Lade Inhalt...

Der Begriff „Behinderung“ – Darstellung unterschiedlicher Sichtweisen und deren Folgen für die Sonderpädagogik als Profession

Bachelorarbeit 2006 47 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Der Behinderungsbegriff in ausgewählten traditionellen Ansätzen der Heil- und Sonderpädagogik
2.1 Allgemeines zum Begriff der Behinderung
2.2 Medizinischer Ansatz
2.3 Ökologischer Ansatz
2.4 Materialistischer Ansatz

3 Auswirkungen dieser Begriffsverständnisse auf die Heil- und Sonderpädagogik als Profession
3.1 Auswirkungen auf Diagnostik und Förderung
3.1.1 Medizinischer Ansatz
3.1.2 Ökologischer Ansatz
3.1.3 Materialistischer Ansatz
3.2 Auswirkungen des gewandelten Begriffsverständnisses

4 Aspekte neuerer Konzepte als Beurteilungskriterien für obige Ansätze
4.1 Darstellung neuerer Konzepte
4.2 Diskussion über den Begriff der Behinderung
4.3 Klassifikation
4.3.1 Diagnostik
4.3.2 Institutionalisierung
4.3.3 Zusammenfassung
4.4 Entsolidarisierung mit Behinderten
4.5 Grundlegende Kategorien der Heil- und Sonderpädagogik
4.5.1 Diskrepanz zwischen Disziplin und Profession
4.5.2 Prozess der Wissensbildung
4.5.3 Normativität
4.5.4 Zusammenfassung

5 Zusammenfassende Gegenüberstellung und mögliche Auswirkungen auf die Heil- und Sonderpädagogik als Profession

6 Abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Welche Personen bezeichnen wir in unserer Gesellschaft als „Behinderte“?

Sind es Menschen mit unveränderbaren Defiziten, Menschen, die den Leistungs­an­­forderungen in Schule oder Beruf nicht gewachsen sind oder Menschen, die in unserer von Nichtbehinderten dominierten Gesellschaft isoliert und entmachtet werden? Und wodurch sind diese Menschen behindert, durch ihren Körper, die gesell­schaftlichen Anforderungen oder andere soziale und politische Barrieren?

Fragen wie diese machen die Komplexität des Behinderungsbegriffes deutlich. Sie ist nicht nur ein Problem des Alltagsverständnisses von Behinderung, auch die verschiedenen heil- und sonderpädagogischen Erklärungsansätze gehen von unter­schiedlichen Begriffsverständnissen aus. Dies werde ich anhand von drei Ansätzen darstellen. Aus der Vielzahl von theoretischen Modellen habe ich mich für die Darstellung des medizinischen, ökologischen und materialistischen Ansatzes entschieden, da bei diesen die Entwicklung des Begriffes in den letzten Jahr­zehnten deutlich wird: von einem medizinischen und defektorientierten Ver­ständ­nis zur Betrachtung von Behinderung in ihrer sozialen Konstruktion. Diese Entwicklung hat natürlich Auswirkungen auf die Vorstellung von sonder­päda­go­gischem Handeln, die Profession der Sonderpädagogik, was ich anschließend im ersten Teil meiner Arbeit darstellen werde. Im Alltag der Betroffenen hat sich dieses gewandelte Begriffsverständnis allerdings kaum niedergeschlagen – es herrscht noch immer ein Denken vor, dass auf Defektorientierung, Klassifi­zierung und Institutionalisierung beruht.

Auf der Suche nach den Gründen dafür stieß ich auf die Disability Studies, eine sich in Deutschland neu formierende wissenschaftliche Orientierung. Die inter­disziplinär arbeitenden Autoren stellen theorieübergreifend Fragen nach der gesell­­schaft­lichen Konstruktion und Funktion von Behinderung und damit eng zusammen­hängenden Kategorien der Heil- und Sonderpädagogik, wie Klassifi­ka­tion, Entsolidarisierung oder Normativität. Im zweiten Teil meiner Arbeit stelle ich diese Reflexionen dar und untersuche, wie die traditionellen Ansätze mit diesen umgehen.

