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Beziehungen zwischen Rom und Germanien zur Zeit Augustus

Befriedungsversuche im barbarischen Norden

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 27 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Ausgangssituation vor Augustus
2.1 Invasion der Kimbern und Teutonen und Ausblick
2.2 Caesars gallischer Krieg
2.3 Allgemeines zu den Germanen

3 Die Niederlage des Lollius

4 Drusus Germanienfeldzug

5 Tiberius Germanienfeldzug
5.1 Umsiedlung germanischer Stämme
5.2 Krieg gegen die Markomannen

6 Die Varusschlacht im Teutoburger Wald
6.1 Entwicklungen vor der Schlacht
6.2 Militärischer Verlauf
6.3 Konsequenzen der Niederlage

7 Germanienpolitik unter Augustus

8 Zusammenfassung

9 Bibliographie
9.1 Abbildungsverzeichnis
9.2 Quellenverzeichnis
9.3 Literaturverzeichnis

1 Einführung

Die Barbaren waren schon seit jeher ein unbegreiflicher und eigensinniger Feind der Römer gewesen, welche an der Nordgrenze des römischen Reichs durch ihre Rohheit und wiederholte Übergriffe für Schrecken sorgten. Zudem lebten sie in einem Land, welches durch seine unwirtlichen Klimaverhältnisse und Vegetation unbewohnbar schien.

Die Dokumentation der Ereignisse während des Prinzipats unter Augustus, gerade über die in Germanien geführten Kriege, ist nur sehr fragmentarisch überliefert, weshalb es sich empfiehlt, möglichst alle vorhandenen Quellen zu Rate zu ziehen, denn sie ergänzen sich größtenteils und man gewinnt somit doch einen guten Gesamteindruck. SUETONs Kaiserbiographien Le vite dei Cesari aus dem 2. Jh. enthalten detailreiche Beschreibungen sämtlicher Lebensbereiche, da er als Funktionär des Kaisers Zugang zu den imperialen Archiven hatte. Jedoch unverzichtbar für die militärischen Feldzüge Roms gegen den germanischen Feind ist die Storia Romana des griechischen Geschichtschreibers CASSIUS DIO, der uns einen zusammenhängenden Bericht liefert. Hierbei sind als Ergänzungen insbesondere die authentischen Schilderungen des römischen Offiziers VELLEIUS PATERCULUS in seinen Historiae Romanae hilfreich, denn er selbst nahm an den Feldzügen gegen Germanien teil. ANNEUS FLORUS wiederum trug in seinen Epitome e Framenti Einzelbetrachtungen sämtlicher Kriege zusammen. Die Annalen des Senatoren TACITUS geben ein detailliertes Bild der Germanicus-Feldzüge wieder, jedoch erfährt man bei ihm kaum etwas über die Zeit vor und um die Varusschlacht. Dafür gibt sein einzigartiges Werk Germania, das er zwischen 98 und 100 n.Chr. veröffentlichte und somit das erste dieser Thematik war, sehr viel Aufschluss über die Bräuche und Kriegsführung der Germanen. Tacitus gilt damit noch heute als Experte der Germanen. CAESARs De bello gallico ist von großer Bedeutung für die ersten Feldzüge in Gallien vor der Zeit des Prinzipats. Augustus selbst hinterließ kurz vor seinem Tod eine Art Tatenbericht Res gestae divi Augusto, um der Nachwelt seine Erfolge und Triumphe für immer zu erinnern.

Augustus in seiner außergewöhnlichen politischen Stellung gewann viele neue Gebiete als Provinzen zum römischen Imperium dazu, somit entsprach es auch seinen Vorstellungen, das freie Germanien endlich zu einer Provinz zu machen, um keine Angriffe aus dem Norden mehr fürchten zu müssen. Jedoch stellte sich die Realisierung der Pläne als schwieriger heraus als zunächst angenommen, und die Germanen erwiesen sich als hartnäckige und zähe Feinde, welche länger als alle anderen Völker einer Unterwerfung der Römer standhielten. Auf die Erläuterung der Innenpolitik möchte ich daher in dem begrenzten Rahmen dieser Arbeit verzichten. Im Folgenden möchte ich mit der Ausgangssituation in Germanien beginnen, d.h. mit den Angriffen der Kimbern und Teutonen, Caesars Kriegsführung in Gallien und einer allgemeinen Beschreibung der Germanen. Danach werde ich auf die einzelnen Feldzüge unter Augustus gegen Germanien im Detail eingehen. In einem weiteren Punkt möchte ich zusammenfassend seine Ziele und seine Politik im Bezug auf Germanien herausarbeiten, wo besonders zwei Forschungs-kontroversen zu beachten sind, welche sich in dem Punkt streitig sind, ob der Kaiser eher imperialistisch oder weitsichtig war. Bei näherer Betrachtung wird klar, wie unglaublich komplex die Thematik der Beziehungen zwischen Rom und Germanien wirklich ist, was genau mein Untersuchungsgegenstand sein soll. Hauptsächlich bestanden die Kontakte der beiden ‚Nationen‘ militärischer Natur, jedoch werden hierbei ebenfalls kulturelle und soziale Aspekte deutlich, die zudem eine nicht unbedeutende Rolle spielten. Im Folgenden möchte ich zeigen, wie genau diese Wechselwirkungen den Verlauf der historischen Ereignisse bestimmten?

