Lade Inhalt...

Die dritte Gattung als Vermittlerin zwischen Seiendem und Werdendem

Zentrale Begriffe des zweiten Logos in Platons Timaios

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 22 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Der Prolog zum ersten - Metaphysische und epistemologische Präliminarien
1.1 Der Status der Welt
1.2 Der Status des kosmologischen Entwurfs

2. Der zweite
2.1 Die Natur von Feuer, Wasser, Erde und Luft
2.2 Die dritte Gattung - Urstoff oder Raum?
2.3 Vernunft und Notwendigkeit

3. Schluss

0. Einleitung

Der Timaios, die Schöpfungsgeschichte Platons, nimmt in mehrerlei Hinsicht eine Sonderstel- lung in seinem philosophischen Gesamtwerk ein: Sokrates, der im Gros der platonischen Dia- loge die Rolle des „Geburtshelfers“1 im philosophischen Zwiegespräch übernimmt, tritt im Timaios zugunsten eines längeren Monologs des namensgebenden Protagonisten zurück; seine sporadischen Einwürfe bilden nur mehr den erzählerischen Rahmen für den kosmolo- gischen Entwurf des Timaios.

Neben der eigentümlichen Struktur des Textes - dem Monolog des Timaios geht ein Exkurs über den Atlantis-Mythos voraus, dessen erzählerische oder kompositionelle Funktion prima facie diffus erscheint - ist vor allem die diskontinuierliche Rezeptionsgeschichte des Timaios erwähnenswert: Über Jahrhunderte galt er als jenes Werk, welches die platonische Philosophie in Vollendung zum Ausdruck bringe. Die Vorrangstellung des Timaios vor den anderen Dialogen offenbart sich in der erstaunlichen Tatsache, dass er als einziger Text Platons im Mittelalter in lateinischer Übersetzung vorlag.2 Mitte des 20. Jahrhunderts war das Interesse an der Kosmologie Platons vor allem im angelsächsischen Raum nahezu vollständig erloschen, was nicht zuletzt dem Einfluss des logischen Positivismus mit seiner dezidiert antimetaphysischen Haltung geschuldet ist. Die „Rehabilitation“ der Metaphysik Ende des 20. Jahrhunderts, unter anderem vorangetrieben von in der analytischen Tradition stehenden Philosophen wie Peter Strawson, förderte das wiederaufkeimende Forschungsinteresse. Auch wenn Alfred N. Whiteheads Charakterisierung der europäischen Philosophie als „eine Reihe von Fußnoten zu Platon“3 sicherlich zu pessimistisch ist, bleiben die platonischen Ideen mehr als nur philosophiehistorisch relevant. Das Wiederentdecken alter Wahrheiten, „die Mühe [ihres] Neu-Denkens […] in eigenen, zeitgebundenen Begriffen“4 lohnt sich.

Die platonische Schöpfungsgeschichte galt - und gilt - nahezu unumstritten5 als Spät- dialog. Weit weniger einhellig beurteilt die Forschung den literarischen Status des Timaios:

Noch heute ist strittig, ob die Rede vom göttlichen Handwerker, dem Demiurgen ( ), der ein präexistentes Chaos nach dem Vorbild eines ewigen Modells zum Gu- ten hin geordnet hat, wörtlich zu nehmen ist, oder ob Timaios’ Klassifizierung seines Rede- beitrags als , als lediglich wahrscheinliche Rede, auf den metaphorischen Charak- ter seines kosmologischen Entwurfs hinweist. Eine begründete Stellungnahme zu diesen rezeptionsgeschichtlichen Fragen würde mit Leichtigkeit ein ganzes Buch füllen, weshalb ich sie an dieser Stelle nur anreiße, ohne jedoch im begrenzten Umfang dieser Arbeit näher auf die Argumente für oder gegen eine metaphorische Lesart einzugehen.