Hat diese kritische Auseinandersetzung bei den traditionellen Ansätzen vielleicht gefehlt und könnte darin der Grund für die obengenannte unzu­reichen­de Widerspiegelung des veränderten Begriffsverständnisses in gesellschaftlichen Praxen liegen? Könnte durch eine veränderte wissenschaftliche Auseinander­setzung, wie es die Disability Studies praktizieren, ein gewandelter Behin­de­rung­s­­begriff gesellschaftlich und politisch besser verankert werden? Dies sind die Fragen, mit denen ich mich abschließend beschäftige.

2 Der Behinderungsbegriff in ausgewählten traditionellen Ansätzen der Heil-­­ und Sonderpädagogik

2.1 Allgemeines zum Begriff der Behinderung

„Behinderung“ ist in der Pädagogik ein relativ junger Begriff. Zwischen 1900 und 1920 wurde ein erstes, auf die Klientel bezogenes, disziplinäres Konstrukt ent­wickelt, das als Vorläufer des Begriffes „Behinderung“ gelten kann: die Katego­rie der „Seelenschwäche“. Im Reichsschulpflichtgesetz des Naziregimes von 1938 wurde der Besuch der verschiedenen Sonderschultypen für „geistig und körperlich behinderte“ Kinder geregelt; es gab also zuerst Begriffs­zusam­men­setzungen, die bestimmte Behinderungsarten beschreiben sollten. Der unbe­stim­mte Begriff „Behinderung“ tauchte Anfang der 60er Jahre im Zusammen­hang mit zu gewährender Eingliederungshilfe im Sozialrecht auf.

Erst in den 70er Jahren wurde er in der deutschsprachigen Heil- und Sonder­pädagogik zum konstituierenden Zentralbegriff. Dazu trug im wesentlichen Ulrich Bleidick mit seinem 1971 erschienen Werk die „Pädagogik der Behin­der­ten“ bei, in dem er den Behinderungsbegriff weit ausholend und ausführlich diskutiert. Bleidick verwendet einen erziehungswissenschaftlichen Behinde­rungs­begriff, d.h. es sind nur diejenigen Behinderungen von Bedeutung, bei denen es zu einer Störung der Bildsamkeit kommt (vgl. Sander, 1994, S.100 ff.).

Bis heute beschäftigt die Heil- und Sonderpädagogik ein Dilemma: einerseits ist der Behinderungsbegriff konstituierend für die Disziplin und soll dazu bei­tra­gen, Hilfen zielgerichtet anzubringen und Ausgrenzung entgegenzuwirken. Anderer­seits sind aber Behinderungskategorien nicht absolut und objektiv, sondern immer relational und relativ.

Die Relativität des Behinderungsbegriffes wird auf verschiedenen Ebenen deut­lich: es gibt weder national, noch international eine einheitliche, allgemein aner­kannte Begriffsdefinition. Je nach theoretischer Sichtweise der Entstehung von Behinderung werden verschiedene Definitionen favorisiert, die für die Be­trof­fenen unterschiedliche Folgen haben (s. Punkt 3.1). Zudem kann Behinde­rung nur vom jeweiligen sozialen Kontext her definiert werden, es gibt also keine objek­tive Abgrenzung zwischen behindert und nichtbehindert (Haeberlin, 1996, S.71).

Trotzdem ist der Behinderungsbegriff auch heute noch der zentrale und konstitu­ierende Begriff für die Disziplin der Heil- und Sonderpädagogik und zudem der Dreh- und Angelpunkt jeder Behindertenpolitik. Wie sich das Begriffs­verständnis in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat, lässt sich gut an den Definitionen der WHO nachvollziehen, die als länder- und fachüber­grei­fende Klassifikationen angelegt sind (vgl. Hirschberg, 2003, S.117 ff.):

1980 wurde die ICIDH (Internationale Klassifikation der Schädigungen, Beein­träch­tigungen und Behinderungen) herausgegeben. Dieses Modell beinhaltet drei Dimensionen, die als Normabweichungen definiert sind und im Sinne des medi­zinischen Ursache-Wirkungs-Prinzips klar aufeinander aufbauen: Eine Krank­heit oder Gesundheitsstörung hat eine Schädigung zur Folge. Diese kann zu einer Beeinträchtigung (eine individuelle Einschränkung der Ausführungs­fähig­keiten eines Menschen) oder zu einer Behinderung (eine gesellschaftliche Benachteiligung und eine fehlende Erfüllung der sozialen Rolle) oder zu beidem führen.

