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Die Rolle der Zigeunerin in Heinrich von Kleists Erzählung 'Michael Kohlhaas'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Widerspruch und Mystik rund um die Episoden mit der Zigeunerin
2.1 Die Zigeunerin als Wiedergängerin Lisbeths
2.1.1 Lisbeth
2.1.2 Zigeunerin
2.2 Exkurs: Die mythische Zahl drei

3 Die Zigeunerin als Machtgeberin

4 Die Schuld des Michael Kohlhaas ausgehend von der ‚Jüterbock-Szene‘

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Lexika und Nachschlagewerke

1 Einleitung

Kleists Prosawerk Michael Kohlhaas wurde in zwei verschiedenen Fassungen veröffentlicht, wobei nur die hier zu Grunde liegende zweite, die im Jahr 1810 erschien, das Motiv der geheimnisvollen Zigeunerin beinhaltet. Interessant macht die Person der Zigeunerin die Tatsache, dass, in die bis zu ihrem Auftauchen logisch-konsequent scheinende Handlung, durch ihre Erscheinung ein mythischer Faktor eingebaut wird. In der Sekundärliteratur wurde die „ausgeschmückte Schilderung“ mit den Prophezeiungen der mystischen Frauenfigur aber „ wiederholt als störender Einschub in der sich linear entwickelnden Erzählung angesehen “.[1] Lange Zeit haben die Rezipienten die Überwechslung in eine Welt mit magischen Praktiken sogar als Missgriff abgeurteilt.[2] Dass es sich aber bei der Einfügung der Zigeunerin nicht um ein störendes oder gar fehlgreifendes, sondern vielmehr um ein notwendiges Moment innerhalb der Erzählung handelt, soll nun in der vorliegenden Arbeit untersucht werden. Demnach geht es, wie der Titel bereits angibt, um “die Rolle der Zigeunerin in Heinrich von Kleists Erzählung Michael Kohlhaas “.

Dabei sollen Fragen wie: Welche besondere Aufgabe kommt der Zigeunerin in dem Prosawerk Kleists zu? und: Um wen oder was handelt es sich bei der Person der Zigeunerin eigentlich? beantwortet werden. Dazu soll die Mitwirkung der Zigeunerin am Geschehen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, so dass es im zweiten Kapitel zunächst um den Widerspruch und die Mystik rund um die Episoden mit der Zigeunerin geht. Wie wird sie in die Handlung eingefügt, durch welche verwendeten Mittel bekommen die Szenen, in denen sie auftaucht, mystischen Charakter? Danach wird eine Überprüfung der These vorgenommen, ob die Zigeunerin als Wiedergängerin, als Revenante Lisbeths bezeichnet werden könnte. Hier geht es speziell darum, in welchem Verhältnis die Frauenfiguren zueinander stehen. Vertieft wird diese Untersuchung dann noch durch einen Exkurs über die besondere Rolle der Zahl drei, die gehäuft immer wieder in der Erzählung auftaucht und die dadurch eine Schlüsselrolle zu spielen scheint.

Daran anschließend wird sich das dritte Kapitel mit der Zigeunerin in ihrer Funktion als Machtgeberin beschäftigen, um auf ihre Unverzichtbarkeit innerhalb der Erzählung aufmerksam zu machen. Dieses Nicht-fehlen-können der Zigeunerin soll auch im vierten Kapitel deutlich gemacht werden. Es wird sich mit der Schuld des Michael Kohlhaas ausgehend von der ‚Jüterbock-Szene‘, in der die Zigeunerin das erste Mal auftaucht, befassen. Welche Rolle spielt die Zigeunerin hier und welche Möglichkeit bietet sie dem Michael Kohlhaas?

Die Schlussbetrachtung im fünften Kapitel stellt dann abschließend eine Zusammenfassung der gewonnenen Ergebnisse vor und wird die eingangs gestellten Fragen zu beantworten versuchen.

