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Rappende Machos und strippende Models. Das Hip-Hop-Video als Wertevermittler für Jugendliche

von Tina Brückmann (Autor)

Bachelorarbeit 2010 97 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

1. Einleitung

Beim Beobachten der Hip-Hop-Videos der letzten Jahre fällt dem Rezipienten immer wieder eine bestimmte Art der Geschlechterpräsentation auf. Es ist eine archaische Rollenverteilung, die tagtäglich auf den Musikkanälen und im Internet gezeigt wird. Besonders im so genannten Gangsta-Rap stellen sich die Männer meist mit viel Geld, Macht und schönen Frauen dar, während die Frauen eigentlich nur ein Sexsymbol darstellen, mit dem sich die Männer möglichst in großer Zahl schmücken. Auch beim Beobachten der heutigen Jugendlichen findet man auf den ersten Blick genau dies wieder.

Viele männliche Jugendliche passen sich mit ihrer Kleidung, ihrem Schmuck und ihrer Sprache scheinbar ihren Rap-Idolen an, während die Mädchen schon in jungen Jahren sehr sexy und leicht bekleidet an die Frauen aus solchen Musikvideos erinnern. Ist diese Anpassung nur äußerlich zu erkennen oder hinterlassen die Geschlechterdarstellungen und somit auch Rollenverteilungen in den Musikvideos und Texten des Gangsta-Rap auch innerlich Spuren bei den Jugendlichen, die dieses Genre hören?

Wird die heutige Jugend mit diesen Geschlechterdarstellungen sozialisiert und übernimmt diese Rollen gar?

Diese Arbeit befasst sich mit der Frage, welche Wechselwirkungen zwischen den in Hip-Hop-Videos präsentierten Geschlechterdarstellungen und dem Rollenverständnis der rezipierenden Jugendlichen in Deutschland bestehen.

Zunächst wird der Jugendbegriff näher erläutert und beschrieben, bis wann die Jugendphase reicht, was diese ausmacht und in was für einer Situation sich der heutige Jugendliche befindet. Anschließend werden die Einteilungen in Jugendszenen skizziert und besonders die Hip-Hop-Szene mit ihren Aktivitäten und Idealen beschrieben. Daraufhin wird unter anderem anhand der JIM-Studie gezeigt, in wieweit Jugendliche heute Kontakt zu Medien haben, welche Medien ihnen wichtig sind, und inwiefern diese Medien die heutige Jugend sozialisieren können. Nach der Darstellung der Jugend heute wird kurz auf die Geschichte und Entwicklung des heutigen Musikvideos und dann speziell des Hip-Hop-Videos eingegangen. Wie hat sich der Hip-Hop seit Beginn seines kommerziellen

Erfolges Ende der 70er Jahre verändert? Im Anschluss wird auf die Geschlechterrollen im heutigen Hip-Hop, speziell im Gangsta-Rap und seinen Subgenres, eingegangen. Diese werden sowohl in den Texten, als auch in den Musikvideos klar definiert und es sind hier gewisse Grundmuster zu erkennen. Diese werden auch anhand von Beispielen dargelegt. Zunächst wird das typische Muster des Mannes im Gangsta Rap dargestellt, dann das Bild der Frau, das stark von Sexismus und Pornographie geprägt ist. Hierbei wird auch kurz auf mögliche Ursachen einer solchen Darstellung eingegangen.

Im Weiteren wird erläutert, wie Jugendliche ein Musikvideo aufnehmen und verarbeiten und möglicherweise dargestellte Inhalte adaptieren können.

Um herauszufinden, ob und inwiefern Jugendliche, die Gangsta-Rap hören, die hier dargestellten Geschlechterrollen internalisieren, wird schließlich eine eigens durchgeführte Internetbefragung vorgestellt.

Außerdem wird untersucht, ob es Faktoren gibt - wie soziales Milieu oder Bildung - die diese Übernahme mehr oder weniger begünstigen. Was für Faktoren könnten Ursache dafür sein, dass so viele Jugendlichen die Gangsta-Rapper als Vorbilder sehen?

