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Das Bild des Islam in den staatlichen Dari-Lehrbüchern Afghanistans

Hausarbeit 2008 24 Seiten

Asienkunde, Asienwissenschaften

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Situation des afghanischen Bildungssystems

3. Lehrmaterialien
3.1. Das Erlernen des Alphabets
Tabelle 1: Buchstabe und Wort
Tabelle 2: Wörter und Sätze
3.2. Ausgewählte Lehrbuchtexte
3.3. Grundregeln des Lebens
3.4. Texte aus dem Dari-Lehrbuch für das zweite Schuljahr
3.5. Islamtexte und weitere Themen der dritten Klasse

4. Schlussfolgerung

Literaturliste

1. Einleitung

Das Recht auf kostenlose Bildung bis zum Antritt einer höheren Ausbildung wurde jedem Bürger Afghanistans in den Artikeln 43 und 44 der Verfassung garantiert.[1] Der Staat übernimmt die Verantwortung für den Ausbau des Schulwesens und den Kampf gegen den Analphabetismus. Neben der Grundausbildung im Lesen und Schreiben bietet er gleichzeitig auch eine Ausbildung zu einem „vorbildlichen“ Staatsbürger. Die Nutzung von Lehrbüchern zur Erziehung der Bevölkerung und die Vermittlung aktueller politischer Begriffe durch einfache Lesetexte hat in Afghanistan Tradition. Mit der Unterstützung von US-AID hat das afghanische Bildungsministerium in den letzten Jahren eine Anzahl neuer Schulbücher für das Grundschulniveau drucken lassen, deren inhaltlichen Bezüge zum Islam ich in dieser Arbeit untersuchen möchte. Dabei konzentriere ich mich auf die Lehrbücher für den Dari- und Paschto-Unterricht für die erste bis dritte Klasse.

Der Arbeit liegt die Annahme zu Grunde, dass das Ministerium für Bildung innerhalb der Lehrbücher ein sorgsam erarbeitetes Bild des Islam vertritt. Dieses hat verschiedene Aufgaben zu erfüllen. Zum einen soll ein afghanischer Nationalismus gefördert werden, zum anderen soll ein Bild des Islam vermittelt werden, das von „fundamentalistischen“, „radikalen“ oder „islamistischen“ Begriffen befreit wurde. Durch die Wahl der zu behandelnden Themen in der Grundschulausbildung verfolgt der Staat – hier vertreten durch das Bildungsministerium – das Ziel auf die politische Meinungsbildung seiner Bürger und dessen Identifikation mit seinem Land bereits im Kindesalter Einfluss zu nehmen.

Zunächst soll das afghanische Schulsystem vorgestellt werden. Dabei widme ich mich vor allem dem Internetauftritt des Bildungsministeriums, das als Herausgeber der zu untersuchenden Lehrmaterialien agiert. Nach einer kurzen Beschreibung des formalen Aufbaus der Bücher, werde ich zunächst auf die aktuelle Methode der Alphabetisierung eingehen. Diese werde ich einem Lehrbuch aus den 1970er Jahren gegenüberstellen. Darauf folgt die inhaltliche Analyse ausgewählter Texte zum Islam. Abschließend soll an Hand der Ergebnisse der Textanalyse diskutiert werden, ob das Bildungsministerium mit der Auswahl der Inhalte der Lehrbücher dazu beiträgt, die Konsolidierung der Islamischen Republik Afghanistan voranzubringen.

2. Die Situation des afghanischen Bildungssystems

"Our Vision is to facilitate the development of a vibrant human capital by providing equal access to quality education for all and enable our people to participate and contribute productively to the development and economic growth of our country."[2]

Dies ist ein Auszug aus der Selbstdarstellung des afghanischen Bildungsministeriums im Internet. Eigenen Angaben zu Folge hat das Ministerium für das Jahr 2007 eine Reihe von Erfolgen zu verzeichnen. Mehr als 5,4 Millionen Kinder besuchten im Jahr 2007 eine Schule, davon 35% Mädchen. Fünf Jahre zuvor besuchten nur ca. eine Million Kinder eine Schule, der Mädchenanteil war dabei noch äußerst gering. Das Ministerium gibt an, dass schätzungsgemäß nur 50% der Kinder im schulfähigen Alter Afghanistans eine Schule besuchen. Bei der Einschulungsquote bestünde eine große Ungleichheit hinsichtlich Gender und dem Ort der Einschulung.

