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Der Blick in Sartres "Das Sein und das Nichts" und in Gogols "Das Porträt"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 25 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Augenmotiv bei Sartre
2. 1 Das Imaginäre bei Sartre
2. 2 Sartres Ästhetik
2. 3 Grundlegende Thesen aus Das Sein und das Nichts
2. 4 Das Kapitel Der Blick aus Das Sein und das Nichts

3. Der Blick in Gogol's Porträt
3. 1 Augen alsLeitmotiv
3. 2 Kunstproblematik in derErzählung
3. 3 Das Augenmotiv in denTraumsequenzen

4. Versuch der Anwendung Sartres Thesen auf Gogol's Erzählung

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist die Wirkung des Blicks auf einen Menschen. Die Schwerpunkte liegen auf dem Augenmotiv bei Sartre und dem Motiv des Blicks in Gogol's Erzählung Das Porträt. In Bezug auf Sartre sollen seine Ästhetik und der Raum des Imaginären umrissen werden. Nach einer knappen Darstellung grundlegender Thesen aus Das Sein und das Nichts scheint es besonders wichtig das Kapitel Der Blick hervorzuheben. Den Ausgangspunkt der Darstellung des Imaginären bei Sartre bilden die Thesen aus der Publikation Der Spielraum des Imaginären von Dr. Jens Bonnemann. In diesem Zusammenhang sollen Sartres Auffassung des Bildes und insbesondere des Porträts, aber auch das Phänomen der Halluzination sowie das des Traumes geschildert werden. Beachtung findet außerdem die Darstellung von Sartres Ästhetik. Anhand von Lucia Heumanns Argumentation in Ethik und Ästhetik bei Fichte und Sartre sollen die durch Bonnemann aufgestellten Thesen ergänzt werden. Besonders interessant scheinen die Ausführungen bezüglich Sartres Begriff der Imagination sowie seiner Ästhetik und Definition des Kunstwerks. Wichtige Anhaltspunkte liefert abgesehen von den oben genannten Werken, die wissenschaftliche Arbeit von Bernard Schumacher Philosophie der Freiheit: Einführung in Das Sein und das Nichts. Darauf aufbauend soll das Kapitel Der Blick näher betrachtet werden, da dieses den Ausgangspunkt der im weiteren Verlauf der Arbeit folgenden Übertragung von Sartres Thesen auf Gogol's Erzählung Das Porträt bildet. In Bezug auf Das Porträt sind die Augen als Leitmotiv von besonderem Interesse. Exemplifiziert wird dieses anhand der Traumsequenzen in der erwähnten Erzählung. Erläutert wird ebenfalls die Kunstproblematik, die im engen Zusammenhang mit dem Blick dargestellt wird.

Abschliessend soll versucht werden Sartres Thesen aus Der Blick auf Gogol's Erzählung anzuwenden. Der Blick sowie die Kunstproblematik stehen im Mittelpunkt der Betrachtung, da das Auge als Schwelle zur Welt und als deren Teil, im Kunstdenken der europäischen Moderne eine entscheidende Rolle spielt. Insgesamt soll bewiesen werden, dass philosophische Konzeptionen sich auf literarische Konzepte anwenden lassen.

2. 1 Das Imaginäre bei Sartre

Einleitend soll der Raum des Imaginären in Sartres Philosophie beschrieben werden. Laut Bonnemann beschreibt Sartre das Bild in Anlehnung an Descartes als „Idee, die von der Seele anläßlich einer Affektion des Körpers erzeugt wird” 1 Im gleichen Zusammenhang beschreibt er den Unterschied zwischen Bild und Empfindung als sehr gering. Dabei ist Sartres 'Bild' ein 'Vorstellungsbild', wodurch alles, „was sich nur auf die Natur des Körpers bezieht, nichts [ist] als Träume“2. Desweiteren erläutert Bonnemann den Weg vom Porträt zur reinen Vorstellung. Diesbezüglich wird die Vorstellung als unsichtbar und das Porträt als sichtbar definiert.