2. Jugend im Blickpunkt

2.1 Der Jugendbegriff

Der Jugendbegriff variierte in der Geschichte häufig und man spricht erst seit dem 20. Jahrhundert von der Jugend als einer Lebensphase.[1]

Der Eintritt ins Jugendalter setzt heute aus soziologischer Sicht immer früher ein. Man kann das genaue Alter zwar nicht festlegen, da die sozialen, biologischen und psychologischen Entwicklungen der Jugendlichen nie gleich verlaufen, dennoch werden heute schon Kinder im Alter von 10-12 Jahren beispielsweise aufgrund der nun entstehenden Persönlichkeitsentwicklungen und Eigenständigkeit als „jugendlich“ bezeichnet. Das Ende der Jugendphase

wiederum wird nach Hurrelmann auf höchstens 27 Jahre gesetzt.[2] Zwar endet die Pubertät spätestens im 20. Lebensjahr, man geht aber davon aus, dass beispielsweise die sozialen Kompetenzen und die Eigenverantwortlichkeit, die man für den Berufseinstieg braucht, teilweise erst später vollkommen ausgereift sind und sich diese Altersgruppe dann in der so genannten „Post-Adoleszenz“ befindet. Dies liegt zum einen an sozialstrukturellen Faktoren, wie der heute oft verlängerten Ausbildungszeit und der schon in jungen Jahren beginnenden Arbeitslosigkeit zum anderen aber auch daran, dass manche Menschen die Intention haben, keine „Erwachsenenexistenz“ zu erhalten.[3]

Jugend wird heute also nicht mehr nur als eine Frage des Alters und sexuellen Reifung gesehen, sondern auch als Identitätsentwicklung, soziale Entwicklung und Phase des Ausprobierens verschiedener Lebensstile und Werte, die sich vor der endgültigen „Einflechtung“ in die Gesellschaft immer wieder verändern oder sogar nebeneinander existieren können. Auf einzelne Dimensionen der jugendlichen Entwicklung und Entwicklungsfaktoren soll hier allerdings nicht näher eingegangen werden.

Die Jugendphase ist dann zuende, wenn „eine Autonomie und Selbstverantwortlichkeit des jungen Individuums in wesentlichen Alltags- bzw. Handlungsbereichen erreicht ist.“[4]

2.2 Die Einteilung in Jugendszenen

In der heutigen postmodernen Gesellschaft stehen Werte und Lebensstile in einem stetigen Wandel. Der Alltag der Jugendlichen wird immer komplexer. Bei der Pluralisierung der Lebensstile und den nur noch wenigen allgemeingültigen, kollektiven Vorgaben und Leitbildern, ist der Jugendliche oft orientierungslos und verunsichert. Immer mehr wird er mit sozialen Problemen konfrontiert, von denen er früher eher fern blieb. Früh kommen Ängste auf, ob er seinen Platz in der Gesellschaft finden wird und ob er den Anforderungen derselben, gerade in einer Zeit, in der die Jugend demographisch eine Minderheit darstellt, gerecht werden kann. So spricht die letzte Shell-Jugendstudie von einer „pragmatischen Generation unter Druck“. Trotz dieser Gedanken werden die Jugendlichen in den Medien meist optimistisch dargestellt.[5] Ihnen wird ein großes Repertoire an Handlungsmöglichkeiten dargeboten, die zum einen eine Freiheit darstellen, zum anderen aber auch eine Überforderung.[6] Die Jugendlichen müssen sich ihren Alltag nun individuell gestalten. Sie experimentieren, probieren und verwerfen Identitäten, bis sie ihre eigene finden.

Viele Jugendliche nutzen heute das Internet zur Selbstdarstellung und zum experimentieren, jedoch brauchen sie, um ihre Identität zu bilden, auch viele der so genannten „Face-to-Face-Interaktionen“. Diese können sie unter anderem auch in Form von Vergemeinschaftungen, in denen ihre Interessen und Vorlieben geteilt werden und eine „Mikrokultur“ mit eigenen Idealen und ästhetischen Vorlieben besteht, erleben.[7]

Heute kann man also nicht mehr von „der Jugend“ sprechen, sondern eher von solchen Gruppen, deren Mitglieder einen ähnlichen Lebensstil, ein ähnliches Freizeitverhalten oder einen ähnlichen Geschmack aufweisen. Diese so genannten Subkulturen oder heute Szenen, sind „Interessengemeinschaften mit gemeinsamen Wertvorstellungen und Freizeitaktivitäten oder einfach gleichen Konsumprioritäten.“[8] Sie dienen nicht nur der Abgrenzung zu der Elterngeneration, sondern auch der Abgrenzung zu den anderen Jugendlichen. Hier hat der Jugendliche einen festen Halt und eine vorgegebene Struktur, an die er sich halten kann. Eine besonders große Rolle nehmen bei der Gruppenzugehörigkeit und auch bei der Abgrenzung zu anderen Szenen die Mode, das Styling, der Sprachstil und der präferierte Musikgeschmack ein. Durch eine freie Zusammenstellung dieser Identifikationsmerkmale werden auch individuelle Lebensstile und Identitäten erschaffen, die dann neue Szenen hervorbringen. Die Mode ist in einigen Szenen klar codiert und es werden gewisse Marken präferiert (wie zum Beispiel in der Hip-Hop-Szene Marken wie Fubu oder Pelepele oder in der rechten Szene Marken wie New Balance, Lonsdale und Pit Bull). 65 Prozent der Jugendlichen meinen, mit ihrer Kleidung auch ihre Persönlichkeit darstellen zu können. Kleidung steht als Symbol für eine bestimmte Ausrichtung, dient also der Selbstdarstellung, aber auch der Individualität.

