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Spieltheoretische Betrachtung der Verhandlungen der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 24 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Historischer Hintergrund der Berliner Kongo-Konferenz

2.1. Vorbedingungen der Teilnehmer

2.2. Verhandlungsverlauf

2.3. Ergebnisse der Verhandlungen

3. Spieltheorie

4. Anwendung der Spieltheorie auf die Verhandlungen der Kongo-Konferenz

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Selten haben in der Geschichte die Ergebnisse einer Verhandlung das Bild der Welt so stark verändert, wie die der Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85. Und das obwohl dies nicht einmal das Ziel der Konferenz war. Im Ergebnis der Verhandlungen kam es zur vollständigen Aufteilung Afrikas innerhalb von 20 Jahren unter den europäischen Mächten.[1] Das eigentliche Ziel bestand aber nur in der Aufteilung des Gebietes des Kongobeckens. Das auf der Konferenz erarbeitete Prinzip der „effektiven Inbesitznahme“ von Kolonien stellte den ersten völkerrechtlichen Akt dieser Art dar und beschleunigte die afrikanische Aufteilung immens.[2]

Diese vollkommen willkürliche Grenzziehung, die keine Rücksicht auf Bevölkerungsgruppen, Religionen oder sonstige ethnische Fraktionen nahm, verändert die Geschichte Afrikas bis in die Gegenwart. Der Großteil aller auf diesem Kontinent geführten Bürgerkriege im 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts ist auf den Einfluss der europäischen Mächte und ihrer Kolonialpolitik zurückzuführen. Dies gilt in besonderem Maße für den Kongo.[3] Allein unter der Kolonialherrschaft der Belgier starben laut Schätzungen bis zu 10 Millionen Einheimische und seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind in keinem Gebiet der Welt so viele Menschen durch kriegerische Auseinandersetzungen umgekommen wie hier.

Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass gerade Belgien, welches Ende des 19. Jahrhunderts nicht zu den Größen der europäischen Politikbühne zählte, das größte und bevölkerungsreichste Gebiet südlich der Sahara zugesprochen bekam, das dann gnadenlos, ohne Rücksicht auf Menschenrechte, die zu diesem Zeitpunkt zumindest für die weiße Weltbevölkerung schon bekannt waren, ausgebeutet wurde.

Auf der Kongo-Konferenz erhielt jedoch nicht Belgien, sondern ihr König Leopold II. den Kongo als Privatkolonie. Ein in der Kolonialgeschichte einzigartiger Akt, der jenseits allen Völkerrechts angesiedelt ist. Diese Privatkolonie wurde erst 1908, nachdem die Gräueltaten des Königs aufgedeckt wurden, an den Staat Belgien abgetreten.[4] Dies hinderte den neuen Kolonialstaat aber nicht, die Methoden ihres geächteten Königs weiter zu führen.

Nun bekam 1885 also ein beinahe unbedeutender Herrscher das zu dieser Zeit begehrteste Stück Land in Afrika zugesprochen.

Es gibt viele theoretische Modelle, um Verhandlungsstrategien zu analysieren. Eine der gängigsten ist die Spieltheorie. Ursprünglich aus wirtschaftstheoretischen Überlegungen entstanden und ein Teilgebiet der Mathematik wurden die Ideen auch in anderen Teilgebieten immer beliebter. So wird sie heute ebenso in der Politik, Soziologie, Psychologie, in der Biologie und sogar in der Kriminalistik[5] angewandt.

Mit diesem Modell lassen sich gesellschaftliche Interaktionssysteme und die in ihnen angewandten Strategien untersuchen. Dabei ist das Wort „Spiel“ wörtlich zu nehmen. Jeder Beteiligte im System ist ein Spieler, der auf seinen Maximalgewinn ausgerichtet ist. Dieser errechnet sich aus den Handlungen der einzelnen Teilnehmer. In den Wirtschaftswissenschaften geht es hauptsächlich um monetäre Gewinne, während diese in der Politikwissenschaft eher abstrakter sind. In der Politik erstreckt sich das Feld möglicher Gewinne von Geld über Landzuwachs bis hin zur Vergrößerung des eigenen Machteinflusses, was auch die Verminderung des Machtanspruches des Gegenspielers beinhalten kann.