Wichtig für diese Analyse scheint außerdem das Phänomen der Halluzination. Sartre stellt die These auf, dass die Halluzination eine Vorstellung sei, die nicht mehr als solche erkennbar ist. „Jemand, der halluziniert, hält offensichtlich eine Vorstellung für eine Wahrnehmung. [Wie kann also] 'der Kranke an die Realität einer Vorstellung glauben, die sich durch ihr Wesen als ein Irreales gibt?'“3. Laut Sartre muss er dazu sein Bewusstsein des Realen umkehren, was seinen Sinn für das Reale wiederum schwächt. Diesen Zustand bezeichnet er als 'Desintegration'.

„Ein Bewußtsein im Zustand der Desintegration kann seine Objekte nicht mehr auf Distanz halten und begünstigt das Auftauchen des halluzinatorischen Objekts [...] Die augenblickliche Halluzination ist also keine 'falsche' Erfahrung, sondern eben überhaupt keine Erfahrung, da hierzu ein aufmerksames Bewußtsein erforderlich wäre. Infolge des Schrecks angesichts des Phänomens reißt sich das Bewußtsein aus diesem Zustand der Desintegration, und diese Rückkehr des Thematischen Bewußtseins führt sogleich zum Verschwinden des halluzinierten Objekts.“4

Die Erinnerung, die die Halluzination vervollständigt, kann zwischen Realem und Irrealem nur dann unterscheiden, wenn „das jeweilige Objekt bereits im Moment seines aktuellen Erscheinens als real oder irreal gesetzt worden ist.“5 Wenn also das halluzinierte Irreale verschwunden ist, bleibt nur die Erinnerung. „Um die Selbstdurchsichtigkeit des Bewusstseins nicht zu gefährden, wird der Ort der Täuschung vom aktuellen Bewußtsein auf die Erinnerung verlagert.“6

Sartres Definition des Traumes ist ebenfalls von Interesse für diese Arbeit. Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen Imagination und Wahrnehmung. Dabei wird die Wahrnehmung des Traumes durch Reflexion als solche vernichtet, indem ihr Sein erkannt wird. Laut Sartre nimmt der Träumende, wie im Falle der Halluzination, überhaupt nichts wahr.

„Dies soll auch der Grund dafür sein, warum im Traum all jene Empfindungen, welche zwar stark genug sind, bewußt zu werden, aber nicht stark genug sind, ein Erwachen herbeizuführen, nicht als sie selbst, sondern als Analogon geträumter Objekte erfaßt werden. [...] Darum ist der Traum 'die vollkommene Verwirklichung eines geschlossenen Imaginären'“7.

Der Traum ist ebenso wie die Halluzination eine fatalistische „Welt ohne Freiheit“8 in der das Individuum keine Möglichkeiten zu haben scheint, beziehungsweise diese nicht als solche erkannt werden. In diesen Zuständen geht also der Realitätssinn verloren. „So ist der Traum 'keineswegs die für die Realität gehaltene Fiktion, er ist die Odyssee eines Bewußtseins, das durch und gegen sich selbst dazu verurteilt ist, nur eine irreale Welt zu konstituieren'“9. Die oben erwähnte 'Welt ohne Freiheit' impliziert die Frage nach der Beziehung zwischen der Imagination und Freiheit. Dabei stellt er die These auf, dass der Mensch die Kraft der Vorstellung auf Grund der transzendentalen Freiheit habe. Er behauptet außerdem, dass eine Vorstellung „immer nur auf einem Hintergrund von Welt und in Verbindung mit dem Hintergrund“10 existiere. Dies bedeutet, dass „wenn das Bewußtsein sich etwas vorstellt, [...] es sich vom realen los [reißt], um etwas zu suchen, das nicht da ist oder das nicht existiert“11.

