Lade Inhalt...

Der Widerspruch des Nachempfindens und der Distanz des Mediums Geschichte als 'geschichtliche Besinnung'

Das Nachempfinden von Geschichtlichkeit im Drama – Büchners: "Dantons Tod"

Essay 2011 10 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Heidegger und das nachempfinden von Geschichte
2.2 Dantons Tod undgeschichtliche Besinnung
2.3 Kerkerszene als Zuspitzung von „Nachempfindbaren“ und Stimmung
2.4 Revolutionsdrama als Aktivierung des Lesers
2.5 Der Widerspruch und die Distanz

3 Schlussteil
3.1 Zusammenfassung
3.2 Anmerkungen / Literatur

1. Einleitung

,,Ich habe keinen Schrei fur den Schmerz, kein Jauchzen fur die Freudeu[1], heifit es in einem Brief von Buchner an Wilhelmine Jaegle, was verdeutlicht, dass Sprache viel leisten kann; aber eben nicht alles. Es gibt manchmal kein Wort, in dessen man eine besonders schmerzliche oder freudige Erfahrung „pressen“ kann, genau so wie kein literarisches Werk die Komplexitat unserer Welt oder eben nur ein Ereignis einfangen kann. So auch die Geschichtsschreibung. Wie schaut es aus mit der Darstellbarkeit von Ereignissen oder eben auch noch von historischen Ereignissen, die auf Fakten oder Tatsachen beruhen? Vor allem bei so einflussreichen und existenzbedrohenden Revolutionen wie der Franzosischen.

Die Literatur[2], als Medium, beschreibt dabei einen Versuch, abstrahierte Realitat, in Form von zugespitzten Modellen zu bringen, um z.B. ein Einzelschicksal (Danton) darzustellen. Diese Darstellung ist nicht bloft eine Veranschaulichung eines Zustandes zu einem bestimmten (punktuellen) Zeitabschnittes oder Momentes, sie dient einem Zweck: Das Einzelschicksal, als auch der zeitliche Rahmen, der als Motivationsgrund der Figuren fungiert, soll eine Mentifikationsmoghchkeit schaffen; als auch eine „Verwandlung“ nachvollziehbar machen. Wie in die Ritterrustung, kann oder soll so der Leser in das Bewusstsein der Figur „schlupfen“, um einen Eindruck der „Zeit“ zu „erleben“. Die Geschichte oder eben wichtige Ereignisse dessen, sollen nachempfindbar(er) werden. Genau wie z. B. Handlungen bekannter historischer Figuren, die tatsachlich existiert haben. Handlungen die aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar sind, gar widerspruchlich „erscheinen“. Des Weiteren konnen Geschichtsschreibung, also historische Fakten, und Fiktionalitat, so miteinander verknupft werden, dass es unzertrennbar wird. Doch in diesem Essay soll es um die These gehen, dass durch die Aktivierung des Lesers, durch die „gebrochene“, vielschichtige und implizite metaphorische Sprache, als auch durch existenzial- philososophische Konfrontation, die Distanz angegriffen wird, wodurch sogar ein „Monster“, wie die Franzosische Revolution, „nachempfindbar“ gemacht wird. Schlielilich ist es aber die Perspektive, welche dem gewahlten Medium - Distanz schaffend - zu Grunde liegt. Was auch weitergehend uber das Thema der Medialitat diskutiert werden konnte. Zum Beispiel in einem Vergleich von Fassbinders[3] Umgang mit der Historie und den Verfilmungen von Dantons Tod[4] bzw. was sich doit andert.

2. Hauptteil

2.1 Heidegger und das nachempfinden von Geschichte

Will man genau wissen, was in einer Figur vor sich geht, mussten wir, wie Danton es formuliert: „ (...) [u]ns die Schadeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren.“[5] Was, direkt am Anfang des Dramas, auf einen enormen Vertrauensverlust und Unsicherheit zur Zeit der Revolution deutet.

Heidegger unterscheidet in seiner Vorlesung „Die Grundprobleme der Philosophie“[6], in der Er auch unsere Auffassung von Wahrheit kritisiert, in einem spannenden Nebengedanken unsere Auffassung von Geschichte. Dabei unterscheidet Heidegger historische Betrachtung und geschichtliche Besinnung. Die eher negativ empfuindene historische Betrachtung, basierend auf „historisch“ dem griechischem Begriff fur „auskundschaften“, sei bloft die „ [E]rkundung des Vergangenen aus dem Gesichtskreis des Gegenwartigen.“[7] Es sei eine Interpretation aus dem Standpunkt der Gegenwart uber etwas vergangenens, wobei zeitgenossisches mit in die (perspektivische) Betrachtung miteinbezogen wird. Die ontologische Differenz ist dabei, zeitlich gesehen, ein Hindernis, welches wohl moglich gar nicht Beachtung gewinnt. Dagegen sei die geschichtliche Besinnung eine „ [B]e-sin-nung: Eingehen auf den Sinn des Geschehenden, der Geschichte.“[8] Es ist eingehen, erfuhlen und nachempfinden dessen - heideggerisch gesprochen. Diese ontologische Differenz wird bewusst wahrgenommenen, und dadurch der Umgang mit Geschichte anders, ausfuhrlicher und Intensiver (z.B. wird auch auf die Sprache Rucksicht genommen, was uns gut zu Danton uberleiten lasst).

