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Der demographische Wandel der Gesellschaft - Untersuchungen zu sozialstrukturellen Bedingungen der neueren Familienpolitik

Diplomarbeit 2008 67 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Altern der Gesellschaft- Konturen und Konsequenzen des demographischen Wandels
2.1 Begriffliche Definitionen
2.2 Demographischer Wandel und moderner Sozial- und Wohlfahrtsstaat
2.2.1 Auswirkungen auf das Sozialversicherungssystem
2.2.2 Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft

3 Neue strukturelle Bedingungen demographischer Entwicklungen - Zur Theorie der Moderne nach Ulrich Beck
3.1 Grundlegende Strukturbrüche der Moderne
3.1.1 Wesentliche Merkmale der Ersten Moderne nach Ulrich Beck
3.1.2 Wesentliche Merkmale der Zweiten Moderne nach Ulrich Beck
3.1.3 Reflexive Modernisierung
3.2 Wandel der Arbeitergesellschaft
3.3 Individualisierung
3.3.1 Wertewandel
3.3.2 Individualisierung der weiblichen Biographie - Die Bildungsexpansion der Frau
3.3.3 Aufschubtheorien
3.3.4 Pluralisierung von Lebensformen -Individualisierung und Partnerschaft
3.4 Exkurs: Modernisierung und Lebensqualität
3.5 Resümee

4 Familienpolitik- vom Wohlfahrtsstaat zur Zweiten Moderne
4.1 Historie der Familienpolitik
4.1.1 Resümee aus 50 Jahren Familienpolitik
4.2 Hemmnisse der Familienpolitik
4.2.1 Soziale Norm
4.2.2 Schwierigkeiten durch einen föderalistischen Staat
4.3 Familienpolitik der Gegenwart
4.3.1 Die Agenda 2010
4.3.2 Weitere Maßnahmen aktueller Familienpolitik

5 Demographischer Wandel und Familienpolitik aus soziologischer Perspektive:

Ein Resümee

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Die Beschäftigung mit demographischen Fragen ist in der Bundesrepublik wieder aktuell geworden. Nachdem es lange Zeit so schien, als wäre eine Übervölkerung der Erde das einzige noch bestehende "Bevölkerungsproblem", ist zumindest in Deutschland mittlerweile eine gegenläufige Tendenz zu beobachten. Es werden nicht genug Kinder geboren, um die bestehende Elterngeneration zu ersetzen und Experten diagnostizieren eine Bevölkerungsabnahme. Die Medien liefern dazu schlagzeilenträchtige Titel wie „Deutschland stirbt aus“ oder „Deutschland vergreist“.

Problematisch ist weniger die Veränderung der Altersstruktur, vielmehr sind es die sich daraus ergebenden Schwierigkeiten für das System der sozialen Sicherung. Denn dieses System beruht darauf, dass eine große Zahl Erwerbstätiger eine kleinere Zahl von Rentnern mit finanziert. Der demographische Wandel hat jedoch genau diese Relation in Unordnung gebracht: Immer weniger sozialversicherungspflichtig Beschäftigte müssen für immer mehr "Anspruchsberechtigte" aufkommen, um den so genannten Generationenvertrag einzuhalten.

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird zunächst nach den Gründen der demographischen Entwicklung gefragt, um anschließend beurteilen zu können, welche Art von Familienpolitik den Veränderungen gerecht werden kann.

Zunächst werden somit im zweiten Kapitel der demographische Wandel sowie die Konsequenzen thematisiert, die sich für das bestehende System der sozialen Sicherung aus diesem Wandel ergeben.

Im dritten Kapitel wird genauer nach den Gründen der momentanen Problemlage gefragt. Es ist unumgänglich, an dieser Stelle auf grundlegende Wandlungen von Ehe, Familie und Arbeitswelt einzugehen. Beschrieben hat diese Veränderungen insbesondere Ulrich Beck in seiner Theorie der Moderne, die gelegentlich auch als Theorie der Individualisierung oder Theorie einer "Zweiten Moderne" bezeichnet wird. Wesentlich ist, dass die demographischen Wandlungen keineswegs nur aus einem isolierten Wertewandel oder einem gestiegenen Anspruch der Frauen an eigene Berufskarrieren resultieren. Vielmehr ist beides eingebettet in basale strukturelle Wandlungen moderner Gesellschaften, die beispielsweise Kinderlosigkeit weniger als eine Option erscheinen lassen, vielmehr als einen Zwang, der durch Strukturen einer globalisierten Welt aufgenötigt wird.

Erst eine solche Analyse, die oberflächlich sichtbare "Bevölkerungsprobleme" soziologisch rückbezieht auf dahinter stehende strukturelle Bedingungen, kann anschließend nach der Angemessenheit familienpolitischer Maßnahmen fragen. Dies soll im vierten Kapitel geschehen.