Die Musik wird oft als größter Bedeutungsfaktor in einer Szene gesehen. Musik kann Gefühle ausdrücken, einen Protest oder eine Abgrenzung darstellen, man kann sich mit ihr textlich identifizieren oder durch sie soziale Erlebnisse haben (z.B. Loveparade).[9]

Seit den 1990er Jahren und im Zuge der Globalisierung und Technisierung ist die Zahl der Szenen und Lebensstile explodiert.

Es ist sehr schwer, diese Gruppen genau auseinander zu halten aufgrund dessen, dass es kein bestimmtes Merkmal gibt, anhand dessen man diese Unterscheidung vornehmen könnte. Unterschiedlichste Bereiche der jugendlichen Lebensstile werden zu Kategorien. So gibt es zum einen Gruppen, die nach ihrer musikalischen Präferenz unterschieden werden, wie z.B. die „HipHopper“ und „Technos“, welche, die sich mehr durch Hobbies beschreiben lassen, wie die Skater, oder die „Lan-Szene“, welche, die auf politische Werte hindeuten, wie die „Ökoszene“, die Punks oder die Skinheads, oder auch solche wie die „Normalos“, die „Schicki-Mickis“ oder die Jungen Christen. Hinzu kommt, dass viele Jugendlichen auch mehreren Szenen angehören können oder sprunghaft wechseln und dass diese Gruppen alle nicht komplett trennbar sind. Auch ein „HipHopper“ kann gerne Computerspielen, skaten und nebenher ökologisch eingestellt sein. Für die Zugehörigkeit zu einer Szene gibt es also keine festen Variablen und aufgrund ihres stetigen Wandels kann man auch keine genauen Gruppen mehr festlegen. Es ist eher ein Versuch, die Jugendlichen zu kategorisieren.[10]

Aufgrund der genannten Problematik der Kategorisierung und dem oftmaligen „switchen“ zwischen mehreren solcher Gruppen, spricht man heute weniger mehr von „Subkulturen“, sondern von Szenen. Kultur in dem Sinne, dass hier festgelegte Werte und Normen oder ein geteilter Lebensentwurf vorliegen, ist oft nicht mehr feststellbar.[11]Vielmehr gibt es Jugendliche, die in bestimmter Weise aufgrund eines Erlebnis-Themas, sei es Sport, Musik, Mode oder sonstiges einer oder mehreren Szenen angehören, und dies auch mehr oder weniger stark. Hieraus entwickeln sich ein Lifestyle, ein Image, eine szenetypische Sprache, bestimmte Wissensbestände, Codes und auch bestimmte Treffpunkte für den Jugendlichen.[12] An dieser Stelle wäre es sicher interessant, auf die Authentizität der Mitglieder einer Jugendszene einzugehen, dies würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen. „Jugendkulturen sind die Handlungstheater, auf deren Bühnen Jugendliche eine amouröse Berührung mit dem eigenen Selbst erfahren und auf deren Brettern das eigene zukünftige Leben inszeniert, aufgeführt und ausprobiert werden kann“[13]

Im Weiteren wird anlässlich der Fragestellung die Hip-Hop Jugendszene näher erläutert.

