Lade Inhalt...

Inquisition in Südfrankreich und ihre Wirkung auf die Inquisition in Deutschland

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Definitionen
1.1.1 Inquisition
1.1.2 Häresie und Ketzerei

2. Die Verfolgung religiöser Devianz und ihre Verrechtlichung bis ins 13. Jahrhundert
2.1 Die Institutionalisiserung der Inquisition
2.2 Die Verfolgung der Katharer

3. Die Inquisition in Südfrankreich
3.1 Die Vorladung zur Inquisition
3.2 Das Verhör und die Folter
3.3 Urteilsfindung und Urteilsverkündung
3.4 Die Strafen
3.5 Die Urteilsstatistiken des Bernard Gui

4. Die Bedeutung der hochmittelalterlichen südfranzösischen Inqui-sition für die Verfahrensführung im frühneuzeitlichen Deutschland

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Wort Inquisition weckt noch heute Assoziationen mit einem archaisch anmutenden Rechtsverständnis des Hochmittelalters und der frühen Neuzeit. Inquisition ist für viele gleichbedeutend mit Terror und Folter zur physischen Vernichtung von vermeintlichen Gegnern oder einfachen Menschen, die sich aufgrund falscher Anklagen der Häresie, beziehungsweise Ketzerei, schuldig gemacht haben sollen1. In diesen Zusammenhängen wird die Inquisition als ein Mittel der päpstlichen Machtpolitik verstanden, das unter den Menschen durch ihre alleinige Gegenwärtigkeit Angst und Schrecken verbreitete2.

Sieht man von diesen Aussagen ab und richtet den Blick auf eine sachliche Betrachtung der Inquisition und den Anfängen ihrer Institutionalisierung, wird man zwar einerseits einige Vorurteile bestätigt sehen, jedoch andererseits viele Vorurteile als widerlegt betrachten müssen. In dieser Hausarbeit richtet sich das Augenmerk auf die Institutionalisierung der Inquisition in Südfrankreich und die Entwicklung der Inquisition zu einem Mittel der spezialisierten Strafverfolgung. Betrachtung finden hierbei insbesondere die Standards der Prozessführung, Wahrheitsfindung, Verurteilung und Urteilsvollstreckung. Ferner soll die Frage geklärt werden inwieweit die südfranzösische Inquisition Einfluss auf die Inquisitionsverfahren in Deutschland bis zur Reformation hatte.

1.1 Definitionen

Um ein besseres Verständnis für die genannten Begrifflichkeiten zu schaffen, werden im Folgenden die Begriffe Inquisition, Häresie und Ketzerei geklärt.

1.1.1 Inquisition

Der Begriff Inquisition bedeutet „die Befragung“ im juristischen Sinne und umschreibt das Verfahren zur Befragung eines Zeugen oder eines Beschuldigten zu Gerichte. Neben seiner reinen Wortbedeutung umfasst das Verfahren der Inquisition zudem auch die festgesetzten Regeln und Vorschriften innerhalb derer die Befragung zu erfolgen hat3.

Es sind bei der Inquisition drei Formen des Verfahrens zu unterscheiden:

1. Das Verfahren in Anwesenheit des Beschuldigten.
2. Das Verfahren gegen jene, die sich durch Flucht dem Zugriff der direkten Befragung entzogen haben und vom Gericht abwesend sind.
3. Das Verfahren gegen Verstorbene zur posthumen Verurteilung vor einem geistlichen Gericht, um im Falle eines Schuldspruchs beispielsweise die Bestattung auf dem Friedhof zu versagen und ihn zu verbrennen4.

Trotz der bis dato strittigen Frage, ob die Inquisition in ihrer praktizierten Form als Institution betrachtet werden kann, steht fest, dass sie die Reaktion des Papstes auf die Ausweitung von Dogmen war, die von der Lehre der Kirche abwichen5.