Die Anzahl der Lehrer hat sich in den letzten Jahren versiebenfacht. Von ihnen sind 28% Frauen, die vor allem in städtischen Gebieten arbeiten. Trotz großer Bemühungen und erheblicher finanzieller Zuwendungen von Seiten der Weltbank und USAID existiert bislang kein neuer Lehrplan für die Klassenstufen sieben bis zwölf. In den letzten Jahren hatte man sich vor allem auf die Überarbeitung und Erneuerung des Lehrstoffes für die erste bis sechste Klasse konzentriert. Obwohl sich die Zahl der Schulen in den letzten Jahren erhöht hat, haben nicht alle Dörfer und Gemeinden einen einfachen Zugang zu einer Schule. Häufig fehle es an Gebäuden für den Unterricht. Das Bildungsministerium macht auch darauf aufmerksam, dass tausende von Kindern in so genannten cross-border madrassas unterrichtet würden, in denen „der Fundamentalismus um sich greift“[3]. Des Weiteren wird bemerkt, dass sechs Prozent der Schulen wegen terroristischer Vorfälle geschlossen werden mussten oder abgebrannt worden sind.

Jährlich verlassen zwischen 30.000 und 40.000 Absolventen die höhere Schule. Ein Drittel von ihnen wird an den Universitäten zugelassen „ the rest will join the pool of unemployed[4].

Auf dem afghanischen Lehrplan für die ersten zehn Schuljahre stehen die Fächer Kunst, Dari, Paschto, Geschichte, Lebenskunde, Sozialkunde, Handschrift/Kalligraphie, Mathematik, Islamwissenschaft, Logik, Biologie, Englisch, Chemie, Physik, Arabisch, Wirtschaft, Geographie, Geologie, Geometrie und Trigonometrie.[5]

3. Lehrmaterialien

Die Lehrbücher für den Dari- und Paschto-Unterricht, aber auch für Fächer wie „Lebenskunde“ (ādāb-e zendegi = Gebotsregeln des Lebens) und Geschichte sind formal gleich aufgebaut. Jedes Buch wird mit einer Vorrede eingeleitet, welche die derzeitige, allgemeine Lage des Landes beschreibt und die unabhängig vom Erscheinungsjahr des Buches unverändert bleibt:

Nach einer Epoche von Vernichtung und Krieg befindet sich das Land im Prozess des Aufbaus einer neuer politischen Ordnung, welche der langanhaltenden, afghanischen Tragödie nun endlich ein Ende setzen soll. Das Bildungsministerium sieht sich dabei in der Position, für einen wichtigen Teil der Erziehung und Ausbildung einer neuen Gesellschaft die Verantwortung zu tragen. Es beschäftigt sich mit der Ausarbeitung der kulturellen und wissenschaftlichen Ziele eines neuen Bildungssystems, welches den derzeitigen und zukünftigen Bedürfnissen der Menschen entspricht. Dabei wurde eine Kommission aus hochqualifizierten Lehrern und Fachkräften gebildet, welche aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen stammen. Diese wurden mit der Überarbeitung früherer Lehrbücher beauftragt, bevor diese mit finanziellen Zuwendungen von US-AID und unter der Aufsicht der Universität Nebraska neu gedruckt wurden. Diese neuen Bücher sollen im Land verbreitet werden, damit alle Kinder und Jugendliche an dem neuen Wissen teilhaben können und in der Zukunft am Aufbau eines neuen Afghanistans und dem Aufbau einer Zivilgesellschaft mitwirken können. Zusätzlich zur Entwicklung des Landes und den Kenntnissen in den Bereichen Naturwissenschaft und Technologie soll außerdem das Bewusstsein für Geisteswissenschaften und Themen wie Menschenrechte, Frieden, Koexistenz, Patriotismus und Kampf gegen den Terrorismus im Unterricht gestärkt werden.[6]

Der Einleitung folgt in den Dari-Büchern für die zweite bis vierte Klasse eine Lobpreisung Gottes. Nach einem Grußwort an die Schüler beginnen dann die einzelnen Lektionen. An die Lesetexte schließen sich Aufgaben an, die meist das mündliche Wiederholen und mehrmalige Schreiben der Schlüsselsätze der Texte vorschreiben. Des Weiteren gibt es Fragen zum Textverständnis. Abstrakte Begriffe, die den Kindern vielleicht unbekannt sind, werden mit einfachen Worten erläutert oder es werden Synonyme angegeben. Zusätzlich enthält jede Lektion eine Anleitung für den Lehrer, die das Ziel der Unterrichtsstunde erläutern soll und dem Lehrer Hinweise gibt, wie er den Lehrstoff an die Schüler vermitteln kann.

