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Textanalyse zu Friedrich Schlegel: Über die Unverständlichkeit

Hausarbeit 2010 6 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Textanalyse zu Friedrich Schlegel: Über die Unverständlichkeit

Seminar: Zwischen Poetik und Philosophie. Ästhetische Theorie von Schlegel bis Nietzsche (EMOP/ EUL-2)

Sommersemester 2010

Textanalyse:

Schlegel beleuchtet in seinem Text verschiedene Aspekte der Unverständlichkeit. Der menschliche Verstand mag vermuten, dass der Grund des Unverständlichen, im Unverstand liege (S. 363), was aber Schlegel nach mehr oder minder falsch ist, da er beweisen will, dass Unverständlichkeit relativ ist (S.364). Denn durch Unverstand, kann man erst zum Verstand gelangen. Wer erkennt, dass er nicht wissend ist, der macht es sich zum Ziel zu verstehen und denkt, auch wenn dies ein unendlicher Prozess zu sein scheint. Weiter führt er an, dass man sich oft über die Unverständlichkeit des Athenaeums beklagt, sodass ein Kunstrichter im BERLINER ARCHIV DER ZEIT es gegen diese Vorwürfe am Beispiel des Fragments von den drei Tendenzen verteidigt. [...] „Dieses Fragment schrieb ich in der redlichsten Absicht und fast ohne alle Ironie“ (S. 366).

„Warum soll ich Missverständnisse darbieten, wenn niemand sie ergreifen will?“ (S. 367). Also, warum soll man den Menschen Gelegenheit bieten ein Stück Verständigkeit zu erhalten, wenn sie lieber im Unverstand verharren? Ironie ist ein weites Feld an Unverständlichkeit, die auch als eigenlebig angesehen zu werden scheint: „[...] wenn die Ironie wild wird, und sich gar nicht mehr regieren lässt.“ (S. 369). Sie ist also ein willkürliches Mittel, das dazu gebraucht werden kann, den Menschen zu verwirren und Unverständlichkeit hervor zu rufen. Schlegel spricht zum Ende seines Textes darüber, dass es uns bange würde, wäre die ganze Welt auf einmal verständlich (S.370), so kann Ironie auch als Gut verstanden werden, dass dazu beiträgt die Unverständlichkeit zu erhalten, die wir brauchen, damit es überhaupt zum Verstehen kommen kann und, dass man immer weiter denkt und sich bilden will.

Schlegel beginnt seinen Essay „Über die Unverständlichkeit“ mit der Überlegung, dass es Gegenstände des menschlichen Nachdenkens gibt, die den Menschen zu immer tieferem Nachdenken reizen. Wenn man sich in diesen Reizen verliert, so werden diese zu einem Gegenstand, den man je nachdem als Natur der Dinge oder als Bestimmung des Menschen charakterisieren kann (vgl. S. 363). Schlegels Aussage ist also, dass der Mensch durch Nachdenken nur zu weiterem Nachdenken gebracht wird, dass also Fragen zu neuen Fragen führen. Die Unverständlichkeit und das daraus resultierende Nachdenken liegt in unserer Natur. Das Denken selbst ist schon Unverständlichkeit, sonst würde man nicht denken, wenn man die Antwort schon wüsste. Dieser Prozess lässt sich immer weiter führen und ist unendlich. Nachdenken wird von Schlegel als unsere Natur oder Bestimmung bezeichnet. Er sagt damit, dass die Fähigkeit zu hinterfragen, Antworten zu finden, aber damit gleich neue Fragen aufzuwerfen, den Menschen ausmacht. Der Mensch wird also dadurch definiert, dass er fragt und denkt mit der Intention alle Antworten irgendwann zu finden.

Gleich zu Anfang spricht er auch vom Athenaeum, ein wichtiges Journal der Frühromantik, das von den Brüdern Schlegel herausgegeben wurde. Es bietet Gelegenheit verschiedenste Ideen anderen mitzuteilen, unabhängig davon ob diese letzten Endes dann auch verstanden werden können. Das Athenaeum wird von seinen Lesern oft kritisiert, da das Wesentliche der Schriften ihnen verborgen bleibt. Schlegel sagt, dass für die Unverständlichkeit im Athenaeum in hohem Maße die Ironie verantwortlich sei (Seite 368). Jeder legt die Ironie so aus, wie er sie auslegen will, also so, dass sie zu seinem Charakter passt. Der Mensch versteht in der Ironie, was er verstehen will. Das was er versteht, ist für ihn das Richtige, aber für den anderen ist das Verstandene des einen wieder falsch und etwas anderes ist für ihn richtig. Unverständlichkeit ist also nicht wegzudenken, vor allem damals nicht, als die Texte erschienen.

Weiter erklärt Schlegel, dass es verschiedene Arten der Ironie gibt: die grobe Ironie, die feine oder die delikate, die extrafeine Ironie (Sarkasmus), die redliche, die dramatische, die doppelte und schließlich die Ironie der Ironie (S. 369).

