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John Stuart Mill - Utilitarismus

Seminararbeit 2008 22 Seiten

BWL - Unternehmensethik, Wirtschaftsethik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zeitgeschichtliche und familiäre Prägung
1.1 Zeitgeschichtliche Einordnung
1.2 Mill als Erziehungsobjekt
1.3 Krisenerfahrungen

2 Grundgedanken und Intentionen des Utilitarismus
2.1 Der gesellschaftsreformerische Ansatz
2.2 Der empirische Ansatz

3 Das Nützlichkeitsprinzip
3.1 Herleitung
3.2 Teilprinzipien

4 Die Weiterentwicklung des Hedonismus
4.1 Vom quantitativen zum qualitativen Hedonismus
4.2 Vom subjektiven zum objektiven Hedonismus . .

5 Verselbstständigte Werte als Teile des Glücks
5.1 Gewissen
5.2 Tugend
5.3 Gerechtigkeit und Gleichheit
5.4 Freiheit und Individualität

6 Probleme der utilitaristischen Ethik Mills
6.1 Überwundene Vorurteile und relativierte Kritik .
6.2 Konsistenz und Schlüssigkeit
6.2.1 Mills Glücksbegriff und sein Anspruch auf Empirie
6.2.2 Handlungs- und/oder Regelutilitarismus
6.3 Grundlage der politischen und ökonomischen Theorie
6.3.1 Mills politischer Liberalismus
6.3.2 Mills ökonomischer Sozialliberalismus
6.4 Aktuelle Wirkungsmöglichkeiten der Ethik Mills

Literatur

1 Zeitgeschichtliche und familiäre Prägung

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit mit dem Titel „John Stuart Mill - Utilitarismus“ befasst sich mit der utilitaristischen Ethik, welche John Stuart Mill (1806 - 1873) als englischer Philosoph und Ökonom des 19. Jahrhunderts, von dem Konzept seines Lehrers Jeremy Bentham und seines Vaters James Mill ausgehend, weiterentwi- ckelte. Der Autor verfolgt mit dieser Arbeit das Ziel, die Grundzüge des Gedan- kengebäudes Mills darzustellen und darüber hinaus durch enge Argumentation an den Primärtexten „Der Utilitarismus“ und „Über die Freiheit“ die aktuellen Wirkungsmöglichkeiten dieser Ethik aufzuzeigen. Von einer zeitgeschichtlichen Einordnung und einer biographischen Schilderung des „Erziehungsexperiments“ ausgehend, stellt diese Arbeit das Nützlichkeitsprinzip als zentrales Konzept der Mill’schen Ethik vor und zeigt im Anschluss die wesentlichen Weiterentwicklun- gen im Vergleich zur Ethik Benthams auf. Mill versteht „Glück“ als Komposi- tum mehrerer zentraler Werte, welche in einem fünften Kapitel systematisch be- leuchtet werden. Die Bedeutung der Werte „Freiheit“ und „Individualität“ bildet die Brücke zu Mills Werk „Über die Freiheit“ und leitet gleichzeitig das Schluss- kapitel ein, in welchem neben Konzeptionen eines politischen Liberalismus und eines ökonomischen Sozialliberalismus, die sich auf Mills Argumentationen stüt- zen, auch die Probleme und Wirkungsmöglichkeiten der Ethik nach Mill diskutiert werden.

1.1 Zeitgeschichtliche Einordnung

John Stuart Mill (1806 - 1873) wird in den Transformationsprozess von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft hineingeboren. In der sich industrialisierenden englischen Gesell- schaft vollzieht sich nicht nur eine dramatische Veränderung der Lebensverhältnisse, auch Verhaltens- und Denkweisen unterliegen diesem Wandel. Die Umwälzungen verlaufen mit größerer Beschleunigung und sind mit tiefgehenderen Umwandlungen verbunden als ver- gleichbare frühere Ereignisse in der Geschichte.1 Im Verlauf dieses Industrialisierungsprozes- ses kann sich ein industriell ausgerichtetes Bürgertum herausbilden, welches, getrieben vom starken Fortschrittsglauben der Zeit, zu einer treibenden Kraft der Gesellschaft wird. Es prägt nicht nur Kultur und Kunst, sondern mit dem Liberalismus auch die politische Kultur. Das Interesse dieses Großbürgertums an Gewinn und Kapitalanhäufung steht jedoch entgegen den Interessen der Arbeiter. Es scheint, als werde sich die Gesellschaft zunehmend in zwei große Klassen trennen: Arbeiter, die immer weiter verelenden, und Kapitalisten, die immer wohl- habender werden. Die soziale Dimension gewinnt infolgedessen zunehmend an Bedeutung und bietet den Nährboden für Sozialreformer der Zeit. John Stuart Mill versucht mit seinen Ansätzen, dem ganzheitlichen Prozess in der Gesellschaft Rechnung zu tragen und nicht nur einseitig auf ökonomische Gegebenheiten abzustellen. Er steht dem Staat als Liberaler kri- tisch gegenüber, bewertet seine Aufgaben allerdings wesentlich umfassender als viele andere Liberale seiner Zeit. Er plädiert für einen aktiven und für die positive Entwicklung der Bürger verantwortlichen Staat und versucht somit, soziale Aspekte mit einer liberalen Ausrichtung in Einklang zu bringen.

1.2 Mill als Erziehungsobjekt

Für John Stuarts Erziehung ist die dominante Stellung seines Vaters, James Mill, charakteristisch. Zusammen mit dem Philosophen und Sozialreformer Jeremy Bentham war er ein Vertreter des Philosophischen Radikalismus. Beide strebten eine Reform der Gesellschaft nach den Prinzipien dieser Bewegung an.2

„James Mill war ein großer Bewunderer Platons, er glaubte an die unbegrenzte Formbarkeit des Menschen durch die Erziehung.“ (Rinderle (2000), S. 15)

James Mill war der Auffassung, dass „alle selbstsüchtigen Neigungen [...] des Menschen auf schlechte äußere Einflüsse zurückzuführen“ (Rinderle (2000), S. 15) seien und die Erziehung in der Lage sei, diese Einflüsse zu eliminieren. Dieser Theorie folgend war es „ausgemachte Sache, dass John Stuart im Geiste des Philosophischen Radikalismus erzogen werden sollte.“ (Rinderle (2000), S. 13) So wurde John Stuart Mill Gegenstand eines Erziehungsexperiments:

„Er sollte in idealen Umständen zu einem Mustermenschen geformt werden.“ (Rinder le (2000), S. 15)

Unter völliger Isolation von Gleichaltrigen beginnt John Stuarts Erziehung im frühen Kin- desalter von drei Jahren. Ohne jegliche Grammatikkenntnisse studiert er klassische Lektüren, lernt Sprachen. Später unterrichtet er seine Geschwister und da sowohl seine Lernfortschritte als auch die seiner Geschwister immer wieder durch den Vater überprüft werden, wird er „für ihre Fehler [...] mitverantwortlich gemacht“ (Gaulke (1996), S. 16). Schon früh beherrscht John Stuart die Differentialrechnung und schreibt sein erstes Buch. Auch ein Auslandsauf- enthalt, der „etwas Abwechslung [...] bringen“ (Rinderle (2000), S. 16) sollte, war Teil des straffen Erziehungsprogramms. Nach seiner Rückkehr tritt Mill in die Ostindische Handels- gesellschaft ein und es scheint, als sei „die Einführung ins öffentliche Leben [...] gelungen“ (Rinderle (2000), S. 18). Das Ergebnis des Experiments fasst Rinderle jedoch so zusammen:

„John Stuart Mill war ein ungewöhnlich belesener, redegewandter, gleichzeitig aber ein weltfremder, kontaktscheuer junger Mensch.“ (Rinderle (2000), S. 16)

1.3 Krisenerfahrungen

In den Jahren 1826/1827 erfährt John Stuart Mill am eigenen Körper, wie sehr seine Gefühle unter der Erziehung durch seinen Vater gelitten haben — er verspürt „das Gefühl einer wachsenden Entfremdung von seinem Tun“ (Rinderle (2000), S. 18). Durch die Lektüre der Memoiren von Jean-Francois Marmontel „entdeckt [Mill] in sich die Fähigkeit zum Mitgefühl, er entdeckt ein Innenleben.“ (Rinderle (2000), S. 19)

„Die Krise veranlasst Mill dazu, das Erziehungskonzept seines Vaters zu durchdenken. Es war auf der Annahme gegründet, dass alle nützlichen Handlungen an die Vorstellung von Freuden, alle schädlichen Handlungen an die Vorstellung von Leid und Schmerz geknüpft werden sollten.[...] Aber eine depressive Krise [...] dürfte es dann eigentlich nicht geben. Es blieb nur der Schluss: Der Vater hat sich getäuscht.“ (Rinderle (2000), S. 19)

Diese Krisenzeit führt bei Mill zu einer Ausbildung zentraler Werte, die sich auch in seinem Werk „Der Utilitarismus“ wiederfinden. Er sorgt sich um „die richtigen Lebensinhalte“ (Rin derle (2000), S. 21): die freie Entwicklung des Individuums einerseits und die Überwindung des Egoismus - die Einheit der Gesellschaft - andererseits.

„Sein Lebensinhalt bestand in der Sorge um das gute Leben anderer Menschen“ (Rinderle (2000), S. 21).

2 Grundgedanken und Intentionen des Utilitarismus

2.1 Der gesellschaftsreformerische Ansatz

„Der Utilitarismus ist eine sozialreformerische Bewegung aus dem Großbritannien des 18. und 19. Jahrhunderts, die mit humanistischem Pathos angetreten war und sich als eine der ersten Bewegungen für das Wohl der Gesamtgesellschaft interessierte.“ (Gesang (2003), S. 9)

Er kann also als Element im umfassenden Umwälzungsprozess der industriellen Revolution verstanden werden. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem die Überwindung irrationaler Legitimationsversuche gesellschaftlicher Normen.

„Der Utilitarismus kann in einer Zeit politisch und philosophisch wirksam werden, in der die Auskünfte der Religion, der Metaphysik oder einfach die der Tradition zu einem überindividuellen Sinnzusammenhang ihre generelle Anerkennung verlieren. In dieser auch heute noch zutreffenden Situation schlägt er für die Moral eine Bestim- mung vor, die ohne Rückgriff auf die fragwürdig gewordenen Autoritäten auskommt.“ (Höffe (2008), S. 14 f.)

Auch die utilitaristische Ethik Mills lehnt also eine „apriorische Begründung von Werten und moralischen Geboten“ (Rinderle (2000), S. 64) ab, da diese Werte und Gebote aus zu überwindenden Herrschaftsstrukturen abgeleitet seien. Traditionelle Werte wie eine gottgewollte Herrschaft, allgemeine Thesen über die Natur des Menschen oder kirchliche Gebote werden des Weiteren wegen ihres Dogmencharakters kritisiert:

„Das Dogma wird ein rein formales Bekenntnis [...].“ (Mill (1974), S. 73)

Es ist für Mill daher auch wenig überraschend, dass diese tradierten Werte und Gebote in der Gesellschaft inzwischen sehr umstritten sind:

„Darüber, was gerecht ist, gibt es ebenso viele Meinungsverschiedenheiten und ebenso heftige Diskussionen wie darüber, was für die Gesellschaft nützlich ist.“ (Mill (1976), S. 165)

Eine Nichtreflexion traditioneller Werte führt nach Meinung der gesellschaftlichen Reformer zu einem Zwangscharakter der öffentlichen Meinung, der ebenso wie die Herrschaftsstrukturen und deren Legitimation zu kritisieren sei.

Im Liberalismus wird diese Kritik zur politischen Konzeption:

„Gegen den Konservatismus der Regierenden formierte sich der Liberalismus, dessen Anhänger vor allem aus der Schicht der Akademiker und Kaufleute stammten, also der neu entstehenden Bourgeoisie. Die Liberalen forderten die Freiheit des einzelnen und eine größere politische Beteiligung der Bürger.“ (Gaulke (1996), S. 12 f.)

Wie sehr die Idee der Nutzenmehrung für die Gesamtgesellschaft als Teil einer Stimmung eines gesellschaftlichen Umbruchs auf der Basis eines ungetrübten Fortschrittsglaubens der Zeit zu sehen ist, machen Mills hochfliegende Erwartungen deutlich:

„Doch niemand [...] wird daran zweifeln können, dass die wirklich großen Übel in der Welt prinzipiell ausrottbar sind und dass die bei einer weiteren Besserung der menschlichen Verhältnisse schließlich in engen Grenzen gehalten werden können. Armut [...] kann [...] gänzlich aus der Welt geschafft werden. Selbst [Krankheit] lässt sich [...] auf ein Minimum reduzieren. [...] Kurz, alle wichtigen Ursachen menschlichen Leidens lassen sich in erheblichem Umfang - und viele fast gänzlich - durch menschliche Mühe und Anstrengung beseitigen.“ (Mill (1976), S. 47 f.)

2.2 Der empirische Ansatz

Ausgehend von der These, dass eine Deduktion von Moral aus Übergeordnetem oder Natür- lichem nicht möglich ist, versucht John Stuart Mill einen empirischen Ansatz zu entwickeln. Er sieht sich „offensichtlich einer empirischen Frage gegenübergestellt“ (Mill (1976), S. 117). Wenn also Deduktion verneint wird, so müssen die Menschen selbst dazu befragt werden, was sie wollen. Nach Mill „sind Recht und Unrecht ebenso wie Wahrheit und Falschheit eine Frage von Beobachtung und Erfahrung“ (Mill (1976), S. 11). Die Moral ist für Mill „eine Sache der vernünftigen Argumentation“ (Rinderle (2000), S. 64), er spricht von einer induk- tiven Schule der Ethik.3 In diesem empirischen Ansatz zeigt sich wiederum das Vertrauen in heranwachsende fortschrittliche Tendenzen in der Gesellschaft und im Bewusstsein der Menschen.