Der Fokus dieser Arbeit liegt vielmehr auf den Passagen 48a bis 53c des zweiten Im Gegensatz zum ersten , der die Entstehung des lebendigen Kosmos (des Welt- Körpers und der Welt-Seele) im Wesentlichen teleologisch erklärt, widmet sich der zweite Teil von Timaios’ Rede der grundlegenden Physik der Welt. Im Zentrum des zweiten steht die Frage nach der arché ( ), dem Urgrund und Prinzip allen Seienden. Im Versuch, das Wesen der „Grundbausteine“ des Kosmos zu ergründen, wird die traditionelle platonische Dichotomie von Seiendem und Werdendem aufgehoben; die Notwendigkeit einer dritten, „schwierige[n] und dunkle[n] Gattung“6, der chóra ( ), postuliert. Die Frage nach der Natur dieser dritten Seinsgattung sowie nach ihrer Abgrenzung von den unveränderlichen Urbildern einerseits und den stets in Veränderung begriffenen Abbildern andererseits ist Gegenstand des zweiten Kapitels dieser Arbeit. Insbesondere sollen zwei weitere Probleme diskutiert werden, die mit der Frage nach dem Wesen der chóra eng verwoben zu sein scheinen: Welchen Status billigt Platon den von der ionischen Naturphilosophie als elementare Grundbausteine allen Werdens klassifizierten Substanzen Feuer, Wasser, Luft und Erde zu? Welchen Stellenwert hat die Notwendigkeit als Antagonistin der Vernunft?

Zuvor soll jedoch das erste Kapitel einen Überblick über die im Prolog zum ersten getroffenen metaphysischen und epistemologischen Unterscheidungen geben.

1. Der Prolog zum ersten - Metaphysische und epistemologische Präliminarien

In den Abschnitten 27d bis 29d schickt Timaios seiner Rede einige einführende Bemerkungen zum Status der Welt - dem Explanandum - sowie zum Status seiner Erklärung - dem Expla- nans - voran. Zunächst trifft Timaios eine metaphysische Unterscheidung zwischen dem stets Seienden und dem stets Werdenden, eine Unterscheidung, die vor allem in Buch 5 bis 7 der Politeia prominent ist. Auf den thematischen Bezug zur Politeia weist auch Sokrates eingangs hin, wenn er erwähnt, die Unterhaltung über den idealen Staat habe erst gestern stattgefunden.

Eng korreliert mit der metaphysischen Dichotomie von Sein und Werden ist die episte- mologische Unterscheidung zwischen Wissen und Meinen, die ebenfalls in der Politeia, am ausdrücklichsten im Liniengleichnis, zur Sprache kommt. Weiterhin klassifiziert Timaios seinen Entwurf einer Kosmologie als „wahrscheinliche Rede“ ( bzw. )

und schränkt damit dessen Geltungsanspruch entsprechend ein. Im Verlauf seiner Rede nimmt Timaios immer wieder Bezug auf den nur wahrscheinlichen Status seines Entwurfs, weshalb Johansen und Wright die Relevanz der einführenden methodologischen Passage betonen: „There is no doubt that he [Platon] means us to pay close attention to this passage.“7 Sowohl der Verweis auf die Politeia als auch die Überlegungen zum ontologischen Status des Untersuchungsgegenstands und zum epistemologischen Status der Erklärung sind bewusst gesetzte Richtlinien, die unsere Interpretation des Timaios leiten sollen.8 Im Folgen- den sollen deshalb die für die platonische Philosophie zentralen Dichotomien von Seiendem und Werdendem, Wissen und Meinen, Vernunfterkenntnis und Sinneswahrnehmung disku- tiert werden.

1.1. Der Status der Welt

Timaios’ Unternehmen, den metaphysischen Status des Untersuchungsgegenstandes - der Welt9 - zu bestimmen, erfordert Antworten auf drei Teilfragen: Welcher fundamentalen Kategorie gehört der Kosmos an? Hat die Welt einen Anfang? Wenn die Welt geschaffen wurde, gab es ein Vorbild, an welchem sich ihr Schöpfer orientierte?

Die platonische Metaphysik unterscheidet zwei fundamentale Kategorien: „das stets Seiende, das Entstehen nicht an sich hat, und […] das stets Werdende, aber niemals Seiende.“10 Beide Kategorien gehören unterschiedlichen Seinssphären an. Das stets Seiende ist unveränderlich und unvergänglich, es ist unabhängig von Zeit und Raum, während das stets Werdende in seiner raumzeitlichen Existenz kontinuierlicher Veränderung unterworfen ist, entsteht und vergeht. Platon zufolge koexistieren beide Seinssphären nicht gleichberechtigt nebeneinander; der Bereich des Werdenden ist vielmehr ontologisch abhängig von jenem des Seienden: Die konkreten Einzeldinge mit all ihren wesentlichen und akzidentiellen Eigenschaften existieren nur vermöge einer Teilhaberelation zum Seienden, den Ideen.

