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Gruppendynamische Prozesse in der Politik

von Stefan Trefz (Autor) Simone Abele (Autor) Vincent Dieterich (Autor)

Facharbeit (Schule) 2010 33 Seiten

Didaktik - Gemeinschaftskunde / Sozialkunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorwort

2 Definition des Begriffs „Gruppe“
2.1 „Gruppe“ in der Sozialpsychologie
2.2 Gruppen in der Politik

3 Gruppendynamik
3.1 Das Stufenmodell,
3.2 Die Rollenverteilung nach Raoul Schindler,

4 Gruppendynamische Phänomene
4.1 Gruppenzwang und Gruppenkonformität
4.1.1 Das Milgram Experiment
4.1.2 Das Asch Experiment
4.1.3 Eigenes Experiment
4.1.4 Anwendung auf die Politik
4.2 Gruppenpolarisierung
4.3 Groupthink
4.3.1 Das Schweinebucht Fiasko
4.3.2 Groupthink in der Bushregierung

5 Verhinderung negativer Phänomene
5.1 Allgemeine Möglichkeiten
5.2 Kennedys Umgang mit der kubanischen Raketenkrise

6 Resümee

7 Quellenverzeichnis
7.1 Printmedien
7.2 Elektronische Medien

1 Vorwort

Unter Gruppendynamik versteht man ein Forschungsthema, das Wissenschaftler schon seit den 1930er Jahren beschäftigt. Es bezeichnet das Kräftespiel zwischen den Gruppenmitgliedern und die Veränderungen innerhalb der Gruppe1. All dies läuft so selbstverständlich ab, dass man es meist gar nicht mitbekommt, obwohl es fast überall auftritt.

Im Laufe unseres Lebens haben wir Kontakt mit unzähligen Gruppen. Das beginnt in der Familie und dem Freundeskreis und geht bis hin zu Vereinen, religiösen Gemeinschaften oder Arbeitsgruppen. In dieser Seminararbeit werden wir uns jedoch auf einen bestimmten Bereich konzentrieren, nämlich auf gruppendynamische Prozesse in der Politik.

Eine klare Voraussetzung für unser Thema ist natürlich, dass es im politischen Alltag auch Gruppen geben muss, weshalb wir uns zunächst gefragt haben:

Was genau ist eine Gruppe und in welchen Formen treten Gruppen in der Politik auf?

Nachdem wir das geklärt hatten, war es zunächst wichtig, sich klar zu machen, wie gruppendynamische Prozesse im Allgemeinen ablaufen. Denn ohne die Grundlagen verstanden zu haben, wäre es unmöglich, das Modell auf die Politik zu übertragen.

Während unserer Recherchen kristallisierte sich dann immer mehr ein Schwerpunkt unserer Arbeit heraus. Die weitläufige Meinung ist, dass Gruppenarbeit meist effektiver sei als Einzelarbeit. Eine Gruppe, in der mehrere Personen Entscheidungen treffen, würde bessere Ergebnisse liefern. Allerdings stellten wir fest, dass dies nicht immer so ist.

Warum treffen (politische) Gruppen, in denen oft hochqualifizierte Menschen sitzen, teilweise miserable und folgenschwere Entscheidungen?

Zur Beantwortung dieser Frage konzentrieren wir uns auf drei Phänomene, die im Rahmen von Gruppenarbeiten auftreten.

Zum einen ist dies Gruppenzwang bzw. Gruppenkonformität. Ein Begriff, der meist mit Jugendlichen und deren Sucht nach teuren Markenklamotten in Verbindung gebracht wird. Allerdings sind nicht nur Jugendliche, sondern vielmehr alle Menschen von Gruppenzwängen betroffen. Um dies zu beweisen, stützen wir uns auf die Studien von Solomon Asch und Stanley Milgram. Zusätzlich haben wir dazu auch selbst ein Experiment durchgeführt.