Die neuere Version ist 2001 in Form der ICF (Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) entstanden (DIMDI, 2006). Die drei Dimensionen der ICIDH sind in neutralerer Sprache formuliert (Körper­funk­tionen und –strukturen, Aktivität und Partizipation) und um die Kom­po­nen­ten Umweltfaktoren, soziales Umfeld und personenbezogener Kon­text ergänzt worden. All diese Komponenten sind interaktiv vernetzt und stehen in dynamischem Verhältnis zueinander. Hier wird die Erweiterung um soziale Behinderungskomponenten deutlich im Gegensatz zum medizinischen Krank­heits­modell der ICIDH.

Im Folgenden werde ich drei ausgewählte theoretische Ansätze darstellen und deren Begriffsverständnis von Behinderung erläutern.

2.2 Medizinischer Ansatz

Dem medizinischen oder auch individuumszentrierten Ansatz liegen klassisch-naturwissenschaftliche Denkweisen zugrunde. Als ein wichtiger Vertreter sei hier Descartes genannt, der im 17. Jahrhundert das Denken des Rationalismus geprägt hat: Das gesamte Universum und auch der Mensch funktionieren hier­nach wie eine Maschine, nach mechanischen Gesetzen und mit definitiven Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen. Vor allem in der Medizin werden auch heute noch Grundlagen dieser Auffassung deutlich: Krankheit wird als Fehl­funktion der „Maschine Körper“ verstanden. Deren Ursachen sucht der Medi­zi­ner in funktionellen Abläufen, die dann wieder in den Normalzustand zurück­versetzt werden sollen.

Bis in die 60er Jahre wurde auch im sonderpädagogischen Kontext haupt­säch­lich auf dieses Denkmodell zurückgegriffen. Das heißt, Auffälligkeiten und Abweichungen vom Normalzustand eines Menschen wurden als Folge einer Schä­digung des physischen Organismus angesehen. Nach Balgo (2002, S.25) ist „der Fokus des wissenschaftlichen und praktischen Interesses individuums­zen­triert“ auf den Einzelnen gerichtet, „wobei die Ursachen der beobachteten Auf­fäl­lig­keiten in seiner Person verortet werden“. Der eigentlich rein für die körper­liche Ebene entwickelte individuumszentrierte Krankheitsbegriff wird hier auf alle Ebenen des Menschseins angewendet, z.B. auf den Interaktions- und Kommu­ni­kations­bereich wie Sprechen, Verhalten oder Lernen. Dadurch wird die Bedeutung des sozialen Kontextes negiert (vgl. Balgo, 2002, S.27). Hermes (2006, S.17) betont sogar, dass „soziale Benachteiligungen behinderter Menschen ... im medizinischen Erklärungsmodell als unabänderliche Folge per­sön­­licher Defizite gesehen“ werden.

Mit dieser Sichtweise als Denkhintergrund wurden Begriffe wie Behinderung, Störung, Defekt, Schädigung, Dysfunktionalität in die Disziplin der Heil- und Sonderpädagogik eingeführt, bzw. aus anderen Wissenschaften – hauptsächlich der Medizin - übernommen (vgl. Loeken, 2006, S.238). All diesen Begriffen gemein­sam ist die Orientierung an einer Norm und einem durch eine Abweich­ung entstandenem Defizit.

Als ein Beispiel einer Definition von Behinderung nach dem medizinischen

Denk­modell möchte ich Bach zitieren (Bach, 1975, S.9, zit. nach Sander, 1994,

S.101):

„ Behinderungen sind individuale Beeinträchtigungen, die
- umfänglich (d.h. mehrere Lernbereiche betreffend) und
- schwer (d.h. graduell mehr als ein Fünftel unter dem Regelbereich liegend) und
- langfristig (d.h. in zwei Jahren voraussichtlich nicht dem Regelbereich anzu- gleichen) sind.“

Auch die Einteilung in verschiedene Behinderungsarten aufgrund spezieller Schädigungen, wie z.B. Sehbehinderung, Lernbehinderung, geistige Behinde­rung usw. geht auf obiges Denkmodell zurück (vgl. Bleidick, 1998).