3 Das Nützlichkeitsprinzip

3.1 Herleitung

Das Nützlichkeitsprinzip argumentativ und empirisch herzuleiten, erfordert eine Orientierung an den tatsächlichen Wünschen der Menschen. Denn „der einzige Beweis dafür, dass etwas wünschenswert ist, [könne nur, M.F.M] der sein, dass die Menschen es tatsächlich wünschen.“ (Mill (1976), S. 105) John Stuart Mill geht davon aus, dass der Utilitarismus auf diesem Wege dreierlei erreichen kann:

1. Die Menschen können das Ziel ihres Handelns gemeinsam bestimmen. Denn Glück ist für Mill „das Einzige, was als Zweck wünschenswert ist“ (Mill (1976), S. 105) und „der einzige Zweck menschlichen Handelns“ (Mill (1976), S. 117). Immer synonym mit „Nutzen“ und „Lust“ verwandt, sei Glück „nach utilitaristischer Auffassung der Endzweck des menschlichen Handelns“ (Mill (1976), S. 39).

2. Damit ist zugleich ein moralischer Maßstab gefunden. Als Ziel menschlichen Handelns sei Glück „notwendigerweise auch die Norm der Moral“ (Mill (1976), S. 39). Mill äußert sich immer wieder in ähnlicher Weise:

- Die „Beförderung des Glücks ist der Maßstab, an dem alles menschliche Handeln gemessen werden muss“ (Mill (1976), S. 117).

- „Die Auffassung, für die die Nützlichkeit oder das Prinzip des größten Glücks die Grundlage der Moral ist, besagt, dass Handlungen insoweit und in dem Maße moralisch richtig sind, als sie die Tendenz haben, Glück zu befördern, und insoweit moralisch falsch, als sie die Tendenz haben, das Gegenteil von Glück zu bewirken.“ (Mill (1976), S. 23)

Auch Höffe fasst in diesem Sinne zusammen, dass der Utilitarismus mit dem Nützlichkeitsprinzip „ein Kriterium [aufstellt, M.F.M], nach dem sich Entscheidungen, Handlungen, Normen und Institutionen als moralisch richtig oder falsch [...] beurteilen lassen.“ (Höffe (2008), S. 10)

3. Letztlich sieht Mill durch den empirischen Bezug das Nützlichkeitsprinzip als beweisbar an:

„Wenn die Auffassung [...] richtig ist — wenn die menschliche Natur so beschaffen ist, dass sie nichts begehrt, was nicht entweder ein Teil des Glücks oder ein Mittel zum Glück ist, dann haben wir keinen anderen und benötigen keinen anderen Beweis dafür, dass dies die einzigen wünschenswerten Dinge sind.“ (Mill (1976), S. 117)

3.2 Teilprinzipien

Das utilitaristische Prinzip, das Prinzip der Nützlichkeit, lässt sich in vier Teilkriterien auftei- len.4 Das Konsequenzprinzip besagt, dass sich die Richtigkeit von Handlungen oder Hand- lungsregeln von den Folgen her bestimmt. Die Folgen werden gemäß des Nutzenprinzips an ihrem Nutzen gemessen. Dem hedonistischen Prinzip folgend gilt als höchster Wert „die Er- füllung der menschlichen Bedürfnisse und Interessen: das menschliche Glück.“ (Höffe (2008), S. 10) Das universalistische Prinzip schließlich besagt, dass „nicht das Wohlergehen bestimmter Gruppen, Klassen oder Schichten, sondern das aller von der Handlung Betroffenen“ (Höf fe (2008), S. 11) ausschlaggebend ist.

4 Die Weiterentwicklung des Hedonismus

4.1 Vom quantitativen zum qualitativen Hedonismus

John Stuart Mill weicht vom Utilitarismus Benthams in verschiedenen Punkten ab.5

[...]


1 Vgl. BPB (1998).

2 Vgl. Rinderle (2000), S. 13.

3 Vgl. Mill (1976), S. 11.

4 Vgl. Höffe (2008), S. 11.

5 Vgl. Höffe (2008), S. 22.

Details

Seiten
22
Jahr
2008
ISBN (Buch)
9783640888573
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v169929
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1,0
Schlagworte
john stuart mill utilitarismus

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Titel: John Stuart Mill - Utilitarismus