Die Frage ist, ob Familienpolitik - und wenn ja, inwieweit - diese Ursachen der momentanen Altersstruktur in Rechnung stellt und ihre Maßnahmen darauf ausrichtet. In einer Analyse der Familienpolitik seit den 1950er Jahren mit dem Schwerpunkt auf der aktuellen Lage wird versucht, dies nachzuvollziehen. Es wird sichtbar, wie sich die familiären Gegebenheiten in der untersuchten Zeit gewandelt haben und welche Position die Politik bezogen hat. Dabei wird deutlich, dass noch nicht vollständig vollzogen ist, was vielfach schon angemahnt wird: der Abschied von liebgewordenen "sozial- und wohlfahrtsstaatlichen Selbstverständlichkeiten", die in einer globalisierten Welt längst nicht mehr selbstverständlich sind.

Eine "klassische" wohlfahrtsstaatliche Familienpolitik stand lediglich vor der Frage, wie Eltern und Familien für die zusätzlichen (finanziellen) Belastungen entschädigt werden konnten, die mit Kindern und deren Erziehung verbunden waren. Familienpolitik war gewissermaßen Kindergeldpolitik, die Frage nach Elternschaft an sich wurde nicht gestellt. Auch neuere familienpolitische Maßnahmen scheinen eher dort zu unterstützen, wo die Entscheidung für Kinder bereits gefallen ist, der Mut zum Kind wird weniger gestärkt. Dies scheint langfristig zu wenig, um die Geburtenrate zu steigern. Dies wird in einer detaillierten Analyse der Familienpolitik nachvollzogen. Es wird ausgeführt, dass weder objektive Analysen zum demographischen Wandel noch ideologisch bedingtes Festhalten an überholten Maximen eines Wohlfahrtsstaates die Lösung sein kann. Vielmehr erweist es sich als nötig, strukturelle Veränderungen der modernen Gesellschaften in ihrer Unumkehrbarkeit zu akzeptieren und Familienpolitik darauf hin auszurichten. Dem stehen Beharrungstendenzen in Gesellschaft und Politik gegenüber, die allerdings weniger zu werden scheinen. Trotzdem kann von einer Lösung der familienpolitischen Probleme, die unter dem Schlagwort des demographischen Wandels vielfach verzerrt dargestellt werden, bis auf weiteres noch nicht gesprochen werden.

2 Das Altern der Gesellschaft- Konturen und Konsequenzen des demographischen Wandels

Im Folgenden wird zunächst die demographische Lage in Deutschland skizziert. Außerdem werden zentrale Begriffe erläutert und die historische Entwicklung beleuchtet. Weiterhin wird ein erster Blick auf mögliche Auswirkungen demographischer Wandlungsprozesse auf das gegenwärtige System der sozialen Sicherung in Deutschland geworfen.

2.1 Begriffliche Definitionen

Demographie

Die Literatur definiert „Demographie“ und „Bevölkerungswissenschaft“ nicht einheitlich. Der Begriff Demographie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Volk beschreiben“. Die Demographie beschreibt die Veränderung der Bevölkerung in ihrer Größe und Struktur. Als wichtige Faktoren werden unter anderem herangezogen: Alter, Geschlecht, Familienstand, Lebensform, Verteilung im Raum, Todesfälle, Geburten und Wanderungen - diese Daten werden meist mit relevanten Ereignissen (zum Beispiel Kriegen, Scheidungen) erfasst und in Statistiken festgehalten.

Die Bevölkerungswissenschaft beschäftigt sich mit der Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen dem demographischen Aufbau einer (z. B. national) abgrenzbaren Bevölkerung und verschiedenen Bereichen der Gesellschaft wie Politik, Wirtschaft, sozialen Sicherungssystemen oder Umwelt (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, 2008).

Demographischer Wandel

„Unter dem demographischen Wandel versteht man alle Veränderungen in der Struktur der Bevölkerung eines Landes, die grundlegender Natur sind, d. h. über einen längeren Zeitraum hinweg ihre Zusammensetzung nachhaltig und nicht nur vorübergehend ändern. Dazu zählen beispielsweise sinkende Geburtenraten oder aber auch die Steigerung der Lebensdauer in den meisten Industrieländern “ (Wirtschaft und Schule 2004).

Der demographische Wandel wird somit als ein in aller Regel langfristiger Prozess verstanden, der Änderungen der sozialen und wirtschaftlichen Strukturen folgt. Davon zu unterscheiden sind Ereignisse, die einen Einschnitt in bestehende demographische Strukturen markieren (z. B. Kriege). Nachhaltig sind auch die Auswirkungen[1] des demographischen Wandels, der sich schon seit rund einem Jahrhundert vollzieht und von Beginn an in der Wissenschaft thematisiert und diskutiert wird (vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, 2008).

Demographische Entwicklung

Im Folgenden wird zunächst die demographische Entwicklung historisch dargestellt und mit den dazugehörigen Statistiken belegt.

Betrachtet man die Historie Deutschlands, fallen in Bezug auf die Geburtenziffern extreme Veränderung und Schwankungen auf: Während eine Frau in Deutschland bis zum Jahr 1900 noch durchschnittlich fünf Kinder zur Welt brachte und sich die Bevölkerung innerhalb einer Generation somit verdoppelte, gab es bereits in früheren Zeiten intensive Bevölkerungsrückgänge, beispielsweise während des Dreißigjährigen Krieges - allerdings auch in Folge von Hungersnöten und Seuchen. Seit der Neuzeit, noch stärker seit der Industrialisierung ist ein beständiges Bevölkerungswachstum zu verzeichnen. Gegenwärtig gibt es eine Besonderheit: Auf eine lang anhaltende Phase des Bevölkerungswachstums folgt nun eine Phase der Bevölkerungsschrumpfung, die durch keine negativen Faktoren wie Kriege oder Seuchen ausgelöst wird, sondern zu Friedenszeiten und Zeiten nie gekannten Wohlstands stattfindet (vgl. Herwig Birg, 2004, S. 20).