2.3 Ökologischer Ansatz

Schon im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde im Bereich der Biologie mit dem Begriff „Ökologie“ gearbeitet. Haeckel definierte 1866 „Oecologie... (als) die gesamte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt,...“ (Haeckel, 1866, S.286, zitiert nach Balgo, 2002, S.65). Im Be­reich der Erziehungswissenschaften lassen sich erste ökologische Ansätze in der Reform­pädagogik und deren Auseinandersetzung mit der Schul- und Lern­um­welt finden. 1987 erschien von Otto Speck das Werk „System Heilpädagogik“, in dem er eine ökologische Grundlegung der Heilpädagogik vornimmt. Diese ist darauf gerichtet, den Menschen als Teil umfassender Systeme zu begreifen, mit denen er in Wechselwirkung steht. Es wird nie isoliert das einzelne Individuum gesehen, sondern immer das „Individuum-mit-speziellen-Erziehungsbedürf­nissen­-in-seiner-Umwelt“ (Speck, 1994, S.40). Von zentraler heilpädagogischer Bedeutung ist hier das Netzwerk der einzelnen Lebensbereiche, wie z.B. die Familie, Kindergarten und Schule, Nachbarschaften, Freunde, Freizeitgruppen. In diesem gesamten System sorgt Balance und Kongruenz für kompetentes Funk­tio­nieren, Entwicklung und Wachstum. Fehlt diese Balance, treten System­störungen auf, die dann zu Verhaltensabweichungen des Individuums führen können (vgl. Benkmann, 1989, S.105). Außerdem sollten die verschiedenen Berei­che einer entwicklungsfördernden Lebenswelt „auf der Basis selbstver­ständ­licher gegenseitiger Akzeptanz und Teilhabe“ (Speck, 1994, S.43) in wechsel­seitiger Beziehung miteinander stehen, wobei es für das Individuum immer die Möglichkeit geben muss, seine eigenen Ziele zu verwirklichen. Diese Betrachtungsweise ist nicht kausal-linear, sondern berücksichtigt immer die kom­plexe Vernetztheit einer Vielzahl von Faktoren.

Der ökologische Ansatz bezieht deutlich Stellung für eine gesunde und entwicklungsfördernde Umwelt und ist somit normativ ausgerichtet.

Den Behinderungsbegriff versteht Speck (1987, S.13) nicht als Begriffsystem, das sich nur auf Schädigungsarten bezieht, sondern auf die speziellen Erzie­hungs­­erfordernisse. Diese „werden unter Berücksichtigung aller in der indivi­du­el­len Lebenssituation gegebenen Bedingungen gemeinsam mit allen Beteiligten und Betroffenen ermittelt, und sie unterliegen dem zeitlichen Wandel, d.h. sie müssen bzgl. ihrer Notwendigkeit und Angemessenheit immer wieder überprüft werden“ (Speck, 1994, S.36). Die verschiedenen zugrundeliegenden Entwick­lungs- und Lernhindernisse sollen zwar nicht negiert, aber immer in ihrer Relati­vi­tät betrachtet werden. Denn das Ausmaß der Beeinträchtigung durch bestim­m­te Schädigungen wird immer durch die Wechselwirkung von Mensch und Um­welt mitbestimmt, d.h. im Mittelpunkt steht sowohl das Subjekt mit seinen Bedürfnissen als auch die Bedingungen seiner Umwelt. Behinderung liegt im ökologischen Verständnis vor, „wenn ein Mensch auf Grund einer Schädigung oder Leistungsminderung ungenügend in sein vielschichtiges Mensch-Umfeld-System integriert ist“ (Sander, 1994, S.105). Speck plädiert deshalb für den re­latio­na­len und offenen Begriff der „speziellen Erziehungserfordernisse“ (1994, S.37).