Des Weiteren beschäftigen wir uns mit der Gruppenpolarisierung und deren Extremform, Groupthink, zwei meist völlig unterschätzte Erscheinungsformen der Gruppendynamik. Um diese Phänomene zu veranschaulichen konzentrieren wir uns auf Fallstudien, so zum Beispiel die Rolle von Groupthink in der Bush-Regierung.

Das endgültige Ziel unserer Arbeit soll schließlich sein, folgende Fragen zu beantworten:

Sind wirklich alle Menschen von den negativen Erscheinungen gruppendynamischer Prozessen betroffen?

Inwieweit hat dies Auswirkungen auf die Qualität politischer Entscheidungen?

Wie lassen sich diese Phänomene verhindern?

Wir hoffen, dass wir zum Schluss auf ein für uns und für den Leser dieser Arbeit zufriedenstellendes Ergebnis kommen.

2 Definition des Begriffs „Gruppe“

Die Voraussetzung für gruppendynamische Prozesse sind Gruppen. Da stellt sich die Frage, was eine Gruppe eigentlich ist. Umgangssprachlich verbindet man damit meist Gruppen im Sinne von religiösen Gemeinschaften, Vereinen, Arbeitsgemeinschaften oder dem Freundeskreis.

2.1 „Gruppe“ in der Sozialpsychologie

Sozialpsychologen führen als Merkmale eine Gruppe folgende Dinge auf1. Eine Gruppe besteht aus drei bis zwanzig Mitgliedern – ab zwanzig Personen spricht man von einer Großgruppe. Die Mitglieder verbindet ein gemeinsames Ziel oder eine gemeinsame Aufgabe, welches man erreichen bzw. welche man bewältigen möchte. Dabei muss es allen möglich sein, in direkter Weise miteinander zu kommunizieren. Ein Punkt, der sozialpsychologische Gruppen von beispielsweise religiösen Gemeinschaften unterscheidet, ist, dass ihre Existenz zeitlich begrenzt ist. Die zeitliche Existenz reicht von wenigen Stunden bis zu mehreren Jahren.

Mit der Zeit entwickelt sich innerhalb der Gruppe ein „Wir-Gefühl“, welches von einem System gemeinsamer Werte und Normen als Grundlage der Zusammenarbeit bestimmt wird. Ebenso entwickeln sich verschiedene soziale Rollen, auf welche in Punkt 3.2 genauer eingegangen wird.

Diese Seminararbeit stützt sich auf diese Definition.

2.2 Gruppen in der Politik

Verbindet man Gruppen mit Politik, so denkt man meist zuerst an Parteien. Diese passen allerdings nicht in die oben genannte Definition. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Wenn man beispielsweise die Mitgliederzahl der SPD betrachtet, so lässt sich erkennen, dass es unmöglich ist, zwischen 512.5202 Parteigenossen eine direkte Kommunikation zu gewährleisten. Die Existenz einer Partei ist außerdem in der Regel nicht auf einen bestimmten Zeitraum festgelegt.

Die nächste Ebene im politischen Geschehen bilden Fraktionen. Fraktionen bezeichnen die Mitglieder einer Partei in einem Parlament, zum Beispiel dem Bundestag1. Im deutschen Bundestag gibt es zurzeit fünf Fraktionen: CDU/CSU, SPD, FDP, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke. Fraktionen lassen sich aufgrund ihrer Mitgliederzahl als Großgruppen definieren. Die direkte Kommunikation ist durch regelmäßige Sitzungen gewährleistet und Fraktionen streben oft gemeinsame Ziele an.

In der Politik gibt es zwei weitere eindeutig als Gruppe nachzuweisende Gruppierungen.