In den vergangenen Dekaden ist die demographische Entwicklung in Deutschland durch einschneidende Veränderungen charakterisiert. Als Gründe für den Geburtenrückgang wurden identifiziert:

- die Einführung der Antibabypille, die mit dem so genannten Pillenknick für eine starke Senkung der Geburtenrate sorgte
- kriegsbedingt eine geringe Zahl potenzieller Eltern
- die 68er-Bewegung, die unter anderem gegen die rigide Sexualmoral und für mehr Freiräume kämpfte

Die folgenden Zahlen besagen, dass die Bevölkerung innerhalb des letzten Jahrhunderts stetig wuchs. Das Bevölkerungswachstum hielt an, obwohl sich ein Geburtenrückgang vollzog, der die vergangenen Jahrzehnte beinahe ausnahmslos weiterbestand. Das Bevölkerungswachstum wird mit der hohen Zuwanderungsrate und der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutsch- land begründet (vgl. Karl Otto Hondrich, 2007, S. 75). Die im Folgenden beschriebenen Veränderungen haben den Bevölkerungsaufbau in Deutschland stark verändert, wie auch die Graphik anschaulich verdeutlicht. Das durchschnittliche Alter der Bevölkerung ist gestiegen und wird weiter steigen, da durch die geringe Kinderzahl der Nachwuchs fehlt und die Menschen ein viel höheres Lebensalter erreichen werden - die folgenden Abbildungen stellen dies anschaulich dar. Der jeweilige Anteil der Altersgruppen hat sich gewandelt, somit hat die Bevölkerungspyramide von 1910 keine Gültigkeit mehr - gegenwärtig gleicht die Darstellung eher einer Tanne. Behalten die prognostizierten Daten der Demographen für das Jahr 2050 ihre Gültigkeit, so wird sich trotz einer moderat berechneten Zuwanderungsrate von 200 000 Ausländern pro Jahr das durchschnittliche Lebensalter weiter erhöhen, Menschen mittleren Alters sowie Ältere bilden den Großteil der Gesellschaft (vgl. Rostocker Zentrum für demographischen Wandel, 2008, Altersstruktur in Deutschland).

1950 lebten in der Bundesrepublik Deutschland 68,72 Mio.[2] Menschen. Für den darauf folgenden Bevölkerungsanstieg sorgten u. a. die geburtenstarken Nachkriegsjahrgänge mit der höchsten zusammengefassten Geburtenziffer[3] der Nachkriegszeit von 2,5 Kindern pro Frau (vgl. Statistisches Bundesamt, 2004, S. 27). Seit Mitte der 1960er Jahre sank sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland die Kinderzahl pro Frau kontinuierlich, bis Mitte der 1980er Jahre der Geburtenrückgang mit einer Geburtenzahl von weniger als 1,3 Kindern pro Frau seinen Tiefpunkt erreichte. Bis 1990 wurde ein Anstieg der Geburtenrate auf 1,45 Kinder je Frau verzeichnet, seitdem verändert sich die Geburtenziffer kaum und schwankt um den Wert von 1,4 Kindern je Frau. Die einzige Ausnahme bilden die Jahrgänge 1994 und 1995. Gegenwärtig beträgt die Kinderzahl pro Frau 1,33. Eine weitere Entwicklung in diesem Zusammenhang ist der Altersanstieg der Frauen: Während 1960 nur 16 % der werdenden Mütter ihr erstes Kind zwischen dem 30. und dem 49. Lebensjahr bekamen, so waren es im Jahr 2004 bereits fast 50 %. Bei dem Anteil der Geburten in Ehen ist hingegen seit 30 Jahren keine größere Entwicklung zu verzeichnen (vgl. Statistisches Bundesamt, 2004, S. 27/28).

Eine weitere wichtige Veränderung in der Bevölkerungsentwicklung ist die zunehmende Lebenserwartung der Menschen, die unter anderem durch medizinische Fortschritte, Hygiene und Ernährung entstanden ist (vgl. ebd. S. 36 ff.). Lag die durchschnittliche Lebenserwartung, eines im Jahre 1871/1881 geborenen Jungen noch bei 35,6 Jahren, so betrug sie 2002/2004 bereits 75,9 Jahre. Auch die Säuglings- und Kindersterblichkeit verringerte sich im Laufe der Jahre, was auch zur steigenden Bevölkerungsanzahl beitrug: In den Jahren 1871/1881 betrug die Säuglingssterberate noch 25 %, 1949/1951 verringerte sie sich bereits auf 6 %, mittlerweile liegt sie in Deutschland unter 0,5 % (vgl. ebd.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Alterstruktur in Deutschland

2.2 Demographischer Wandel und moderner Sozial- und Wohlfahrtsstaat

Im Folgenden wird zum einen als Einführung die Geschichte des deutschen Sozialstaats erläutert, welcher im Sinne der Beck’schen Theorie in der Ersten Moderne[4] im Zuge der Industrialisierung entstand. Im weiteren Verlauf werden zum anderen die Auswirkungen des demographischen Wandels und der Zweiten Moderne auf den deutschen Sozialstaat erörtert.

