspektive soll mit den Ansichten der westlichen Wissenschaftler kontrastiert werden. Wie gesagt wird diese Arbeit nicht auf ein bestimmtes Schlussurteil hinstreben, sondern sich damit begnügen den aktuellen Standpunkt der Forschung in diesem Themengebiet festgehalten zu haben.

II Definition

Klärung der Begriffe „Qur ʾ ān “ und „Mu ṣḥā f“

Der Versuch einer Definition ist immer der Versuch einer Antwort auf die Frage: „Was?“. Wenn diese Frage aber nicht auf etwas Allgemeines abzielt, sondern, wenn mit ihr das Interesse auf das Spezifische, das Wesentliche in bezug auf den fraglichen Gegenstand ausgedrückt wird, so muss auch die Antwort versuchen eben dieser Forderung nachzukommen. Das heißt, er muss versuchen das Wesentliche in dem Gegenstand herauszufiltern und prägnant zur Sprache zu bringen. Es gibt gewisse festgeschriebene Regeln der wissenschaftlichen Definitionsaufstellung, worauf ich hier jedoch nicht weiter eingehen kann. Dennoch will ich hier ein klassisches Beispiel anführen wie eine Definition aufzustellen ist und was beachtet werden muss.

Wenn ich auf einen Menschen zeige und sage: „Was ist das?“, so kann man mir Antworten: „Es ist ein Lebewesen.“ Diese Antwort ist zwar nicht falsch, doch es ist offensichtlich nicht die Antwort auf meine Frage. Denn im Grunde ist die „Was-Frage“ immer eine Wesensfrage und zielt immer auf das Spezifische in dem befragten Gegenstand ab. Wir könnten jetzt unsere Antwort ausbauen indem wir sagten: „Es ist ein Lebewesen, welches auf zwei Beinen läuft, Haare auf dem Kopf hat, das lachen und sprechen kann.“, usw. Wenn wir nun die Frage ganz aussprechen wollten, so könnten wir sagen: „Was ist es und wodurch unterscheidet es sich seinem Wesen nach von anderen Dingen?“ Jetzt müssen wir also sehen, was diesem Ding nur akzidentiell, also beiläufig beiwohnt, ferner von allen diesen akzidentiellen Zuständen absehen und schauen, was noch an wesentlichem zurückbleibt. Wesentlich wäre das, wodurch der ganze Gegenstand in sich zusammenfiele, wenn wir es uns von ihm wegdenken würden. Das Akzidentielle jedoch ändert nur die Zustände des Gegenstandes und nicht den Gegenstand selber. Die klassische, etablierte Antwort auf die so gestellte Frage heißt also: „Der Mensch, das ist ein vernunftbegabtes Lebewesen.“

Wie wird das aber in bezug auf den Qurʾān angewendet? Wenn wir uns hier nicht mit dem allgemeinen Verständnis zufrieden geben wollen und nach einer wissenschaftlich differenzierten Antwort auf unsere Frage streben, so werden wir uns als erstes an die Enzyklopädien wenden. Allein den ersten Absatz zu lesen müsste uns viel Aufschluss geben, da gleich der erste Absatz, den wir zu einem Artikel in einer Enzyklopädie finden, stets den Charakter einer Definition hat, indem es auf das Wesentliche gerichtet ist. Wenn wir nun die Enzyklopädie des Islam nach dem Qurʾān fragen, bekommen wir die folgende Antwort:

„Al- Korʾān, die heilige Schrift der Muhammedaner, enthält die gesammelten Offenbarungen Muhammeds in schriftlich fixierter Form.“[1]

Diese Erläuterung ist jedoch höchst problematisch, wobei das Problematische der Erklärung dadurch geradezu dramatische Formen annimmt, wenn man sich vergegenwärtigt, dass man – erstens – eine Enzyklopädie immer mit dem Wunsch nach einer fundierten wissenschaftlichen Perspektive konsultiert und – zweitens – dass gerade der erste Absatz in seiner Funktion als einer prägnanten Definition den Mark des ganzen Artikels ausmacht und den Leser entscheidend beeinflusst. Diese Definition ist bei weitem nicht differenziert genug, um dem Status einer wissenschaftlichen Definition gerecht zu werden.

Hierbei sind zwei Punkte zu erwähnen, wobei der Letztere aus wissenschaftlicher Sicht eine fatalere Aussage ist. Dass die Menschen, die nach den Maßstäben des Islam leben, hier als „Muhammedaner“ bezeichnet sind, ist in der heutigen Forschung zum Glück ein längst überwundener Fehler. Denn allein dieser Missgriff führt zu allerlei Missverständnissen und Aberglauben in bezug darauf wer diese Menschen sind und was im Grunde ihren Glauben ausmacht. Hier zu sagen, dass diese Menschen „Muhammedaner“ sind, impliziert die Idee, dass die Person Muhammeds die Instanz ist, an den diese Menschen glauben. Das ist aber allzu offensichtlich ein Missverstehen des Glaubensinhalts, des Essenz des Islam. In diesem Sinne wäre es vielleicht sogar angebrachter von den „Anhängern des Qurʾān“ zu reden. Muhammad Hamidullah fasst dies wie folgt zusammen:

„Es gibt keine größere Beleidigung für einen Muslim, als dass man ihm sagt, dass der Prophet der Autor dieses Buches sei. Denn Muhammed, Gottes Segen sei mit ihm, ist nur ein bescheidener Beamter, der damit beauftragt ist, es (den Qurʾān) den Menschen zu übermitteln.“[2]

Es ist hier nicht die Frage, ob man die Ansicht der Muslime teilt, sondern dass man die korrekten Benennungen verwendet. Wäre es nicht ebenso ein fataler Fehler, wenn man von Jesuiten spricht, wo man die Christen meint?

Was ist aber der Qurʾān? Wenn es nun heißt, dass es „die gesammelten Offenbarungen Muhammeds in schriftlich fixierter Form“ ist, so ist das nur ein wiedergeben dessen, was man im gewöhnlichen Sprachgebrauch unter „Qurʾān“ versteht. Dieser Umstand dürfte auch den Autor des Artikels gestört haben, weshalb er ein paar Absätze weiter unten hinzufügt:

„In dem oben erwähnten Sinne „gesammelte Offenbarungen in schriftlicher Form“ findet sich das Wort nicht im Qurʾān selbst, weil ihre Sammlung erst nach dem Tode des Propheten stattfand. Es bezeichnet entweder die einzelnen Offenbarungen, die nach und nach dem Propheten mitgeteilt wurden, (…) oder als Gesamtbegriff die göttliche Offenbarung, die stückweise herabgesandt wurde und die er von Allāh empfing, damit er sie den Menschen mitteilen sollte.“[3]

Jetzt fragt es sich warum nicht diese Erläuterung an erster Stelle angeführt wurde. Denn nach vorangegangener Definition schafft diese Erklärung mehr Verwirrung als Einsicht. Wie sieht es aber mit der englischen Enzyklopädie des Islam aus, welches ja zum zweiten Mal bearbeitet wurde und die aktuelle Forschung eher widergibt? Dort steht geschrieben:

„al-ḲURʾĀN(a.), the Muslim scripture, containing the revelations recited by Muhammad and preserved in a fixed, written form.”[4]

Es scheint also immer noch einmütiger Konsens darüber zu herrschen, dass man sich unter „Qurʾān“ genau das vorzustellen hat, was auch allgemein als solches angenommen wird - nämlich ein jedes Qurʾānexemplar, das man in den Bücherregalen der Bibliotheken auffinden kann. Wenn wir jedoch in dem Artikel weiterlesen, werden wir in dem Kapitel über die Sammlung der Qurʾānfragmente auf folgendes Wort stoßen: Muṣḥāf. Es ist nun von verschiedenen Muṣḥāfs die Rede, wovon sich einer, nämlich der Muṣḥāf ʾUṯmāns, als der kanonisierte Muṣḥāf durchsetzt. Vom einem Muṣḥāf ist nur dann die Rede, wenn die einzelnen Qurʾānfragmente – schriftlich und mündlich (!) – zu einem ganzen kompletten Exemplar zusammengeschweißt sind.[5] Nun schauen wir einmal genauer was dieses Wort bedeuten soll und wodurch es sich vom Qurʾān unterscheidet:

“MUṢḤĀF(a.), the name given to a complete text of the Ḳurʾān considered as a physical object.”[6]

Wenn aber zuvor vom Qurʾān selbst ausgesagt wurde, dass es ein Text sei, der die an Muhammed gerichteten Offenbarungen enthält – und zwar in schriftlicher Form (!) – wie sollte man sich denn diese schriftliche Form sonst anders vorstellen können als physisch? Doch gerade diese Eigenschaft, nämlich die anfassbare Gegenständlichkeit des Textes, wird ja hier als die besondere Differenz des Muṣḥāf-Textes hervorgehoben. Wenn man noch weiter nachhaken wollte, dann könnte man darüber streiten, ob denn nicht auch das gesprochene Wort an sich als ein physisches Objekt anzusehen ist, zumal es sich den Sinnen ja als solches darbietet. Denn, was anderes wird denn als „physisches Objekt“ beschrieben, als das, was sich durch unsere fünf Sinne wahrnehmen lässt? Wäre so gesehen nicht auch der auswendig rezitierte Text als ein Muṣḥāf anzusehen?

Spätestens jetzt wird deutlich, dass die angebotenen Begriffsdefinitionen unvollständig sind und nicht nach dem Wesen her definieren. Ja, sie sind eher als eine Beschreibung eines beliebigen Qurʾānexemplars anzusehen. Das schafft aber eher Verwirrung als Klarheit, da man jetzt in Verlegenheit kommt zwischen den Begriffen Qurʾān und Muṣḥāf klar zu unterscheiden. Denn wie wir gesehen haben fließen beide Begriffe nunmehr ineinander, ohne dass man sieht, welche Bewandtnis es mit einem jeden von ihnen hat und wodurch sie sich spezifisch voneinander unterscheiden. Wenn wir nun die türkische Enzyklopädie des Islam konsultieren, um auch eine muslimische Perspektive einzubeziehen, so fällt auf, dass der Artikel nicht gleich mit einer knappen Definition anhebt. Dieses findet man erst gegen Ende des Kapitels über die Definition des Qurʾāns, nachdem zuvor allerlei über das Wort selber, seine Bedeutungen und Abwandlungen etc. diskutiert wurde. Über die Definition, die sich an diese Ausführungen anhängt, wird berichtet, dass es eine Zusammenschweißung vieler verschiedener Definitionsversuche ist und lautet dann wie folgt:

„Der Qurʾān ist ein Wort/ eine Rede (Kalām), die von Gott vermittels (des Engels) Gabriels in einer uns unbekannten Form (gemeint ist das Wesen -> „mahiyet“) an den letzten Propheten Muhammed herabgesandt wurde, welches in Muṣḥāfs niedergeschrieben ist und durch Überlieferung weitergegeben wird. Durch ihre (Vor)lesung wird das Gebet vollzogen. Sie ist eine Rede, dessen Nachahmung für andere unmöglich gemacht worden ist, welches mit der (Sure) Fatiḥa beginnend mit der (Sure) Nās abschließt.“[7]