2.2 Dantons Tod und geschichtliche Besinnung

„Wir haben nicht die Revolution, sondern die Revolution hat uns gemacht.“[9] Dantons Tod, wie im Titel alles andere als angedeutet wird, gibt den Tod, durch Exekution, des Georges Jacques Danton, literarisch, wieder. Diese Exekution, basiert aufhistorischen Fakten und dient als Grundstoff und Dramaturgie des Dramas. Dieses Drama nimmt sich also nicht nur historische Fakten bzw. Geschehnisse vor, sondern auch historische Figuren, die tatsachlich existiert haben und somit potenzielle „Forschungsgebiete“ fur Motivation hergeben und als Trager von Eigenschaften und Identifikationsmoglichkeiten, im dramaturgischen- kathetischen Sinne, dienen. Dabei spielen sie immer in einem, so etwas wie einem transzendenten, dritten Raum, aus Tatsachen und Fiktion: Sie sind also nicht nur Handlungstrager, sondern auch Hybriden.

Das Verhaltnis von Handlungszeitraum in Dantons Tod und der Zeit(dauer) der Franzosischen Revolution ist ein schwieriges. Tatsachlich spielt das Drama in nur wenigen Tagen und fokussiert sich somit auf die Schreckensherrschaft[10], einem besonders wichtigen Teil, wenn es darum geht die Radikalitat zwischen den dominierenden Parteien (Berg und „ TaT) zugespitzt zu thematisieren: „Es ist aus. Sie zitterten vor ihm. Sie toten ihn aus Furcht."[11]

Der dramatische, umzuwandelnde und notwendige Konflikt, wird also auf einen uberschaubaren Bedeutungskontext oder Raum, eingeengt bzw. zugespitzt.

Diese Vereinfachungen sprechen eigentlich gegen eine geschichtliche Besinnung. Dennoch wahlt Buchner eine sehr komplexe Sprache[12] und verarbeitet philosophische Gedanken in Stimmungen[13] um, wie z.B. die von Spinoza. Dadurch wirken die Figuren wohl „authentisch(er)“ oder min. wie nachdenkende und „fuhlende“ Imitationen von Wesen, wodurch wiederum ihre Dialoge am Geist der Zeit kratzen. Aber machen sie deren existenziellen Krisen auch nachvollziehbar?

2.3 Kerkerszene als Zuspitzung von Nachempfindbaren und Stimmung

Zeit, ist es, die im dritten Akt, welcher herausstreicht, die, durch ihre Vorhandensein, nun auch thematisiert wird. Dies verdeutlicht einen wichtigen Aspekt des Dramas, namlich die vorherrschende Stimmung und Atmosphare, die vielleicht die Akteure dominiert und sicherlich auch Danton, wie eine Marionette[14] - heideggerisch - be-stimmt.

„Ist Letzteres der Fall so muss Gott sie [die Welt] zu einem bestimmten Zeitpunkt erschaffen haben, Gott muss also, nachdem er eine Ewigkeit geruht einmal tatig geworden sein, muss also einmal eine Veranderung in sich erlitten haben, die den Begriff Zeit auf sich anwenden lasst, was beides gegen das Wesen Gottes streiten lasst. Gott kann also die Welt nicht geschaffen haben."[15]

[...]


[1] Brief von Buchner an Wilhelmine Jaegle, 8. oder 9. Marz 1834. / http://www.aelis.info/advent/QlQl.html (Stand 27.11.2010 [14Uhr38]).

[2] Genau wiejede andere Kunstform.

[3] BRD-Trilogie: Lola, Die Ehe der Eva Maria Braun und Die Sehnsucht der Veronika Voss.

[4] Fritz Umgelter, Dantons Tod, Deutschland, SWR (damals SWF), 1963 / Andrzej Wajda, Danton, Polen, 1983.

[5] Georg Buchner, Dantons Tod, Anaconda, Koln, 2005, (I. Akt, I.Szene), S. 9.

[6] Martin Heidegger, Gesamtausgabe, II. Abteilung: Vorlesungen 1923 - 1944, Band 45, Grundprobleme der Philosophie - Ausgewahlte Probleme der Logik, Vittorio Klostermann, 1984.

[7] Ebd. S. 34.

[8] Ebd. S. 36.

[9] Georg Buchner, Dantons Tod, Anaconda, Koln, 2005, (II. Akt, I. Szene), S. 37.

[10] Wie es auch zeitweise gegen den Willen Buchners im Titel des Dramas auftauchte.

[11] Georg Buchner, Dantons Tod, Anacaonda Verlag, (IIII. Akt, II. Szene), S. 80.

[12] Liselotte Werge, Zur Metaphorik und Deutung des Dramas Dantons Tod von Georg Buchner, S.21ff.

[13] Vielleicht sogar eine heideggerische Grundstimmung, welche sich auf die Figuren auswirkt: Vgl. ,,Attunement (Stimmung) determines (be-stimmt) our being-in-the-world.“, Giani Vattimo, Arts Claim to Truth, University Presses, U.S.A., Marz, 2008.

[14] Duden, Abiturwissen - Literatur, Paetec, Berlin, 2004, S. 58

[15] Georg Buchner, Dantons Tod, Anacaonda Verlag, (III. Akt, I. Szene), S. 56.

Details

Seiten
10
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640875887
ISBN (Buch)
9783640876075
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169322
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Philosophische Fakultät
Note
1,3
Schlagworte
Geschichte Literatur Dantons Tod Büchner Heidegger Distanz Medialität Nachempfindbarkeit Metaphorik Germanistik Vorlesung Kulturelles Gedächntis Übertragung Medium Welt Vereinfachung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Widerspruch des Nachempfindens und der Distanz des Mediums Geschichte als 'geschichtliche Besinnung'