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Der „Vanitas“-Gedanke und die Lyrik des Barock

Interpretation ausgewählter Werke

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

I. Gliederung

II. Einleitung

III. Theoretisches
1. Der Begriff „Barock“
2. „Vanitas“
a. Ursprung und Entwicklung

IV. Interpretationen an ausgewählten Beispielen
1. „Es ist alles eitel“ (Andreas Gryphius)
a. Formales
b. Analyse
2. „Ach Liebste, laß uns eilen“ (Martin Opitz)
a. Formales
b. Analyse
3. „Tränen des Vaterlandes, Anno 1636“ ( Andreas Gryphius)
a. Formales
b. Analyse

V. Bilanz

VI. Literaturverzeichnis
1. Quellen
2. Sekundärliteratur

II. Einleitung

Die folgende Untersuchung der „Vanitas“ und des „Memento mori“ in der Lyrik des Barockzeitalters soll Aufschluss geben, welche bedeutende Rolle beide Begriffe in der Epoche von 1600 bis 1720 gespielt haben.

Meine Analyse soll die Zerrissenheit der Menschen und deren pessimistische Grundeinstellung aufzeigen.

Anhand der ausgewählten Gedichte möchte ich die Lebensauffassung berühmter Lyriker des Barock verdeutlichen und darstellen, welche Gedanken das Leben von Andreas Gryphius oder Martin Opitz beeinflusst und geprägt haben. Die Lyrik des Barock ist von großer Tiefe und sprachlicher Schönheit, was im Laufe dieser Hausarbeit anhand von Beispielen aufgezeigt werden soll. Dichter dieser Epoche stammten hauptsächlich aus gelehrten, bürgerlichen Kreisen und sprachen Leser desselben Niveaus an. Lyrikervereinigungen, wie die Fruchtbringende Gesellschaft widmeten sich der „Pflege der dt. Sprache“[1], darunter auch die Gesellschaft, der Gryphius später angehören sollte.[2]

In Deutschland hatten sich die Gegensätze seit dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 verschärft. Die katholische Kirche hatte für den alten Glauben große Gebiete zurückgewonnen, neben den Lutheranern gab es auch reformierte Gemeinden. Es herrschte enorme Spannung zwischen den einzelnen Religionsparteien und der eigentlich unbedeutende Zwischenfall des „Prager Fenstersturz“ löste den Dreißigjährigen Krieg auf deutschem Boden aus. Zunächst ein Religionskrieg, wurde er allmählich zu einem Machtkampf zwischen Kaiser und Fürsten. Da Lyriker wie Opitz und Gryphius in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges aufgewachsen waren, war ihnen strenge Ordnung ihrer Werke oberstes Gebot.[3] Dies spiegelt sich vor allem in ihren Gedichten wieder. Die drei von mir ausgewählten Gedichte „ Es ist alles eitel “ und „ Thränen des Vaterlandes. Anno 1636.“ von Andreas Gryphius, sowie das Gedicht „ Ach „Liebste / las vns eilen “ von Martin Opitz lassen sich auf Grund ihrer für den Barock typischen Merkmale als eindeutig dieser Zeit angehörig identifizieren. Werkinterpretation und Literaturgeschichte bedingen und ergänzen sich dabei gegenseitig. Immens wichtig ist aber auch die Betrachtung der historischen Zusammenhänge in denen Werk und Autor stehen.

III. Theoretisches

1.Der Begriff „Barock“

Der Zeitraum zwischen Renaissance und Aufklärung wird als Barock bezeichnet. Der Begriff wurde aus der Kunstgeschichte auf die Literatur des 17. Jahrhunderts übertragen. Hier beginnen aber auch schon die Schwierigkeiten des Begriffes „Barock“. Der Barockbegriff wird seit Jahrzehnten immer wieder einer scharfen Kritik unterzogen. Einige Kritiker versuchen sogar ganz auf ihn zu verzichten. Ernst Robert Curtius begründet, „dass mit diesem Begriff schon soviel Verwirrung angerichtet worden sei“ und will ihn stattdessen durch den Begriff Manierismus ersetzten.[4] Allerdings konnte er sich mit seiner These nicht durchsetzten. Erich Frisch bezeichnet in seinen Aufsatz „ Der lyrische Stil des 17. Jahrhunderts “ die barocke Literatur nicht als Fortsetzung der Renaissance-Dichtung, sondern als „Wiedergeburt des deutschen Geistes“.[5] Es gelingt jedoch nicht den Barockbegriff eindeutig zu bestimmen, dennoch bleibt seine Anwendung sinnvoll.[6] In der modernen Literaturgeschichte folgt man der These: „begreifen, was uns ergreift“[7], dabei wird das Werk eine Dichters als Kunstwerk gesehen, das in den Mittelpunkt rückt.