1.1.2 Häresie und Ketzerei

Häresie hat seinen Ursprung im griechischen Wort hareisis, welches „Wahl“, beziehungsweise „Neigung“ bedeutet und sich von der Heterodoxie, der reinen Meinung, unterscheidet. Häresie bedeutet somit die Abweichung von der reinen Lehre oder die Verfälschung der reinen Lehre. Häretiker, beziehungsweise Ketzer, schaffen sich nach orthodoxer, also rechtgläubiger, Auffassung durch teuflische Verführung und moralische Defekte ihre eigene Variante des Christentums. Halten die Betroffenen trotz Belehrungen der Amtsträger an einem einfachen religiösen Irrtum fest, so gelten sie aus Sicht der institutionalisierten Kirche als Ketzer6. Der deutsche Begriff des Ketzers leitet sich von der Sekte der Katharer ab, die ihren Ursprung im griechischen Wort katharos (deutsch: „rein“) haben. Die Katharer selbst bezeichneten sich als pauperes Christi, was „Arme Christi“ bedeutet und auf ihr Selbstverständnis als Vertreter eines ursprünglichen Christentums hindeutet7.

Im Folgenden wird innerhalb dieser Hausarbeit auf die Form des Inquisitionsverfahrens in Anwesenheit des Beklagten eingegangen, da es das am häufigsten praktizierte ist und sich hierbei am anschaulichsten die Verfahrenspraxis darstellen lässt.

2. Die Verfolgung religiöser Devianz und ihre Verrechtlichung bis ins 13. Jahrhundert

Von einer Verrechtlichung der Verfolgung kann man bereits seit der Spätantike sprechen. Hierbei wurden, wie beispielsweise im Edictum Theoderici, in erster Linie Zauberei und Wahrsagerei verfolgt, da sie noch recht gegenwärtige Überbleibsel der animistischen Religion der Westgoten waren. Ähnliche Zaubereigesetze fanden sich auch in den Leges der Burgunder, Franken, Langobarden, Alemannen und Bayern wieder8. Im 8. Jahrhundert fand ein Paradigmenwechsel statt, bei dem nicht mehr nur die Zauberei verfolgt, sondern auch Glaubensabweichung von der päpstlichen Linie sanktioniert werden sollte. Hierzu wurden beispielsweise die Admonitio generalis erlassen. Die Geistlichen hatten lediglich darauf Acht zu geben, dass die Gläubigen dem ‚rechten’ Glauben treu blieben, sie zu ermahnen, wenn sie sich fehlleiten ließen und ihnen die Konsequenzen im Jenseits im Falle der Abweichung von der kirchlichen Lehre darzulegen. Die Geistlichen selbst waren auch gehalten, ein Leben als ehrbare Kirchenmänner zu führen, da sie sonst Amt und Würden verloren und ihnen die Exkommunikation drohte9. Da jedoch nur schwache Strukturen zur Verfolgung von Abweichungen der kirchlichen Lehre bestanden, bedurfte es der Institutionalisierung durch die kirchliche Autorität.

2.1 Die Institutionalisiserung der Inquisition

Mit der Inquisition schuf die Kirche ein Amt, das der Verfolgung von Glaubensdissidenten dienen sollte. Jedoch ist dieses Amt nicht als eine Behörde zu verstehen, sondern als die Summe jener, die als Inquisitoren durch den Papst beauftragt wurden10, Abweichungen von der christlichen Lehre zu Verfolgen und sich dabei bestimmter Methoden der Befragung Verdächtigter bedienten11.

Durch das vierte Laterankonzil unter Papst Innozenz III. im Jahre 1215 nahm die Inquisition durch eine Reihe päpstlicher Dekrete eine rechtliche Gestalt an, die sich am kanonischen Recht orientierte12.

Mit der Verfolgung der Häretiker wurden zunächst Franziskaner und Dominikaner beauftragt, da sie von der kirchlichen Autorität als erfahren genug in Glaubensfragen erachtet wurden, um bei den Prozessen die rechten Urteile fällen zu können. Franziskaner fungiertern hier als Prozessleiter, während Dominikaner mit der Ermittlungsarbeit betraut wurden. Im Jahr der Heiligsprechung des Dominicus, 1234, wurden sodann einzelne Dominikaner als alleinige Inquisitoren betraut, während die Franziskaner durch Ihre Lebensweise als Vorbild und als Gegenbewegung zu den Katharern dienen sollten13.