Die Ironie der Ironie scheint eine tückische Form von Ironie zu sein. Schlegel schreibt von ihr als eine Form der Ironie aus der man nicht mehr herauskommen kann, als eine Form, die zur Manier werden kann und so ihren Dichter wieder ironiert, oder, wenn die Ironie wild wird und sich gar nicht mehr regieren lässt (vgl. S. 369). Schlegel sieht Ironie als eine effektive Form der Unverständlichkeit, die den Leser ganz bewusst vom Verstehen abzulenken sucht, was aber wiederum als positiv gewertet werden könnte, da der Mensch dadurch nur noch mehr nachdenkt . Detlef Kremer schreibt in seinem Aufsatz über die Ironie bei Schlegel: „Romantische Ironie soll den sichtbaren Nachweis des Unendlichen im endlichen literarischen Kunstwerk führen und ist damit auf eine innere Ambivalenz verpflichtet, die weniger ihre theoretischer Grenze als ihre praktische Produktivität im Sinne eines unendlichen literarischen Prozesses beschreibt.“ (Detlef Kremer: Romantik. S. 94). Die Ironie hält also die Unverständlichkeit lebendig, denn wenn sie in einem Text geschrieben steht, so sorgt sie doch bei jedem Leser aufs neue für Unverständnis und Suchen nach Verständnis. So schreibt auch Schlegel, dass diese rethorische Figur eine sehr nachhaltige ist. So seien zum Beispiel Shakespeares Werke so tiefsinnig und tückisch, dass sie die Nachwelt wahrscheinlich immer wieder zu täuschen in der Lage sein werden. Die Ironie der Texte überlebt ihre Schreiber (Über die Unverständlichkeit S. 370) und sorgt so für immer fortwährenden Unverstand.

Aber die Unverständlichkeit sei in der romantischen Hermeneutik die Regel (vgl. Madleen Podewski: Konzeptionen des Unverständlichen um und nach 1800, S. 55) und die Verständlichkeit ist nichts, was sich einfach offenbart, sondern sie muss „gewollt und gesucht werden“. Ohne die Unverständlichkeit gäbe es auch kein Verstehen; das eine ist mehr oder weniger vom anderen abhängig. Dadurch, dass der Mensch nicht in der Lage ist, alle gegebene Umstände zu verstehen, ist er mehr oder weniger gezwungen sie zu ergründen. Wenn er das eine verstanden hat, so wird es nicht lange dauern, bis es ihn zum Nächsten führt, was er zu verstehen sucht. Unverständlichkeit führt also durch Nachdenken zur Verständigkeit, aber durch diese, tun sich neue Fragen auf, die der Mensch zu beantworten versucht. Verstand ist also das Resultat des Unverstandes und umgekehrt. In der romantischen Hermeneutik ist es auch nie sicher, ob der Leser den Autor, so auch im Athenaeum, verstanden hat, es bleiben also nur Vermutungen. Aber ist es laut Schlegel nicht das, wonach der Mensch stets streben soll? Schlegel ist fester Überzeugung, dass die Unverständlichkeit keinesfalls etwas Schlechtes sei: „Mich dünkt das Heil der Familien und der Nationen beruht auf ihr [...] (S.370).“ Vielleicht meint er damit, dass, wenn die Unverständlichkeit nicht mehr bestünde, dann gäbe es auch keine Konflikte, die gelöst werden müssten, keine Probleme, die es zu diskutieren gilt, keine Lösungen, die man für ein friedliches Zusammenleben finden muss und ein großer Teil an Kommunikation fiele wahrscheinlich auch weg. Laut Schlegel brauchen wir quasi Unverständlichkeit und es ist anzunehmen, dass unser Bewusstsein gar nicht wahrnimmt und gar nicht erkennen kann wie viel eigentlich auf ihr beruht. Das menschliche Bewusstsein kann die Bedeutung der Unverständlichkeit wahrscheinlich nur schwer erfassen, da der Mensch ja danach strebt Antworten zu finden und zu Erkenntnis zu erlangen. Es wäre allerdings nicht gutzuheißen, wenn alle Widersprüche sich auflösten, weil damit der ewige „Kampf“ des Menschen mit sich selbst und dem eigenen Unverstand, aufhörte. Man würde sich quasi in seiner Allwissenheit sonnen und sich damit vielleicht sogar Gott ähnlicher fühlen. Für das Mensch-Sein ist es notwendig, dass es Widersprüche und Dinge gibt, die unverständlich bleiben, denn fragen und denken machen uns schließlich aus.