Der Sprachstil dieser Epoche wird keineswegs nur durch Schwulst und Überladung charakterisiert, sondern zeichnet sich durch immer neue sprachliche Wendungen und Überraschungen aus. Typisch für den Barock ist die Verwendung von Antithesen und asyndetischen Worthäufungen. Vermehrt machen die Lyriker des Barock auch Gebrauch von sprachlichen, stilistischen Mitteln wie Intensivierung, Pointierung, Gleichnissen und Wortspielen. Ganz besonders typisch für die barocke Lyrik sind auch Dissonanzen und Widersprüche. Die Barockdichter sahen es als ihre Hauptaufgabe an, eine gehobene Literatursprache zu schaffen, die sich von der Umgangssprache stark unterscheiden sollte. Die Hochschätzung der Redekunst ist also charakteristisch für die Epoche des Barock.

Allerdings reichen formale Kriterien nicht aus um den Begriff „Barock“ zu bestimmen. Die stilistischen Elemente müssen im Zusammenhang mit dem Thema des einzelnen Werkes betrachtet werden.

Bezeichnend für dieses Zeitalter waren die aus Kriegen resultierenden Spannungen zwischen Lebensgier und Todesbangen, die Zeit des beginnenden Absolutismus mit ihrem Widerstreit zwischen bürgerlichem Standesbewusstsein und höfischer Kultur. Besonders in der barocken Literatur fand die Gespaltenheit des Lebensgefühls ihren Niederschlag. Gegensätzlichkeit zwischen Stil und Stoff führte oft zu schwülstiger und gespreizter Darstellungsweise und erweckt den Eindruck des Unharmonischen. Der Dichter versuchte sich mit der Bedrohung seines seelischen und leiblichen Daseins auseinander zu setzen, überall ist eine starke Abhängigkeit von den Strömungen der zeitgenössischen Literatur anderer Länder festzustellen.

Besonders bei Lyrikern wie Martin Opitz oder Andreas Gryphius zeigen sich diese gegensätzlichen Grundzüge zwischen Religiosität und Lebenslust. Gelehrsamkeit steht neben innigen Erlebnissen, Galantarie neben Phantastik. Außerdem zeichnet sich gerade bei beiden Lyrikern folgende Tendenz deutlich ab, die sich als Grundsatz ihrer Lyrik formulieren lässt. Sie versuchten ein „Thema nicht in knapper Dynamik (…) zu behandeln, sondern ihnen ausgreifend möglichst viel abzugewinnen“.[8]

Der Stil des Barock ist also ein komplexes Gefüge, das sich aus mehreren Stilarten zusammensetzt, die jedoch wiederum eine geschlossene Einheit bilden.[9]

Wenn man heute vom Zeitalter des Barock spricht, werden darunter die verschiedensten Dinge zusammen gefasst[10]. Man kann so von einem „schönen Barock“[11] sprechen und von einem Barock im negativen Sinn.

„Barock“ lässt sich von dem italienischen Wort „baroco“ herleiten. Die Anwendung dieses Wortes kann bis zum heutigen Tag verfolgt werden und wird noch heute im gleichen Sinn gebraucht wie im 17./ 18. Jahrhundert.

Durch den vermehrten Einsatz stilistischer Mittel und innerer Verkünstlichung der Ausdrucksweise entstand im Barock eine neue Art von Lyrik, die sich deutlich von der vorhergegangenen abhebt.

Beeinflusst wurde der Barock nicht nur in der Literatur sowohl vom Humanismus[12], als auch von den religiösen Strömungen des 17. Jahrhunderts[13] und geprägt durch die Epoche des Dreißigjährigen Kriegs, der unvorstellbares Leid über Land und Bevölkerung brachte. Diese waren nicht nur durch direkte[14], sondern auch durch indirekte[15] Kriegserscheinungen sehr in Mitleidenschaft gezogen.

Die Dichter des Barock sehen es als ihre Hauptaufgabe theoretische Anweisungen zu befolgen und als vorbildlich geltende Muster nachzuahmen. Das Gelingen des Gedichts hing für sie dabei von der Berücksichtigung formaler Vorschriften ab. Dabei richteten sie sich jedoch mehr nach dem Stoff, als nach der Form vorhergegangener Werke.