Zum einen sind das die Arbeitsgruppen in den Ausschüssen. Hier treffen sich die Mitglieder eines Ausschusses, die derselben Fraktion angehören, um eine gemeinsame Linie für die Sitzungen festzulegen2. In Ausschüssen wird der Großteil der parlamentarischen Arbeit geleistet. Sie beschäftigen sich mit Teilgebieten der Politik und versuchen bereits vorab mehrheitsfähige Kompromisse zu finden. Ausschüssen gehören Abgeordnete aller Fraktionen an, meistens im Verhältnis der Sitze im Bundestag. Die Mitgliederanzahl schwankt von 13 bis 41 Personen, je nach Arbeitsaufwand. Weiterhin gibt es sogenannte Unterausschüsse, die sich intensiv mit speziellen Themen befassen. Jede Fraktion bestimmt für jeden Ausschuss einen „Obmann“, der als Kopf und Sprecher für die jeweilige Fraktion gilt3. Ausschüsse selbst sind keine Gruppen, da die Abgeordneten verschiedener Parteien innerhalb der Ausschüsse verschiedene Werte und Normen gemäß ihren Parteiprogrammen, haben.

Arbeitsgruppen sind jedoch eindeutig als Gruppe zu identifizieren. Zunächst einmal weisen sie die entsprechende Anzahl an Mitgliedern auf. Das gemeinsame Ziel der Abgeordneten ist, die Entscheidungsfindung im Ausschuss zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Durch regelmäßige Sitzungen ist außerdem die direkte Kommunikation gewährleistet. Durch dieselbe Partei ist auch das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit vorhanden, welches durch gemeinsame Normen und Werte gemäß dem Parteiprogramm noch bestärkt wird. Schließlich ist die Zusammenarbeit auch noch zeitlich begrenzt, da die Arbeitsgruppen nach jeder Legislaturperiode neu besetzt werden.

Auch als Gruppe anzusehen ist die Bundesregierung, welche zurzeit aus 15 Ministern und der Bundeskanzlerin Angela Merkel besteht. Diese entstammen aus den an der Regierung beteiligten Parteien und bilden die Exekutive1.

Das gemeinsame Bestreben ist hierbei das erfolgreiche Regieren, um das Land mit parteigemäßer Politik vorwärts zu bringen. Durch Kabinettssitzungen ist außerdem der direkte Kontakt vorhanden. Durch die Legislaturperiode von vier Jahren ist die Zusammenarbeit auch hier zeitlich begrenzt. Aus der Regierungszugehörigkeit resultiert ein „Wir-Gefühl“.

Solche politischen Gruppen sind nicht nur auf Bundesebene vorhanden, sondern können in ähnlicher Weise auch auf Landes- und kommunaler Ebene und auf andere demokratische Länder übertragen werden.

3 Gruppendynamik

„Gruppendynamik ist der zeitliche Verlauf einer Selbstorganisation“1. Dieser ist in verschiedene Entwicklungsstufen gegliedert, dem sogenannten Stufenmodell.

3.1 Das Stufenmodell

Das Stufenmodell wird in folgende Phasen unterteilt: Forming (Gründungsphase), Storming (Streitphase), Norming (Vertragsphase), Performing (Arbeitsphase), Reforming („Neuorientierungsphase“) und Adjourning (Auflösungsphase).2,3

Während des Formings verhalten sich meist alle Mitglieder der Gruppe ruhig und zurückhaltend. Man versucht, sich in einem unbekannten Teilnehmerfeld zu orientieren. Dies ist vergleichbar mit dem „Fremdeln“ eines Babys. Wenn bereits ein Gruppenleiter vorhanden ist, so ist es seine Aufgabe, erste Regeln aufzustellen.

Darauf folgt das Storming, wobei jeder versucht seinen Platz in der Gruppe zu finden. Durch diese „Machtkämpfe“ entsteht eine gewisse Hierarchie. Ein möglicher Gruppenleiter muss hier sehr aufmerksam sein und darauf achten, dass die Auseinandersetzungen in einem sich gegenseitig respektierenden Rahmen bleiben.

Nachdem die Rollen verteilt sind, folgt das sogenannte Norming. Die Gruppe festigt hierbei ihren Zusammenhalt und definiert sich selbst. Man legt das zu erreichende Ziel fest. Dieses basiert meist auf gemeinsamen Werten und Normen. Hier ist es für den Gruppenleiter wichtig, Freiraum für Ideen zu gewähren, gleichzeitig aber aufzupassen, dass er selbst nicht verdrängt wird.