2 Widerspruch und Mystik rund um die Episoden mit der Zigeunerin

Ein wichtiger, zu klärender Widerspruch steckt im Datenproblem des ersten Zusammentreffens zwischen Kohlhaas und der Zigeunerin. Eigentlich hätte die ‚Jüterbock-Szene‘, in der es zur Begegnung mit der Zigeunerin kommt, direkt auf den Tod Lisbeths folgen müssen, denn Kohlhaas gibt im Rückblick an, der Zigeunerin „genau am Tage nach dem Begräbnis meiner Frau“[3] begegnet zu sein. Diese Aussage kann aber nicht zutreffen, da der Leser genau über die Handlungsweise des Kohlhaas nach dem Tod seiner Frau informiert ist. Er „bestellte ein Leichenbegräbnis“ und „als der Begräbnistag kam“ (30), diese Formulierung impliziert bereits, dass mindestens ein Tag nach dem Tod Lisbeths vergangen sein muss, wurde „der Hügel geworfen, das Kreuz darauf gepflanzt, und die Gäste die die Leiche bestattet hatten, entlassen“, wonach Kohlhaas „sodann das Geschäft der Rache“ (31) übernahm:

„Er setzte sich nieder und verfaßte einen Rechtsschluß, in welchem er den Junker Wenzel von Tronka […] verdammte, die Rappen, die er ihm abgenommen, und auf den Feldern zu Grunde gerichtet, binnen drei Tagen nach Sicht, nach Kohlhaasenbrück zu führen […].“ (31)

Kohlhaas setzt seinem Widersacher also eine Frist von „drei Tagen nach Sicht“. Diethelm Brüggemann hat in seinem hermetischen Werk „Kleist. Die Magie“ auf die Distanz zwischen Kohlhaasenbrück und der Tronkenburg aufmerksam gemacht, dass nämlich die Entfernung bei zügigem Ritt zwei Tage betrage: „Kohlhaas brach also auf ‚bei Anbruch der Nacht‘, und traf ein ‚beim Einbruch der dritten Nacht’.“[4]

Kohlhaas Angabe „genau am Tage nach dem Begräbnis meiner Frau“ (82) kann also so nicht stimmen. Zwar hätte er wirklich direkt nach dem Tod Lisbeths, noch vor dem Begräbnistag nach Jüterbock reiten können, jedoch gibt er dort neben der Datenangabe auch sein Motiv an: „von Kohlhaasenbrück […] war ich aufgebrochen, um des Junkers von Tronka […] habhaft zu werden.“ (82) Somit hat er also zuerst ein Leichenbegräbnis bestellt, was vermutlich auch einige Tage gedauert haben dürfte, vor allem weil es wie „für eine Fürstin“ (30) angeordnet zu sein schien, danach beerdigte Kohlhaas seine Frau und dann verfasste er einen Rechtsschluss mit einer Frist von „drei Tagen nach Sicht“ (31), für dessen Überbringung auch noch einmal mindestens zwei Tage angerechnet werden müssen.

„Genau am Tage nach dem Begräbnis meiner Frau“ (82) kann demnach nur als Floskel, nicht als Tatsache verstanden werden. Durch diese Ungenauigkeit des Zeitpunkts des Zusammentreffens zwischen der Zigeunerin und Kohlhaas, mutet also bereits die Darstellung ihres ersten Auftauchens mystisch-verworren an.

Darüber hinaus werden in den Szenen mit der Zigeunerin geheimnisvoll-magische Vokabeln benutzt. Von einer „wunderlichen Bewandtnis“, die es mit der Kapsel auf sich habe, ist in Kohlhaas Rückblick der Ereignisse die Rede und im Bezug auf die Zigeunerin spricht er von einer „wunderliche[n] Frau“ (82). Grimms Wörterbuch zu Folge wird der Begriff „wunderlich“ „ für die verschiedenen formen, vorgänge und gegenstände des übernatürlichen und übersinnlichen auf dem gebiete des zaubers und der magie“ angewendet.[5]

Der Kurfürst von Sachsen berichtet seinerseits ebenfalls über die Zigeunerin, die er als „abenteuerliche Frau“ (90) charakterisiert. Die Adjektive „sonderbar“ (91) und „geheimnisvoll“ (92) fallen, außerdem werden Substantive wie „Weissagung“, „Zeichen“ (90) und „Siegelring“ (92) genannt. Letzterer Ausdruck ist ein Kompositum aus dem Siegel, der ein „Symbol der Autorität und Bindung, eines Geheimnisses“[6] darstellt und dem Ring, welcher als „Symbol der Identität, Amtsautorität und Macht“[7] angesehen wird.