2 Ausgangssituation vor Augustus

2.1 Invasion der Kimbern und Teutonen und Ausblick

Sowohl die Kimbern als auch die Teutonen und Tiguriner sind Nomadenstämme aus der Gegend des ozeannahen Germaniens, welche im Jahre 113 v.Chr. den Versuch starteten, gewaltsam in Italien einzumarschieren und dort zu plündern. Die Barbaren sorgten durch ihre Rohheit und Andersartigkeit überall für Furcht und Schrecken beim Römischen Volk. Doch als sie bereits die Alpen überquert hatten, gelang es dem Popolaren Gaius Marius, mehrmaliger Konsul während der Römischen Republik, mit all seinen militärischen Kräften diese in zwei Schlachten zurückzudrängen: in der von Acquae Sextiae 102 v.Chr. und in der bei Vercelli 101 v.Chr.[1] Bei letzteren erwähnt Florus, dass auf Seite der Kimbern 65.000 Krieger fielen, auf römischer dagegen weniger als 300, denn „per omnem diem conciditur barbarus“.[2] Plutarch und Livius sprechen hierbei sogar von der doppelten Zahl der germanischen Seite. Beide Kriege endeten nach einem großen Blutbad zu Gunsten Roms, der dritte Stamm war sodann über die Alpen zurückgeflüchtet und die Bedrohung war fürs Erste abgewandt.

Der Erfolg des Republikaners jedoch war nicht von allzu langer Dauer, denn schon die zwei darauffolgenden Jahrhunderte waren gezeichnet von den blutigen Revolten der Germanen und den kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Römischen Imperium. Deswegen ist der Kommentar von Tacitus in Germania 17 recht trefflich:

Non il Sannio, non i Cartaginesi, non le Spagne né le Gallie, neppure i Parti ci preoccuparono più spesso […]. I Germani […] strapparono al popolo romano cinque eserciti consolari e a Cesare tre legioni e Varo. Non impunemente Caio Mario li sconfisse in Italia, il divo Giulio (Cesare) nella Gallia, Druso Nerone e Germanico nelle loro sedi. Quindi la pace, che durò finché approfittando della nostra discordia e delle nostre lotte civili, i Germani espugnarono i quartieri invernali delle legioni e assalirono pure le Gallie.[3]

Hier wird kurz und knapp umrissen, welch ständige Unruhen zwischen den barbarischen Nordvölkern und dem zivilisierten Mittelmeerreich herrschten und besonders wird deutlich, dass zu diesem Zeitpunkt kein äußerer Feind so kontinuierlich die Aufmerksamkeit des römischen Militärapparats für sich beanspruchte wie die Germanen. Die erwähnten Ereignisse werden nun im Folgenden genauer ausgeführt.

2.2 Caesars gallischer Krieg

Der Erste, der versuchte, die Germanen[4] zu befrieden, war der Triumvir Gaius Julius Caesar gewesen. Er selbst beschreibt in seinem autobiographischen Werk De bello gallico die Kriege gegen Gallier und Germanen unter seiner Führung. Gallien lässt sich in die drei Gebiete der Gallier, Aquitanier und Belger unterteilen, die sich an Beschaffenheit der Natur, der Völker und Sitten alle voneinander unterscheiden. Unter den Belgern gibt es den Stamm der Helvetier, deren Sitz sich bis zum Niederen Rhein erstreckt, und durch die ständigen Machtkämpfe mit den angrenzenden Germanen gelten sie als die Tapfersten ihrer Art.[5]