Unter Papst Innozenz IV. wurde das Inquisitionsverfahren weitgehend verfeinert und die Zuständigkeiten zwischen kirchlichem und weltlichem Arm in der Dekretale Ad extirpanda von 1252 geregelt. So wurde beispielsweise auch festgelegt, dass die Inquisitoren nicht selbst die peinliche Befragung durchführen durften. Die weltliche Macht jedoch konnte sie anwenden, wobei die Kirchenmänner Nutznießer der unter Folter gewonnenen Aussagen waren. Des Weiteren fand eine Einteilung in Kirchenprovinzen statt, was sich durch die daraus folgende Schaffung theoretisch gleicher verwaltungstechnischer Grundlagen förderlich auf die Institutionalisierung der Inquisition auswirkte14.

Die Inquisitoren konnten ihrer Arbeit jedoch nicht störungsfrei nachgehen. So kam es bereits 1235, ein Jahr nach der Betrauung der Dominikaner mit der Inquisition, zu heftigem Widerstand gegen die Inquisition, bei dem Inquisitoren angegriffen, vertrieben und sogar ermordet wurden. Dies hatte zur Folge, dass die Inquisition in Südfrankreich 1238 ausgesetzt wurde15.

2.2 Die Verfolgung der Katharer

Neben den abweichenden Glaubensrichtungen der Waldenser, Beguinen und Apostelbrüder, waren die der Katharer von zentraler Bedeutung. Die Katharer wurden von der südfranzösischen Bevölkerung sehr positiv empfunden, da sie nach ihrem eigenen Verständnis und dem des Volkes als d]ie reinen Christen wahrgenommen wurden. Zudem sympathisierte der südfranzösische Adel sehr offen, was die Missgunst des katholischen Königs von Frankreich hervorrief. Dieser erweiterte 1229 in Folge des Albigenserkreuzzuges gegen sein Territorium um das Herrschaftsgebiet der Grafen von Toulouse16. Noch im selben Jahr wurde in Toulouse ein Konzil einberufen, das in 18 Kanones verbrieft die Grundlagen für die weitere Ketzerverfolgung in Südfrankreich liefern sollte. Fortan galt jede Form der Weiterbetätigung als Katharer oder deren Sympathisant als Infamie in Tateinheit mit einem Majestätsverbrechen17. Der Verweis auf den Tatbestand des Majestätsverbrechens, der in der Häresie enthalten ist, rechtfertigte zudem die Todesstrafe18. Die Katharer fanden sich nun in einem Konflikt mit zwei Kontrahenten, dem König und dem Papst, jedoch ohne Rückhalt durch eine weltliche Macht wieder19.

3. Die Inquisition in Südfrankreich

Eine zentrale Figur der südfranzösischen Inquisition war Bernard Gui, dessen Buch, die Practica inquisitionis sich erhalten hat und den Geist der Inquisition jener Zeit widerspiegelt. Bernard Gui selbst war ein Mann starken und kreativen Geistes, der sich zeitlebens als Chronist, Historiker und Hagiograph verdient gemacht hatte. Zwischen 1307 und 1324 war er als Inquisitor in Toulouse tätig, wobei er seine Erfahrungen aus 980 Prozessen zum Ende seiner Inquisitorentätigkeit niederschrieb20. Die Practica inquisitionis, das Buch der Inquisition des Bernard Gui aus dem Jahre 1324, stand in einer langen Tradition einer bestimmten literarischen Gattung von theoretischen Handreichungen zur Durchführung des Inquisitionsverfahrens21.

Neben ihrer Eigenschaft als Inquisitionshandbuch vereint die Practica inquisitionis in sich die literarischen Gattungen einer Dokumentensammlung und eines häresiologisch-inquisitorischen Traktats, wie das de Inquisitione haereticum des deutschen Franziskaners David von Augsburg22.

[...]