Vor Verhandlungen kann der Spieler mit Hilfe der Spieltheorie untersuchen, welche Möglichkeiten er und sein(e) Gegenspieler haben und welche Antwortmöglichkeit auf die Strategien der anderen die für ihn beste ist.

So lässt sich im Nachhinein untersuchen, ob die Spieler ihr Maximum erreicht haben. Ist dies nicht der Fall, lässt sich prüfen, was dieser falsch gemacht hat und welche Alternativen besser für ihn gewesen wären.

In der folgenden Ausarbeitung wird die Spieltheorie auf die Berliner Kongo-Konferenz angewendet; dabei wird untersucht, welche Staaten ihr Maximalziel erreichten und welche Strategien sie dafür verwendeten. Ist die Übergabe des gesamten Kongobeckens an König Leopold II. die beste Lösung für die europäischen Großmächte gewesen oder lassen sich grobe Verhandlungsfehler nachweisen?

2. Historischer Hintergrund der Berliner Kongo-Konferenz

2.1. Vorbedingungen der Teilnehmer

Um die Verhandlungsstrategien der Spieler überhaupt untersuchen zu können, muss zuerst geklärt werden, mit welchen Vorraussetzungen sie in die Verhandlungen gingen. Ein Spieler, der von Beginn an eine große Machtposition inne hat und/oder andere Teilnehmer beeinflussen kann, verhält sich natürlich anders als ein eher unbedeutender Spieler.

Das Teilnehmerfeld der Berliner Kongo-Konferenz[6] umfasste 13 Staaten[7], von denen aber nicht alle wichtig für die Verhandlungen waren. Die wichtigsten Teilnehmer waren Belgien, auf dessen Geheiß die Konferenz zusammengerufen wurde, das Deutsche Kaiserreich als Ausrichter, die konkurrierenden Großmächte Großbritannien und Frankreich sowie Portugal, Italien und die USA.[8] Angeregt wurde die Konferenz von König Leopold II., der bereits ein privat finanziertes Handelspostennetz im Kongo besaß und Angst hatte, von einer großen Kolonialmacht verdrängt zu werden. Deshalb wandte er sich an das Deutsche Kaiserreich, um dies zu verhindern. Das Ziel der Konferenz bestand darin, Streitigkeiten um das begehrte Kongobecken, welches gerade erst erforscht wurde, im Voraus zu unterbinden. Otto von Bismarck erläuterte in der Eröffnungsrede[9], dass ein friedlicher und fairer Handel zwischen allen Nationen dort stattfinden sollte. Außerdem musste die Bevölkerung des Kongos zivilisiert und der Sklavenhandel verboten werden. Leopold II. hätte somit im Kongobecken seine wirtschaftlichen Interessen weiter verfolgen können.

Die beiden Hauptprotagonisten in der Kolonisierung Afrikas im ausgehenden 19. Jahrhundert waren Großbritannien und Frankreich. Das viktorianische britische Empire war geprägt von seinen Kolonisierungsplänen rund um die Welt und eroberte 1882 Ägypten, das bis dahin Teil des langsam zerfallenden Osmanischen Reiches war.[10] Diese Annektierung und Gebietsstreitigkeiten an der Nigermündung führten zu einem politischen Konflikt mit Frankreich.

Die Französische Republik suchte nach der Niederlage 1871 gegen die deutschen Staaten in Afrika eine Möglichkeit ihr internationales Ansehen wieder zu steigern. In Europa war Frankreich politisch praktisch isoliert. In Afrika konnten sie aber große Erfolge im Gebiet des späteren Marokkos, Tunesiens, Algeriens und auch Senegals feiern. Jedoch geriet man in den 1870er und 1880er Jahren mit den Eroberungen in Konflikt mit Großbritannien. Beiden Mächten war bewusst, dass Afrika es nicht wert wäre, Krieg zu führen.[11] Das Risiko, das ein solcher Krieg im Falle einer Niederlage oder eines lange währenden Krieges tragen würde, konnte der Besitz in Afrika nicht wettmachen. Tatsächlich gab es in der Geschichte nur einen Krieg zwischen Weißen um afrikanisches Land – der Burenkrieg.

