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Ethnizität und ethnische Politik in Laos

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 25 Seiten

Südasienkunde, Südostasienkunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Teil 1:
1. Einleitung

Teil 2:
2. 1. Das Konzept
Lao Thoeng
Lao Loum
Lao Sung
2. 2. Die Geschichte des Konzepts
2. 3. Kolonie und Monarchie
2. 4. Nationbuilding ohne König, aber mit Bürgern
2. 5. Politik, Gesetze und Lebensrealität
Die Verfassung
2. 6. Ethnische Politik in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Versorgung
2. 7. Die Hmong
2. 8. Auswirkungen der technischen Zusammenarbeit

Teil 3:
3. 1. Die Beziehung zum Nachbarn Thailand

4. Schlussfolgerung

Literaturliste

Teil 1:
1. Einleitung

Das von der Regierung der Volksrepublik Laos postulierte Ethnizitätskonzept stellt innerhalb der südostasiatischen Staatengemeinschaft und im internationalen Vergleich eine Besonderheit dar. Das Konzept, das sich vor allem durch seine klare Struktur auszeichnet und eine allgemeine Verständlichkeit von Ethnizität in Laos erreichen möchte, soll in dieser Arbeit vorgestellt werden. Dabei soll das Hauptaugenmerk jedoch auf der Bedeutung des Konzeptes für die laotische Innenpolitik und die Abgrenzung gegenüber dem Nachbarn Thailand gelegt werden. Es wird bewusst darauf verzichtet eine Betrachtung von Ethnizität anzustreben, die einzelne ethnische Gruppen, bzw. ethnische Kategorien[1] in den Mittelpunkt stellt, da eine solche Herangehensweise für die Erklärung von politischen Phänomenen nicht sinnvoll scheint.

Die politische Bedeutung von Ethnizität soll jedoch am Beispiel der Hmong verdeutlicht werden, wobei weniger der ethnische Charakter der Kategorie eine Rolle spielen soll, als vielmehr deren Anteilnahme an der politischen Entwicklung des Landes. Der Arbeit liegt die These zu Grunde, dass die von der laotischen Regierung gewählte, ethnische Klassifizierung für die eigentliche Politik des Landes keine Relevanz besitzt. Sie stellt lediglich eine staatlich geförderte Marginalisierung bestimmter Gruppen dar und wird für Machterhaltung und die Erfüllung der Interessen Einzelner missbraucht.

Das Land Laos hat viele Entwicklungsphasen durchgemacht und so verschieden war auch der Umgang mit der Multiethnizität des Landes in den unterschiedlichen Epochen. Die Art und Weise wie man mit seiner vielfältigen Bevölkerung umgegangen ist, steht direkt im Zusammenhang mit der Legitimierung des Staates und der Entwicklung eines Nationsgedankens.

Um den heutigen Stand der Nationsbildung kritisch analysieren zu können, ist es zu nächst nötig eine zweckgebundene Betrachtung der Ereignisse im Laos des 20. Jahrhunderts vorzunehmen. Dabei soll auch das Verhältnis zu den Nachbarstaaten skizziert werden, um die Besonderheiten der laotischen Abgrenzung von den Anrainern zu erklären.

Die Entwicklung einer Nationalidentität und die Schaffung einer Nation gelten heute immer noch als das Ziel eines jeden Staates. So soll im Schlussteil der Arbeit am Beispiel von Laos diskutiert werden, inwieweit eine Politik, die sich mit dem Aufbau einer Nationalidentität befasst, welche grundlegend auf der Idee von Ethnizität beruht, für das Wohl eines Landes zweckmäßig ist. Auch die Rolle der wissenschaftlichen Studien, die sich mit diesem Thema befassen soll kurz beleuchtet werden.

Teil 2:

2. 1. Das Konzept

In verschiedenen Publikationen die sich mit der ethnischen Vielfalt von Laos befassen, findet man ein stets zitiertes Ethnizitätskonzept. Dieses unterteilt die Bevölkerung in drei Großgruppen und findet sowohl in Laos Verwendungen, als auch in internationalen, wissenschaftlichen Schriften. Die Großgruppen werden durch ethno-linguistische Kriterien definiert, aber vor allem durch einen bestimmten, angenommenen topographischen Lebensraum, welchen man den einzelnen Gruppen zuspricht.