Historisch bedeutungsvoll in der Entwicklung des deutschen Sozialstaates war die Einführung des Sozialversicherungssystems durch den Reichskanzler Otto von Bismarck im Jahre 1883. Durch die Sozialreformen Bismarcks entstanden Renten-, Kranken-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung; hierdurch sollten möglichst alle Bürger gegen etwaige Notfälle abgesichert sein (vgl. Karl Otto Hondrich, 2007, S. 72).

Der Wohlfahrtsstaat wurde ausgebaut, und so wurde auch in Folge der westdeutschen Wirtschaftsblüte im Jahre 1971 das Sozialversicherungssystem weiterentwickelt. Die Staatsbürger sollten an dem wirtschaftlichen Erfolg des Landes teilhaben: Die Sozialhilfe und das Arbeitslosengeld wurden erhöht, die Arbeitszeit wurde reduziert und Frühverrentungsmöglichkeiten wurden geschaffen. Allerdings stieg in den 1970er Jahren auch die Staatsquote[5], die 1970 noch bei 39 % gelegen hatte, auf knapp 50 %. Dieser Wert hält sich bis heute (vgl. H. W. Sinn, 2005, S. 20/21).

Die Auswirkungen des demographischen Wandels sind vielschichtig, tangieren die gesamte Gesellschaft und erstrecken sich auf die unterschiedlichsten Bereiche. Der deutsche Sozial- und Wohlfahrtsstaat wird angesichts der zu erwartenden demographischen Entwicklungen sowie der damit verbundenen Veränderungen zunehmend an Stabilität verlieren (vgl. F. X. Kaufmann, 2005, S. 200).

Der bekannte Sozialwissenschaftler Franz-Xaver Kaufmann spricht sogar von der „womöglich nachhaltigsten Bedrohung der sozialstaatlichen Leistungsfähigkeit“ durch den demographischen Wandel (Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft, 2005, S. 28).

Im Folgenden werden die möglichen Auswirkungen auf das Sozialversicherungssystem, den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft erörtert.

2.2.1 Auswirkungen auf das Sozialversicherungssystem

Die Voraussetzung für den deutschen Sozialstaat war seinerzeit die Vollbeschäftigung der Arbeitnehmer, die durch nahtlose Erwerbstätigkeit die Kassen des sozialen Sicherungssystems füllen sollten. In den 1960er Jahren ging diese Rechnung auf. In der heutigen Zeit der Zweiten Moderne besteht diese Voraussetzung nicht mehr und Deutschland wird zunehmend vor Problemen der Finanzierung der sozialen Sicherung stehen. Das Prinzip der jeweiligen Versicherung wird im Folgenden kurz skizziert. Außerdem werden die Probleme aufgezeigt, die durch die prekäre Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt und den demographischen Wandel entstehen.

Gesetzliche Krankenversicherung

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ist der älteste Zweig der Sozialversicherung in Deutschland. In der GKV sind Arbeitslose, Auszubildende, Studenten (deren Arbeitszeit zwanzig Wochenstunden nicht überschreitet), Arbeitnehmer und deren Familienangehörige sowie Selbstständige pflichtversichert. Ab einem Einkommen von 48.150 € brutto jährlich (Einkommen gültig für 2008) kann jeder Bürger sich privat versichern oder weiterhin freiwillig in der GKV versichert bleiben (vgl. Private Krankenversicherung, 2008). In Deutschland sind rund 90 % der Bevölkerung gesetzlich krankenversichert. Die Beiträge zur Krankenversicherung werden nach der finanziellen Leistungsfähigkeit und nicht nach Inanspruchnahme der Versicherten eingestuft. In der Regel zahlt der Arbeitgeber 50 % der Summe, 50 % werden vom Versicherten selbst übernommen. Alle Versicherten erhalten die von der Politik festgesetzten medizinisch notwendigen Leistungen - unabhängig von der Höhe der geleisteten Beiträge (vgl. Bundesministerium für Gesundheit, Gesetzliche Krankenversicherungen).