Im Höhlengleichnis der Politeia vergleicht Platon die wahrnehmbaren Einzeldinge mit an die Höhlenwand projizierten Schattenbildern, die vom Höhlenbewohner - dem Laien, der seine Sinneswahrnehmung für die Wirklichkeit hält - im Halbdunkel seines Alltags für real genommen werden; die Ideen hingegen werden den Artefakten gleichgesetzt, die, bei Tageslicht an der Höhle vorbei getragen, jene trügerischen Schatten verursachen.11 Der Erfahrungswelt - versinnbildlicht durch die Höhle - kommt nach Platon ein geringerer Grad an Wirklichkeit zu als dem Reich der Ideen, „ihr kommt nur eine Scheinwirklichkeit zu, sofern sie gleichsam der Widerschein der wahren Wirklichkeit ist.“12 Mit der metaphysischen Unterscheidung von Seiendem und Werdendem geht die er- kenntnistheoretische Unterscheidung von jenem, was „durch Vernunft mit Denken zu erfas- sen“13 ist und dem, was nur „vermittels vernunftloser Sinneswahrnehmung vorstellbar“14 ist, einher. In der Reclam-Ausgabe heißt es: „Das eine [das immer Seiende, I.B.] ist doch erfass- bar durch das an der Vernunft orientierte Denken […], das andere [das immer Werdende, I.B.] hingegen ist durch auf vernunftlose Wahrnehmung bezogene Meinung erfahrbar.“15 Die Ideen sind Gegenstand vernünftiger Einsicht ( ), während die durch unmittelbare Wahrneh- mung ( ) gewonnenen Überzeugungen des Menschen die Erfahrungswelt betreffend den epistemischen Status bloßer Meinung ( ) innehaben: „Wahrnehmungserkenntnis lie- fert nach Plato nicht Wissen im eigentlichen Sinne, sondern führt nur zu einem prinzipiell hypothetischen Fürwahrhalten.“16 Wissen im eigentlichen Sinne als der kontemplativen Ideenschau ist Erkenntnis a priori und damit notwendig wahr. Demgegenüber kann Erfahrungswissen als Erkenntnis a posteriori immer nur kontingenterweise wahr sein.

Ähnlich wie Descartes’ Alter Ego in der zweiten Meditation nur jene Vernunftwahrheiten als sichere Grundlage unseres Wissens anerkennt, die durch bloßes Nachdenken „clare et distincte“ eingesehen werden können, zeichnet sich die platonische Vernunfterkenntnis - die stets eine auf Ideenschau beruhende Erkenntnis des Allgemeinen ist - dadurch aus, dass sie „unbedingt sicher, endgültig und unkorrigierbar“17 ist. Im Liniengleichnis verknüpft Platon die verschiedenen Seinssphären - nach Röd „Wirk- lichkeitsbereiche“18 - mit ihren entsprechenden Erkenntnisweisen. Zur Sphäre des Denkbaren gehören die Ideen als vollkommene und ewige Formen sowie die Gegenstände der Geometrie „und der ihr verwandten Künste.“19 Den Ideen zugeordnet ist die Vernunfteinsicht, während die mathematischen Wahrheiten Verstandesgewissheiten sind. Dem Bereich des Denkbaren ist die Sphäre des Sichtbaren entgegengesetzt, die wiederum in zwei Unterbereiche gegliedert ist: Schatten, Spiegelungen und andere Bilder gehören der epistemischen Kategorie des lediglich Wahrscheinlichen an, während konkrete Einzeldinge wie Artefakte, Tiere oder Pflanzen Gegenstand des Glaubens sind. Glaube ( ) und wahrscheinliches Vermuten ( ) zusammengenommen sind Meinung ( ); Vernunfteinsicht ( - ) und Verstandesgewissheit ( - ) gehören zur Erkenntnis ( ).20 Der Kosmos ist sichtbar, betastbar und körperlich, er gehört also dem Wirklichkeits- bereich des Sichtbaren und damit dem des Werdenden an, denn „alles Wahrnehmbare […], durch Vorstellung vermittels Sinneswahrnehmung zu erfassen, zeigte sich als ein Werdendes und Erzeugtes.“ 21 Das ausschlaggebende Kriterium für die Zuordnung eines (konkreten oder abstrakten) Gegenstandes zu einem Seinsbereich scheint seine epistemische Zugänglichkeit zu sein. In der Reclam-Ausgabe heißt es: „Das Wahrnehmbare aber erwies sich, da es durch Meinung in Verbindung mit Wahrnehmung zu erfassen ist, als jeweils geworden und erschaf- fen [Hervorhebung von mir].“22 Die erkenntnistheoretische Unterscheidung von Wissen und Meinen wird also nicht von der metaphysischen abgeleitet, sondern ist ihr vorgeordnet. So- fern wir zwei wohlunterscheidbare Erkenntnisfakultäten anerkennen - die „interne“ Fähigkeit des Denkens und die auf externe Reize angewiesene Fähigkeit zur Wahrnehmung -, legen wir uns zugleich auf die ihnen angemessenen Gegenstände fest.23

[...]


