Lade Inhalt...

Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem

Das Konzept der institutionellen Diskriminierung nach Mechtild Gomolla und Frank-Olaf Radtke

Hausarbeit 2009 22 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung
1.1 Bevolkerung mit Migrationshintergrund
1.2 Das deutsche Bildungssystem

2 Empirische Befunde aus PISA und dem Bildungsbericht
2.1 Die Studien
2.1.1 PISA
2 1.2 Bildungsbericht 2008
2.2 Ergebnisse
2.2.1 Schulabschlusse
2.2.2 Soziale Herkunft, Bildungserfolg und Schulkompetenzen

3 Institutionelle Diskriminierung
3.1 (Soziale) Diskriminierung
3.2 Direkte versus indirekte institutionelle Diskriminierung
3.3 Institutionelle Diskriminierung innerhalb der Organisation Schule

4 Bereiche, in denen institutionelle Diskriminierung stattfindet
4.1 Elementarbereich und Einschulung
4.2 Ubergang in den Sekundarbereich I
4.3 Uberweisung an Sonderschulen
4.4 Deutsch als Unterrichtssprache

5 Zusammenfassung und Fazit
5.1 Zusammenfassende Erkenntnisse
5.2 Reformvorschlag von Auernheimer: integratives Schulsystem
5.3 Fazit

6 Bibliographie

1 Einleitung

Wie das offentliche Interesse und Besorgnis uber die Resultate der Studie ’Ungenutzte Potenziale zur Lage der Integration in Deutschland’ des Berlin-Instituts fur Bevolkerung und Ent- wicklung[1] zeigt, gilt Bildung als wichtiges Kriterium der Integration von Menschen mit auslandischem Pass oder Migrationshintergrund, was darauf zuruck zu fuhren ist, dass das Bildungswesen zu den zentralen Teilsystemen unserer Gesellschaft gehort (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008: 6). Studien wie die oben erwahnte weisen jedoch nicht nur auf die Bedeutung der Bildung in der deutschen Gesellschaft hin, sondern zeigen auch, dass besonders Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, verglichen mit deutschen SchulerInnen, schlechtere Bildungschancen haben. In der vorliegenden Ausarbeitung soll gezeigt werden, dass sich diese Ungleichheit der Bildungschancen zu einem groBen Teil auf die Strukturen und institutionellen Gegebenheiten des deutschen Schulsystems zuruckgefuhrt werden konnen, die Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund direkt und indirekt diskriminieren.

Als Grundlage fur die weitere Arbeit soll in der Einleitung geklart werden, was die Bezeich- nung ’Menschen/Jugendliche/Kinder mit Migrationshintergrund’ bedeutet und wie viele Menschen in Deutschland dazu gezahlt werden. Im Anschluss soll ein Uberblick uber das deutsche Bildungssystem erfolgen, um die verschiedenen Bereiche, die in den darauf folgenden Kapiteln behandelt werden, einordnen zu konnen.

Im ersten Teil der Arbeit sollen die Ergebnisse des aktuellen Bildungsberichtes des Bundesministeriums fur Bildung und Forschung und der aktuellsten PISA-Studie (2006) behandelt werden, die unter anderem den Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund, sozialem Hintergrund und Bildungserfolg von Kindern zeigen. Nach kurzer Vorstellung der PISA- Studie und des Bildungsberichts erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse in Bezug auf die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Der zweite Teil beschaftigt sich mit dem Konzept der institutionellen Diskriminierung nach Gomolla und Radtke (2002). Dabei soll zuerst geklart werden, was (institutionelle) Diskrimi- nierung ist, welche Arten direkter und indirekter Diskriminierung es gibt und wie sich diese in der Organisation Schule darstellen.