Es begann im Jahre 58 v. Chr. damit, dass die Helvetier auf Zureden des Orgetorix ihr Land verlassen wollten und durch die römische Provinzen ziehen wollten.[6] Doch Caesars Legionen gelang es, diese in der Schlacht bei Bibracte zu besiegen und da er die Brücke über den Rhein zerstörte, wurde ihnen jede Fluchtmöglichkeit genommen und sie mussten doch zurückkehren.[7] Hier wird an der Stelle „ totius fere Galliae legati, principes civitatum, ad Caesarem gratulatum convenerunt[8] deutlich, wie erleichtert die restliche Bevölkerung Galliens war, dass die Römer eine helvetische Vormachtstellung verhindert hatten. Doch daraufhin erbaten die Häduer bei Caesar Hilfe bei Caesar gegen die Germanen unter Ariovist, die in großer Zahl über den Rhein in das Land der Gallier einwanderten, diese beherrschten und die dort Ansässigen beinahe vertrieben. Aus Sorge vor einer wiederholten Invasion auch in Italien, schlägt er diese nach einem Massaker in die Flucht.[9]

Des Weiteren besiegt Caesar die aufständischen Belger sowie die Nervier und Aduatici, um danach Gallia Transalpina als römische Provinz einzurichten.[10] In den darauffolgenden Jahren des gallischen Krieges wird der Alpenpass beim Großen San Bernhard gesichert und die Stämme der Venelli, Soziati in Aquitanien und die Vocati und Tarusati besiegt.[11] Im Jahre 55 v.Chr. unternimmt Caesar dann einen Feldzug gegen die Germanen, baut die erste Brücke über den Rhein nahe Colonia (Köln) und streift kurz durch deren Land, ohne dass es jedoch zu weiteren kämpferischen Auseinandersetzungen kommt.[12] Nachdem Gallien befriedet war, kommt es dort 54 v.Chr. doch zu Rebellionen, währenddessen zwei Legaten samt ihrer Legion zwischen der Mosel und dem Rhein in einen Hinterhalt der Eburonen geraten und niedergemacht wurden. Zwei anderen Legaten gelang es mithilfe Caesar dem Angriff der Eburonen und Trever standzuhalten und diese zu besiegen.[13] Im Jahr darauf jedoch ging Caesar gezielt gegen die Germanen vor und lässt eine weitere Brücke über den Rhein bauen, wobei die Römer bei den Eburonen sogar ein Blutbad anrichteten.[14] Nachdem in Germanien Ruhe eingekehrt war kam es aber plötzlich in Gallien unter dem angesehenen Arverner Vercingetorix zu einem Gesamtaufstand. Durch die Verschwörung mehrerer gallischer Stämme alamiert, nahm Caesar mit seinen Truppen nach einer Belagerung die Stadt Avarico (das heutige Bourges) bei den Biturigi ein und machte dort Beute. Es schlossen sich zwar plötzlich auch die Häduer den Aufständischen an, doch die Römer belagerten die Hauptstadt Alesia, wo sich Vercingetorix mit einer 250.000 Mann starken Verteidigung zurückgezogen hatte. Doch letzten Endes wurde die gallische Koalition von den Römern besiegt und Vercingetorix musste kapitulieren.[15] So soll er nach Florus zu Caesar gesagt haben: „ Ecco, o uomo fortissimo, tu hai vinto un uomo forte.“[16] Danach konnte Gallien unter Caesar endgültig als Provinz eingerichtet werden. Es war Caesars Verdienst, dass später im Territorium der Ubier und Bataver Stützpunkte errichtet werden konnten, denn nachdem er die Strukturen dieser beiden Stämme zerschlagen hatte, galten sie als Verbündete Roms und so waren seitdem die Garnisonen der Römer in Neuss und Nijmegen sicher.[17]

Als der Stern des ‚Diktators auf Lebenszeit‘ am höchsten stand, wurde er an den Iden des März 44 v.Chr. von einer Verschwörung von Senatoren um Brutus und Cassius umgebracht, während er im Senat auf seinem kurulischen Stuhl saß.[18] Noch zu seinen Lebzeiten hatte er seinen Neffen Oktavian, den späteren Augustus, zum Nachfolger ernannt, welche das „Germanenproblem“ weiterverfolgte. Damals konnte er noch nicht ahnen, dass sich die Befriedigung der Germanen als weitaus problematischer als die der Gallier gestalten sollte.