Die Gesundheitsausgaben werden zukünftig fortwährend steigen, da ältere Menschen vergleichsweise häufiger erkranken als jüngere und die Kosten mit der Nähe zum Tod ebenfalls steigen (vgl. Herwig Birg, 2005, S. 184). Außerdem haben sich in der Vergangenheit die ProKopf-Gesundheitsausgaben durch den medizinisch-technischen Fortschritt stets erhöht. Es wird mit einer Fortsetzung dieses Trends gerechnet und somit ist laut der EnqueteKommission zu erwarten, dass das Verhältnis der Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben von 1:8 (1992) auf 1:20 (2040) steigt (vgl. ebd., S. 185). Dies würde sich auf die Beitragszahlungen der Versicherten auswirken. Die Erhöhung des Beitragssatzes hängt von der Relation der Einnahmen und Ausgaben im Gesundheitswesen ab. Nach derzeitigen Berechnungen werden sich die Ausgaben aufgrund der folgenden Faktoren erhöhen: Die Zahl älterer Menschen steigt bedingt durch die demographische Entwicklung und auch die altersbedingten Pro-KopfAusgaben für die Gesundheit erhöhen sich. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Bürger, die sich im erwerbsfähigen Alter befinden und in die Gesundheitskassen einzahlen (vgl. ebd., S. 185). Aktuell ist die Bundesregierung mit der neuen Gesundheitsreform bereits den ersten Schritt in diese Richtung gegangen: Die Beitragssätze der Krankenversicherung steigen ab Januar 2009 für alle gesetzlich Versicherten auf einen Einheitssatz von 15,5 %. Bislang hatten die Krankenkassen unterschiedliche Beitragssätze, die sich daraus errechneten, wie die GKV mit ihren Geldern gewirtschaftet haben. Nun wurde auf Bundesebene beschlossen, dass ab 2009 die einheitlichen Beitragssätze gelten. Für einige Versicherte bedeutet dies eine Steigerung der GKV-Abgaben um bis zu 3 % des Bruttolohns (vgl. Bundesministerium für Gesundheit, Krankenversicherung).

In Deutschland wird für die GKV das Umlageverfahren[6] angewendet, somit müssen die gezahlten Beiträge den Gesundheitskosten entsprechen. Im Rentenalter steht den Rentnern meist weniger Einkommen zur Verfügung als im Berufsleben. Allerdings steigen - wie bereits beschrieben - die Gesundheitskosten im Rentenalter stark, die Zahl der jüngeren Arbeitnehmer schrumpft und das System der sozialen Sicherung kann diese entstandene Differenz nicht tragen, zumindest wenn das System unter den heutigen Bedingungen weiterwirtschaftet. Es gibt folglich zwei Möglichkeiten: Zum einen kann man die Beitragssätze erhöhen, um kostendeckend zu wirtschaften, oder den Leistungsumfang kürzen. Da die Gesundheitskosten aber stetig steigen, müsste Berechnungen zufolge der Beitragssatz von 13,9 % auf 21 % erhöht werden (vgl. Herwig Birg, 2004, S. 40 ff.).

Die Kosten der sozialen Sicherung sind ein erheblicher Bestandteil der Lohnnebenkosten. Durch eine solche Erhöhung würden die Lohnnebenkosten steigen und die Arbeitnehmer hätten letztlich weniger Nettoeinkommen. Höhere Lohnnebenkosten belasten die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft, unter der schwindenden Kaufkraft könnten auch die Unternehmen leiden und Schwierigkeiten beim Absatz ihrer Waren bekommen. Somit wären auch die Unternehmen gezwungen zu reagieren, was in Form von Preiserhöhungen oder Entlassungen geschehen könnte. Allerdings wären Entlassungen für das Sozialversicherungssystem desaströs, denn dadurch würden wichtige Einzahler für das System fehlen, die Entlassenen würden außerdem durch das Arbeitslosengeld II zur finanziellen Belastung des Bundes beitragen (vgl. Herwig Birg, 2005, S. 35).

Die Eindämmung des Leistungsumfangs der GKV in geringem Umfang - beispielsweise durch die Streichung gewisser Medikamente - würde der Gesundheitsversorgung qualitativ sicherlich nicht schaden. Allerdings bleibt abzuwarten, in welchem Umfang die Leistungen gestrichen werden müssten, um dem finanziellen Druck gerecht zu werden, und ob dadurch eventuell doch qualitative Einbußen in Kauf genommen werden müssen.

Pflegeversicherung

Die gesetzliche Pflegeversicherung (GPV) wurde als letzte Versicherung 1995 in das System der sozialen Sicherung aufgenommen und in der Ära von Helmut Kohl (CDU) im Rahmen des Gesetzes zur „sozialen Absicherung des Risikos der Pflegebedürftigkeit“ gegründet. Bei der GPV handelt es sich wie bei der GKV um eine umlagefinanzierte Pflichtversicherung des sozialen Sicherungssystems. Die GPV arbeitet eigenverantwortlich als Körperschaft des öffentlichen Rechts und verwaltet sich selbst.

In der GPV sind alle Mitglieder der GKV versichert; dies entspricht ebenfalls einem Anteil von 90 % der Gesamtbevölkerung.

Wie die GKV hat auch die GPV sowohl einnahmensenkende als auch ausgabenerhöhende Auswirkungen. Hier steigen die Pro-Kopf-Ausgaben mit zunehmendem Alter ebenfalls rapide. Zu beachten ist außerdem die Zahl der Kinderlosen in der Bevölkerung, deren Anteil weiterhin steigen wird. Diese Menschen sind im Pflegefall auf institutionelle Pflege angewiesen; sie haben nicht die Möglichkeit, familiäre Pflege in Anspruch zu nehmen, die gegenwärtig noch die überwiegende Pflegeleistung übernimmt. Aufgrund dieser Fakten halten verschiedene Institute die Erhöhung des Beitragssatzes der Pflegeversicherung von derzeit 1,7 %o auf 3 % bis 6 % bis zum Jahr 2040 für wahrscheinlich (vgl. Herwig Birg, 2005, S. 186 ff.).