Im Anschluss daran sollen vier Bereiche der Schule, in denen die institutionelle Diskriminie- rung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund besonders folgenreich ist, aufgezeigt werden. Dabei handelt es sich um drei Ubergangschwellen in der Schullaufbahn: Ein- schulung, Ubergang in die Sekundarstufe I und die Uberweisung in Sonderschulen mit dem Schwerpunkt lernen. Da in diesen drei Bereichen die Sprachfahigkeiten der betroffenen SchulerInnen immer wieder eine Rolle spielen, soll zum Schluss auf die Schulsprache Deutsch eingegangen werden.

AbschlieBend sollen in einem letzten Teil die Erkenntnisse der Ausarbeitung zusammengefasst und ein Reformvorschlag von Auernheimer (2006) vorgestellt werden. Ein Fazit rundet die vorliegende Ausarbeitung ab.

Als Grundlage fur die vorliegende Ausarbeitung diente vor allem das Buch zur institutionellen Diskriminierung von Gomolla und Radtke (2002), sowie weitere Texte von Mechthild Gomolla, Ingrid Gogolin und anderen (vgl. Bibliographie).

1.1 Bevolkerung mit Migrationshintergrund

Die Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2008: 38) bezeichnet als Personen mit Migrationshintergrund “alle, die selbst oder deren Eltern nach 1949 nach Deutschland zugewandert sind oder nicht die deutsche Staatsangehorigkeit besitzen oder eingebUrgert wurden“. Diese Definition soll als Grundlage fur die vorliegende Ausarbeitung dienen, wobei ’Migrantenkinder’ als Synonym gelten soll. Wenn von ,deutschen Schulerlnnen’ die Rede ist, sind dabei Personen ohne Migrationshintergrund gemeint.

Im Jahr 2006 hatten 18% der Bevolkerung in Deutschland einen Migrationshintergrund, in einigen Regionen Westdeutschlands und in Berlin lag der Anteil sogar bei uber 50% (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008: 11). Von den unter 25-jahrigen hatten 30% einen Migrationshintergrund, wobei die Bildungsbeteiligungsquote dieser Gruppe bei 59%[2] lag (ebd.: 20). Die Bildungsbeteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund lag 2006 etwas unter der Gesamtquote von 63%. Die Autoren des Bildungsberichts (2008: 37) fuhren diesen Unterschied zum Teil „auf den insgesamt ungunstigeren soziookonomischen Status von Personen mit Migrationhintergrund“ zuruck.

1.2 Das deutsche Bildungssystem

Da das deutsche Bildungssystem foderalistisch aufgebaut ist, die Bundeslander also selbst uber die Ausfuhrung bestimmen konnen, gibt es in Deutschland eine Vielfalt an Schulstrukturen (Gomolla 2005: 92). Allgemein lasst es sich in funf Bereiche unterteilen, in denen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von unter eins bis zu 25 Jahren ausgebildet werden (Bildungsberichterstattung 2008: 28). Fur die vorliegende Ausarbeitung sind vor allem der Elementar-, der Primar- und der Sekundarbereich I relevant, da in diesen Stufen die institutionelle Diskriminierung von Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund am folgenreichsten ist. Auch in den zwei anderen Stufen des Bildungssystem, dem Sekundarbereich II und dem tertiaren Bereich kann es zur Diskriminierung kommen, diese sollen allerdings ausgeklammert werden.

In allen Bundeslandern auBer Berlin, Brandenburg, Bremen und Nordrhein Westfalen betragt die Pflichtschulzeit neun Jahre, die vorschulische Erziehung in Kindergarten und Horten ge- hort dabei nicht zu der offentlichen Schule (Gomolla 2005: 93).

Das deutsche Bildungssystem ist folgendermaBen aufgebaut:

Der Elementarbereich ist fur Kinder bis zum sechsten Lebensjahr gedacht und umfasst neben der Kinderkrippe und Kindergarten auch Einrichtungen wie Schulkindergarten. In den Schulkindergarten kommen Kinder im Alter von sechs Jahren, die vom Schulbesuch zuruckgestellt wurden (Gomolla 2005: 93). Wie wir spater sehen werden, trifft dies oft auf Migrantenkinder zu.