1 Im Theaitetos (ähnliche Anmerkungen finden sich aber auch im Phaidros) wird die dialektische Methode der philosophischen Gesprächsführung als „Hebammenkunst“ (Mäeutik) bezeichnet. Der Weise stößt seinen Schüler durch geschicktes Fragen auf schwerwiegende Probleme und hilft ihm auf diese Weise, sich an jenes vorgeburtliche Wissen zu erinnern, welches jede Seele vor ihrer Inkarnation bereits geschaut hat - der Philosoph ist gewissermaßen ein „Geburtshelfer für Ideen“.

2 Vgl. ZEYL, Donald J.: Introduction to Plato ’ s Timaeus. In: PLATO: Timaeus. Übersetzt und herausgegeben von Donald J. Zeyl. Cambridge: Hackett Publishing 2000. S. xiv-xv.

3 WHITEHEAD, Alfred N.: Proze ß und Realit ä t. Entwurf einer Kosmologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1979. S. 91.

4 STRAWSON, Peter F.: Einzelding und logisches Subjekt. Stuttgart: Reclam 1972. S. 11.

5 Die stilometrischen Methoden der Platon-Forschung, mit deren Hilfe der Timaios und der Kritias als dem Spätwerk Platons zugehörig identifiziert wurden, sind von Owen angegriffen worden; seine These, der Timaios sei vielmehr der kritischen Periode (nach der Politeia, vor dem Theaitetos und Parmenides) zuzurechnen, hat sich jedoch als nicht haltbar erwiesen. Vgl. ZEYL 2000: S. xvi ff.

6 PLATON: Timaios. In: PLATON: Sämtliche Werke (Bd. 4). Übersetzt von H. Müller und F. Schleiermacher, herausgegeben von U. Wolf. Hamburg: Rowohlt 2009. 49a. Im Folgenden [Tim].

7 JOHANSEN, Thomas K.: Plato ’ s Natural Philosophy. A study of the Timaeus-Critias. Cambridge: CUP 2004.

8 Vgl. WRIGHT, Maureen. R.: Introduction. In: WRIGHT, Maureen. R. (Hrsg.): Reason and Necessity. Essays on Plato ’ s Timaeus. London: Duckworth 2000. S. ix-xvi.

9 Ich verwende „Welt“ und „Kosmos“ in meiner Arbeit synonym. „Welt“ schließt also nicht nur den Globus, sondern - wie der platonische Kosmos - auch den sichtbaren Himmel, die Sonne, Planeten und Fixsterne mit ein.

10 Tim 27d.

11 PLATON: Politeia. In: PLATON: Sämtliche Werke (Bd. 2). Übersetzt von F. Schleiermacher, herausgegeben von U. Wolf. Hamburg: Rowohlt 2008. 514a-517a. Im Folgenden [Pol].

12 RÖD, Wolfgang: Der Weg der Philosophie (Bd. 1). München: Beck 2000. S. 109.

13 Tim 28a.

14 Ebd.

15 PLATON: Timaios. Übersetzt von T. Paulsen und R. Rehn. Stuttgart: Reclam 2003. Im Folgenden [TimR].

16 RÖD 2000: 114.

17 RÖD 2000: S. 114.

18 RÖD 2000: S. 116.

19 Pol. 511b.

20 Pol. 533e-534a.

21 Tim. 28b.

22 TimR. 28c.

23 Vgl. WRIGHT, Maureen. R.: Myth, Science and Reason in the Timaeus. In: WRIGHT, Maureen. R. (Hrsg.): Reason and Necessity. Essays on Plato ’ s Timaeus. London: Duckworth 2000. S. 13.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640992959
ISBN (Buch)
9783640993413
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169528
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Philosophie
Note
1,0
Schlagworte
gattung vermittlerin seiendem werdendem zentrale begriffe logos platons timaios

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die dritte Gattung als Vermittlerin zwischen Seiendem und Werdendem