2.3 Die Hip-Hop-Szene

Hip-Hop ist nicht nur ein Musikstil, sondern besteht aus den vier Elementen Rap, DJ’ing, Breakdance und Graffiti, in denen die Szenemitglieder versuchen, sich kreativ auszudrücken. Die Hip-Hop-Szene entstand in den 70er Jahren in den afroamerikanischen Ghettos von New York. Isoliert von den „weißen“ Vorstädtern, verarmt und verwahrlost, feierte man hier die legendären und verbotenen „Blockparties“. In der hier entstandenen Hip-Hop-Musik, die viele sozialkritische Texte darbietet, sind die Wurzeln der westafrikanischen „oral culture“ nicht zu übersehen. Der Sprechgesang erinnert an alte westafrikanische Erzählpraktiken der Griots,[14] die Battles im Hip-Hop an traditionelle Beleidigungswettkämpfe der so genannten „Dozens“[15]. Rhythmus, Spontaneität und Improvisation stehen hier im Vordergrund. Seit den 80er Jahren ist der Hip- Hop auch in Deutschland populär geworden, allerdings hatten erst Anfang der 90er Jahre auch deutsche Hip-Hop-Bands kommerziellen Erfolg. Mit diesem Erfolg wuchs auch hier die Hip-Hop-Szene. Laut der Internetseite www.jugendszenen.com, die von der Fakultät der Allgemeinen Soziologie der Universität Dortmund betrieben wird, gibt es heute über drei Millionen an HipHop interessierte Jugendliche in Deutschland. Es ist allerdings wegen der vorher bereits genannten Problematik der Szenenüberschneidungen schwer zu sagen, wie groß diese Zahl tatsächlich ist. Jugendliche mit einem Altersdurchschnitt von 20 Jahren aller sozialen Milieus rezipieren diese Musik. Besonders beliebt ist sie allerdings auch heute noch bei sozial Schwachen und Migranten. Dies kann daran liegen, dass der Hip-Hop ihnen ermöglicht, sich selber auszudrücken und sie sich mit der ursprünglichen Geschichte und den Textinhalten identifizieren können.[16] Die Szene ist männlich dominiert und die Szenemitglieder versuchen sich oft in einer der vier Disziplinen einen eigenen Stil anzueignen, um dann von den anderen bewundert zu werden. Viele Rapper versuchen ihre Texte möglichst witzig und auffällig zu gestalten oder in so genannten Battles auf Hip-Hop-Jams ihren Gegner mit großer improvisierter Schlagfertigkeit und einem besonderen Habitus zu besiegen. Aufgrund der großen Migrantenzahl und dem afroamerikanischen Ursprung des Hip-Hops sind viele Texte politisch und handeln von Ungerechtigkeit und sozialen Problemen. Hip-Hop ist mehr als nur Musik, sondern auch ein Lebensstil und eine politische Meinung, in der Themen wie Gleichberechtigung, Antirassismus, Freiheit usw. immer wieder eine Rolle spielen. In den letzten Jahren sind die Texte allerdings oft auch zunehmend aggressiver und provokanter geworden und es hat sich vielerorts der „Gangsta Rap“, der sich Ende der 80er Jahre schon in Amerika als Subgenre herausgestellt hatte, auch in Deutschland durchgesetzt.[17] Deutsche Beispiele hierfür sind vor allem die Berliner Rapper Sido und Bushido, amerikanische etwa 50 Cent oder DMX. Hierauf wird im Punkt 4.2 noch einmal genauer eingegangen.

Für die meisten Szenegänger ist Hip-Hop ein Lebensgefühl, was sie auch in ihrer markenbewussten Kleidung sehr stark äußern.[18]

Ob die Hip-Hop-Szene als eigene Szene gilt oder ob sie mehr als „Dach“ über der Skater-, Sprayer-, Breakdance- oder türkischen Street-Gang-Szene (und vielen mehr) steht, ist umstritten.[19] Es gibt viele Jugendliche, die zwar Hip-Hop hören, aber nicht aktiv in einer der vier genannten Disziplinen tätig sind. Die Hip-Hop- Szene, ob nun als eigene oder als über anderen Szenen stehende, lebt von der Musik. Durch diese ist ein Gefühl von gemeinschaftlicher Identität möglich. „Music [...] stands for, symbolizes and offers the immediate experience of collective identity“.[20]

3. Jugendliche im Medienzeitalter

3.1. Zahlen und Fakten aus der JIM-Studie

Medien nehmen heute einen großen Platz im Alltag Jugendlicher ein. Laut der JIM-Studie des medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest von 2009, in der der Medienumgang von 12-19jährigen Jugendlichen untersucht wird, sind heute Jugendliche in großem Maße mit Mediengeräten ausgestattet. Das Internet, der Fernseher und das Handy sind heute ein Standard im Haushalt Jugendlicher. Solch ein Haushalt hat im Durchschnitt 3,9 Handys, 2,6 Computer, 2,4 Fernsehgeräte und 1,6 Internetzugänge. Um die Hälfte der Jugendlichen hat in ihrem Zimmer eine eigene Internetanbindung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Am meisten Interesse haben Jugendliche am aktuellen Zeitgeschehen und an der Musik (84 Prozent).

Trotz dieser hohen Medienpräsenz gehen Jugendliche aber auch immer noch vielen non-medialen Freizeitaktivitäten nach, die im Vergleich zur Studie von 2004 relativ gleichbleibend sind. Hier werden beispielsweise das Treffen mit Freunden, Sport oder Familienaktivitäten genannt.