2.2 Sartres Ästhetik

Sartres Ästhetik ist ebenfalls bedeutend für die spätere Analyse. „Die ästhetische Einstellung ist für Sartre ein zwar einerseits primär passives, andererseits jedoch durchaus aggressives Verhältnis zur Welt, das alle Menschen, Dinge und Ereignisse auf 'das bloße Spiel einer Imagination' reduziert. Er sieht hierin nichts geringeres als eine 'Vernichtung des Realen'.“12 Diese Negation führt laut Sartre jedoch zur Schönheit, deren Bedingung die Liebe zum Schönen ist. Im gleichen Moment stellt er die These auf, dass „die Schönheit entmenschlicht“13 „Sartres Kunstverständnis, das vor allem negative Bestimmungen (Praxis- und Verstehensverweigerung, Nicht­Kommunikation, Anfechtung der Realitätsdimension des Seins) anführt, liegt konträr zu all jenen Positionen, nach denen künstlerische Werke auf welche Weise auch immer die Welt bereichern.“14 Wer dem Reiz des Schönen nicht widerstehen kann ist laut Sartre in der Absicht sich über die Menschen zu erheben auf Grund von Misanthropie - „Ressentiment und Haß, die einen veranlassen, sich vom Sein zu absentieren, wird man verbergen, indem man behauptet, man entferne sich davon, um das Ideal zu erreichen“51. Ist also etwas Irreales zugleich schön? Die als „Irrealisierung des Seins zum Schein“16 definierte Schönheit setzt in Sartres Vorstellung voraus, dass nichts hässliches existiere, da das Reale weder hässlich noch schön und die Dimension des Irrealen schön sei. Daraus schlussfolgernd stellt er die These auf, dass „ 'die ästhetische Haltung [...] das Sein imaginier[t] [...], daß es sich in Schein verwandelt.' Die Umwandlung in einen Schein ist laut dieser Darstellung allein das Werk der Schönheit“18. Im gleichen Zusammenhang stellt sich die Frage, ob Schönheit dadurch der Sieg des Nichts über das Sein sei, auf Grund von ihrer Existenz jenseits de]s Realen, als Negation dieses Seins im Imaginären. Laut Sartre existiert Schönheit im Nichts sowie im Imaginären. Somit stellt die Imagination einen Gegenpol zur Wahrnehmung dar, was Sartres These, dass „Schönheit die 'Umwandlung des Seins in Schein'“18 sei, bestätigt. Darauf aufbauend soll in der Folge analysiert werden, was geschieht, wenn der Ästhet ein Kunstwerk produzieren will. Abgesehen von der „Verneinung allen realen Handelns“19 sollte der Künstler laut Sartre, dazu in der Lage sein, „selbst eine Spielart des Handelns“20 zu sein. „Der 'Träger des Werkes', der sozusagen den seriösen Kern der Irrealisierung darstellt, ist die Gesamtheit der bearbeiteten Materialien, also jene realen Gegenstände, die als 'Irrealisierungsmittel' verwendet werden (Farben, Marmorblock, Sprache).“21

Laut Heumann bestimmt Sartre das Kunstwerk ebenfalls als etwas Irreales, das den Gesetzen der Imagination unterliegt, die wiederum in ihrer Existenz auf dem Vorhandensein von Wirklichkeit beruht „und zwar in Form von Analogie. Das Analogon ist ein Element der Realität quasi das Material, mit dem die Imagination ihre Welt aufbaut.“22 Die Imagination wiederum baut ein nicht existentes oder abwesendes Objekt in Form eines Gegenstandes auf und realisiert ihn.

„Die Materialität des Analogons wird nicht selbst zum Gegenstand eines Bewusstseins gemacht, sondern vielmehr in ein Bewusstsein integriert, dessen Gegenstand erst durch die imaginative Funktionalisierung dieser Materialität entsteht.23 Sartre folgert daraus, dass der Vorstellungsakt in seiner Intentionalität auf einen abwesenden oder inexistenziellen Gegenstand gerichtet ist.“24

Heumann betont außerdem, dass in Sartres Ästhetik ein ästhetisches Objekt in Form eines Kunstwerks nur im Imaginären entstehen kann. „Das Kunstwerk spielt die Rolle, die dem Analogon im vorstellenden Bewusstsein zukommt. Es dient als Mittler zwischen den Sphären des Realen und Imaginären.“25 Wichtig ist außerdem, dass das Kunstwerk laut Sartre nur das in sich trägt, was der Künstler bei der Realisation hinein projiziert. „ Was wir als Reaktionen auf ein irreales Objekt erleben, sind deshalb gar keine Reaktionen auf das irreale Objekt, sondern Reaktionen auf die Konstitution dieses Objekts.“26 Diese These wird im weiteren Verlauf der Arbeit von Wichtigkeit sein. In Bezug auf den Text belebt laut Sartre der Leser diesen mit Gefühlen, die der Text in ihm evoziert. Die Übertragung dieser These auf das Bild wird ebenfalls von Interesse sein.