2.3 Allgemeines zu den Germanen

Wie bereits zu Beginn erläutert überlieferte uns Tacitus sehr aufschlussreiche Informationen, was die Germanen sowie ihre Bräuche betrifft. Die Germania Magna, zwischen Gallien, Rätien und Pannonien eingeschlossen, wird durch die Flüsse Rhein und Donau natürlich vom Römischen Reich abgegrenzt.[19] Die barbarischen Bewohner im Allgemeinen beschreibt er folgendermaßen: “occhi arroganti e azzurri, chiome fulve, corpi alti (…), abituati a tollerare il freddo e la fame.”[20] Weiterlesend wird im Kapitel 14 neben dem fremdartigen Äußeren klar, warum sie auf Andere eine so einschüchternde Wirkung haben, denn in der Schlacht legen sie eine ihnen eigene Moral zu Tage, die sie nahezu unerschütterlich macht und sie bis zum Äußersten gehen lässt:

In guerra è vergognoso per il capo essere superato in coraggio, vergognoso per il seguito non eguagliare in coraggio il capo. […] il giuramento impone principalmente di difenderlo, salvarlo e attribuire alla gloria di lui anche i propri atti di valore; i capi combattono per la vittoria, i seguaci per il capo.[21]

Auch wenn sie den Römern in ihrer Kampftechnik und -ausbildung weit nachstehen, so machen sie dies durch disziplinierte Moral sowie andere Vorteile wieder wett. Während sumpfiges Gebiet und dichte Wälder, sowie Regen und Kälte den fremden Eindringlingen zusetzten, sind jene daran gewöhnt und wissen dies zu ihrem eigenen Vorteil umzumünzen.[22] Überraschungsangriffe gelingen besonders deswegen so gut, weil der Feind in solch kniffligen Situationen zu sehr mit sich selbst beschäftigt und daher abgelenkt ist.

Heinrichs, der sich mit den Germanenstämmen befasste, betont besonders die stark ausgeprägte Rivalität innerhalb der „Führungszirkel“, aus mehreren Personen mit abgestufter Hierarchie bestehend, wodurch sich verschiedene Gruppen herausbildeten. Hierbei werden auch Koalitionen eine nicht mindere Rolle spielen, denn schließlich konnte man seine eigene Position gegen den Rivalen erheblich durch den Zusammenschluss mit mächtigen Nachbarn stärken.[23] Welche kämen dabei besser in Frage als die Römer selbst? Darauf werde ich später im Kapitel 5.1 noch zu sprechen kommen.

3 Die Niederlage des Lollius

Die Römer unter dem Prinzipat des Augustus mussten gegen die Germanen insgesamt zwei Niederlagen einstecken, doch während jene des Varus vor allem menschliche Verluste bedeutete, litt bei der unter Lollius eher das Ansehen des römischen Heeres.[24]

Im Jahre 16 v.Chr. befand sich Augustus gerade in der gallischen Provinz, als es zu Erhebungen in den germanischen Gebieten der Usipeter, Sugambrer und Tenkterer gegen die Römer kam. Dabei hatten sie etliche römische Soldaten gefangen genommen, massakriert und mehrere von ihnen sogar an Bäumen gepfählt. Danach gingen sie sogar soweit, dass sie den Rhein überschritten und sowohl in Germanien als auch in Gallien Plünderungen begingen. Als dann aber die römische Kavallerie eintraf, geriet sie unerwartet in einen Hinterhalt der rebellierenden Barbaren und während ein Teil bereits flüchtete, wurde die fünfte Legion, welche unter dem Kommando des Legaten Marcus Lollius stand, von ihnen geschlagen. Augustus, von der schlechten Nachricht in das unheilvolle Gebiet gerufen, ordnete vor Ort einen Rückschlag an, jedoch zogen sich die Germanen bereits in die Tiefen ihrer Gebiete zurück und zogen einer militärischen Auseinandersetzung den Waffenstillstand vor, wobei sie zur Absicherung Geißeln an Rom stellten.[25] Somit blieb den Römern die Möglichkeit verwehrt, sich umgehend für die Niederlage zu rächen.