Vom Gebiet des Kongobeckens, um welches es in der Verhandlung ging, waren Großbritanniens Kolonialbestrebungen jedoch weit entfernt. Sie lehnten sogar das Angebot des Kongoforschers Henry M. Stanley ab, das Kongobecken käuflich zu erwerben.[12] Anders sah die Lage für Frankreich aus, die durch de Brazza Gebiete an der Kongomündung von den Eingeborenen erwarben. Damit sahen sie einen Anspruch auf das Becken.[13] So wäre die Sache eigentlich klar gewesen, allerdings konnte Großbritannien dieses aus machtpolitischen und wirtschaftlichen Gründen nicht zulassen und versuchte dies nun mit Hilfe Portugals einzudämmen.

Portugal erlebte nach seiner Weltmachtstellung im 16.Jh. eine Phase vieler Krisen, die dazu führten, dass Portugal keine echte Industrialisierung durchlebte und wirtschaftlich bis in die Gegenwart anderen europäischen Staaten hinterherhinkt. Politisch mussten sie sich Großbritannien geschlagen geben, die sie nach den Napoleonischen Kriegen unter ihre Schutzherrschaft stellten. Auch die portugiesischen Kolonien in Südamerika gingen verloren. Allerdings besaß Portugal noch Handelsposten im Gebiet des heutigen Angolas, die in der Nähe der Kongomündung lagen. Da Portugal Marionettenstaat der Briten war, wurde dieses nun ausgenutzt, um britisch-portugiesische Ansprüche auf das Kongobecken zu erheben.[14]

Damit wurde König Leopold II. von zwei großen Mächten im Kongogebiet bedrängt, denen der belgische König zu dieser Zeit kein großes Hindernis darstellte. So musste sich Leopold eine neue Strategie ausdenken und verband sich vor der Konferenz mit Frankreich und dem Deutschen Kaiserreich, denen er Handelsfreiheit versprach, wenn sie seine Handelsinteressen[15] schützen würden. Außerdem konnte er Stanley als Aushängeschild für sein Unternehmen gewinnen. Durch dessen Hilfe in der Verbreitung seiner menschenfreundlichen, zivilisierten Ideen gewann er außerdem die amerikanische Regierung für sich, die auf der Konferenz sein Sprachrohr werden sollte.[16]

Das Deutsche Kaiserreich, das sich für die Verhandlungen ebenfalls mit Belgien verbündete, sah weniger eigene Koloniebestrebungen gefährdet, sondern viel mehr die Handelsfreiheit im Kongobecken, was erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen mit sich gezogen hätte. An eigenen Kolonien war man nur aus innenpolitischen, nationalistischen Bestrebungen interessiert, nicht aus wirtschaftlichen.[17]

Alle anderen vertretenen Staaten waren nur marginal am Ergebnis der Verhandlung beteiligt, und beschränkten sich mehr auf ihr Veto-Recht, um die Entscheidungen auf das Kongobecken einzugrenzen.

So standen sich vor dem Beginn der Berliner Kongo-Konferenz drei verschiedene Gruppierungen bzw. Ideen gegenüber. Zum einen wollte Frankreich, welches schon Koloniebestrebungen in diesem Gebiet hatte, das Kongobecken für sich gewinnen, um damit nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch stärker zu werden. Frankreich sah sich in seinen Bestrebungen allerdings allein den anderen gegenüber.