Im Primarbereich werden Kinder ab dem sechsten Lebensjahr fur meist vier Jahre[3] in der Grundschule ausgebildet, im Alter von zehn Jahren erfolgt danach normalerweise der Uber- gang in die Sekundarstufe I, wobei der Bildungswunsch der Eltern Vorrang haben sollte (ebd.: 93).

Der Sekundarbereich I ist meist dreigliedrig aufgebaut und umfasst Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Die Hauptschule soll auf eine allgemeine Berufsausbildung vorbereiten, der Hauptschulabschluss - auch Mittlere Reife genannt - erfolgt nach neun bis zehn Jahren Schulzeit. Hauptschulen gelten oft als ,Restschulen’, die vor allem als Auffangstellen fur Migrantenkinder fungieren (ebd.: 93). Mit dem Realschulabschluss konnen einerseits berufliche Ausbildungsmoglichkeiten wahrgenommen werden, es ist aber auch ein Ubertritt in eine Fachhochschule oder ins Gymnasium moglich. Im Gymnasium erfolgt in der 10. Klasse der Ubergang in die Sekundarstufe II, wobei bei erfolgreichem Abschluss (Abitur) der Zugang zu einem Hochschulstudium (Tertiarbereich) gegeben ist. (ebd.: 93-94)

Neben diesem herkommlichen dreigliedrigen System gibt es die so genannten Gesamtschulen, die als Versuch gesehen werden konnen, den Bereich der Sekundarstufe I weniger stark zu unterteilen. Jedoch fungieren sie meist nur als Ersatzlosung, wenn ein Ubergang von SchulerInnen auf das Gymnasium oder die Realschule als zu risikoreich betrachtet wird (ebd.: 94).

Eine weitere Einrichtungen, die es im Primar- und in den beiden Sekundarbereichen gibt, sind Forder- oder Sonderschulen, die sich um Kinder und Jugendliche mit einer (Lern-) Behinde- rung aufnehmen. Sonderschulen konnen nach Art der Behinderung in zehn verschiedene Typen unterteilt werden, am meisten vertreten sind dabei Schulen fur Lernbehinderte Kinder und Jugendliche (ebd.: 94). Wie Gomolla / Radtke (2002) und andere (z.B. Kornmann 2006) gezeigt haben, werden SchulerInnen mit Migrationshintergrund ubermaBig oft - vor allem Aufgrund schlechter Deutschkenntnisse - in Sonderschulen uberwiesen.

2 Empirische Befunde aus PISA und dem Bildungsbericht

Verschiedene Studien haben den Zusammenhang zwischen dem Migrationshintergrund von Kindern und Jugendlichen und deren Bildungschancen gezeigt. So findet Gogolin (2006: 38), dass die Daten von PISA zeigen, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in Deutschland nach wie vor schlechtere Bildungschancen als ihre deutschen MitschulerInnen hatten.

Als Grundlage fur die vorliegende Ausarbeitung sollen exemplarisch die PISA-Studie von 2006 und der Bildungsbericht des Bundesministeriums fur Bildung und Forschung aus dem Jahr 2008 vorgestellt werden. Die genannten Studien sollen zuerst kurz dargestellt werden, danach soll auf die wichtigsten Ergebnisse in Bezug auf die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund eingegangen werden. Dabei wird bewusst auf genaue Zahlen verzichtet und nur Tendenzen aufgezeigt, dies soll fur die vorliegende Ausar- beitung ausreichen.