Fakt ist, dass Tiberius und Drusus gemeinsam im darauffolgenden Jahr in einen geplanten Alpenfeldzug die dortige ansässige Bevölkerung unterwarf. Hier könnte man, sofern man will, den Plan erkennen, dass durch die Eingliederung des Alpenbereichs in die römischen Provinzen eine Verbindung untereinander geschaffen werden sollte und man beabsichtigte, das Vorrücken gegen Germanien zu erleichtern, denn mit der erfolgreichen militärischen Unternehmung war der gesamte Alpenbereich bis zum oberen Donaulauf unter römische Kontrolle gebracht worden.[26] Dieser Umstand ist schon Untersuchungsgegenstand, bei dem die Absichten des Augustus diskutiert werden, denn darauf folgten eine Reihe weiterer Unternehmungen.

Somit lässt die Konsequenz der Niederlage Lollius, welche sich zwischen Maas und Rhein zugetragen hatte, noch bis heute Fragen offen. Es herrscht Uneinigkeit darüber, ob Rom ‚nur‘ zum Ziel hatte, die Provinzen Galliens mittels einer abgesicherten Rheingrenze[27] zu stabilisieren oder ob dies der Auslöser für den Beginn einer Germanien-Offensive gewesen sei, sowie es Mommsen seine Theorie vertrat. Dieser behauptete an der clades Lolliana festmachen zu können, dass Augustus ab diesem Zeitpunkt danach strebte, eine Provinz bis hin zum Elbufer zu errichten und somit seine defensive „Friedenspolitik“[28] zugunsten einer Expansionspolitik aufgab. Dann könnte man den Alpenfeldzug schon als ersten Schritt in Richtung der Eroberung Germaniens deuten.

4 Drusus Germanienfeldzug

Die erlittene Niederlage unter Lollius hatte Augustus wieder nach Gallien geführt, der daraufhin Claudius Drusus, einen „ adulescenti tot tantarumque virtutum[29] mit dem Oberbefehl über die in Germanien stationierten Truppen betraute.

Die erste Kampagne der Römer in Germanien erfolgte im Jahre 12 v.Chr., nachdem die Sugambrer sowie alliierte keltische Stämme gegen die römischen Provinzen in Gallien, wo bereits befestigte Truppenlager des Drusus stationiert waren, in den Krieg gezogen sind. Doch sie wurden von den Römern unter dem Kommando des Drusus bei dem Versuch, den Rhein zu überschreiten zurückgedrängt, und auf Geheiß verwüstete man, nachdem das Gebiet der Usipeter passiert war, weite Teile ihrer germanischen Besitzungen. Generalplan war es, das freie germanische Territorium zu befrieden und als eine große Provinz einzurichten. Schon ein Jahr später gelang Drusus die Unterwerfung der Usipeter, danach drang er mit seinen Legionen bis zu den Cheruskern vor, ein Gebiet zwischen Weser und Elbe ein. Doch aufgrund der brenzligen Situation im Feindesland mussten sie sich wieder zurückziehen. Weil jedoch weiterhin permanent Gefahr herrschte, errichtete Drusus je einen Schutzwall bei Oberaden und entlang des Rheins, weshalb ihm sogar triumphale Ehren zuteil wurden.[30]

Während Tiberius die in Pannonien und Dalmatien ausgebrochenen Aufstände niederwerfen musste, hatte Drusus die Gebiete verschiedener germanischer Stämme so wie zum Beispiel der Chatten erobert, bevor er schließlich bis zu den Sueben vorrückte. Trotz vielen Blutvergießens und unter großen Anstrengungen wurden auch diese besiegt und deren Gebiet unterworfen. Von dort marschierten sie, alles vernichtend, erneut gegen die Cherusker und durchquerten deren Gebiet solange bis sie im Jahre 9 v. Chr. als erstes römisches Heer in der Geschichte am Ufer der Elbe stand. Will man nun den Schilderungen Cassius Dios Glauben schenken, so versuchte Drusus die Elbe zu überqueren, traf dabei jedoch auf eine Frau von übermenschlicher Größe, welche ihn tadelte: „ Fin dove vuoi arrivare, insaziabile Druso? Non è destino che tu veda tutte queste terre; vattene, piuttosto, poiché la fine delle tue imprese e della tua vita è ormai imminente.“[31] Die Warnung, nicht noch weiter in das Gebiet der Germanen einzudringen, sehen manche als schlechtes Omen der Expedition, wie Decker und Selzer die legendenhafte Erzählung deuten.[32] Allerdings muss ihn wirklich ein uns unbekannter Grund zur schnellen Umkehr bewogen haben. Jedoch kann dies auch darauf zurückgeführt werden, dass er von der Überschreitung der Elbgrenze abließ, da er keine Notwendigkeit solch einer Unternehmung sah. Tragischer Weise kam er auf dem Rückweg durch die Folgen eines Sturzes vom Pferd ums Leben.[33]