Es wird also deutlich, dass um die Zigeunerin auf der einen Seite ein mystisches, rätselhaftes Netz gesponnen wird, das aber auf der anderen Seite auch mit Stärke und Einfluss korrespondiert. Ferner wird die Zigeunerin hier als Gegenspielerin des Kurfürsten von Sachsen benannt, da der Siegelring „ auch oft die Funktion eines Siegelstempels [hat], durch welche[n] der legitime Amtsträger Schriftstücke als authentisch ausweisen kann.“[8] Genau diese Funktion gibt ihm die Zigeunerin nämlich am Ende der Erzählung, als sie Kohlhaas die letzte Warnung mit Hilfe eines Blattes zukommen lässt, „dessen Siegelring ihn […] sogleich an die bekannte Zigeunerin erinnerte“. (100) Die mystische Frau benutzt ihre Macht also dazu, Kohlhaas die Möglichkeit zu geben, den Kurfürsten von Sachsen „an Leib und Seele“ zu zerreißen. (103) Damit wird ihre Überlegenheit gegenüber dem sächsischen Repräsentanten des Rechts ausgedrückt.

Auch in der letzten Szene, in der die Zigeunerin dann auftaucht, wird sie mit Worten wie „geheimnisreich“ und „wunderlich“ (96) beschrieben. Damit wird also nochmals auf die Magie, das Übernatürliche, für das sie steht und das sie ausmacht, hingewiesen. So kann dann auch nicht bei einem involviert sein der Zigeunerin von Zufällen die Rede sein. Die märchenhafte Wendung „es traf sich“ (79, 81: „Nun begab es sich“) läutet die Verknüpfung des Schicksals des sächsischen Kurfürsten mit dem des Michael Kohlhaas ein. Eine übernatürliche Macht spielt mit, verknüpft die Stränge nach ihrem Belieben, so dass es sich trifft (94), dass der Kämmerer, der später „den ungeheuersten Mißgriff“ (96) begeht, nach Berlin reist, um den Zettel für den Kurfürsten an sich zu bringen. Außerdem „traf es sich, daß grade am Tage der Ankunft des Kämmerers, das Gesetz über [Kohlhaas] sprach, und er verurteilt ward mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gebracht zu werden.“ (94) Damit sind nun die Rahmenbedingungen für den letzten Auftritt der Zigeunerin geschaffen und „so traf es sich“ dann auch, dass der Kämmerer „in dem alten Trödelweib, das er in den Straßen von Berlin aufgriff, um die Zigeunerin nachzuahmen, die geheimnisreiche Zigeunerin selbst getroffen, die er nachgeahmt wissen wollte.“ (96) Der Erzähler gibt dazu an, dass „die Wahrscheinlichkeit nicht immer auf Seiten der Wahrheit“ (96) sei, das heißt also, dass diese Situation äußerst unwahrscheinlich ist, dass sie dadurch aber nicht unwahr sein muss. Die Zigeunerin bekommt somit nun die Möglichkeit, Kohlhaas zu warnen und ihm die Entscheidung zwischen Tod oder Leben zu überlassen. Bernhard Greiner spricht dabei von Zufall[9], doch muss bedacht werden, dass es sich bei der Zigeunerin um eine Frau handelt, die die Wissenschaft der Wahrsagerei betreibt. Nicht also der Zufall, sondern sie, die Zigeunerin hat als übernatürliche Macht die letzte Begegnung mit Kohlhaas eingefädelt, sie hat ihre magischen Kräfte angewendet. Die Sachlage in Jüterbock ist damit schließlich vergleichbar. Eine Tat, die die Voraussage der Zigeunerin als falsch deklarieren soll und damit auch fast unmöglich macht, ermöglicht gerade doch noch deren Bewahrheitung. Hier wird also besonders deutlich, dass dies eben kein Zufall sein kann, sondern vielmehr die Macht des Übernatürlichen, die Macht der Zigeunerin herausgestellt wird.

Abschließend kann gesagt werden, dass die Episoden mit der Zigeunerin von einer mystischen Atmosphäre umgeben werden. Der Zeitpunkt, wann genau Kohlhaas der Zigeunerin das erste Mal begegnet, ist sonderbar verschwommen und widersprüchlich und auch die Begebenheiten während ihrer Anwesenheit werden in ein übernatürliches Licht gerückt. Dazu gehört auch, dass Kohlhaas bei ihrer letzten Begegnung „eine sonderbare Ähnlichkeit zwischen ihr und seinem verstorbenen Weibe Lisbeth bemerkt[ ].“ (96) Dieses Kuriosum soll nun im Folgenden näher beleuchtet werden.

2.1 Die Zigeunerin als Wiedergängerin Lisbeths

2.1.1 Lisbeth

Lisbeth, die Ehefrau des Michael Kohlhaas, taucht lediglich im ersten Viertel der Erzählung auf. Sie wird als „sein treues Weib“ (16) beschrieben, das ihrem Mann zur Seite steht und ihm ihre volle Unterstützung zusichert:

„Hierauf erzählte er Lisbeth, […] die öffentliche Gerechtigkeit für sich aufzufordern, und hatte die Freude, zu sehen, daß sie ihn, in diesem Vorsatz, aus voller Seele bestärkte. Denn sie sagte, daß noch mancher andre Reisende, vielleicht minder duldsam, als er, über jene Burg ziehen würde; daß sein Werk Gottes wäre, gleich diesen, Einhalt zu tun; und daß sie die Kosten, die ihm die Führung des Prozesses verursachen würde, schon beitreiben wolle. Kohlhaas nannte sie sein wackeres Weib, erfreute sich diesen und den folgenden Tag in ihrer und seiner Kinder Mitte […]“ (20/21)

Durch dieses Zitat wird auch Lisbeths Argumentationsfähigkeit deutlich. Sie denkt an andere, denen gleiches Unrecht geschehen könnte, weiß Gott auf ihrer Seite und hat darüber hinaus die finanziellen Aufwendungen für ein solches Anliegen im Sinn. Lisbeth ist diejenige, die an das Wohl der Familie denkt. Wolf Kittler spricht in seinem Werk „Die Geburt des Partisanen aus dem Geist der Poesie“ davon, dass bei Kleist die Rolle der Frau auf das Ziel des Schutzes ausgerichtet sei. Sie soll die Hüterin der Liebe und der Verwandtschaft sein.[10] Lisbeth wird hier genau so dargestellt. Deshalb reagiert sie auch völlig entsetzt, als Kohlhaas nach der zugegeben dreisten Niederschlagung seiner Klage, Haus und Hof verkaufen möchte:

„Lisbeth, sein Weib, erblasste bei diesen Worten. Sie wandte sich, und hob ihr Jüngstes auf, das hinter ihr auf dem Boden spielte, Blicke, in welchen sich der Tod malte, bei den roten Wangen des Knaben vorbei, der mit ihren Halsbändern spielte […].“ (25)

Sie sieht ihre Familie, ihr Zusammenleben gefährdet und klammert sich instinktiv an ihr jüngstes Kind. Das Farbspiel zwischen weiß, durch das Erblassen Lisbeths und rot, durch die Wangen des Kindes, wirkt darüber hinaus wie der Gegensatz zwischen Tod und Leben. Rote Wangen als „ ein zeichen der frische, jugend, schönheit“[11] und das Erblassen als Todesbote - „erbleichend sterben“[12] notiert dazu das Grimmsche Wörterbuch. Hier deutet der Erzähler dem Leser also nicht nur das frühe Ableben Lisbeths an, vielmehr wird auch deutlich, dass sie selbst ihren Tod, der sich durch Kohlhaas Rachegedanken anbahnt, verzweifelt voraussieht: „Du brauchst jetzt nicht mehr, als Waffen und Pferde; alles andere kann nehmen, wer will!“ (28) Lisbeth ist bestürzt über den geplanten Alleingang ihres Mannes, der sie mit den Kindern nach Schwerin schicken möchte, ist aber nicht mutig genug, seinem Ansinnen zu widersprechen:

„Was soll ich tun? Soll ich meine Sache aufgeben? Soll ich nach der Tronkenburg gehen, und den Ritter bitten, daß er mir die Pferde wieder gebe, mich aufschwingen, und sie dir herreiten? – Lisbeth wagte nicht: ja! ja! ja! zu sagen – sie schüttelte weinend mit dem Kopf […]“ (28)

Eine resignierende Haltung, da sie weiß, dass sie Kohlhaas Rachegelüsten nichts mehr entgegenzusetzen vermag. Bereits zu diesem Zeitpunkt hat er nichts anderes mehr als Rache im Sinn: „Kohlhaas, der keine Freude mehr, weder an seiner Pferdezucht, noch an Haus und Hof, kaum an Weib und Kind hatte […].“ (24) Um ihrem Ehemann aber dennoch beizustehen und nicht nach Schwerin abgeschoben zu werden, beweist Lisbeth aber durch ihren „Einfall“ (28) großen Mut. Entschlossen überredet sie Kohlhaas, sie statt seiner mit der Bittschrift nach Berlin zu schicken, um die Klage dem Landesherrn persönlich zu überbringen. „Kohlhaas, der von ihrem Mut, sowohl, als ihrer Klugheit, mancherlei Probe hatte“, (29) nimmt ihre plötzliche Idee fatalerweise an, denn bei diesem Vorhaben wird Lisbeth schwer verwundet und nach Kohlhaasenbrück zurückgebracht. Dort liegt sie im Sterben, vermittelt ihrem Mann aber noch kurz vor ihrem Tod folgenden Bibelvers: „Vergib deinen Feinden; tue wohl auch denen, die dich hassen.“ (30) Lisbeth bittet Kohlhaas also darum, seinen Widersachern mit Milde und Gnade zu begegnen und die Tugend der Vergebung zu beherzigen. Kohlhaas Rachevorhaben soll nicht noch mehr Opfer und Gewalt fordern, Lisbeth erinnert an den Wert des Friedens.

Insgesamt kann die Ehefrau des Michael Kohlhaas also als kluge, mutige Frau beschrieben werden, der die Unterstützung ihres Mannes wichtig ist. Sie steht zunächst „aus voller Seele“ (20) hinter ihm und seinem Vorsatz, sich Gerechtigkeit verschaffen zu wollen, ist aber, als sie im Sterben liegt, nicht bereit dieses Vorhaben über das friedliche Leben der Familie zu stellen, so dass sie von Kohlhaas um Vergebung für den Gegner bittet.

2.1.2 Zigeunerin

Im Gegensatz zu Lisbeth taucht die Zigeunerin im letzten Viertel der Erzählung auf. Eine Gegenüberstellung der beiden Personen ist also schon durch den strukturellen Aufbau des Textes gegeben. Anders verhält es sich aber, wie bereits im zweiten Kapitel dargelegt, mit der Chronologie. Die Zigeunerin taucht zeitlich relativ rasch nach Lisbeths Tod auf. Anders gesagt, direkt nachdem Kohlhaas Kohlhaasenbrück verlässt, trifft er auf die Zigeunerin. Dies stellt einen wichtigen Ausgangspunkt dar, der aber oft übersehen wurde. Dirk Grathoff schreibt in seinem Aufsatz, dass Kohlhaas im Gespräch mit Luther den Tod seiner Frau anführe, „von der er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wußte, daß sein mächtiger Autor Kleist sie hat auferstehen lassen“.[13] Diese Aussage muss als unzutreffend eingestuft werden, da Kohlhaas die Zigeunerin zu diesem Zeitpunkt schon gesehen hat. Der Leser erfährt dies zwar erst im letzten Viertel der Erzählung durch Kohlhaas‘ Darstellung und der Erzählung des sächsischen Kurfürsten, aber wichtig ist, dass Kohlhaas der Zigeunerin schon begegnet ist und sie nicht als Lisbeth erkannt hat. Die Zigeunerin ist demnach zwar ein Ersatz für die verstorbene Ehefrau, stellt aber nicht die auferstandene Lisbeth dar. Sie kann also nicht eins zu eins als Wiedergeburt Lisbeths verstanden werden, wie es Michael Grathoff[14] annimmt und wie es auch vielfach in der weiteren Sekundärliteratur doch allzu häufig unterstellt wird.