S. B. Ekanayake beschreibt in seinem Buch Education in the Doldrums: Afghan Tragedy (2004) die historische Entwicklung eines eigenständigen Bildungssystems in Afghanistan bis zum Jahr 2001. Dies ist scheinbar die einzig verfügbare Monographie, die sich ausschließlich mit dem afghanischen Bildungswesen befasst. Im Kapitel The Nightmare: Curriculum and Textbooks (2004) merkt er folgendes an: „ In einem von der UNESCO im Jahre 1991 angefertigten Bericht stellte man fest, dass in der Zeit von 1979 bis 1991 eine Anzahl von Lehrbüchern erschienen ist, von denen sich eine gewisse Anzahl auf Texte stützen, die vor 1978 geschrieben worden sind. Vielen dieser Bücher fehlt der Bezug zum Alltagsleben der Schüler und sie sind ihrem Aufbau nach oft zu akademisch für die jüngeren Klassenstufen. In vielen dieser Bücher finden sich Texte, die sich auf das Führen des Ğehād beziehen.[7]

3.1. Das Erlernen des Alphabets

Das Erlernen des Alphabets erfolgt in Afghanistan überwiegend nach einem als Baghdader Schule bekannten Prinzip. Die Buchstaben des Alphabets werden zunächst in ihren verschiedenen Erscheinungsformen erlernt. Das heißt, die Kinder lernen, wie die Buchstaben des Alphabets miteinander verbunden werden, ohne dass die Verbindung zwangsläufig auch ein Wort ergeben muss.

Nach dem ersten Erlernen der Buchstaben, erfolgt das Erlernen erster Wörter und Sätze in wiederum alphabetischer Reihenfolge. Schon diese ersten Lesesätze zeigen die Intention der Verfasser zur moralischen Erziehung der Kinder. Ein Vergleich mit einem Paschto-Lehrbuch aus der Zeit der Moğāhedin zeigt, dass sich an der Alphabetisierung formal nichts geändert hat. Die ersten Wörter und Sätze unterscheiden sich zwar zum Teil, am Grundkonzept des Unterrichts wurde aber nichts verändert. An dieser Stelle soll anhand einer Tabelle gezeigt werden, welcher Buchstabe gemeinsam mit welchem Wort erlernt wird. Zur besseren Übersichtlichkeit werden in der ersten Tabelle zunächst nur die deutschen Wörter wiedergegeben.

Tabelle 1: Buchstabe und Wort

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] The Constitution of Afghanistan, Ministry of Justice, http://www.moj.gov.af/pdf/constitution2004.pdf

[zuletzt aufgerufen am 28.4. 2008]

[2] Ministry of Education, Afghanistan, http://www.moe.gov.af/ [zuletzt aufgerufen am 23.4.2008]

[3] Ministry of Education, Afghanistan, http://www.moe.gov.af/Vision.html [zuletzt aufgerufen am 23.4.2008]

[4] Ministry of Education, Afghanistan,http://www.moe.gov.af/Vision.html [zuletzt aufgerufen am 23.4.2008]

[5] Ministry of Education, Afghanistan, http://www.moe.gov.af/books.html [zuletzt aufgerufen am 23.4.2008]

[6] Minstry of Education [Herausgeber] Dari senf-e dowwom (Lehrbuch für den Dari-Unterricht der zweiten Klasse), (2003) S. 1

[7] S. B. Ekanayake (2004) Education in the Doldrums: Afghan Tragedy; University of Peshawar, Pakistan, S. 46

[8] Ministry of Education [Herausgeber] Dari senf-e awwal (Lehrbuch für den Dari-Unterricht in der ersten Klasse), Afghanistan, 2005

[9] Mohammad Sidiq Kāmrān [Herausgeber]: Paśto də dari žəbo simo də calorəm ţolgi ləpāra. o. O. 1372

Details

Seiten
24
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640876792
ISBN (Buch)
9783640877034
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169381
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Asien- und Afrikawissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Afghanistan Bildung Islam Lehrbücher Dari Paschto Textezeugnisse Muslime Nationbuilding

Autor

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Titel: Das Bild des Islam in den staatlichen Dari-Lehrbüchern Afghanistans