Wenn man das Ereignis aber rein ohne Aberglaube betrachtet, so erscheint es mir, dass der antike Geschichtsschreiber Dio Cassius im Nachhinein ein phantastisches Element in das Geschehnis eingefügt hat, um den Rückmarsch sowie den plötzlichen, unehrenhaften Tod Drusus zu legitimieren, denn somit wäre es nicht römisches Versagen gewesen, weshalb die Römer nie weiter vorgerückt waren, sondern durch das Schicksal besiegelt.

Der Tod des mutigen Feldherrn erfüllte das römische Volk mit großer Trauer, doch erscheint die andauernde allgemeine und ungebrochene Zuversicht geradezu paradox. Das Ereignis brachte weder Augustus noch das römische Volk von dem Wunschtraum ab, dass sich das freie Germanien in einem weiteren Feldzug möglichst schnell und endgültig unterwerfen ließe.[34] Diese Hoffnung jedoch sollte sich innerhalb kürzester Zeit als allzu optimistisch herausstellen. Denn in der Tat ließ sich die Linie an der Elbe nach Drusus Tod nicht mehr halten, da die Germanen wiederholt römische Truppenlager attackiert hatten.

5 Tiberius Germanienfeldzug

5.1 Umsiedlung germanischer Stämme

Nun wurde Tiberius von Augustus gegen die Germanen in die rechtsrheinischen Gebiete geschickt, um die Aufgabe des Drusus zu Ende zu bringen, während der Kaiser selbst auf sicherem römischem Boden blieb. Cassius Dio schildert, dass die Stämme der Barbaren ihrerseits jedoch aus Furcht Gesandte schickten, um ein Friedensabkommen mit den Römern auszuhandeln; einzige Ausnahme stellten dabei lediglich die Sugambrer dar, die keine rechten Friedensabsichten an den Tag gelegt hätten, sodass Augustus nicht gewillt war, auf das Angebot nur eines Teils der Germanen einzugehen. Daher ließ er um 8 v.Chr. die Gesandten der Sugambrer gefangen nehmen und in verschiedene Städte schicken, wo sie sich unter den Bedingungen der Gefangenschaft selbst das Leben nahmen.[35] Sueton schildert hier ausführlicher, dass im Rahmen des Kriegs unter dem Oberbefehl des Tiberius 40.000 unterworfene Sugambrer und Sueben umgesiedelt worden waren, denen nun im linksrheinischen Gebiet, in Gallien, Land zugewiesen wurde.[36] Innerhalb dieses Umsiedlungsprozesses und der weiteren Feldzüge hatte es Tiberius nach Velleius Paterculus Ansicht fast geschafft, sämtliche germanische Stämme „ in formam paene stipendiariae redigeret provinciae[37] zu führen, also in den Status einer tributzahlenden Provinz, denn er hatte das gesamte Germanenbereich befriedet und konnte es ohne jeglichen Schaden mit seinem Heer nach Belieben durchqueren.

Sein radikales Durchgreifen sowie sein militärisches Geschick hatten zur Folge, dass sich die eingeschüchterten Stämme nun eine Zeit lang ruhig verhielten. Nachdem Tiberius die Alleanzen zwischen Sugambrern und Sueben zerschlagen hatte, konnte nun Augustus, so Heinrich, den Erfolg für sich selbst einstreichen, das „Germanienproblem“[38] gelöst zu haben:

Er [Augustus] blieb Sieger auf der ganzen Linie, […] weil er […] verstanden hatte, militärische Erfolge des Tiberius konsequent in diplomatische Vorteile umzusetzen. Der umrissene Zerfall der sugambrischen Stammesstruktur vervollständigte den römischen Erfolg und machte ihn unumkehrbar.[39]

Mittels Verträgen mit den einzelnen Germanenfürsten konnte er jetzt die germanischen Territorien unter Kontrolle halten. Als sogenannte foedi in Frage kamen für Augustus nur “regni di cui si era impadronito per diritto di guerra, legò tra di loro i re alleati con parentele reciproche, considerandoli membri e parti dell’Impero.”[40] Man kann dies als Anfang einer Romanisierung deuten. Auch wenn die Stämme innerhalb weitgehend „innere[r] Autonomie“[41] genossen, da ihnen weiterhin ihr jeweiliger Anführer blieb und nur dessen Person allein an das römische Bürgerrecht sowie an Rom gebunden war, so mussten sie sich doch in die römische Lebensordnung einfügen.