Diethelm Brüggemann meint zu dieser Thematik:

„Kohlhaas wurde durch Zigeunerin und Trödelweib nicht lediglich an sein Eheweib Elisabeth erinnert, sondern diese selber ist und war sowohl die Zigeunerin als auch das Trödelweib.“[15]

Diese Aussage soll im Folgenden noch näher untersucht werden.

Während freilich zu Beginn die Ehefrau des Michael Kohlhaas an seiner Seite stand und ihn unterstützte, so übernimmt diese Aufgabe nun ihre Wiedergängerin, die Zigeunerin: „ein Amulett, Kohlhaas, der Roßhändler; verwahr es wohl, es wird dir dereinst das Leben retten!“ (83) Es wird deutlich, dass sie Kohlhaas schützen möchte, jedoch verlangt sie nicht, wie einst Lisbeth, Vergebung für den Widersacher. Beide Frauen haben also Ähnliche, aber nicht gleiche Ziele.

Am Ende der Erzählung, an dem die Zigeunerin dann für den Leser das erste Mal persönlich auftaucht, wird sie dann ganz deutlich als Revenante Lisbeths vorgestellt:

„Der Roßhändler, der eine sonderbare Ähnlichkeit zwischen ihr und seinem verstorbenen Weibe Lisbeth bemerkte, dergestalt, daß er sie hätte fragen können, ob sie ihre Großmutter sei: denn nicht nur, daß die Züge ihres Gesichts, ihre Hände, auch in ihrem knöchernen Bau noch schön, und besonders der Gebrauch, den sie davon im Reden machte, ihn aufs lebhafteste an sie erinnerten: auch ein Mal, womit seiner Frauen Hals bezeichnet war, bemerkte er an dem ihrigen […]“ (96/97)

Kohlhaas sieht hier also eine äußerliche Vergleichbarkeit mit Lisbeth, nicht aber seine Ehefrau selbst, viel mehr eine Anverwandte. Wie Lisbeth zuvor, so steht die Zigeunerin Kohlhaas nun auch mit Rat und Tat zur Seite. Von dem Zettel, den sie ihm beim ersten Treffen gegeben hatte, um ihm das Leben zu retten, sollte er auch jetzt noch „den Gebrauch […] machen, […] [ihn] für Freiheit und Leben an den Kurfürsten von Sachsen auszuliefern“. (97) Sie will der Gewalt ein Ende setzen und Kohlhaas Leben schützen. Allerdings überlässt sie ihm die endgültige Entscheidung, sie überredet ihn nicht.

Eine weitere Gemeinsamkeit mit Lisbeth besteht darin, dass auch die Zigeunerin das jüngste Kind auf ihren Schoß nimmt: „Die Frau, inzwischen sie das Jüngste, das sich zu ihren Füßen niedergekauert hatte, auf den Schoß nahm […].“ (97) Damit möchte sie, wie Lisbeth zuvor, auf den Wert des friedlichen Lebens der Familie aufmerksam machen.

Die Zigeunerin kann also als eine Art Doppelgängerin Lisbeths verstanden werden. Der Hund mag sie, scheint sie sogar zu erkennen: „Die Frau, während der alte Hund des Kohlhaas ihre Kniee umschnüffelte, und von ihrer Hand gekraut, mit dem Schwanz wedelte […]“ (97) und auch der Kastellan, der „in früheren Zeiten“ um Lisbeth „geworben habe“, (29) ist nach dem Anblick der Zigeunerin sonderbar aufgewühlt, da er „verstört im Gesicht“ (100) „an allen Gliedern zu zittern schien“ (101). Das „Metzler Lexikon literarischer Symbole“ spricht beim „Doppelgänger“ von einem „Symbol der Beziehung zwischen Immanenz und Transzendenz“. Dort heißt es, dass Mythen von himmlischen und irdischen Zwillingspaaren beziehungsweise „von je einem sterblichen und einem unsterblichen Zwilling“ berichten.[16] Danach wäre Lisbeth der sterbliche, der irdische Zwilling, während die Zigeunerin den unsterblichen, den himmlischen Doppelgänger darstellen würde. Damit ist dann auch ihre Ähnlichkeit, nicht aber ihre Gleichheit ausgedrückt. Das zeigt auch der Name an. Die Ehefrau des Kohlhaas heißt Lisbeth und wird im ganzen Werk nicht anders genannt, während die Zigeunerin sich mit ihrer Unterschrift als Elisabeth zu erkennen gibt. Der irdische Zwilling trägt demnach die Kurzform des Namens des himmlischen, mächtigeren Zwillings, der den vollen Namen erhalten hat.