2.4 Materialistischer Ansatz

Im gesellschaftlichen Aufbruch Ende der 60er Jahre entstand der materialis­tische Ansatz als neue Auffassung im Bereich der Behindertenpädagogik. Er basiert auf den Denktraditionen des Historischen Materialismus, dessen theore­tische Grundlage die Werke von Karl Marx und Friedrich Engels bilden. Danach bestimmt das vorherrschende ökonomische System einer Epoche nicht nur die jeweiligen materiellen Bedürfnisse des Lebens, sondern auch die Struktur der Gesell­­schaft und deren Überbau, wie Religion, Ethik, Wissenschaft oder Kunst. Auch die Produktion der Behinderungskategorie und die Bestimmung der sozialen Reaktionen auf behinderte Menschen zählen dazu. Im kapitalistischen System werden Menschen mit einer Schädigung meist von der direkten Teilhabe an wirtschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen.

Zur Erläuterung des materialistischen Ansatzes beziehe ich mich vor allem auf die Arbeiten von Wolfgang Jantzen. Behinderung steht für Jantzen immer im Kontext von gesellschaftlichen und institutionellen Aspekten, die sich auch im Subjekt niederschlagen. Er betont, „dass das Handeln behinderter Menschen unter allen Umständen in sich hoch zweckmäßig ist, d.h. die subjektlogische Konsequenz aus der erfahrenen sozialen und kulturellen Isolation“ (Jantzen, 2002). Gesellschaftliche Isolation ist für Jantzen eine basale Kategorie, die der Kern jeglicher Form von Behinderung ist und sich durch innere Reproduktion selbst verstärkt. Die biologisch/persönliche Ebene hat zwar eigenständige Wir­kungs­weisen und eine eigene Entwicklung, ist aber dennoch von den gesell­schaftlichen Verhältnissen beeinflusst, laut Jantzen „seitlich in sie hinein­ver­setzt“ (Feuser und Jantzen, 2001), d.h. das Subjekt entfaltet sich innerhalb von sozial vorgefundenen Individualitätsformen.

Für die eigenständige Persönlichkeitstheorie im materialistischen Ansatz ist zudem die Kategorie der Widerspiegelung wichtig (vgl. Feuser und Jantzen, 2001): Das Gehirn organisiert sich und seine komplexen, in innerem system­haften Zusammenhang stehenden, funktionellen Verbindungen, wie psychische Prozesse, selbst. Dies geschieht durch die Aneignung der Welt und der Bekräfti­gung der eigenen Wahrnehmung durch Handlungen. Bei einer Hirnschädigung ist dieser Prozess der Widerspiegelung gestört. Die veränderten hirnorganischen Prozesse bringen den Menschen in ein anderes Verhältnis zur Welt und zu ande­ren Menschen, was seine eigene Folge in der Sozialisation zur Behinderung hat.

Behinderung sieht Jantzen als ein soziales Verhältnis, dem eine Isolation vom gesell­schaftlichen Erbe zugrunde liegt. Isolation kommt nicht durch einen De­fekt, sondern durch Ausschluss von sozialen Prozessen und Kultur zustande (Feuser und Jantzen, 2001). Diese Betrachtungsweise ist relational, da Isolation durch transaktionale Prozesse zwischen allen Beteiligten entsteht. Deshalb muss sie von mehreren Gesichtspunkten aus angeschaut und an konkreten Situationen festgemacht werden. Geringe Bindung und Sicherheit sind zum Beispiel soziale Verhältnisse, die „eine Biologie asozialer Natur hervorbringen [können], die weit­aus defektiver ist als die biologische Natur es an sich sein könnte“ (Feuser und Jantzen, 2001). Diese Prozesse verlaufen meist sozial verdeckt, da sie der de­fek­ti­ven Natur des Kindes zugeschrieben werden.

Behinderung steht für Jantzen immer im Kontext gesellschaftlicher und institu­tio­neller Prozesse: „Behinderung kann nicht als naturwüchsiges Phänomen be­trach­­tet werden. Sie wird sichtbar und damit als Behinderung erst existent, wenn Merkmale und Merkmalskomplexe eines Individuums aufgrund sozialer Interak­tion und Kommunikation in Bezug gesetzt werden zu gesellschaftlichen Mini­mal­­vor­stellungen über individuelle und soziale Fähigkeiten“ (Jantzen, 1987, S.18). Behinderung wird als eine Konstruktion gesehen, deren verborgener Kern direkt und indirekt pädagogische, medizinische und soziale Gewalt und Macht ist. Das Problem der Behinderung ist laut Jantzen (2002) ein Problem der Selbst­ent­wicklung von behinderten Menschen.