Die erfolgreichen Kriegsunternehmungen waren jedoch erst a) durch die Uneinigkeit der Stämme untereinander und b) unter Voraussetzung, dass in den Zonen bereits Strukturen lokaler Eliten existierten, welche zu einer Kooperation mit dem Römischen Imperium bereit waren, möglich.[42] So stellte man also die Bindung der jeweiligen Stämme an Rom sicher, während man sich deren innere Zwistigkeiten zu Nutze machte. Außerdem vertritt Heinrichs die These, dass des Prinzeps Absicht war, die Bündnisse zu den Germanen deshalb zu verstärken, um ihnen diverse Aufgaben zu zuteilen. Zum einen musste die Proviantversorgung des römischen Heeres sichergestellt, zum anderen die Rheinlinie gegen Angriffe aus dem Osten verteidigt werden und schließlich benötigte er immer wieder Nachschub für Hilfstruppen, den man auch bei den friedlicheren Germanen ausheben konnte.[43] Somit gelang es ihm, die Kräfte seines erbittertsten Feindes in den Dienst seiner eigenen Interessen zu stellen.

Durch eine Reihe von Münzbefunden und unter Berücksichtigung der Quellen von Sueton kommt auch der Archäologe Galsterer auf den Entschluss, dass bei der damaligen Umsiedlung der 40.000 Germanen wohl die Kolonie Xanten nahe des Doppellegionslagers Castra Vetra entstanden sein muss. Damit hätte man einerseits den strategischen Vorteil eines Druckausgleich auf der östlichen Seite der Rheinlinie zwischen Bonn und Xanten geschaffen, andererseits eine von Römern beaufsichtigte, auf der Hauptachse liegende Stadt erbaut.[44] Sie stellt eine der frühesten römischen Siedlungen in diesem Gebiet dar.

In weiteren Feldzügen unterjochte Tiberius erst die Attuaren, die Brukterer und die Cherusker, ein Jahr darauf dann auch die Langobarden, Semnoner und Hermunduren. Seine Flotte erkundete schließlich sogar die bis dahin unbekannte Elbregion.[45] So beschreibt Velleius Paterculus den Abschluss der erfolgreichen Feldzüge des Tiberius in II, 107 folgendermaßen: „ Vincitore di tutte le genti e di tutte le terre alle quali si era volto, con l’esercito sano e salvo, […] Tiberio ricondusse le legioni nei quartieri d’inverno, e rientrò di fretta a Roma […].[46] Es war wirklich erstaunlich, wie unbeschadet das römische Heer mittlerweile unter dessen Führung damaliges ‚Feindesland‘ passieren konnte.

Als dann um 5 v.Chr. dem Oberkommandanten Tiberius am Elbufer sogar von diversen Anführern der Germanen gehuldigt worden war[47], könnte man hier annehmen, dass Germanien von nun an unter römischer Vorherrschaft gestanden und endlich Ruhe gegeben hätte, denn schließlich ist dies ein eindeutiges Zeichen der Unterwerfung seitens der Barbaren. Jedoch entspricht das Leben unter dem Joch nicht ihrem Wesen als Barbaren, da sie ein stolzes Volk sind und die Freiheit wie die Luft zum Atmen brauchen.

[...]


[1] Augusto Fraschetti: Augusto. Roma/Bari 1998, S. 122; Tac. Germ. XXXVII.

[2] Flor.epit. II, 1-14.

[3] Tac. Germ. XXXVII.

[4] Anmerkung: vorher galten sowohl die linksrheinischen Gallier als auch die Bewohner auf dem rechtsrheinischen Gebiet als Germanen; die Differenzierung wurde erstmals durch Caesar vorgenommen.

[5] Caes. Gall. I, 1.

[6] Ebd. I, 2-3.

[7] Ebd. I, 25-27; Flor.epit. I, XLV, 3.

[8] Caes. Gall. I, 30.

[9] Zit. nach Komm. zu Kap.I: Barelli, La guerra gallica, S. 6.

[10] Zit. nach Komm. zu Kap.II: Ebd., S. 6.

[11] Zit. nach Komm. zu Kap.IIIf.: Ebd., S.6.

[12] Flor.epit. I, XLV, 14-15; siehe auch: Caes. Gall. IV, 18-19.

[13] Zit. nach Kommentar zu Kap. 5: Barelli, La guerra gallica, S. 7.

[14] Caes. Gall. VI, 43.

[15] Ebd. VII, LXXXV-LXXXIX; siehe auch: Flor.epit. I, XLV, 22f.

[16] Flor.epit IXLV, 26.

[17] Michael Gechter: „Die Militärgeschichte am Niederrhein von Caesar bis Tiberius – eine Skizze“. In: Grünewald, Thomas / Seibel, Sandra (Hrsg.): Kontinuität und Diskontinuität. RGA-E Bd. 35. Berlin/New York 2003, S. 147.

[18] Flor.epit. II, XIII, 93-95.

[19] Tac. Germ. I.

[20] Ebd. IV.

[21] Ebd. XIV.

[22] Dio Cass. LVI,20,1-5.

[23] Johannes Heinrichs: „Zur Umsiedlung protocugernischer Gruppen 8 v.Chr.“. In: Grünewald, Thomas (Hrsg.): Germania inferior. RGA-E Bd. 28. Berlin/New York 2003, S. 80.

[24] Svet. Aug.XXIII.

[25] Dio Cass. LIV 20,4-6; Gechter, Militärgeschichte, S. 146.

[26] Arnaldo Marcone: “La frontiera del Danubio fra strategia e politica“. In: Schiavone, Aldo (Hrsg.): Storia di Roma. Volume secondo. L’impero mediterraneo II. I principi e il mondo. Torino 1991, S. 470f.

[27] Gechter, Militärgeschichte, S. 146.

[28] Zit. nach Mommsen, in: Karl Christ: „Zur augusteischen Germanienpolitik“. In: Chiron 7, 1977, S. 153ff.

[29] Vell. Pat. II, 97, 1-2.

[30] Dio Cass. LIV, 32-33.

[31] Ebd. LV, 3.

[32] Karl-Viktor Decker/Wolfgang Selzer: „Mogontiacum: Mainz von der Zeit des Augustus bis zum Ende der römischen Herrschaft“. In: Temporini, Hildegard (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der Römischen Welt II. Principat. Bd. 5.1. Berlin/New York 1976, S. 465.

[33] Dio Cass. LIV, 36 – LV, 2; siehe auch: Karla Motyková: „Die ältere römische Kaiserzeit in Böhmen im Lichte der neueren historisch-archäologischen Forschung“. In: Temporini, Hildegard (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang der Römischen Welt II. Principat. Bd. 5.1. Berlin/New York 1976, S. 148.

[34] Fraschetti, Augusto, S. 123.

[35] Dio Cass. LV, 6.

[36] Svet. Tib. IX; Svet. Aug. XXI.

[37] Vell. Pat. II, 97,4.

[38] Heinrichs, Umsiedlung, S. 85.

[39] Ebd., S. 68f.

[40] Svet. Aug. XLVIII. Anmerkung: Parentele reciproche = zweiseitige bzw. wechselseitige Verträge.

[41] Heinrichs, Umsiedlung, S. 79.

[42] David G. Wigg: „Die Stimme der Gegenseite? Keltische Münzen und die augusteische Germanienpolitik“. In: Grünewald, Thomas/Seibel, Sandra (Hrsg.): Kontinuität und Diskontinuität. RGA-E Bd. 35. Berlin/New York 2003, S. 234ff.

[43] Heinrichs, Umsiedlung, S. 69.

[44] Hartmut Galsterer: „Romanisation am Niederrhein in der frühen Kaiserzeit“. In: Grünewald, Thomas (Hrsg.): Germania inferior. RGA-E Bd. 28. Berlin/New York 2003, S. 26f.

[45] Vell. Pat. II, 105f.

[46] Ebd., 107.

[47] Vell. II, 1f; siehe auch: Motyková, Kaiserzeit, S.148.

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640871933
ISBN (Buch)
9783640872008
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169059
Institution / Hochschule
Università degli Studi di Palermo – Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Germanien Germanen Varus Hermann Arminius Teutoburger Wald clades Lolliana Tiberius Augustus Drusus Barbaren Gaius Julius Caesar Gallischer Krieg Gallier Römisch-germanische Beziehungen Herrschaft Oktavians Schlacht Unterwerfung Stolz

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Titel: Beziehungen zwischen Rom und Germanien zur Zeit Augustus