Innerhalb dieser drei Gruppen werden allerdings verschiedene Ethnien, bzw. ethnische Kategorien unterschieden. Die Anzahl variiert von 47 bis 68 Gruppen, wobei der höhere Wert häufiger in der Literatur zu finden ist.[2]

Die Bevölkerung des laotischen Territoriums wird eingeteilt in Lao Sung, Lao Thoeng und Lao Loum.[3] Die Einzelnen Kategorien werden meist in der Reihenfolge ihre Einwanderung nach Laos vorgestellt. So beginnt man allgemein mit der Gruppe der Lao Thoeng.

Lao Thoeng

„Lao Thoeng“ läßt sich etwa mit „die oben wohnenden Lao“ übersetzen. Die meisten Vertreter der Lao Thoeng gehören der Mon-Khmer Sprachfamilie an, welche als Untergruppe der austroasiatischen Sprachfamilie gilt[4]. Eine der größten Gruppen der Lao Thoeng sind die Khmu. Sie wohnen vor allem im nördlichen Teil Laos, allerdings gibt es auch einige Khmu-Dörfer im Flachland.

Weitere 25 kleinere Gruppen, die bis zu 5000 Mitglieder zählen, siedeln im Süden des Landes. An der Gesamtbevölkerung haben die Lao Thoeng einen Anteil von 22%[5]. Als topographischer Siedlungsraum der Lao Thoeng gelten heute die Gebiete zwischen 300 und 800 Meter über dem Meeresspiegel.

Lao Loum

Etwa im 13. Jh. wurden die Lao Thoeng von den Lao Loum in die Bergregionen „verdrängt“. Zu dieser Gruppe gehören die ethnischen Lao sowie einige Tai Völker, d.h. Mitglieder der lao-tai Sprachgruppe. Ein Großteil der Lao Loum sind Anhänger des Buddhismus. Sie waren und sind seit ihrer Einwanderung die politisch, kulturell und ökonomisch dominante Bevölkerungsgruppe und stellen heute mit 68%[6] die Mehrheit[7] der Bevölkerung.

Seit der territorialen Abgrenzung der entstehenden Nationalstaaten in Festland-Südostasien sind die Laoten[8], von den Lao getrennt, die nach der Grenzziehung von 1907 auf dem westlichen Ufer des Mekongs wohnen. Heute leben im thailändischen Isaan viele Lao-Sprecher. Sie sind ein integraler Bestandteil des Königreichs Thailand.[9] Die Lao, die im Königreich Thailand leben, sind einerseits ein wichtiges Bindeglied zwischen beiden Staaten, andererseits erschwerten die vielen Ähnlichkeiten zwischen Laoten und den Lao des Isaan eine Abgrenzung. Insbesondere das Mittel der Abgrenzung von den Nachbarn diente den Laoten bzw. den laotischen Eliten jedoch zur Bildung einer Nationalidentität. Worauf im Weiteren noch eingegangen wird.

Lao Sung

Die erst im 19. Jh. immigrierten Ethnien werden als „Lao Sung“ bezeichnet, was sich annähernd als „Hochland-Lao“ übersetzen lässt. Sie umfassen Ethnien der tibeto-burmanischen Sprachgruppe wie Akha, Lahu, sowie Yao und Hmong. Die Hmong sind die ethnische Kategorie, welche mit etwa 315.000 Personen die höchste Mitgliederzahl aufweist. Sie stellen 9% der Gesamtbevölkerung dar. Der für sie angenommene topographische Siedlungsraum liegt in einer Höhe von mehr als 800 Metern über dem Meeresspiegel.

Bei ihrer Einwanderung wurden die Lao Sung nicht als eine „Gefahr“ wahrgenommen, sie besetzten einen Lebensraum, der nicht genutzt war. In den letzten Jahrzehnten, insbesondere auch in Folge der Kriege, ist jedoch trotz der Größe des Landes ein Landmangel entstanden, wodurch sich auch das Mehrheitsverhältnis zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen veränderte.

Die Mitgliederzahlen, der einzelnen Kategorien sind mittlerweile heiß umstritten. Man hat damit begonnen einzelne ethnische Kategorien aufgrund neuerer linguistischer Forschungen unterschiedlichen Großgruppen zu zuordnen. Insbesondere die Lao Loum befürchten dadurch eine Machtverschiebung. Evans bezeichnet die Lao Loum nur noch mit einem Anteil an der Gesamtbevölkerung von 40 bis 50 %.[10] Aufgrund verschiedener Migrationsprozesse ist die Einteilung nach Siedlungsräumen in verschiedenen Fällen ebenfalls hinfällig geworden. Insbesondere in der Mekongebene findet man Angehörige aller Großgruppen.