Da wir hier nun bereits im Bereich des Übernatürlichen sind, so könnte auch noch die Zahlensymbolik der Ziffer drei beleuchtet werden, die im gesamten Werk und vor allem in Verbindung mit der Zigeunerin immer wieder auftaucht. Vielleicht gelingt es nämlich mit Hilfe dieser, einen noch besseren Blick auf die Verbindung zwischen Lisbeth und der Zigeunerin zu bekommen und so auch die Reaktion des Hundes und des Kastellanen besser erklären zu können.

[...]


[1] Doering, Sabine, Heinrich von Kleist, Ditzingen 2006, S.63

[2] Greiner, Bernhard, Verkörperung des Ideellen als Akt des Erzählens, Michael Kohlhaas, Rechtschaffenheit als Ausschweifung des Ideellen, in: Kleists Dramen und Erzählungen, Tübingen, Basel 2000, S. 329

[3] Zitiert nach folgender Ausgabe: Kleist, Heinrich von, Sämtliche Erzählungen und Anekdoten, hrsg. mit einem Nachwort, Anmerkungen, einer Zeittafel und Literaturhinweisen von Helmut Sembdner, 17. Auflage, München August 2005, S. 82

Im Folgenden werden die Seitenzahlen hinter den Zitaten in Klammern gesetzt.

[4] Brüggemann, Diethelm, Kleist. Die Magie, Der Findling - Michael Kohlhaas - Die Marquise von O… - Das Erdbeben in Chili - Die Verlobung in St. Domingo - Die heilige Cäcilie oder die Gewalt der Musik, Würzburg 2004, S. 111

[5] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, 16 Bände (in 32 Teilbänden), Leipzig 1854-1960, Band 30, Spalten 1903ff.

[6] Metzler Lexikon literarischer Symbole, hrsg. von Günter Butzer und Joachim Jacob, Stuttgart 2008, S. 349

[7] ebenda, S. 299

[8] ebenda

[9] Greiner, Bernhard, Verkörperung des Ideellen als Akt des Erzählens, Michael Kohlhaas, Rechtschaffenheit als Ausschweifung des Ideellen, in: Kleists Dramen und Erzählungen, Tübingen, Basel 2000, S. 343

[10] Kittler, Wolf, Die Geburt des Partisanen aus dem Geist der Poesie. Heinrich von Kleist und die Strategie der Befreiungskriege, Freiburg im Breisgau 1987, S. 294

[11] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, 16 Bände in 32 Teilbänden, Leipzig 1854-1960, Band 14, Spalten 1287ff.

[12] ebenda Band 3, Spalten 728f.

[13] Grathoff, Dirk, Michael Kohlhaas, in: Interpretationen. Kleists Erzählungen, hrsg. von Walter Hinderer, Stuttgart 1998, S. 60

[14] Grathoff, Dirk, Michael Kohlhaas, S. 58ff.

[15] Brüggemann, Diethelm, Kleist. Die Magie, S. 121

[16] Metzler Lexikon literarischer Symbole, hrsg. von Günter Butzer und Joachim Jacob, Stuttgart 2008, S. 441

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640867684
ISBN (Buch)
9783640867776
Dateigröße
568 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168866
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Deutsches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
rolle zigeunerin heinrich kleists erzählung michael kohlhaas

Autor

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Titel: Die Rolle der Zigeunerin in Heinrich von Kleists Erzählung 'Michael Kohlhaas'