„Wahrlich, es würde euch Angst und Bange werden, wenn die ganze Welt, wie ihr es fordert, einmal im Ernst durchaus verständlich würde.“ (S. 370). Die Absolute Verständlichkeit von allem wäre also nicht wünschenswert. Die totale Erkenntnis mag verlockend klingen, aber wenn man sich Schlegels Ansichten anschließt, dann würde dies auch gleichzeitig das Ende des Nachdenkens bedeuten, wenn sich die Unverständlichkeit auflöst. Übertrieben gesehen, wenn sich absolut alles offenbaren würde, wenn alles offensichtlich wäre, dann gäbe es theoretisch keinen Anlass mehr für Gespräche oder Kommunikation, da ja jeder alles schon weiß und nichts mehr sich irgendwie verbirgt. So könnte man Schlegels Furcht vor dem totalen Verständnis deuten.

Laut Schlegel wird mit dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, zwar nicht das absolute, aber ein großes Maß an Verständlichkeit kommen. Er schreibt von „Morgenröte“, die „Siebenmeilenstiefel“ angezogen hat, vom „Himmel, der in Flammen brennen wird“.

„Dann nimmt das neunzehnte Jahrhundert in der Tat seinen Anfang, und dann wird auch jedes kleine Rätsel von der Unverständlichkeit des Athenaeums gelöst sein. Welche Katastrophe!“ (S. 370). Unklar bleibt allerdings, wie er zu der Annahme kommt, dass die Menschen im neunzehnten Jahrhundert auf einmal zu größerem Verstehen in der Lage sein werden als früher. Schlegel sagt, dass das Verhältnis von Verstand und Unverstand immer klarer werden wird und noch viel Unverständlichkeit hervor kommen muss (S. 371), wenn eintritt was er prognostiziert und die Menschen ihr Verstehen ausweiten.

„Eine klassische Schrift muss nie ganz verstanden werden können. Aber die welche gebildet sind und sich bilden, müssen immer mehr daraus lernen wollen.“ (S. 371). Eine einfach formulierte, aber ausdrucksstarke Maxime Schlegels: Der, der fragt, ist schon einen Schritt weiter als der, der akzeptiert und es dabei belässt und sich mit seinem vorhandenen Wissen zufrieden gibt. Der Mensch muss nicht alles verstehen, um als gebildet zu gelten, er muss es nur verstehen wollen. Zwar ist es wichtig, dass Unverständlichkeit bestehen bleibt, um das Mensch-Sein beizubehalten, aber es ist dennoch natürlich und auch wünschenswert, dass wir immer nach Allwissenheit streben, auch wenn wir sie nie erreichen werden.

Schlegel sagt selbst, dass es nicht die Unverständlichkeit sei, die ihm zuwider ist, sondern, dass es der Unverstand ist: „...dass ich den Unverstand durchaus nicht leiden kann...“ (S. 363). Schlegel prangert zu Beginn seines Textes den „Unverstand der Verständigen“ an. Damit sind vermutlich diejenigen gemeint, die denken, sie wären wissend, und sich nicht weiter bemühen. Was sie jedoch nicht einsehen, ist, dass sie mit ihrer Ignoranz und der Ansicht, sie wüssten schon, eben genau dies nicht tun. Diejenigen, die auch nicht erkennen, dass eben der Unverstand sie zu neuen Erkenntnissen und zu neuem Verstand bringt. Schlegel verfolgt nicht die Intention, dass der Mensch alles wissen soll, im Gegenteil, es soll immer offene Fragen geben, die wir zu beantworten suchen.

Aber das Ziel ist nicht die Verständlichkeit aller Dinge, die bisher der Unverständlichkeit unterstellt waren, das Ziel ist der Weg dahin, auch wenn wir vielleicht nie ankommen. Das Verstehen liegt gleichzeitig auch im Nichtverstehen, denn Schlegel sagt, wenn man die Unverständlichkeit begreift, also anerkennt, dass man nicht alles versteht, dann hat man mit dieser Einsicht schon an Erkenntnis, also an Verständlichkeit gewonnen. Wenn der Mensch in der Lage ist, zu sehen, dass er nie die den vollkommenen Verstand erreichen wird, sondern, dass er die Unverständlichkeit braucht, damit er fragt, damit er sucht, um zu sein. Dann hat er verstanden, dass er nie alles verstehen kann und nie alles verstehen wird und, dass genau diese Einsicht ihn zum gebildeten Menschen macht.

Jemand, der sich in der Sicherheit wiegt, dass kein Unverständnis vorliegt, der denkt auch nicht weiter nach, sondern verbleibt in seiner „Erkenntnis“ und steht sich so eigentlich selbst im Weg. Diejenigen, die sich immer weiter bilden wollen und versuchen die Welt zu verstehen, werden vermutlich, wie Schlegel, die Unverständlichkeit als ihren Antrieb von allem betrachten, der sie immer dazu bringen wird nachzudenken und ihr Streben niemals aufzugeben.

[...]

Details

Seiten
6
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640869817
Dateigröße
419 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168920
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
unbenotet (bestanden)
Schlagworte
textanalyse friedrich schlegel unverständlichkeit

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Titel: Textanalyse zu Friedrich Schlegel: Über die Unverständlichkeit