Die zweite Gruppierung war das Bündnis von Großbritannien und Portugal, die das Kongobecken ebenfalls für sich gewinnen oder zumindest Frankreich davon abhalten wollte, es unter seine Herrschaft zu stellen.[18]

Die dritte und größte Fraktion stellten Belgien, die USA und das Deutsche Kaiserreich dar. Ihr Bestreben war eine große neutrale Freihandelszone und die Zivilisierung der Bevölkerung. Eigentlich ein klares Ziel, doch war die Durchsetzung noch ungeklärt und sollte zudem erst während der Konferenz ausgearbeitet werden. Die Errichtung eines belgischen bzw. Privatstaates Leopolds zeichnete sich erst zum Ende der Konferenz hin ab, obwohl dies sicherlich von Leopold von Anfang an beabsichtigt war. Dieser Idee gehörten z.T. auch Frankreich und Großbritannien an, da ein neutraler Staat nicht das Optimum wäre, aber besser als es dem Gegner zu überlassen.

[...]


[1] Über die Bedeutung der Konferenz für die Aufteilung Afrikas gibt es in der Forschung unterschiedliche Standpunkte. So lehnt u.a. Christoph Marx in seiner Geschichte Afrikas diese These ab, jedoch überwiegen die Meinungen, dass die Konferenz Hauptauslöser für dieses Ereignis war.

[2] Iliffe, John: Geschichte Afrikas, S. 254.

[3] Mit dem Begriff Kongo soll im Folgenden die heutige Demokratische Republik Kongo, das frühere Zaire und ehemalige belgische Kolonie gemeint sein.

[4] Marx, Christoph: Geschichte Afrikas, S.135.

[5] Eine der bekanntesten kriminalistischen Anwendungen findet sich in der Literatur bei der Jagd Sherlock Holmes nach Prof. Moriarty.

[6] Eine deutsche Übersetzung der Protokolle der Berliner Kongo-Konferenz erfolgte erst 100 Jahre später in: Bremer Afrika Archiv (Hrsg.): Protokolle und Generalakte der Berliner Afrika-Konferenz 1884-1885. Da dies die einzige deutsche Übersetzung ist, bildet es die Grundlage für die Untersuchung der Protokolle.

[7] Darunter war kein afrikanischer Staat.

[8] U.a. Ansprenger, Franz: Geschichte Afrikas, S. 77; Bremer Afrika Archiv (Hrsg.): Protokolle und Generalakte der Berliner Afrika-Konferenz 1884-1885, S. 98f..

[9] Bremer Afrika Archiv (Hrsg.): Protokolle und Generalakte der Berliner Afrika-Konferenz 1884-1885, S. 101.

[10] U.a. Bremer Afrika Archiv (Hrsg.): Protokolle und Generalakte der Berliner Afrika-Konferenz 1884-1885, S. 24; Förster, Stig (Hrsg.): Bismarck, Europe and Africa , S.188ff.

[11] Ansprenger, Franz: Geschichte Afrikas, S. 78.

[12] Dausend, Peter: Kautschuk oder Peitsche, in: Die Welt 8.April 2000.

[13] Förster, Stig (Hrsg.): Bismarck, Europe and Africa, S. 174f.

[14] Iliffe, John: Geschichte Afrikas, S. 253.

[15] Sein Privatunternehmen wurde als „Internationale Kongo Assoziation“ (I.K.A.) gegründet, die auch das Ziel der Zivilisierung des Kongobeckens anstrebte. Mitbegründer war der Forscher Henry M. Stanley, und im Aufsichtsrat saß der Abgeordnete Sanford der amerikanischen Delegation auf der Konferenz in Berlin.

[16] Bremer Afrika Archiv (Hrsg.): Protokolle und Generalakte der Berliner Afrika-Konferenz 1884-1885, S.23ff.

[17] Wedi-Pascha, Beatrix: Die deutsche Mittelafrika-Politik 1871-1914, S. 69.

[18] Wie oben beschrieben lehnten sie, bevor Frankreich Ansprüche auf den Kongo erhob den Kauf des Beckens ab.

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640883899
ISBN (Buch)
9783640883394
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169907
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
1,0
Schlagworte
spieltheoretische betrachtung verhandlungen berliner kongo-konferenz

Autor

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