Laut Heumann ist also für Sartre das Induviduum in Bezug auf sich selbst Gegenstand der Kunst, ebenso wie in Bezug auf die Natur oder Geschichte. „Es ist das Medium, in dem sich in einem paradigmatischen Sinn das Selbstbewusstsein der menschlichen Gattung ausbildet“27. Sartre betont diesbezüglich das ethische Moment der Kunst - die Verantwortung, die der Künstler trägt. Das Dasein des Individuums sollte jedoch auch in Bezug zum Anderen betrachtet werden.

„Die Beziehungen zum Anderen können aber auch auf die Betrachtung des Kunstwerks übertragen werden, denn im gleichen Maße, wie jemand durch den anderen in seinem Bewegungsspielraum eingeschränkt wird, kann das Kunstwerk gleichsam als materielle Form des Blicks die Reaktionen des Betrachters beeinflussen.“28

2. 3 Grundlegende Thesen in Das Sein und das Nichts

Als Erstes sollte erwähnt werden, dass Das Sein und das Nichts eine phänomenologische Ontologie ist, die die Phänomenalität der Seinsstrukturen beschreibt. In seiner Analyse beschreibt Sartre die Beziehung zwischen der Freiheit und dem Sein, die zwischen dem Bereich des Für-sich und des An-sich, eines Subjekts sowie Objekts. Er thematisiert ebenfalls die Angst und Scham, die Unaufrichtigkeit und den Blick des Anderen sowie einige weitere Themenkreise.

Durch den Dualismus des Für- und An-sichs vereint Sartre das Sein mit dem Nichts. Dabei ist das Für-sich das bewusste Sein, „das das zu sein hat, was es ist, das heisst, das das ist, was es nicht ist, und das nicht das ist, was es ist“29. Zu den Phänomenen des Seins zählt die Angst, der Ekel, die Langeweile und die Scham. Laut Sartre enthüllt es sich selbst als ein nicht seiendes Sein - „ das Sein, durch das das Nichts30 zur Welt kommt“31. Wichtig für Sartre ist außerdem die These, dass die menschliche Realität ein Nichts sei. Daraus folgernd ist das Für-sich, das sich selbst als Sein zu begründen versucht, zum Scheitern verurteilt.

„Das Bewusstsein, seine eigene Zukunft im Modus des Nichtseins zu sein, ist, was mit dem Begriff 'Angst' beschrieben wird. Die Angst zeigt, dass das Für-sich immer neu gemacht werden muss, dass es keine Vor-Existenz besitzt und,

[...]


1 Das Augenmotiv bei Sartre

2 Jens Bonnemann, Der Spielraum des Imaginären, Beiheft 2, 2007, S. 43.

3 ebd., S. 45.

4 ebd., S. 133.

5 ebd., S. 134.

6 ebd., S. 134.

7 ebd., S. 135.

8 ebd., S. 142.

9 ebd., S. 143.

10 ebd., S. 143.

11 ebd., S. 147.

12 ebd., S. 147.

13 ebd., S. 365.

14 ebd., S. 366.

15 ebd., S. 368.

16 ebd., S. 368-369.

17 ebd., S. 369.

18 ebd., S. 370.

19 ebd., S. 375.

20 ebd., S. 387.

21 ebd., S. 387.

22 ebd., S. 389.

23 Lucia Heumann, Ethik und Ästhetik bei Fichte und Sartre, 2009, S. 131.

24 „La conscience imaginante pose son objet comme un néant“ vgl. ebd., S. 132.

25 ebd., S. 132.

26 ebd., S. 133.

27 ebd., S. 134.

28 ebd., S. 208.

29 ebd., S. 211.

30 Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts, Bernard Schumacher (Hg.), 2003, S. 9.

31 „Durch diesen Akt der Negation des An-sich erkennt das Für-sich seine Freiheit angesichts der unbestimmten Vielfalt des Möglichen.“

32 vgl. ebd., S. 10.

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640873470
ISBN (Buch)
9783640873005
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169117
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
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