Die Zeit, in denen Jugendliche Medien nutzen, ist dennoch nicht gering. 63 Prozent der Jugendlichen sehen täglich fern (ca. 137 Minuten), 65 Prozent sind täglich online (durchschnittlich 134 Minuten) und 79 Prozent nutzen täglich ihr Handy. Im Vergleich zu den 90er Jahren haben das Fernsehen und Radio bei der heutigen Präsenz des Internets wenig bei der täglichen Nutzung eingebüßt. Im Gegensatz dazu werden Tageszeitungen und Zeitschriften deutlich weniger genutzt.

Musik hat im Alltag Jugendlicher einen sehr hohen Stellenwert. Informationen hierzu holen sie sich im Internet hauptsächlich aus dem Videoportal „Youtube“ oder von Internetseiten der Musiksender VIVA und MTV. Die zweitgrößte Informationsquelle hierzu ist das Fernsehen, (das Musikfernsehen wie MTV und VIVA war 2002 nach PRO 7 und RTL an dritter Stelle der beliebtesten Fernsehprogramme[21]), gefolgt vom Radio.

Das Internet wird hauptsächlich für die Kommunikation in Form von Messangern, Online Communities und Chats genutzt, danach folgt die Unterhaltung in Form von Musik und Videos, dicht gefolgt von Onlinespielen.[22]

Bei der JIM-Studie erkennt man, dass Medien aus dem Leben Jugendlicher nicht mehr wegzudenken sind; gerade Musik ist ein beliebtes und wichtiges Thema. Inwieweit sie auch die Jugend möglicherweise sozialisieren, soll im Folgenden beleuchtet werden.

3.2. Mediensozialisation

Sozialisation ist die „Folge aktiver Prozesse der Auseinandersetzung mit der symbolischen, sozialen und materiellen Umwelt sowie mit sich selbst.“[23]

Die Sozialisation beinhaltet die Persönlichkeitsentwicklung eines Individuums durch soziale Interaktionen, durch Erziehung und andere Einflüsse der Umwelt. Wichtige Sozialisationsinstanzen sind die Familie, Freunde und Einrichtungen, in denen man sich aufhält. Immer größer wird jedoch der mediale Stellenwert im Zuge des Sozialisationsprozesses. Es gibt verschiedene Blickwinkel auf die Wirkung von Medien und ihren möglichen Einfluss auf die Entwicklung und Vergesellschaftung von Jugendlichen. Zu Beginn der Forschung in diesem Bereich wurden meist negative Aspekte der Medienwirkung erörtert. Hier kann man beispielsweise die Habitualisierungsthese nennen, nach der Jugendliche durch ständige Gewaltdarstellungen im Fernsehen abstumpfen und diese im realen Leben nicht mehr wahrnehmen oder nicht mehr darauf reagieren, weil sie als „normal“ verstanden werden.

Laut der Kultivierungsthese, die von vielen empirischen Studien untermauert wurde, können das Verhalten und die Einstellung der Konsumenten durch die Fernsehrealität beeinflusst werden und die Realität dadurch möglicherweise verzerrt wahrgenommen werden.[24]

Heute werden jedoch auch immer mehr positive Aspekte der sozialisatorischen Wirkung von Medien unterstellt. Medien könnten beispielsweise in der Sozialisation einen weiteren Erfahrungsraum darbieten als die reale Welt oder eine Selbstsozialisation ermöglichen. Die Medien wirken nicht einfach auf den Rezipienten ein, sondern er kann sich aktiv aussuchen, was er sehen will und was ihn dementsprechend sozialisiert. Zusätzlich kommt es also auch immer darauf an, wer die Medien nutzt.[25] Bedeutsam in der Mediensozialisation sind nicht nur die oft genannten Bereiche wie Gewaltdarstellungen, Konsumförderung und Klischees, die auf den Rezipienten einwirken können, sondern auch die vermittelten Weltbilder, der Starkult und die Dramatisierungen, die möglicherweise die Werte und Normen der Jugendlichen prägen.

Medien können Handlungsmuster und Rollenvorlagen vermitteln, die Jugendliche im Zuge ihrer Identitätsbildung übernehmen können. Im Gegensatz zu früheren Thesen ist es allerdings nicht so, dass sie einfach übernommen werden, sondern sie werden reflektiert und nur wahlweise übernommen.