Der Dichter stand dabei seinen Lesern nicht als etwas Besonderes gegenüber, sondern er hielt sich selbst für einen von ihnen, bestenfalls als Repräsentant der Gesellschaft. Er sah seine Arbeit als „künstlerische Erhöhung allgemein bekannter und anerkannter Wahrheiten“.[16]

2. „Vanitas“

a. Ursprung und Entwicklung

Der „Vanitas“-Gedanke ist die Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen, und prägte war vor allem die Lyrik des Barock.

Aber auch Ausdrücke wie „Carpe diem“ und „Memento mori“ sind bedeutende Motive der Barockliteratur.

Der Begriff „Vanitas“ taucht allerdings schon wesentlich früher auf, denn Erklärungsversuche der „Vanitas“ finden sich schon im Alten so wie im Neuen Testament, aber auch in der antiken Dichtung und Philosophie[17]. Seinen Ursprung hat die „Vanitas“ in dem Bibelzitat „ Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. “ des Prediger Salomos.[18]

Auch bei Hiob und in den Psalmen werden den Menschen Vergänglichkeit und die Sinnlosigkeit des Lebens vor Augen geführt. Dabei wird der „Vanitas“-Begriff durch zwei unterschiedliche Betrachtungen menschlichen Daseins charakterisiert. Auf der einen Seite steht tiefstes Elend, auf der anderen Seite höchstes irdisches Glück[19]. Immer wieder ist das gleiche Lebensbild des Menschen zu finden: Er wird „nackt geboren“, verlebt sein Leben als „dahinschwindender Schatten“, zieht als „flüchtiger Hauch“ vorüber und stirbt schließlich genauso wie er geboren wurde.[20] Weiterhin heißt es bei Salomon, dass „der Mensch zu Staub wird“, und sein „Mühen um nichtige Götter“ sei vergeblich, das „Leben wird zur Eitelkeit“ und das gegenseitige Abwechseln von Glück und Unglück ist „Vanitas“ selbst.[21]

Auch im Neuen Testament findet man immer wieder das Motiv der „Vanitas“. Es wird dabei deutlich, dass der Tod für alle Menschen unabhängig von Stand, Bildung und Erfolg gleichbedeutend ist und keiner seinem Schicksal entgehen kann. Der Tod wird allerdings als Durchgang zum wahren Leben im Jenseits gesehen, durch den sich der Mensch von seinen weltlichen Bindungen löst, weil das irdische Dasein als vorläufig gilt. Der "Vanitas"- Begriff bezieht sich hier also auf zwei verschiedene Motive. Einmal wird der Mensch selbst „Sinnspitze des Lebens“, ein anderes Mal ist die für den „Mensch und die Welt vorgegebene und umfassende Bestimmung dargestellt“ und dann wiederum bezieht sich der „Vanitas“-Begriff auf das „Todesschicksal, das auf die Erlösung verweist“.[22]

In der griechischen Tradition der Antike steht das Nachdenken über den Tod am Anfang aller Philosophie. Dabei gilt der einzelne Mensch als Wesen, das zum Verfall bestimmt ist und hat sich dem allgemeinen Weltgesetz unterzuordnen. Immer wieder zeichnen vor allem die Schulen der Epikuräer ein Bild des „Werdens und Vergehens“.[23]

Augustinus verbindet dann den alt- und den neutestamentlichen „Vanitas“-Begriff zu einer einheitlichen Lehre und kommt zu dem Schluss, dass das „Irdisch-weltliche kein wahres Glück sein kann“[24], den irdische Güter sowie Wohlstand und Luxus können seiner Auffassung nach, Menschen nicht glücklich machen.

Bernhard von Clairvaux geht sogar noch weiter, denn laut ihm ist alles Gute nur in Gott gegenwärtig und „Vanitas“ wird somit identisch mit allem Schlechten.[25]

Diese These greift auch Thomas von Aquin auf und bezieht somit die Clairvauxsche „Vanitas“-Formel auf konkrete weltliche Bereiche.[26]

Einen satirischen Blick wirft Sebastian Brant in seinem „Narrenschiff“ auf den „Vanitas“-Begriff. Sein Ziel ist es durch seinen „Narren“, als Symbol der menschlichen Eitelkeiten, aufzuzeigen, dass diese in einer „Scheinwelt“ und somit am realen Leben vorbei leben.