3 Auswirkungen dieser Begriffsverständnisse auf die Heil- und Sonder­pä­da­­go­gik als Profession

Im zweiten Abschnitt ist deutlich geworden, wie sehr der Behinderungsbegriff ein „zentraler Bestandteil der argumentativen Fundierung von Sonderpädagogik als Disziplin“ (Moser, 2003, S.17) ist. Dies gilt für jeden der dargestellten theo­re­tischen Ansätze. Aber welche Rolle spielt das jeweilige Begriffsverständnis für die Profession der Heil- und Sonderpädagogik? Unter der Profession der Son­­der­pädagogik verstehe ich in Anlehnung an Weisser (2005, S.84) das „Insge­samt der Techniken, Wissenspraxen und Politiken“, die im Erziehungs­sys­tem zur Anwendung kommen.

Zuerst möchte ich anhand der jeweiligen Ansätze darstellen, welche Sichtweisen über Diagnostik, Förderung und schulische Organisation sich aus den unter­schied­lichen Begriffsverständnissen ergeben. Danach beschäftige ich mich mit der Frage, inwieweit sich diese veränderten Sichtweisen in der Realität mani­fes­tiert haben.

3.1 Auswirkungen auf Diagnostik und Förderung

3.1.1 Medizinischer Ansatz

Im Rahmen der am medizinischen Modell orientierten Diagnostik wird nach soma­tischen Bedingungen gesucht, die mit den jeweiligen Auffälligkeiten in einem Kausalitätszusammenhang stehen (Benkmann, 1989, S.72). Die diagnos­ti­zierten Störungen, Dysfunktionalitäten und Behinderungen werden mit dem Ziel einer Annäherung an den Normalzustand medizinisch-therapeutisch behan­delt. Neben der medizinischen Diagnose wird nach Benkmann (1989, S.74) die pä­da­gogisch-psychologische Diagnostik durchgeführt, die dann die Grundlage von Förderplänen darstellt. Beispiele für am medizinischen Modell orientierte päda­go­gische Diagnostik sind funktionsbezogene Diagnostik, externe Leistungs­kon­trollen, Methoden der Testdiagnostik, wie z.B. standardisierte Intelligenz­tests. Es handelt sich um statistische Abbildungen des Ist-Zustandes bestimmter Persönlichkeitsmerkmale wie Intelligenz, Wahrnehmung oder Konzentration. Neben dem medizinisch-therapeutischen und pädagogisch-fördernden Anwen­dungs­bereich ist eine weitere Funktion dieser Art von Diagnostik die Zuteilung zu bestimmten Versorgungssystemen, Spezialschulen, Integrationsprogrammen, Sozial­leistungen oder Nachteilsausgleichen. Hier ist vor allem an die Sonder­schul­überweisungsverfahren zu denken, die im wesentlichen aus testdiagnos­tischen Verfahren bestehen. Der Begriff der Sonderschulbedürftigkeit ist zweifel­­los aus dem medizinischen Behinderungsbegriff und der entsprechenden Dia­gnos­tik entstanden.

Balgo beschreibt die am medizinischen Modell ausgerichteten sonderpädago­gischen Handlungsansätze als „defizitorientierte, kompensatorische Förderpro­gram­me und funktionale Trainingsverfahren, die darauf abzielen, die organisch bedingten personalen Defizite und Funktionsstörungen (mit pädagogischen Mitteln und Maßnahmen) auszugleichen“ (2002, S.26). Für bestimmte Zielgrup­pen, z.B. Legastheniker, gibt es spezielle Funktionstrainings, deren Anwendung dem Ausgleich von Defiziten dienen soll.

Auch die Entwicklung der verschiedenen Arten von Sonderschulen entstand auf der Grundlage dieses Denkansatzes. Hier soll durch spezielle Förderung der best­mögliche Lerneffekt für die unterschiedlichen Arten von Behinderung erzielt werden.