Medien sind genauso wie auch die Jugendszenen „Probebühnen“ zur Identitätsfindung. Über Medien finden die Jugendlichen zu neuen Szenen, schaffen sich Gemeinsamkeiten oder grenzen sich ab. Durch die in der JIM-Studie dargestellte hohe Präsenz von Medien bei den Jugendlichen können sie sich soziale Räume erschließen, in die sie sonst noch keine Möglichkeit fänden. Im Fernsehen können sie sowohl modische als auch menschliche Idole finden, durch das Internet können sie sich viele Fragen beantworten und soziale Kontakte knüpfen. Medien werden beim Treffen mit Freunden genutzt, sie werden aber auch genutzt, um sich zu treffen. Auch bei räumlicher Trennung kann man jederzeit durch Social Networks und Chats mit seiner Peergroup in Kontakt treten. Während Mädchen sich beispielsweise in Fanforen der Soap Operas aufhalten, treffen sich Jungen eher in Foren von Onlinespielen. Jugendliche können ihre Szene jederzeit erreichen und werden auch durch Zeitschriften und Musiksender über Konsumgüter und Nachrichten in ihrer Szene informiert. Durch das Internet kann man noch viel schneller und leichter zwischen Szenen wechseln oder in Onlinegames verschiedene Identitäten ausprobieren als im realen Leben.[26] Medien beeinflussen also auch Jugendliche. Sie gelten als ein „(...) Katalysator für zentrale jugendliche Entwicklungsaufgaben und vor allem für die Bildung jugendlicher Sozialstrukturen(...)“und „(...)liefern lebensstilistische Vorgaben (,..).[27]

4. Die Entwicklung des Musikvideos

Heute muss ein Jugendlicher nicht mehr auf sein Lieblingsvideo im Musikfernsehen warten, sondern kann sich jederzeit im Internet sein favorisiertes Video ansehen. Ob bei Youtube oder auf den Internetseiten der Musiksender - es gibt viele Seiten, auf denen jederzeit jedes Video abrufbar ist. Dies war natürlich nicht immer so. Im Weiteren wird der Weg zum heutigen Musikvideo skizziert und auf die thematische Entwicklung speziell des Hip-Hop-Videos eingegangen.

4.1 Die Entstehung des heutigen Musikvideos

Der Wunsch nach einer Visualisierung von Musik lag schon in der Antike vor. Im 16. Jahrhundert wurde von Giuseppe Arcimboldo ein Cembalo entwickelt, dass zu jedem Ton eine bestimmte Farbe in den Raum projizierte. Mit der Filmtechnik konnte man durch diese neue technische Möglichkeit schon in den 1920er Jahren Videoclips erstellen. Diese von den damaligen Avantgarde-Künstlern erstellten Clips gelten als Wurzel des Musikvideos.[28]

Bevor die heute bekannten Musikvideos üblich wurden, gab es verschiedene Vorstufen von Videoclips, die dafür gemacht wurden, dass die Musiker auch außerhalb eines Konzerts präsent sein und für sich werben konnten.

Hier sind beispielsweise die „Soundies“ und die „Scopitones“ erwähnenswert.

Die „Soundies“ wurden in den 40er Jahren in den USA hergestellt. Es handelte sich hier um kurze, circa dreiminütige Schwarz-Weiß-Filme im 16 mm-Format, die in einer „Panoram Visual Jukebox“ zu sehen waren. Hier wurden acht Filme von Jazz-Musikern, aber auch von Schauspielern und Artisten in einer Schleife gegen ein Entgeld abgespielt.

In den 60er Jahren kamen in Frankreich die „Scopitones“ auf. Hierbei handelte es sich nun um Jukeboxen, in denen auch Farbfilme abgespielt werden konnten. Die Filme musste man nun nicht nach der Reihe sehen, sondern man konnte aus einem Repertoire von ca. 36 Filmen frei wählen, was abgespielt werden sollte. Da die „Scopitones“ in Frankreich hergestellt wurden, waren hier vor allem auch französische Künstler zu sehen, wie beispielsweise Jacques Brel oder Brigitte Bardot, die USA zog aber schnell mit eigenen Filmen nach. Schon zu dieser Zeit fingen die Künstler nun an, mit ihren Videos auch Aufsehen erregen zu wollen, um sich von ihrer Konkurrenz abheben zu können. So gab es beispielsweise viele Videos, in denen leicht bekleidete Frauen vorkamen.

Das Problem bei den Scopitones, sowie auch bei deren Vorgängern war, dass sie sehr teuer waren und dementsprechend hauptsächlich in Nachtclubs, Bars oder teuren Hotels aufgestellt waren. Das eigentliche Zielpublikum, die Jugend, konnte hiermit nicht erreicht werden. Aus diesem Grund wurde der Betrieb dann auch recht schnell eingestellt und die relativ kostengünstig gemachten Clips wurden teilweise in TV-Shows gezeigt.