Im Zeitalter der Renaissance bekam der „erasmische "Vanitas"- Begriff“ enorme Bedeutung. Einerseits werden die Menschen durch die „Scheinwelt“ in die Fänge des Lasters getrieben, andererseits aber verheißt diese Welt ewige Glückseeligkeit und Freiheit, fordert aber dafür das Verlassen des Weltlich-Irdischen.[27]

Im Humanismus schließlich setzt sich der „Vanitas“-Begriff ausschließlich als doppeldeutig durch. Einerseits verspricht sie als „trügerisches Blendwerk“ den Menschen das Glück auf Erden, erscheint dann aber auch wieder in Form von „vielfältigen Schreckbildern“.[28]

Besonders geprägt wurde der Begriff Vanitas aber erst in der Epoche des Barock, einer Zeit, die schwer unter dem Einfluss des Dreißig Jährigen Krieges und an Mangel von Geborgenheit, gelitten hatte. Auf Grund dessen herrschte stetige Todesangst einerseits, und Lebensgier andererseits. Die „Vanitas“ sollte die Nichtigkeit des irdischen Lebens aufzeigen, den Menschen offenbaren, dass ihr Leben endlich und alles der Vergänglichkeit unterstellt ist. Das Leben wurde demnach als Vorstufe zum ewigen Tod, als Zwischenstation des Seins gesehen. Gerade aus diesem Grund versuchte man das Leben in vollen Zügen zu genießen, was eine Situation ständiger Widersprüche entstehen ließ und die Wankelmütigkeit dieser Zeit klar zum Ausdruck bringt.

[...]


[1] Vgl. Kühnel, Jürgen: Barock. In: Metzler Literatur Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hrsg. von Schweikle, Günther und Irmgard. 2., überarb. Aufl. Stuttgart 1990, S. 40.

[2] Vgl. Beil-Schickler, Gudrun: Von Gryphius bis Hofmannswaldau. Untersuchungen zur Sprache der deutschen

Literatur im Zeitalter des Barock. Tübingen, Basel 1995, S. 17f.

[3] Vgl. Mannack, Eberhard: Gryphius. In: Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Hrsg. von

Killy, Walter. Bd. 4. Gütersloh, München 1989, S. 400f.

[4] Vgl.: Ingen, Ferdinand van: Vanitas und Memento Mori in der deutschen Barocklyrik. Groningen 1966. S.15.

[5] Vgl.: Szyrocki, Marian: Die deutsche Literatur des Barock. Eine Einführung. Stuttgart 1997. S. 10.

[6] Vgl.: Ingen, Vanitas und Memento Mori, S.16.

[7] Vgl.: Staiger, Eberhard.: Die Kunst der Interpretation. Zürich 1963. S.9ff.

[8] Vgl.: Conrady, Karl Otto: Vom Barock in der deutschen Lyrik des 17. Jahrhunderts. Lateinische Dichtungstradition und deutsche Lyrik des 17. Jahrhunderts. In: Barner, Wilfried (Hg.): Der Literarische Barockbegriff. Darmstadt 1975. S. 460.

[9] Vgl.: Ingen, Vanitas und Memento Mori, S.21.

[10] Vgl.: Croce, Benedetto: Der Begriff des Barock. Die Gegenreformation. Zwei Essays. Zürich, Leipzig, Stuttgart, 1925. In: Barner, Wilfried (Hg.): Der literarische Barockbegriff. Darmstadt 1975. S. 101.

[11] Vg.: ebda.

[12] z.B.: Poetik, Rhetorik, Emblematik

[13] z.B.: Protestantismus vs. Katholizismus

[14] z.B.: Kriegshandlungen

[15] z.B.: Verwüstungen, Hungersnöte, Seuchen

[16] Vgl.: Ingen, Vanitas und Memento Mori, S.25.

[17] Vgl.: Bächtiger, Franz: Vanitas – Schicksalsdeutung in der deutschen Renaissancegraphik. Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktergrades der Philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Zürich 1970. S.2.

[18] Der Prediger Salomo (Kohelet) 1,2.

[19] Vgl.: ebda.

[20] Vgl.: ebda.

[21] Vgl.: ebda.

[22] Vgl.: Bächtiger, Franz: Vanitas – Schicksalsdeutung. S.4.

[23] Vgl.: Bächtiger, Franz: Vanitas – Schicksalsdeutung. S.5.

[24] Vgl.: Bächtiger, Franz: Vanitas – Schicksalsdeutung. S.7.

[25] Vgl.: Bächtiger, Franz: Vanitas – Schicksalsdeutung. S.9.

[26] Vgl.: ebda.

[27] Vgl.: Bächtiger, Franz: Vanitas – Schicksalsdeutung. S.12.

[28] Vgl.: Bächtiger, Franz: Vanitas – Schicksalsdeutung. S.15.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640879625
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169566
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg – Neuere deutsche Philologie
Note
1,6
Schlagworte
Lyrik Barock Vanitas

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