Gesetzliche Rentenversicherung

In der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) sind ebenfalls über 90 % der deutschen Bevölkerung versichert; dazu zählen Studenten sowie alle Arbeitnehmer, die nicht im Beamtenverhältnis stehen und nicht geringfügig beschäftigt sind. Die Anwartschaft auf die Rente wurde vom Verfassungsgericht unter den Eigentumsschutz des Grundgesetzes gestellt (vgl. Hans- Werner Sinn, 2004, S. 396). Norbert Blüm war von 1982 bis 1998 in der Regierung von Helmut Kohl Bundesminister für Arbeit. In seiner Amtszeit hat er die wegweisende Rentenreform 1992 durchgeführt und kurz vor der Beendigung seiner Tätigkeit den demographischen Faktor eingeführt. Dieser wurde von der rot-grünen Koalition wieder verworfen - was von deren Bundeskanzler Gerhard Schröder später im Bundestag als Fehler bezeichnet wurde (vgl. ebd., S. 406/407).

Die arbeitende Bevölkerung zahlt derzeit 19,5 % ihres Bruttolohnes in die Rentenkassen ein, hinzuzurechnen sind außerdem noch die 2,2 % der versicherungsfremden Kosten. Dies sind Steuern, die jeder Bürger „versteckt“ zahlt, damit die Rentenbeitragssätze nicht erhöht werden müssen. Diese Rechtsänderungen stammen aus dem Jahr 1998 und beziehen sich auf die Erhöhung der Mehrwert- und die Einführung der Ökosteuer; somit zahlt der Bürger letztlich 21,7 % in die Rentenkasse ein (vgl. ebd., S. 400).

Die deutsche Rentenkasse ist genauso wie die GKV und GPV als Umlagesystem organisiert und kann somit nur in dem Maße die Renten zahlen, wie Menschen neu hinzukommen und einzahlen (vgl. ebd., S. 396).

Der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn ist der Auffassung, dass es den Ruheständlern heute so gut wie nie zuvor geht und nie wieder so gut gehen wird. Des Weiteren erklärt er, dass anhand von Berechnungen davon auszugehen sei, dass sich die Zahl der Alten im Verhältnis zu den Jungen bis 2050 verdoppeln werde. Daraus ergäben sich zwei Möglichkeiten: Entweder müssten die Renten halbiert oder die Rentenbeiträge verdoppelt werden. In der gegenwärtigen Situation finanzierten vier Arbeitnehmer eine Rente, in dreißig bis fünfzig Jahren wäre dies Sinn zufolge die Aufgabe von nur noch zwei Arbeitnehmern (vgl. ebd., S. 396 ff.). Dies sind aus meiner Sicht unbefriedigende Lösungen, sowohl für die künftigen Rentner als auch die Arbeitnehmer.

Mittlerweile hat die Bundesregierung mit einer Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters reagiert. Arbeitnehmer sollen zukünftig statt mit 65 Jahren erst mit 67 Jahren in Rente gehen. Das tatsächliche Renteneintrittsalter liegt gegenwärtig bei 62,6 Jahren, unter Einbeziehung der Erwerbsunfähigkeitsrentner sinkt dieses Alter auf 60,5 Jahre. Durch diese Erhöhung könnte das tatsächliche Renteneinstiegsalter auf 65 bzw. 63 Jahre steigen. Für den derzeitigen Übergang gibt es eine Staffelung nach Geburtsjahrgängen. Würde man allein mit der Verlängerung der Lebensarbeitszeit versuchen wollen, das heutige Rentenniveau mit gleich bleibendem Beitragssatz auch im Jahre 2050 zu halten, so dürften die Arbeitnehmer erst mit 77 Jahren in den Ruhestand gehen. Mit dem gesetzlich festgelegten späteren Renteneintrittsalter wendet sich die Politik heute von der Frühverrentungspolitik Norbert Blüms ab (vgl. ebd., S. 406 ff.).

Zukünftig werden außerdem die privaten Rentenversicherungen oder auch die staatlich geförderte Riesterrente sowie Betriebsrenten mehr Bedeutung erlangen. Die Menschen haben das Vertrauen in das Rentensystem verloren und versuchen sich zusätzlich privat abzusichern. Die Verlierer sind - mangels guter Ausbildung und passender Arbeitsplätze - sicherlich Geringverdiener sowie kinderreiche Familien, die nicht das Geld für eine private Zusatzrentenversicherung haben.

Hans-Werner Sinn meint hierzu, dass entweder mehr Ersparnisse oder mehr Menschen für die Finanzierung der Renten zur Verfügung stehen müssten, wenn die Rentnerzahl kritisch steigt. Letztlich geht es dabei um die Kapitaldeckung, die durch steigende Geburtenzahlen und eine höhere Zahl der Einwanderungen erreicht werden könnte. Allerdings ist keine dieser Maßnahmen allein wirksam; ihre Verknüpfung wäre sinnvoll (vgl. ebd., S. 409).