Erst am 01.08.1981, um 12.01 Uhr nahm der Musiksender MTV sein Programm im Fernsehen auf. Mit der Ausstrahlung des Videos der Buggles „Video killed the radio star“ sollte nun einer Ära des „Videobooms“ beginnen.[29]

Von nun an wurde immer mehr Wert auf Musikvideos gelegt, da die Musikindustrie keine bessere Werbung haben konnte, als dauerhaft seine Videos abzuspielen. Während im Jahre 1981 nur 23 % der Top-100-Songs mit einem Video begleitet wurden, waren es 1984 schon 79 %.[30] Am 01.12.1993 zogen dann auch der Musiksender VIVA als deutsches Pendant zu MTV und später noch einige andere Subsender nach. Nachdem alle Clips einen gewissen Standard gefunden hatten, musste nun immer mehr Geld investiert werden und immer mehr Aufsehen durch die Videos erregt werden, um neben der Konkurrenz aufzufallen. Statt um die musikalischen Qualitäten, ging es nun auch viel darum, seine Karriere und seinen Erfolg durch ein gewisses dargestelltes Image, sein Aussehen oder sein Schauspiel im Musikvideo zu fördern. Durch die Musikvideos können nun die „Stars“ ihre Attraktivität steigern. Musikvideos haben auch dazu beigetragen, dass die Welt der Mode und Models heute so präsent ist. Eine Welt des „schönen Scheins“ wird hier gerade bei der Darstellung von schönen, erotischen Frauen erschaffen, die fern von ihrer „realen“ Referenz“[31] ist. Die Künstler können sich durch das Musikvideo in einem wechselnden Umfeld zeigen und sich mit mehreren Images darstellen, was dem Rezipienten viele Identifikationsmöglichkeiten bietet. Auch konnte das Musikfernsehen beispielsweise mit dem Hip-Hop den Jugendlichen Lebensweisen und Codes aus anderen Ländern übermitteln, die hier in einem komplett anderen Kontext übernommen wurden[32].

Heute, da Musikvideos jederzeit im Internet verfügbar sind, müssen die Musiksender umdenken. Der große Videoboom der 80er Jahre ist vorbei. Statt Videoclips werden nun immer mehr Serien oder Themenshows gezeigt. Im Weiteren wird kurz auf die wichtigsten Entwicklungen des Hip-Hop-Videos und dessen wandelnde Themenschwerpunkte eingegangen.

4.2 Die Entwicklung des Hip-Hop

Wie schon in Punkt 2.3. kurz angeschnitten, entstand der Hip-Hop in den 1970er Jahren in den Ghettos von New York. Die dort wohnhafte „urban underclass“, bestehend aus vielen Afroamerikanern, aber auch anderen Migranten, war mit Arbeitslosigkeit, der Kürzung von Sozialleistungen und baulichem Verfall konfrontiert. Bei den anfänglichen Blockparties und in den schon genannten Battles, ging es darum, Anerkennung zu bekommen, aber auch „(...) der Beste zu sein und so in die eigene Situation der sozialen und ökonomischen Marginalität ein Moment des Ruhmes und der Individualität einzuführen (...)“[33] . In den Raps wurden oft die soziale Ungleichheit, Drogenprobleme und Gewalt thematisiert. Diese Zeit, in der Hip-Hop noch keinen kommerziellen Erfolg hatte, wird heute oft als „Old school“ bezeichnet. Als die gecastete Band Sugarhill Gang 1979 mit dem Song „Rapper's Delight“ Erfolg hatten, befanden dies viele der alten Schule als unauthentisch, da hier die Spontaneität und der Bezug zu den Idealen des HipHop fehlten.[34] Der Song war lustig und lebensfroh und mehr in einer Art Partymusik gehalten. Auch vom Text her war er nicht an den kritischen Themen angelegt, die im Hip-Hop sonst behandelt wurden.[35] Anfang der 1980er Jahre kam dann die Single „The Message“ von Grandmaster Flash & the Furious Five heraus. Diese gesellschaftskritische Single zeigte, dass man den Rap als ein politisches Sprachrohr nutzen konnte, was daraufhin vielfältig übernommen wurde. In dem Musikvideo sieht man Afroamerikaner, die mit ihren Freunden im Ghetto herumlaufen. Es wird Armut und Leid gezeigt. Am Ende des Videos werden die Freunde verhaftet, weil sie eine Gang seien und herumlungerten. Der Text drückt genau das aus, was schon im Old-School-Hip-Hop Thema war. Es wird darüber gesprochen, wie verwahrlost und zerstört das Ghetto ist und wieviel Armut herrscht. Es wird die Angst davor dargestellt, an diesem Ort kaputt zu gehen. Man träumt davon, Geld zu haben, um aus dem Ghetto herauszukommen.[36]