2.1 Die Studien

2.1.1 PISA

Das Programme for International Student Assesement (PISA) wird alle drei Jahre[4] von der OECD organisiert und untersucht, „inwieweit es den Bildungssystemen weltweit gelingt, junge Menschen auf die Anforderungen der Wissensgesellschaft und eines Lernens uber die Lebensspanne vorzubereiten“ (PISA 2006: 3). Dabei erhalt die Alterskohorte der Funfzehnjahrigen im Abstand von drei Jahren Testaufgaben, die die Grundkompetenzen in den Bereichen Lesen, Naturwissenschaften und Mathematik messen sollen. In jeder Erhebungsrunde wurde dabei der Schwerpunkt auf einen der drei Bereiche gelegt, wobei die anderen beiden Bereiche auch einbezogen wurden. PISA 2000 legte den Schwerpunkt auf die Lesekompetenz, 2003 auf Mathematik und in der letzten Studie 2006 auf naturwissenschaftliche Kompetenzen. Merkmale der sozialen Herkunft, wie zum Beispiel der Migrationshintergrund, wurden in den drei Erhebungsrunden mit denselben Instrumenten erfasst. (PISA 2006: 3)

2 1.2 Bildungsbericht 2008

Der Bildungsbericht, der 2008 vom Bundesministerium fur Bildung und Forschung zum zweiten Mal[5] in dieser Form herausgegeben wurde, ist eine Dokumentation uber den Zustand des deutschen Bildungssystems und behandelt die Entwicklungen in den vergangenen Jahren sowie aktuelle Herausforderungen. Die dabei angefuhrten Daten sollen dazu dienen zu erkennen, „fur welche Gruppen und an welchen Stellen des Bildungssystems Handlungsbedarf besteht“ (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2008: 7). Fur den Bericht wurde verschiedene Datenquellen verwendet, unter anderem der Mikrozensus, das sozio-okonomische Panel, die Schulstatistik, aber auch Ergebnisse aus PISA und IGLU (Internationale Grundschul- Lese-Untersuchung)[6].

2.2 Ergebnisse

Laut der Autorengruppen Bildungsberichterstattung (2008: 11) fuhrt ein Migrationshintergrund in allen Stufen des Bildungssystems zu Benachteiligungen. So seien Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund haufiger in niedriger qualifizierenden Schularten wie Hauptschulen anzutreffen und verlieBen die allgemein bildenden Schulen doppelt so haufig ohne mindestens einen Hauptschulabschluss zu erlangen wie deutsche SchulerInnen. Migrantenkinder wurden selbst bei gleichem sozialem Status seltener auf ein Gymnasium wechseln und deutsche Jugendliche wurden dreimal haufiger die Hochschulreife erwerben. Auch der Ubergang in eine Berufsausbildung ist fur Jugendliche mit Migrationshintergrund oft wenig erfolgreich: “Fur Jugendliche mit Migrationshintergrund stellt der Ubergang aus der Schule in die berufliche Ausbildung eine besondere Hurde dar“ (ebd.: 10).

Besonders groBe soziale Ungleichheiten entstehen laut der Autorengruppe Bildungsberichter- stattung (ebd.: 8) im Ubergang von der Primar- in den Sekundarbereich I. Die Autorlnnen stellen die Effektivitat des Ubergangs in Frage, da sich feststellen lasst, dass vor allem leistungsschwachere Jugendliche, solche mit ungunstigem sozialen Hintergrund oder Migrationshintergrund bei den Ubergangen eher benachteiligt werden und sich bereits bestehende Benachteiligungen in den Ubergangsprozessen sogar noch verstarken konnen (ebd.: 196).

2.2.1 Schulabschlusse

Im Durchschnitt verfugten Personen mit Migrationshintergrund im Jahr 2006 uber einen ge ringeren Bildungsstand als Personen ohne Migrationshintergrund (Autorengruppe Bildungs berichterstattung 2008: 40). Die Autorlnnen des Bildungsberichts behandeln dabei die Schul abschlusse in Abhangigkeit der Staatsangehorigkeit, Unterscheidungsmerkmal ist also nicht mehr der Migrationshintergrund sondern die Nationalitat.

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640876679
ISBN (Buch)
9783640876914
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169349
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Schlagworte
Institutionelle Diskriminierung Gomolla Radtke SchülerInnen mit Migrationshintergrund

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem