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Wahnsinn ohne Diagnose

Der Versuch einer Diagnosestellung bei den beiden Brüdern aus Thomas Bernhards Werk „Amras“

Bachelorarbeit 2011 58 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Forschungsüberblick

Inhalt des Romans

Teil I - Novalis, Brown und Antonovsky

Erhebung des Kohärenzgefühls bei Karl

Brownismus und Novalis
Der Stheniker
Der Astheniker
Eine Welt voller Stheniker

Teil II - Krankheit und Verderben

Die Tiroler Epilepsie
Realistik in der Krankheitsbeschreibung?
Die Tiroler Epilepsie als Teil der literarische Tradition
Der Epileptikersessel

Die Geisteskrankheit
Anamnese - Sammlung der Symptome
Der Weg zur Diagnose
Charakteristische Schizophreniesymptome
Charakteristische Symptome einer Depression

Das Bild der Ärzte

Teil III - Uns alle beschämende Zustände

Ein Plädoyer für die Antipsychiatrie ?

Fazit

Literaturverzeichnis

Index

Einleitung

In Thomas Bernhards Bücher spielen Krankheit, Tod, Verderben und Selbstmord sowie zwischenmenschliche Kälte und Grausamkeiten eine große Rolle. Krankheit ist im Bemhard’schen Werk omnipräsent, denn nahezu alle Menschen leiden unter der einen oder anderen Krankheit. Eine Einteilung in ,Gesunde‘ und ,Kranke‘ lässt sich oft nicht vornehmen, lediglich der Grad der Krankheit unterscheidet die Personen. Einige sind nur leicht kränklich, andere leiden an einer schweren „Todeskrankheit“. Es sind aber nicht nur die Menschen krank, sondern die gesamte erzählte Welt scheint von Schmerzen und Sinnlosigkeit zerfressen, alles ist unabänderlich krank1. Bernhards Faszination für das Thema durchzieht wie ein Leitfaden sämtliche seiner Werke und ist insbesondere an den beiden Brüdern aus dem Roman AMRAS, den Bernhard selbst als sein „Lieblingsbuch“2 bezeichnet hat, gut zu sehen. In dieser Arbeit möchte ich näher auf die Krankheitsdarstellung der Brüder Karl und Walter aus dem 1962 veröffentlichten Werk eingehen. Lässt sich anhand der von Bernhard beschriebenen Symptome eine Diagnose stellen? Leiden die beiden Brüder an einer realen Krankheit oder mischt sich der Autor aus den verschiedensten Symptomen einen passenden Krankheitscocktail ganz nach seinen Bedürfnissen zusammen? Diesen Fragen soll mithilfe moderner diagnostischer Kriterien des Diagnostischen und Statistischen Handbuches Psychischer Störungen (DSM)3 nachgegangen werden. Neben dem Blick auf die Diagnosestellung soll immer auch untersucht werden, was Bernhard mit seinen Krankheitsbeschreibungen ausdrücken möchte. Hierbei steht insbesondere die Frage im Vordergrund, ob (und wenn ja, in welcher Weise) die Krankheiten als Metapher gemeint sind. Für diese Fragestellung wird sowohl auf Novalis‘ Ausführungen zur Krankheit als auch auf Antonovskys Modell der Salutogenese eingegangen.

Forschungsüberblick

Eines der ersten Werke, das sich ausführlich mit dem Thema der Krankheit bei Thomas Bernhard beschäftigt, ist das 1987 erschienene Buch Das Phänomen der Krankheit im Werk von Thomas Bernhard4 von Monika Kohlhage. Die Autorin gibt auf ca. 200 Seiten einen sowohl umfassenden als auch aufschlussreichen Einblick in die Materie. Durch eine Einteilung der Krankheitsdarstellungen in autobiographische und außerbiographische Werke ist das Buch besonders übersichtlich. Aufgrund der guten und umfangreichen Ausarbeitung kann Kohlhage auch heute noch zu einer der bedeutsamsten Autoren in diesem Bereich angesehen werden und fast alle späteren Arbeiten beziehen sich auf das von ihr Dargestellte. Nach Kohlhages Veröffentlichung blieb es für rund 10 Jahre relativ ruhig um das Thema Krankheit bei Bernhard. Interessant zu lesen sind dann wieder die Beiträge des 1995 in Bonn stattfindenden Thomas-Bernhard-Symposiums ,Was wir aufschreiben ist der Tod‘. Michael Jurgensen, einer der führenden Bernhard-Spezialisten, gibt hier einen zwar kurzen, aber nicht weniger interessanten Abriss zum Thema5. Im Gegensatz zu Kohlhage setzt er sich nicht in erster Linie mit den verschiedenen Krankheiten auseinander, sondern beleuchtet mehr die Funktion, die Krankheit und Tod als Stilmittel der Darstellung einer düsteren und wahnhaften Welt zukommen. Einen ähnlichen Schwerpunkt legt auch Leonhard Fuest in seinem Buch Kunstwahnsinn irreparabler6. Fuest beschäftigt sich hier eingehend mit der Thematik des Wahnsinns im Bemhard’schen Werk. Er unterscheidet dabei zwischen Wahnsinn als Geistes- und als Körperkrankheit. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der Darlegung eines Wahns, der sich in Bernhards Werken als Widerstand gegen die österreichische Politik findet. Das Werk ist umfangreich und bietet auf mehr als 350 Seiten eine umfassende Darstellung zum Thema. Auch über die Ähnlichkeiten der Betrachtungsweisen von Novalis und Bernhard gibt es ein Kapitel. Ausführlicher mit Novalis beschäftigt sich Hartmut Zelinsky in seinem Aufsatz Thomas Bernhards ,Amras‘ und Novalis. Hartmut interessiert sich insbesondere für die unterschiede und Gemeinsamkeiten bei beiden Schriftstellern.

Eine andere wertvolle Quelle über die Darstellung von Wahnsinn und Krankheit bei Thomas Bernhard ist das 1999 von Alexander Honold und Markus Joch herausgegebene Werk Die Zurichtung des Menschen. Das Buch enthält eine Auswahl von Referaten, die im Rahmen der ,Thomas Bernhard Tage‘ im September 1998 und auf dem internationalen Kongress , Thomas Bernhard und die Weltliteratur4 gehalten wurden. Insbesondere die Arbeiten von Renate Langer7 und Geoffrey Howes8 waren für die vorliegende Arbeit von Bedeutung. Howes erläutert in seinem Text den Begriff der ,Antipsychiatrie‘, der auch hier später noch aufgegriffen werden soll. Der Schwerpunkt von Renate Langers Arbeit liegt auf der Verortung der Krankheitsdarstellungen in einem literatur- und geisteswissenschaftlichen Kontext. Das Werk von Til Greite Bernhard und die Antipsychiatrie9 wird voraussichtlich erst im September 2010 erscheinen und konnte daher für diese Arbeit nicht berücksichtigt werden.

Eine eher ideologisch gefärbte Darstellung über Bernhards Werk bietet Ria Endres mit dem Buch Am Ende angekommen10. Wie die Autorin selbst zugibt, liegt es ihr am Herzen „eine alte Rechnung“11 mit Bernhard zu begleichen. Sie vertritt in ihrem Buch eine aus heutiger Sicht recht antiquiert wirkende feministische Ansicht. Auf ca. loo Seiten versucht sie nachzuweisen, dass Bernhard Texte in erster Linie „Metastasen des patriarchalischen Erbes“ sind und von „männlicher Impotenz“12 geprägt seien. Obwohl die Autorin mit der Arbeit 1979 promovierte, disqualifiziert sie sich aus meiner Sicht durch ihren stark ideologisch geprägten Ansatz für einen weiteren Gebrauch in der vorliegenden Arbeit.

Zusammenfassung

Mit ihrem Werk Das Phänomen der Krankheit im Werk von Thomas Bernhard legt Monika Kohlhage 1987 einen wichtigen Grundstein für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Neben dem von Leonhard Fuest herausgegebenen Werk Kunstwahn irreparabler sind insbesondere die gesammelten Texte der 1995 und 1998 stattgefundenen Symposien über Thomas Bernhard bedeutsam.

Inhalt des Romans

Der Roman Amras behandelt auf rund 100 Seiten das Schicksal der beiden ungleichen Brüder Walter und Karl (dem Ich-Erzähler), den einzigen Überlebenden eines Familienselbstmordes.

Nach dem missglückten Suizidersuch werden die beiden Brüder von ihrem Onkel in einen Turm nahe der österreichischen Ortschaft Amras gebracht. Dort hoffen sie, „den groben Tiroler Gesundheitsvorschriften“13 zu entkommen und einer Zwangseinweisung als Selbstmordgefährdete in die Psychiatrie zu entgehen. Seit seiner Kindheit leidet Walter an der unheimlichen „Tiroler Epilepsie“, deren Symptome durch seinen Aufenthalt im Turm noch verstärkt werden.

Die Ereignisse im Turm werden von Karl anhand von Notizen seines Bruders, eigenen Briefen und fragmentarischen Aufzeichnungen geschildert. Er berichtet über eine von Schmerzen und Schuldgefühlen geprägte Zeit, die erst nach zweieinhalb Monaten durch den Suizid Walters ein Ende findet. Nach dem Tod seines Bruders versucht Karl ein neues Leben bei Holzfällern zu beginnen, was ihm jedoch nicht gelingt, da er sich schlussendlich nicht vom Schatten der Vergangenheit befreien kann.

Karl berichtet das Geschehen von einem späteren Zeitpunkt aus, an dem sein Bruder bereits tot ist und er selbst wahrscheinlich in einer psychiatrischen Klinik untergebracht worden ist, wie die Ortsangabe ,Schermberg‘ als Titel des letzen Eintrag vermuten lässt. Im Mittelpunkt der Erzählung steht neben der Beschreibung einer morbiden Welt das zwischen Liebe und Hass pendelnde Verhältnis der beiden Brüder, das durch Walters Epilepsie noch weiter verschärft wird. In diesem Spannungsfeld zwischen Leben und Tod, Natur und Krankheit ist Bernhards rätselhaft verworrenes aber dennoch sehr faszinierendes Werk angesiedelt.

Teil I - Novalis, Brown und Antonovsky

Im ersten Teil der Arbeit wollen wir uns mit dem grundsätzlichen Gedanken von Gesundheit und Krankheit beschäftigen. Diese beiden schwer zu fassenden Begriffe waren seit jeher Gegenstand kontroverser Debatten. Was für den einen eindeutig ,krank‘ ist, empfindet ein anderer als völlig normal und gesund. Die Verwirrung setzt sich auch in unsere Alltagssprache fort. So spricht man zum Beispiel von einer gesunden Einstellung zu einem Thema oder von einem kranken Finanzsystem. Die Begriffe Krankheit und Gesundheit werden hier in einem viel weiteren Verständnis als in der medizinischen Grundbedeutung gebraucht. Mit ,gesund‘ und ,krank‘ meint man hier so viel wie ,richtig‘ oder ,normal‘ bzw. ,nicht mehr funktionstüchtig4 oder ,marode‘. Aber auch innerhalb der Medizin herrscht allenthalben Uneinigkeit darüber, ab wann ein Mensch krank ist und welcher Zustand noch (oder wieder) als gesund zu werten sei. Laut der Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Gesundheit „Ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“14 Übertrieben gesagt müsste sich nach dieser Auslegung eigentlich jeder von uns sofort in ein Krankenhaus einweisen lassen, denn infolge dieser Definition genügt schon ein leichter Juckreiz, um nicht mehr als „vollständig“ gesund zu gelten. Dass die Gesundheitsdefinition der WHO etwas zu kurz gegriffen ist, beweisen nicht zuletzt Menschen, die zwar starke körperliche Einschränkungen haben, sich aber trotz ihrer Behinderung als vollkommen gesund fühlen. Man denke nur an Athleten der Paralympics, von denen sich wohl nur die wenigstens als krank bezeichnen würden. Mit der Fragestellung, warum sich einige Menschen auch nach großen körperlichen oder seelischen Traumata noch als gesund ansehen, hat sich der amerikanische Arzt Aaron Antonovsky beschäftig. Ihn interessierten nicht die Ursachen von Erkrankungen, sondern er richtet den Blick auf das, was den Menschen gesund erhält. Damit löste sich Antonovsky von der klassischen medizinischen Vorstellung, die überwiegend pathogenetisch orientiert ist, also nach der Entstehung und den Bedingungen von Krankheit fragt. Gesundheit und Krankheit sieht Antonovsky als Teil eines kontinuierlichen Prozesses an. Gesund und krank sind für ihn keine festen Zustände mehr, sondern die Endpunkte eines Kontinuums. Unser Leben lang bewegen wir uns auf dieser Skala hin und her, fühlen uns mal ,kränker‘ und mal ,gesünder‘. „Alle sind wir sterblich und solange noch ein Hauch von Leben in uns ist, in einem gewissen Maß gesund".15 Der zentrale Begriff bei Antonovsky ist der sense of coherence (SOC), das Kohärenzgefühl. Ausgangspunkt für seine Überlegungen ist die Annahme, dass der Gesundheitszustand eines Menschen wesentlich durch eine individuelle, psychologische Größe (oder vielleicht besser durch eine ,Geisteshaltung‘ oder ,Lebenseinstellung‘) beeinflusst wird. Diese Geisteshaltung bezeichnet er als Kohärenzgefühl. Mit dem Ausmaß dieses Gefühls lässt sich einschätzen, wie groß die Fähigkeit ist, schwierige und ungewohnte Situation meistern zu können. Je ausgeprägter das Kohärenzgefühl, desto größer ist die Fähigkeit, mit negativen Lebensereignissen umgehen zu können, und umso gesünder ist eine Person. Der sense of coherence setzt sich nach Antonovsky aus drei Bereichen zusammen:

- der Fähigkeiten eines Menschen, die Umwelt so zu ordnen und zu strukturieren, dass sie sinnvoll interpretiert werden kann (die Verstehbarkeit),
- der Überzeugung einer Person, Probleme aktiv bewältigen zu können (die Handhabbarkeit),
- dem Willen, etwas leisten zu wollen, das einem als sinnvoll erscheint (die Bedeutsamkeit)16.

Liegen bei einem Menschen Defizite in einem oder mehreren dieser Bereiche vor, dann entsteht eine Lebenssituation, in der die Bildung von Krankheiten begünstigt wird. So eine Person hat einen niedrigen sense of coherence und wird krank.

Legen wir das Konzept der Salutogenese Thomas Bernhards Werken zugrunde, dann deutet vieles darauf hin, dass ein Großteil von Bernhards Charakteren unter einem extrem niedrigen Kohärenzgefühl leidet. Auch bei den beiden Brüdern aus Amras ist dies sicherlich der Fall. Zum Feststellen des sense of coherence wird von Psychologen weltweit ein standardisiertes Schema benutzt, der sogenannte Fragebogen SOC-L917. Dieser wurde in mehr als 35 Sprachen übersetzt und findet weltweit Anwendung.

Im folgenden Kapitel wollen wir uns dieser Methode bedienen um die oben aufgestellte Behauptung, Bernhards Charakter haben ein niedriges Kohärenzgefühl, zu verifizieren. Das Ergebnis kann einen tieferen Einblick in Bernhards Schreibmethoden geben und deutlich machen, wie er die Krankheiten seiner Charaktere kreiert.

Erhebung des Kohärenzgefühls bei Karl

Da Amras überwiegend aus Schilderungen des Ich-Erzählers (Karl) besteht, soll der SOC-L9 für seine Person ausgefüllt werden. Das Fremdausfüllen eines Fragebogens ist bei psychologischen Untersuchungen durchaus nichts Ungewöhnliches und kann darum auch in diesem Zusammenhang praktiziert werden. Um der Persönlichkeit Karls näher zu kommen, möchte ich mich im Folgenden dieser Methode bedienen. Der Bogen SOC- L9 besteht aus insgesamt neun Fragen mit jeweils sieben Antwortmöglichkeiten, die im folgenden jeweils in den Kästchen abgedruckt sind. Die hypothetischen Antworten Karls wurden durch die etwas größeren, roten Zahlen gekennzeichnet. Die Punktevergabe wird jeweils mit Zitaten aus dem Text belegt. Eine Auswertung des Fragebogens folgt am Ende.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An vielen Stellen im Text wird deutlich, dass Karl sich in Situationen befindet, in denen er sich überfordert fühlt. So bringt ihn der Selbstmord der Eltern sowie der eigene misslungen Suizidversuch in eine extreme Lange, die er nur schwer handhaben kann. Während der anschließenden Zeit im Turm zieht sich Karl daher auch aus der Realität zurück. Er und sein Bruder sitzen oft lange auf dem Boden und „horchen stundenlang an den entferntesten Ufern“18. Auch die hilflose Begleitung Walters zum Arzt ist ein weiteres Beispiel für Karls große Hilflosigkeit. Als Walter bei einem der zahlreichen Internistenbesuche ein epileptischer Anfall droht, versucht Karl in seiner Not den Bruder an den Epileptikersessel zu binden, bekommt aber von Walter einen Schlag mit „dem Knie ins Gesicht“.19 Allen diesen Situationen begegnet Karl mit einer großen Passivität, die wohl in erster Linie aus seiner Hilflosigkeit gegenüber solch dramatischen Ereignissen resultiert. Einzig nach dem Tod Walters, als Karl bei den Waldarbeitern wohnt, findet er mit den „Berechnungen, was die geschlagenen Hölzer angeht“20 eine Aufgabe, die ihm Freude bereitet.

Aufgrund der Zeit bei den Waldarbeitern erhält Karl bei dieser Frage zwei Punkte. Denn abgesehen von dieser Zeit befindet er sich nahezu ständig in ungewohnten Situationen, in denen er nicht weiß, wie er sich verhalten soll.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hier erhält Karl eindeutig die höchste Punktzahl. Er und sein Bruder fühlen eine große Schuld, nach dem Selbstmord ihrer Eltern noch am Leben zu sein..immer wieder die Frage stellend: warum wir noch leben müssen... “ Das Gefühl der beiden wird auch deutlich zum Ausdruck gebracht, wenn Karl über sich und seinen Bruder sagt: „wir wollten nicht mehr, nicht mehr sein, nichts mehr sein.“21

Hier erhält Karl also eindeutig sieben Punkte, da an nahezu keiner Stelle des Textes eine Lebensfreude belegt ist.

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Bis auf die Tätigkeiten bei den Waldarbeitern, über die Karl sagt: „Mich freut meine neue Beschäftigung“22, sind seine täglichen Aufgaben für ihn oft eine Qual und eine Quelle von „heftigen Körper- und Gefühlsschmerzen“23. Dass diese Gefühle nicht erst im Turm entstanden sind, sondern schon das ganze Leben lang bestanden, macht Karl mit den Worten deutlich: „schon das Aufwachen in unserem Elternhaus war uns nichts als Qual gewesen“ und „Unsere Universitätszeit war wahrscheinlich unsere schlimmste Zeit“.24

Ähnlich wie bei der ersten Frage lässt sich die Punktevergabe auch hier mit der Zeit bei den Waldarbeitern rechtfertigen. Da Karl dort für kurze Zeit eine Aufgabe findet die ihm Freude bereitet, erhält er bei dieser Frage also sechs Punkte.

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Folgender Satz wirkt wie eine Antwort auf die oben gestellte Frage: „Meine Gedanken sind unfähig, sind keine Gendanken mehr, ebenso meine Gefühle.“25 Karls Gedanken und Gefühle sind häufig stark durcheinander. Als Beleg hierfür könnte man den gesamten Roman Amras heranziehen, besonders deutlich wird dies aber am Anfang und zum Ende des Buches. Hier zerfasern Karls Gedanken sichtlich, sind teilweise kaum noch verständlich: „Prockerhof, Prandlhof, Gaßlhof, Starkerhof, Taxerhof... Sistrans, Ampaß, Ampaß, Sistrans... und immer zum Nachtmahl, zur Zubereitung des Nachtmahls, nach Aldrans zurück.“26 Andererseits bewahrt Karl bis zum Schluss die Fähigkeit, in gewissen Momenten klare Gedanken zu formulieren. Besonders deutlich wird dies bei den ,Abschiedsbriefen‘, die er am Ende an Professor Nicolussi und den Botaniker Ratteis schreibt.

Bei dieser Frage wäre bei der Punktevergabe zwar auch lediglich nur ein Punkt zu rechtfertigen, da Karl jedoch immer wieder die Fähigkeit zu klaren Gedanken zeigt, scheint es sinnvoller, ihm hier doch zwei Punkte zu geben.

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Die wenigen Dinge, die Karl etwas bedeuten, werden ihm im Laufe des Textes kontinuierlich genommen. Dies beginnt mit der Zeit in England, als er auf Befehl des Vaters „auf einmal zurückkommandiert worden war, wegen der immer schwereren Krankheit der Mutter.“27 Mit dem Tod der Eltern verliert Karl auch das Interesse an der für ihn so wichtigen Naturwissenschaft. Ihm scheint es, „als wäre uns meine Naturwissenschaft mit den Eltern gestorben, als hätte sie mit den Eltern Selbstmord begangen.“28 Schließlich verliert Karl durch den Suizid des Bruders seine letzte Bezugsperson.

Die große Resignation und Hoffnungslosigkeit die immer wieder aus Karls Worten spricht scheinen bei dieser Frage darum die Punktvergabe von sieben Punkten zu rechtfertigen.

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Deutlich offenbaren Karls Abschiedsbriefe seine zutiefst pessimistische Zukunftssicht. In seinem Schreiben an Professor Nicolussi nimmt Karl für immer von seiner ihm so wichtigen Wissenschaft Abschied. Karl hat sowohl sich selbst als auch sein Studium völlig aufgegeben. Für ihn ist „alles tot, alle Bücher sind tot, ich atme auch nur noch eine tote Luft ein.“29 Ein positiver Ausblick auf die Zukunft bleibt ihm verwehrt. Zum Schluss, wahrscheinlich selbst in der Psychiatrie untergebracht, schreibt er voller Resignation: „[es] herrschen in unseren Irrenhäusern uns alle beschämende Zustände.“30 Hier erhält Karl lediglich einen Punkt, da an so gut wie keiner Stelle des Textes eine positive Sicht auf die Zukunft deutlich wird. Für die Zukunft sieht Karl sein Leben völlig ohne Sinn und Zweck.

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Karls Leben scheint ohne jegliche Höhepunkte oder Lichtblicke zu sein. Er lebt in einer dunklen, kalten Welt, die ihn ununterbrochen als Verlierer dastehen lässt. Selbst über das einzige, was ihm noch bleibt - sein eigenes Leben - kann er nicht frei bestimmen. Der Selbstmord gelingt ihm nicht, sein Todeswunsch wird nicht erfüllt. Immer wieder versagt er selbst oder ihm bleibt alles versagt, was das Leben lebenswert macht. In der Familie steht sein Bruder Walter infolge seiner epileptischen Anfallsleiden im Mittelpunkt des Geschehens. Wie sehr Karl unter diesem Liebesentzug leidet, zeigt seine Beschreibung von Walters Geburtstagen: „wochenlange Forbereitungen, Nachwirkungen seines Geburtstags.“31 Während der Zeit im Turm bestrafen die beiden Brüder sich selbst. „Wir rächten uns!... Wir rächten uns gründlich an unseren eigenen Körper- und Geistesgebrechen.“32

Bei dieser Frage scheint es also sinnvoll, dass Karl aufgrund seiner negativen Erfahrungen in der Vergangenheit lediglich einen Punkt erhält.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus Karls Aussagen spricht eine tief pessimistische Sicht auf die Zukunft. Probleme, auf die er stoßen wird, scheinen ihm oft unüberwindlich. Seine in der Vergangenheit gemachten negativen Erfahrungen projiziert er auf die Zukunft, woraus eine große Hoffnungslosigkeit resultiert. „Wie viele unserer Talente hätten wir zu erstaunlicher Größe in uns entwickeln können.“33 Für Karl existiert am Ende des Buches nichts mehr „als die dumpfe, die traurige Mühseligkeit“ seiner Mitmenschen.

Wie bei der vorausgegangenen Frage resultiert die Punktevergabe hier aus Karls pessimistischen Sicht auf die eigene Zukunft. Sieben Punkte scheinen hier gerechtfertigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aktivitäten des täglichen Lebens erscheinen Karl zumeist öde und leer. Trotz einer kurzen Freude über die Rechenarbeiten bei den Holzfällern holt ihn das Gefühl der Leere am Ende des Buches wieder ein. Schließlich ist ihm „selbst das Zusammensein mit den Arbeitern [...] nur noch eine einzige Qual gewesen. Das bloße Anschauen dieser Menschen...“ 34 Rückblickend sieht er seine Tätigkeiten auf dem Anwesen seines Onkels als sinnlos und lächerlich an. Wie bereits in den vorausgegangenen Fragen überschrieben, ist einzig die kurze Zeit bei den Holzfällern ein kleiner Lichtblick in Karls Leben.

Die Punktevergabe von zwei Punkten erklärt sich darum auch aus der kurzen Episode bei den Waldarbeitern.

Auswertung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bei der Auswertung ist zu beachten, dass die Punktzahl der Fragen 2, 3, 5 und 8 umgepolt werden muss. Das heißt, eine ,sieben‘ ergibt lediglich einen Punkt beim Zusammenzählen. Karl erreicht so also einen Wert von insgesamt dreizehn Punkten. Wie die unten stehende Tabelle zeigt, liegt der Durchschnittswert der Gesamtbevölkerung zwischen 40 und 57 Punkten. Man erkennt also deutlich, dass Karls Werte wesentlich unter dem Durchschnitt liegen.

Die Auswertung dieses hypothetischen Tests unterstützt die eingangs aufgestellte Vermutung und zeigt, dass Karl vermutlich unter einem enorm niedrigen Kohärenzgefühl leidet. Er sieht sein Leben weder als bedeutsam an, noch kann er neu auftretende Situationen in einen für ihn sinnvollen Zusammenhang bringen oder sie gut handhaben. Ein solcher Mensch rückt auf Antonovskys Salutogeneseskala deutlich in Richtung ,krank‘. Karl verfügt kaum über Ressourcen, die ihm helfen, weiter in Richtung ,gesund‘ zu rücken. Für Karl sind weder seine Familie noch das soziale Netz des Gesundheitssystems eine Stütze, sondern diese Institutionen werden von Bernhard ins Gegenteil pervertiert. Was eigentlich dazu dienen sollte, Menschen zu heilen, wird bei Bernhard zu einem Konzert krankmachender Faktoren. In der Welt von Amras gibt es nichts, was die Lebensqualität dauerhaft verbessern könnte. Karls Familie sieht den einzigen Ausweg im Selbstmord, der dann aber so stümperhaft ausgeführt wird, dass die beiden Söhne überleben. Bei Bernhard sind Ärzte keine Heiler, sondern brutale Mediziner, denen das Schicksal ihrer Patienten ziemlich egal ist. Walter schreibt über „die Gefühllosigkeit der Natur... (Fahrenheit, Celsius usf. ...)“35, denn auch die Umwelt bietet keine gesundmachenden Faktoren, sondern begünstiget die Entstehung von Krankheit. Für hoch sensible Menschen wie Karl und Walter bieten auch die eigenen Gedanken keinen Trost. Im Gegenteil, die Brüder werden durch ständiges Grübeln und Nachdenken immer weiter in einen Strudel des Verderbens gezogen, aus dem es keinen Ausweg mehr gibt. Diese vier Faktoren: Natur, Mitmenschen, Ärzte und die eigenen Gedanken führen dazu, dass es für Karl und Walter keine Hoffnung auf Besserung gibt. Alles spielt zusammen und verhindert das Gesunden. Das Modell der Salutogenese wird von Bernhard völlig außer Kraft gesetzt. Bei ihm gibt es keine gesundmachenden Faktoren mehr. Die von ihm geschaffene Welt ist ein Ort der Pathogenese, also der Entstehung von Krankheit. Dieses Gefühl der Hoffnungslosigkeit zieht sich wie ein Leitmotiv durch das gesamte Werk und ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis des Buches.

Zusammenfassung

Antonovsky beschreibt in seinem Konzept zur Salutogenese wie Menschen trotz Krankheit und Schicksalsschlägen gesund bleiben oder gesund werden können. Eine zentrale Größe für ihn ist die Lebenseinstellung des Menschen, die er ,Kohärenzgefühl‘ (sense of coherence = SOC) nennt. Mithilfe des Fragebogens SOC-L9 lässt sich nun herausfinden, dass Karl ein sehr niedriges Kohärenzgefühl hat. Er leidet also unter einem großen Mangel an gesundmachenden Ressourcen und sein Gesundheitszustand liegt auf Antonovskys Gesundheitsskala wohl weit in Richtung ,krank‘. Dieser pathogenetische Ansatz zieht sich durch den gesamten Roman. Die Bereiche der Natur, der Mitmenschen, der Ärzte und der eigenen Gedanken sind in ein krankmachendes System eingebunden und verkehren Antonovskys salutogenetische Sichtweise in Gegenteil. Durch dieses Stilmittel schafft Bernhard für den Leser das Bild einer dunklen, erbärmlichen und bejammernswerten Welt, in der jede Aussicht auf Besserung eine reine Illusion ist.

[...]


1 Vgl. Kohlhage (1987).

2 Zitiert nach Hoell / Luehrs-Kaiser (1999) S. 168.

3 Saß / Wittchen (2003).

4 Kohlhage (1987).

5 Jurgensen (1995).

6 Fuest (2000).

7 Langer (1999).

8 Howes (1999).

9 1 Greite (2010).

10 Endres (1980).

11 Endres (1980), S. 7.

12 Endres (1980), S. 19.

13 Amras, S. 7.

14 Verfassung der Weltgesundheitsorganisation: http://www.admin.ch/ch/d/sr/i8/0.810.1.de.pdf.

15 Antonovsky (1997).

16 Antonovsky (1997), S. 36.

17 Fragebogen SOC-L9, SOC-L13, SOC-L29 und Auswertung z.B. hier: http://www.praxis- schumacher.net/material/soc_scales.pdf (aufgerufen am 01.10.10)

18 Amras, S. 29.

19 Amras, S. 50.

20 Amras, S. 77.

21 Amras, S. 15 - 16.

22 Amras, S. 77.

23 Amras, S. 20.

24 Amras, S. 38 - 39.

25 Amras, S. 96.

26 Amras, S. 89.

27 Amras, S. 20.

28 Amras, S. 20 - 21.

29 Amras, S. 97.

30 Amras, S. 99.

31 Amras, S. 90.

32 Amras, S. 23.

33 Amras, S. 95.

34 Amras, S. 99.

35 Amras, S. 66.

Details

Seiten
58
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640884599
ISBN (Buch)
9783640885541
Dateigröße
877 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169926
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Germasistisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
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Titel: Wahnsinn ohne Diagnose