1 Vgl. Grigulevič, Josif Romualdovič: Ketzer - Hexen - Inquisitoren. Geschichte der Inquisition, Bd. 1, Berlin (DDR) 1976, S. 1 ff.

2 Vgl. ebd., S. 127 f.

3 Vgl. Hamilton, Bernard: The Medieval Inquisition, London 1981, S. 35.

4 Vgl. Bauer, Richard: Der Strafprozeß der Inquisition in Südfrankreich, Dissertation, Heidelberg 1916, S. 51.

5 Vgl. Kolmer, Lothar: Ad Terrorem multorum. Die Anfänge der Inquisition in Frankreich. - In: Segl, Peter (Hg.): Die Anfänge der Inquisition im Mittelalter, Köln 1993, S. 78 f.

6 Vgl. Schwerhoff, Gerd: Die Inquisition. Ketzerverfolgung in Mittelalter und Neuzeit, München 2004, S. 13 f.

7 Vgl. ebd., S. 18 f.

8 Vgl. Ragg, Sascha: Ketzer und Recht. Die weltliche Ketzergesetzgebung des Hochmittelalters unter dem Einfluß des römischen und kanonischen Rechts. Aus: Monumenta Germaniae Historica, Bd. 37, Hannover 2006, S. 41 f.

9 Vgl. ebd., S. 43 - 47.

10 Vgl. Segl, Peter: Einrichtung und Wirkungsweise der Inquisitio Haereticae Pravitatis im mittelalterlichen Europa. Zur Einführung. - In: Segl, Peter (Hg.): Die Anfänge der Inquisition im Mittelalter, Köln 1993, S. 3.

11 Vgl. Kolmer, Lothar: Ad Terrorem multorum. Die Anfänge der Inquisition in Frankreich. - In: Segl, Peter (Hg.): Die Anfänge der Inquisition im Mittelalter, Köln 1993, S. 77 f.

12 Vgl. Bruns, Silvin: Zur Geschichte des Inquisitionsprozesses. Der Beschuldigte im Verhör nach Abschaffung der Folter, Dissertation, Bonn 1994, S. 16.

13 Vgl. Buschbell, Christina: Die Inquisition im Hochmittelalter. Wurzeln, Bedeutung, Missbräuche, Hamburg 2010, S. 52.

14 Vgl. ebd., S. 53 f.

15 Vgl. ebd., S. 57 f.

16 Vgl. Kolmer, Lothar: Ad Terrorem multorum. Die Anfänge der Inquisition in Frankreich. - In: Segl, Peter (Hg.): Die Anfänge der Inquisition im Mittelalter, Köln 1993, S. 85.

17 Vgl. ebd., S. 88 ff.

18 Vgl. Ragg, Sascha: Ketzer und Recht. Die weltliche Ketzergesetzgebung des Hochmittelalters unter dem Einfluß des römischen und kanonischen Rechts. Aus: Monumenta Germaniae Historica, Bd. 37, Hannover 2006, S. 140 f.

19 Vgl. Kolmer, Lothar: Ad Terrorem multorum. Die Anfänge der Inquisition in Frankreich. - In: Segl, Peter (Hg.): Die Anfänge der Inquisition im Mittelalter, Köln 1993, S. 79.

20 Vgl. Vauchez, André et al.: Bernard Gui. - In: Encyclopedia of the Middle Ages, Cambridge 2000, S. 172.

21 Vgl. Bezzenberger, Tilman: Bernardus Guidonis und die Inquisition von Toulouse 1307 - 1324, Magisterarbeit, Berlin 1982, S. 25 ff.

22 Vgl. Flade, Paul: Das römische Inquisitionsverfahren in Deutschland bis zu den Hexenprozessen, Aalen 1972,S. 3.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640881413
ISBN (Buch)
9783640881635
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169745
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – FMI
Note
1,7
Schlagworte
Inquisition Bernard Gui Folter Hexen Devianz Toulouse Ketzer Häresie Katharer Montségur

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Inquisition in Südfrankreich und ihre Wirkung auf die Inquisition in Deutschland