Im Anschluss an die Festlegung der Richtlinien wird nun im Performing die Arbeit aufgenommen. Dabei kommt vor allem die Hierarchie der Gruppe zum Tragen. In Diskussionen bestimmen hauptsächlich Ranghöhere den Weg und die Entscheidungsfindung. Meist wird auch hier schon ein vorläufiges Ergebnis gefunden.

Beim Abschluss einer Gruppenarbeit unterscheidet man zwischen Reforming und Adjourning. Beim Reforming bleibt die Gruppe weiterhin bestehen, widmet sich jedoch einer neuen Aufgabe, wohingegen sie sich beim Adjourning komplett auflöst.

Wird eine Gruppenarbeit durch das Reforming beendet, so folgt ein erneutes Storming. Dieser Kreislauf wiederholt sich ständig, doch bleibt die Entwicklung nicht stehen, da fortwährend neue Thesen diskutiert werden.

An einem Beispiel soll das Stufenmodell auf eine Arbeitsgruppe eines Ausschusses übertragen.

Nach einer Wahl werden die Mitglieder einer Arbeitsgruppe neu bestimmt. Dabei entsteht eine völlig neue Gruppenkonstellation. Die neuen Mitglieder lernen sich zunächst einmal kennen. Während der ersten Treffen wird durch Diskussionen und kleine Streitereien deutlich, wer welchen Platz in der Gruppe einnimmt. Doch ein Leiter wird von vornherein von der Fraktionsführung bestimmt. Darauf folgt eine gemeinsame Zielsetzung. Wenn beispielsweise eine Gesundheitsreform geplant ist, dann haben die Arbeitsgruppen des Gesundheitsausschusses die Aufgabe, ihre Vorstellungen zu formulieren. Im Laufe dieser Arbeit entsteht auch ein immer stärker werdendes „Wir-Gefühl“. Nach der Zielsetzung kann die eigentliche Arbeit beginnen. Kommt die Arbeitsgruppe zu einem Ergebnis, so stellt sie es im Ausschuss vor. Nach Beendigung dieser Arbeit wird die Arbeitsgruppe in der Regel nicht aufgelöst, da sie sich meist mit anderen Themen des Gesundheitswesens beschäftigen wird. Man spricht dann vom sogenannten Reforming. Folgt allerdings eine Neuwahl, so löst sich die Arbeitsgruppe auf.

[...]


1 Vgl. Oliver König, Karl Schattenhofer: Einführung in die Gruppendynamik, S. 9.

1 Vgl. Oliver König, Karl Schattenhofer: Einführung in die Gruppendynamik, S. 15.

2 Vgl. http://www.spd.de/de/partei/organisation/mitglieder/index.html, 24.05.2010.

1 Vgl. http://www.bundestag.de/bundestag/fraktionen/index.html, 17.05.2010.

2 Vgl. http://www.axelschaefermdb.de/bundestag/spd_bundestagsfraktion.html, 24.05.2010.

3 Vgl. http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/aufgaben.html, 17.05.2010.

1 Vgl. http://www.bundesregierung.de/Webs/Breg/DE/Bundesregierung/Bundeskabinett/bundeskabinett.html, 17.05.2010.

1 http://www.uni-klu.ac.at/gossimit/phorum/download.php/61,130,58/final20.pdf, 15.05.2010.

2 Vgl. Oliver König, Karl Schattenhofer: Einführung in die Gruppendynamik, S. 61ff.

3 Vgl. http://www.uni-klu.ac.at/gossimit/phorum/download.php/61,130,58/final20.pdf, 15.05.2010.

Details

Seiten
33
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640882977
ISBN (Buch)
9783640883288
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169416
Institution / Hochschule
Heinrich von Zügel Gymnasium, Murrhardt
Note
1,0
Schlagworte
gruppendynamische prozesse politik

Autoren

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Titel: Gruppendynamische Prozesse in der Politik