Innerhalb des Konzeptes werden nicht die chinesischen, vietnamesischen und muslimisch-indischen Minderheiten erfasst, die insbesondere seit dem Anfang der 90er Jahre verstärkt nach Laos immigrieren, vor allem in den Städten neue Kommunen bilden und auch wichtige Geschäftsimpulse für das Land geben. Dabei bilden gerade sie eine wichtige Interessensgruppe in Laos, die wichtige Impulse für die laotische Innen- und Außenpolitik geben könnten.

2. 2. Die Geschichte des Konzepts

Dieses Konzept – so einleuchtend es auf den ersten Blick auch erscheint – erwies sich als denkbar ungünstig, um eine höchstmögliche Identifikation derer zu erreichen, die in diesem Konzept erfasst werden sollen. Die LRVP (Laotische Revolutionäre Volkspartei) hat sich aber für dieses Konzept entschieden. Wie es entstand und Eingang in die Staatsideologie fand, soll nun kurz skizziert werden.

Das vorgestellte Ethnizitätskonzept war bereits in den 50er Jahren entstanden. Es wurde von Toulia Lyfong eingeführt.[11] Die Pathet Lao (PL) haben dieses Ethnizitätskonzept aufgenommen, weil es sich mit ihrer kommunistisch geprägten Ideologie durchaus vereinen ließ. Die Pathet Lao waren eine antikoloniale Bewegung, die sich zum Zeitpunkt der Unabhängigkeitswerdung von Laos im Jahr 1953 vor allem im Norden konzentrierte. Ihren Anhängern war im Nordosten ein autonomes Gebiet zugestanden worden. Bis zum Jahre 1975 haben sie Laos dann auf verschiedenen Wegen erobert. Diese „Eroberung“ geschah sowohl durch Verhandlungen mit der Royal Lao Government (RLG) als auch durch bewaffneten Kampf.[12]

Das Konzept wurde während der 50iger Jahre auch deshalb angewandt, weil die PL sich der Vielfältigkeit des Landes durchaus bewusst waren. Vor allem zeigt es jedoch wie man die Unterschiede im Land in den 1950er Jahren wahrnahm. Die Bewohner von Laos lebten zwar in unterschiedlichen Höhen, verfolgten unterschiedliche Gewohnheiten und Bräuche; über diese Unterscheidungen hinweg, gab es jedoch die gemeinsame Zugehörigkeit zu einer antikolonialen Bewegung, deren Stärke vor allem in der Mobilisierung großer Bevölkerungsgruppen gegen die französischen Kolonialherren lag.

Die PL hatten vom Nordosten aus die Eroberung des befreiten Gebiets gestartet und waren daher mit den unterschiedlichen Einwohnern dieses Territoriums durchaus vertraut. In den Reihen der PL kämpften Vertreter der Khmu und auch der Hmong.[13]

[...]


[1] Nach C. Schetter Ethnizität und ethnische Konflikte in Afghanistan (2003) unterscheide ich die Begriffe Kategorie und Gruppe. Von einer ethnischen Gruppe ist nur dann die Rede, wenn tatsächlich im soziologischen Sinn ein Zusammenschluß von Menschen gemeint ist, welche eine spezifische Handlung und gemeinsame Interessen verfolgen. Die Gruppe sei Teil der Kategorie, deren Mitglieder ihr entweder aus emischer oder etischer Perspektive zugehörig erklärt werden.

[2] Vgl. Chazée (1999):1-20.

[3] Loum: Tal ,Thoeng: Hang (auch geneigte Ebene, Böschung, Schräge, Gefälle, Neigung)

Sung: Große Höhe, Hochland. In englischen Texten werden diese Termini häufig mit Highlanders, Uplanders, Lowlanders wiedergegeben.

[4] Vgl. Chazée (1999):1-20.

[5] http://www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/la.html

[6] http://www.cia.gov/cia/publications/factbook/geos/la.html

[7] Diese Zahl wird u.a. von Evans angezweifelt und soll im weiteren noch diskutiert werden.

[8] Den Begriff Laoten verwende ich für alle Bewohner des Territoriums des laotischen Staates, ungeachtet der ihnen zugesprochenen ethnischen Identität.

[9] Grabowsky (1999): 263.

[10] Evans (1999): 125-126.

[11] Vgl. W. Batson (1991): 136.

[12] Evans (2002): 146-160.

[13] P. Boupha (2003): 52.

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640876808
ISBN (Buch)
9783640877065
DOI
10.3239/9783640876808
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169386
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Asien- und Afrikawissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Laos Ethnizität Ethnie Volk Nation Politik laotisch Evamaria Haupt

Autor

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Titel: Ethnizität und ethnische Politik in Laos