2.2.2 Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft

In die Wirtschafts- und Arbeitsprozesse wirken die sozialstaatlichen Regulierungen auf verschiedenen Ebenen ein. Es ist Aufgabe der Politik, für ein hohes Wirtschaftswachstum und ein hohes Beschäftigungsniveau zu sorgen. Dies geschieht durch die Wirtschaftssteuerung. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ist ein erklärtes Ziel der Politik. Besonders stark wirkte die Wirtschaftssteuerung in den 1960er Jahren auf den Arbeitsmarkt ein. Es galt, der antizyklischen Ausgabenpolitik entgegenzusteuern, um auch in Zeiten der Wirtschaftskrise die Nachfrage aufrechtzuerhalten und somit wieder einen Wirtschaftsaufschwung herbeizuführen (vgl. W. Bonß / W. Ludwig-Meyerhofer, 2004).

Es gibt aktive und passive Arbeitsmarktpolitik. Passive Arbeitsmarktpolitik dient zur Absicherung der materiellen Lage der Bundesbürger, aktive Arbeitsmarktpolitik fördert die Arbeitsfähigkeit, beispielsweise durch berufliche Fortbildung und Umschulung.

Franz-Xaver Kaufmann, Professor für Sozialpolitik und Soziologie, erläutert die Auswirkungen des Geburten- und Bevölkerungsrückgang und des hohen Anteils an Rentnern auf die deutsche Wirtschaft und den Arbeitsmarkt. Seiner Meinung nach ist eine Steigerung des ProKopf-Einkommens selbst dann möglich, wenn die Zahl der Berufstätigen sinkt. Dies liege im technischen Fortschritt begründet: Die Rate des technischen Fortschritts sollte die der Erwerbstätigen überschreiten und somit sei der Rückgang der arbeitenden und konsumierenden Bevölkerung unproblematisch für die Gesellschaft (vgl. Kaufmann, 2005, S. 67).

Eine weitere Abwanderung der Wirtschaft in günstigere Produktionsländer, innerdeutsche sektorale Verschiebungen sowie die Schrumpfung der Bevölkerung mit implizierten Bedarfsänderungen auf dem Wohnungsmarkt sorgen für einen Verfall von Immobilienpreisen. Durch die bereits erwähnten Abwanderungen sinkt auch die Kaufkraft, was sich wiederum negativ auf die wirtschaftliche Situation auswirkt. Dadurch geraten Arbeitsplätze in Gefahr, was zwangsläufig zu einem Negativkreislauf führt, da die Menschen somit wieder auf Sozialleistungen angewiesen sind (vgl. ebd., S. 91 ff.).

Weiterhin beschreibt Kaufmann, dass eher eine länger andauernde Arbeitslosigkeit ein defizitäres Moment mit inbegriffenem Leistungsabfall für die Gesellschaft darstellt als ältere Menschen. Die kontinuierliche Berufstätigkeit Älterer und die damit verbundene Einbeziehung in die Gesellschaft haben somit eine hohe Wertigkeit. Die Wertschätzung der Erfahrungen und das Wissen als Ressourcen der alternden Bevölkerung für unsere Arbeitswelt bekommen einen ganz neuen Stellenwert, bedenkt man, dass die Frühverrentung in der Ära Kohl nicht nur viel Geld, sondern eben auch unschätzbare Werte an Wissen und Erfahrung gekostet hat. Zudem sollten auch die Arbeitgeber und die Beschäftigungspolitik ihre Betrachtungsweisen und Anforderungsprofile auf die kommende Situation lenken, indem lebenslanges Lernen Beschäftigten jeden Alters und jeder Branche zugänglich gemacht wird. Dadurch könnte die Situationen entschärft werden, dass Arbeitnehmer ab fünfzig schwer zu vermitteln sind. Festzuhalten ist, dass nicht die Zunahme der alternden Bevölkerung per se das Problem der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes darstellt, sondern die sinkende Zahl der jungen Menschen, vor allem der Fachkräfte (vgl. ebd., S. 90 ff.).

Der Fachkräftemangel ist ein weiterer, u. a. durch die demographische Lage problembehafteter Sektor des Arbeitsmarktes und der Wirtschaft. Bereits gegenwärtig stellt die Situation sich so dar, dass die derzeitige Generation der in Ruhestand gehenden Ingenieure nur zu 90 % durch junge Studienabgänger ersetzt werden kann (vgl. Destatis, 2007, S. 8). Verknüpft man die Ausführungen Kaufmanns mit der jetzigen Lage der Ausbildung von Akademikern und Fachkräften in Deutschland und bezieht die Prognosen ein, bedeutet dies eingeschränkte Möglichkeiten im technischen Fortschritt, der den Bevölkerungsrückgang und die damit verbundenen, negativen Folgen kompensieren könnte. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch weil der deutsche Wirtschaftsmarkt im Vergleich zum Ausland weiterhin von der produzierenden Industrie bestimmt wird, ist der Rückgang der Zahl der Absolventen der Ingenieurwissenschaften besonders heikel - er wird im Folgenden dargestellt.