Hier finden wir nun, dass tatsächlich in der Definition selber zwischen Qurʾān und Muṣḥāf unterschieden wird. Auffällig ist hierbei auch, dass vom Qurʾān ausgesagt wird, dass es ein Wort sei, wobei es wieder etwas verwirrend ist, wenn gesagt wird, dass das Wesen dieses Wortes unbekannt ist. Unsere Suche nach einer Definition lief im Grunde darauf hinaus zu erfahren, was der Qurʾān in seinem Wesen ist. Wenn nun im Weiteren von der Niederschrift der Offenbarungen in einem Muṣḥāf die Rede ist und auch von der Anordnung der Suren im Muṣḥāf, so ist ersichtlich, dass die hier angebotene Definition zwar trefflicher ist als die vorherigen, aber auch hier steht im Grunde das „Exemplar“ im Vordergrund. Denn gerade das Wesentliche an der Definition wird unentschieden gelassen – nämlich der Umstand, dass uns das Wesen des Wortes unbekannt sei. Der Autor scheint hier der theologischen Fragestellung ausgewichen zu sein, ob denn die Worte des Qurʾāns als göttliche Worte angesehen werden müssen und somit transzendent und immateriell sind oder nicht. Wenn ja, so dürfte auch der Qurʾān nicht mehr als ein „physical object“ angesehen werden. Genau das ist es doch aber unumgänglich, sobald wir etwas aus ihr rezitieren. Der Autor lässt diese Frage in seiner Definition also unentschieden. Wie erwähnt ist diese Definition eine Zusammenschweißung mehrerer Ansichten, die Theologen und Islamgelehrte im Laufe der Jahrhunderte hervorgebracht haben. Wenn wir uns nun fragen wie uns die Prophetengenossen auf diese Frage antworten würden, so ist klar, dass diese Antwort mit seinen versteckten theologischen und historischen Hintergründen wegfällt. Wir tappen also weiterhin im Dunkeln was das Wesen des Qurʾāns anbetrifft.

Während die Enzyklopädien des Islam uns also keine zufriedenstellende Definition liefern können, finden wir doch einen ersten Lichtblick in dem Artikel von John Burton über die Sammlung des Qurʾāns in der Encyclopedia of the Qur’an:

„(…) it is important to note a basic verbal distinction: By Qur’ān was meant all that was ever revealed to the Prophet as „the Book of God.“The word refers not to a physical object but to an idea. The inherited book or written manifestation, on the other hand, is called the Muṣḥāf and the ḥadīths about the collection of the Qur’ān are concerned with its identity, provenance and completeness as a textual object.”[8]

Burton schafft mit dieser Erklärung einige Klarheit und unterstützt uns in unserer Annahme, dass die vorherigen Definitionen mangelhaft sind, wenn er sagt, dass das Wort „Qurʾān“ sich nicht auf ein physisches Objekt bezieht. Damit sind alle Definitionen, die die schriftliche Form des Qurʾānexemplars in den Vordergrund stellen als ungenügend anzusehen. Wenn er aber weiterhin sagt, dass damit eine Idee ausgedrückt wird – nämlich die Idee, dass es das „Buch Gottes“ ist – so entledigt er sich mit dieser Wendung der theologischen Diskussionen über „das Wesen des Wortes“. Dorothea Krawulsky fasst diesen Gedankengang in ihrem 2006 erschienenen Buch „Eine Einführung in die Qurʾānwissenschaften“ wie folgt zusammen:

„Um Mißverständnisse zu vermeiden, ist hier noch etwas über das Wort „Koran“ zu sagen. Wir assoziieren mit diesem Wort vor allem das Buch, in dem der Offenbarungswortlaut niedergeschrieben ist. Wir müssen uns im nun Folgenden von dieser Assoziation befreien: Denn das arabische Wort Qurʾān bezeichnet nicht das Buch, sondern „das Wort Gottes“. Die theologische Definition von Qurʾān lautet nämlich: al-Qurʾān kalām Allāh, d.h. „al-Qurʾān d.i. das Wort Gottes“.[9]

Und etwas später heißt es:

„Streng genommen kann man nur vom Koran als einem echten Offenbarungsbuch sprechen. Denn der muslimische Konsens lautet, dass der Koran nicht wie die Bibel von menschlichen Autoren mit Hilfe göttlicher Inspiration geschrieben wurde. Vielmehr ist der Koran das ewige Wort Gottes, das vermittels des Engels Gabriel Wort für Wort an den Propheten weitergegeben wurde, welcher es wiederum an seine Gemeinde weitergab, die das Wort Gottes im Gedächtnis bewahrte und schriftlich notierte und schließlich im Muṣḥāf, dem geschriebenen Koranexemplar konservierte. Das Gedächtnis hatte in der islamischen Welt immer einen sehr hohen Stellenwert. Das Auswendiglernen des Korans – oder doch zumindest einiger Teile davon – ist für den gläubigen Muslim bis heute eine individuelle Pflicht geblieben.“[10]

Demnach ist der Qurʾān also nicht gleich der in schriftlicher Form festgehaltene Text der Offenbarungen des Propheten, sondern sogar der im Gedächtnis aufbewahrte Wortlaut des Textes wird so genannt. Der Name „Qurʾān“ wird dem offenbarten Text also unabhängig von seiner schriftlichen oder mündlichen Form gegeben, insofern man damit den Text, also das Wort an sich meint. Meint man hingegen den kompletten, zwischen zwei Deckeln eingebundenen, schriftlichen Text, also das Buch, wie wir es kennen, so wird streng genommen vom „Muṣḥāf“ gesprochen. Dass man bei einer wissenschaftlichen Definition vom Qurʾān strikt von seiner medialen Verfasstheit absehen muss, wird umso deutlicher, wenn man bedenkt, dass die Schrift an sich zur Zeit der Offenbarungen unter den „Hörern“ des Qurʾān wenig verbreitet war. Die Offenbarungen wurden zwar von den Schriftkennern auch aufgeschrieben, doch die Hauptsache war immerhin das Gedächtnis, während die Schrift nur als Stütze diente:

„Die ältesten Qurʾānhandschriften sind in kufischer Schrift, ohne Zwischenräume und ohne diakritische Zeichen geschrieben. Ihre Lektüre ist ohne Mitartikulation praktisch nicht möglich.[11]

Zu Lebzeiten des Propheten hätte man also, wenn nach der Definition gefragt, nie die schriftliche Verfasstheit des Qurʾāntextes und schon gar nicht seine Anordnung etc. erwähnt.

[...]


[1] F. Buhl, „Al-Korʾān“, Enzyklopedie des Islam, Leiden, 1913

[2] Hamidullah, Muhammad, Kur’an-i Kerim Tarihi, Istanbul, 1993, S.11 (Übersetzung vom Verfasser)

[3] Siehe Anm. 1

[4] J.D. Pearson, “Al-Ḳurʾān”, The Encyclopaedia of Islam New Edition, Leiden, 1999 (EI2)

[5] Nach traditioneller Sicht fand die Sammlung der einzelnen Qurʽānfragmente erst nach dem Tod des Propheten unter den ersten drei Kalifen statt. Hiernach besorgte erst der dritte Kalif ʾUṯmān, getrieben von Uneinigkeiten in bezug auf die Lesung des Qurʽāns, die endgültige Redaktion des Textes und ließ ferner alle anderen schriftlichen Qurʽānexemplare vernichten. Vgl. dazu: J. Burton, The Collection of the Qurʽān, Encyclopedia of the Qurʽān

[6] J. Burton, “Muṣḥāf”, EI2

[7] Türkiye Diyanet Vakfi Islam Ansiklopedisi, Ankara, 2002, Art.: “Kur’an”

[8] J. Burton, „Collection of the Qurʾān”, Encyclopedia of the Qur'an, Leiden, 2002 (Kursivsetzung vom Verfasser)

[9] Krawulsky, Dorothea, Eine Einführung in die Koranwissenschaften, Bern, 2008, S. 18

[10] ebd, S. 112

[11] Ott, Claudia, Metamorphosen des Epos, Leiden, 2003, S. 179 (Hervorhebung vom Verfasser)

Details

Seiten
29
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640869220
ISBN (Buch)
9783640869473
Dateigröße
777 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168859
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Schlagworte
Islam Koran Sprache Exegese Hermeneutik

Autor

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Titel: Die Universalität des Qurans