3.1.2 Ökologischer Ansatz

Für die Diagnostik ist hier die Kenntnis des jeweiligen Ökosystems des Indivi­du­­ums unerlässlich, der Zusammenhang von individuellem Handeln und den Umweltfaktoren muss analysiert werden.

Bronfenbrenner (1981) schlägt Analysemodelle vor, durch die sich verschiedene Muster von Organismus-Umwelt-Interaktionen erfassen lassen und Wider­sprü­che, Unvereinbarkeiten und Unzumutbarkeiten in den Umweltbereichen, sowie deren Wechselwirkungen identifiziert und verändert werden können. Neben diesen situationsbezogenen werden auch entwicklungsbezogene Daten des Indi­vi­du­ums erhoben, z.B. mit Hilfe von förderdiagnostischen Methoden.

Eine andere Maßnahme aus dem ökologischen Bereich ist die Kind-Umfeld-Diagnose (Hildeschmidt und Sander, 1997, S.270ff.), eine komplexe Methode, die die Beeinflussung von familiären und außerfamiliären Bezugssystemen auf das Kind und umgekehrt thematisiert. Diese wechselseitige Beeinflussung im fak­­tischen Handeln, Denken und Fühlen ist hier der zentrale Ansatzpunkt. Die Kind-Umfeld-Diagnose ist ein kommunikativer Entscheidungsprozess im inter­dis­zi­pli­­nären Team, wobei es um die Rekonstruktion des Gesamtgefüges der Kind­-­­Umfeld-Beziehungen geht, um die Bedürfnisse des Kindes und um inte­gra­tions­wirksame Ressourcen des schulischen und außerschulischen Umfeldes.

Sonderpädagogische Förderung hat aus ökologischer Sicht die Aufgabe, einer­seits individuelle Persönlichkeitsstrukturen aufzubauen und zu verändern, wie z.B. die Entwicklung von Handlungskompetenzen und die Unterstützung der Eigen­­ak­ti­vi­tät. Andererseits sind Maßnahmen zur Gestaltung der Wirklichkeit der Schüler unerlässlich. Diese reichen von der Einbeziehung des Primärsystems Familie, über Schule und Freizeitangebot bis hin zu einer behindertengemäßen Gesellschafts- und Sozialpolitik (vgl. Wöhler, 1986). Die Förderung setzt folg­lich nicht nur am Individuum an, auch eine Änderung des Umfeldes kann Behin­­de­­rung verringern.

Die Durchführung dieser komplexen und vielfältigen Maßnahmen werden im Ideal­fall von sogenannten „heilpädagogischen Diensten“ koordiniert, die inter­dis­ziplinär arbeiten. Sie haben die Funktion, alle Beteiligten zu beraten, die ört­lichen sonderpädagogisch relevanten Dienstleistungen (z.B. Frühförderung) zu ko­ordi­nieren und mit Sozialdiensten oder Arbeitsvermittlungen zu kooper­ieren. Außerdem bieten sie ein eigenes Angebot differenzierter Diagnosemög­lich­kei­ten und entsprechender Förderung, auch als Förderunterricht an allgemeinen Schulen.

Diese Art von Interventionen wirken sich nicht nur positiv auf das einzelne Indi­vi­du­um, sondern auch auf dessen Umwelt aus.

Eine ökologische Perspektive spricht sich weder für noch gegen eine Sonderbe­schu­lung aus, denn die jeweilige Lebenswelt muss differenziert gesehen und bewer­­tet werden. Unter bestimmten Umständen machen „ökologische Nischen“ (Speck, 1994, S.42), wie z.B. Gehörlosenschulen als spezifische Lern- und Arbeits­orte durchaus Sinn, wenn sie den Bedürfnissen des Individuums nach sozialer Zugehörigkeit entsprechen. Integrationsmaßnahmen andererseits müs­sen immer umfassend sein und dürfen sich nicht nur auf die Schule beschränken.

[...]

Details

Seiten
47
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640871605
ISBN (Buch)
9783640871674
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v168966
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Schlagworte
Behinderungsbegriff medizinischer Ansatz ökologischer Ansatz materialistischer Ansatz disability studies Behinderung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Begriff „Behinderung“ –  Darstellung unterschiedlicher Sichtweisen und deren Folgen für die Sonderpädagogik als Profession