Die Untersuchungen zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands, in Auftrag gegeben vom Bundesinstitut für Bildung und Forschung, weisen einen verheerenden Mangel besonders an Absolventen der Ingenieurwissenschaften, aber auch anderer akademischer Berufsgruppen in der Zukunft auf. Vergleicht man die Zahl der erfolgreichen Hochschulabgänger der Ingenieurwissenschaften des Jahres 1997 (49 000) mit der des Jahres 2006 (40 900), so wird deutlich, dass die Absolventenzahl sich in dieser Zeit um 17 % verringert hat. In diesem Kontext ist festzustellen, dass auch das Interesse an diesem Studiengang abnahm, da sich im Jahr 1997 noch 22 % der Schulabsolventen für den Beruf des Ingenieurs entschieden ha- ben, 2006 hingegen nur noch 15 %. Dies bedeutet für den deutschen Arbeitsmarkt, dass - sofern die Bundesregierung nichts unternimmt - bis 2014 jährlich bis zu 12 000 Ingenieure sowie 50 000 sonstige Akademiker fehlen werden. Um dem dadurch entstehenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken, wurden im Rahmen der nationalen Bildungsoffensive die Studien- und Aufenthaltsbedingungen für (arbeitende) Ausländer ab dem 01. November 2007 verbessert (vgl. ebd., S. 8).

Für die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland sind die verbesserten Studienbedingungen für ausländische Studierende - und somit angehende Fachkräfte - eine von vielen notwendigen Maßnahmen und ein zu begrüßender Schritt.

Deutschland muss für Einwanderer attraktiver werden. Auch wenn laut Kaufmann die aufgeführten wirtschaftlichen Auswirkungen durch technologischen Fortschritt kompensiert werden können, fehlen zukünftig eindeutig die Facharbeiter und Fachkräfte in Deutschland, die für einen solchen Aufschwung sorgen könnten. Allerdings möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass die Studienbedingungen sich besonders in der vergangenen Zeit durch die Einführung der Studiengebühren verschlechtert haben, insbesondere für bildungsbereite Menschen aus sozial schwacher Schicht. Aus meiner Sicht steht somit nicht mehr jedem die freie Entscheidung für ein Studium offen. Betrachtet man die Studienwilligen, die bereits eine Ausbildung gemacht haben und mit einem Studium auf ihr Wissen und ihre berufspraktischen Leistungen aufbauen möchten, so ist auch diesen Menschen durch die Einführung der Studiengebühr eine Barriere gesetzt worden. Diese Interessenten haben meist bereits Arbeit und würden durch ein Studium eine Doppelbelastung auf sich nehmen, auf Einkommen verzichten und zusätzlich für weitere Bildung bezahlen müssen. Speziell diesen Studieninteressierten, die bereits über berufspraktische Erfahrungen verfügen, sollte der Weg ins Studium erleichtert werden. Die Verknüpfung von berufspraktischem Wissen und zusätzlichem Studium wäre aus meiner Sicht ein großer Zugewinn für den deutschen Akademikernachwuchs.

[...]


[1] Gemeint sind die Auswirkungen auf das Sozialversicherungssystem, die Wirtschaft, den Arbeitsmarkt, die Ge­burtenzahlen, die Zuwanderungen, die gestiegene Zahl der älteren Menschen und das dadurch veränderte so­ziale Miteinander.

[2] Die Bevölkerungszahl ergibt sich derzeit aus Schätzungen bzw. Hochrechnungen seit der letzten Volkszählung. Seit November 2007 laufen Vorbereitungen für den Mikrozensus, der erneuten Registrierung aller Bundesbür­ger in Deutschland (vgl. Statistisches Bundesamt).

[3] Die Geburtenziffer/Geburtenrate beziffert die Zahl der lebend geborenen Kinder pro Jahr je 1000 Einwohner eines Gebietes. Anders als Fertilitätsraten werden hier die Geburten nicht nur auf Frauen im gebärfähigen Alter (15- 45 Jahre), sondern auf die gesamte Bevölkerung bezogen (vgl. Berlin Institut, Handbuch Demographie).

[4] Die Begriffe „Erste Moderne“ und „Zweite Moderne“ von Ulrich Beck werden im dritten Kapitel ausführlich erläutert.

[5] Staatsquote, Verhältniszahl zur Kennzeichnung des Umfanges der staatlichen Aktivität (Staatsanteil) im Rah­men der Gesamtwirtschaft auf Basis der Einnahmen und Ausgaben (vgl. Meyers Lexikon, Staatsquote).

[6] Umlageverfahren, Verfahren zur Aufbringung der Mittel durch den jeweils materiell interessierten Personen­kreis. Bei der gesetzlichen Sozialversicherung (z. B. Kranken- und Unfallversicherung) wird das Umlagever­fahren nach dem Grundsatz angewandt, die von den Versicherungspflichtigen zu zahlenden Beiträge so zu be­messen, dass sie die innerhalb des betreffenden Zeitraums anfallenden Ausgaben decken (vgl. Meyers Lexi­kon, Umlageverfahren).

Details

Seiten
67
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640888467
ISBN (Buch)
9783640888276
Dateigröße
721 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170145
Institution / Hochschule
Fachhochschule Bielefeld – Sozialwesen
Note
1,15
Schlagworte
Demographischer Wandel der Gesellschaft Demographie Demografie Altern der Gesellschaft Geburtenrückgang Familienpolitik Individaulisierung

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Titel: Der demographische Wandel der Gesellschaft - Untersuchungen zu sozialstrukturellen Bedingungen der neueren Familienpolitik