Innerhalb der 1980er Jahre entstand an der Westküste das Subgenre Gangsta Rap. Hier wurden viele gesellschaftliche Tabus gebrochen. Die Rapper, wie beispielsweise Ice-T oder Public Enemy, thematisierten das Leben der „schwarzen“ Jugendlichen in Großstädten, Drogen, Gewalt, aber auch sexuelle Tabus. Durch die Themen, aber auch die neuartige Musik, kam schnell der Erfolg und es entstanden unzählige andere Subgenres. Bedeutend war hier immer, sich möglich authentisch darzustellen. Deshalb wurde Themen wie die Herkunft des Hip-Hops als eine Kultur „von der Straße“ immer wieder betont. Der Rapper zeigte sich als kämpfender Mann, der auf der Straße im Ghetto überlebt. Als Ausdruck seiner Männlichkeit und seiner Stärke und dessen, dass er den „täglichen Kampf ums Überleben“ gewonnen hatte, trug er Schmuck und zeigte Symbole des Reichtums.[37] Als Beispiel für solche Tabubrüche und aufsehenerregende Songs, soll an dieser Stelle der Song „Fight the Power“[38] von Public Enemy aus dem Jahre 1989 erwähnt werden. In dem Musikvideo wird lautstark gegen die Unterdrückung der farbigen Bevölkerung demonstriert und eine Gleichberechtigung gefordert, für die jeder mitkämpfen soll. Die Rapper sind überladen mit Uhren als Statussymbolen und wirken stark und gewaltbereit. Ein anderes Beispiel im Gangsta Rap ist der Song „Cop Killer“[39] von dem Rapper Ice T, der diesen Song 1992 mit seiner Metalband Bodycount herausbrachte. Der Song richtete sich gegen unbestrafte Polizeiübergriffe und gegen das Rechtssystem. Rap schien fast nun bedrohliche Ausmaße zu haben und der Song wurde als Aufruf zum Polizistenmord gesehen. Die Gangsta-Rapper nutzten die Sensationslust der Rezipienten und sind laut dem amerikanischen Rapper Chuck D „(,..)die Boulevardpresse“ im Gegensatz zur „(...) seriösen, politischen Tageszeitung(...)“ des Message-Rap.[40]

Bis heute sind im amerikanischen Gangsta-Rap Gewalt, Sex, Drogen, aber auch die immer wiederkehrende Geschichte des Jungen, der im Ghetto aufwuchs und sich daraus befreite, die Hauptthemen. Auf die Themen Gewalt und Sexismus in Texten und Musikvideos wird im nächsten Kapitel genauer eingegangen. Zunächst geht es allerdings nun um den Hip-Hop in Deutschland.

In Deutschland kam der Hip-Hop in den 1980er Jahren auch unter anderem mit dem Erfolg der schon genannten Single „Rapper's Delight“ von der Sugarhill Gang auf. Viele der Jugendliche hörten den amerikanischen Hip-Hop zum Breakdancen, allerdings flaute diese erste Welle schnell wieder ab. Es gab zwar noch Hip-Hop-Jams, allerdings wurde hier auch eher auf Englisch gerappt, da es als peinlich galt, dies auf Deutsch zu tun. Mit deutschem Rap verband man in der Zeit eher so ironische Lieder wie „Der Kommissar“ von Falco. Rap wurde hier noch nicht zwingend mit Hip-Hop, was ja für eine Geschichte und gewisse Ideale stand, in Verbindung gebracht.

Als erster deutschrappender Künstler wurde Torch bekannt, der jedoch nur wenige Rezipienten ansprach. Als Ende der 1980er Jahre die schon genannten Gangsta-Rapper wie Public Enemy oder Ice-T auch in Deutschland bekannt wurden, begann auch hier der Hip-Hop-Hype. Auch wenn sich die in den Songs problematisierten Themen nicht ganz auf Deutschlands Jugend übertragen ließen, so fühlte diese doch mit den Farbigen wegen der ihnen zugefügten Ungerechtigkeiten mit.

Wie man sich vorstellen kann, waren besonders Migranten oder sozial schwache Jugendliche von dieser Musik begeistert. Sie konnten sich zumindest ein wenig mit den Inhalten identifizieren und auch auf Jams hatten sie, wie oft im echten Leben nicht, die Chance, Erfolg und Anerkennung zu bekommen.[41]

Nach dem Mauerfall in Deutschland begann im Zuge des Bewusstseins einer nationalen Identität endlich auch der deutschsprachige Rap Erfolg zu haben.

In den 1990er Jahren schaffte der deutsche Hip-Hop unter anderem durch den großen Erfolg der Fantastischen Vier und Fresh Familee den endgültigen kommerziellen Durchbruch. Inhaltlich wurde hier in der Neuen Schule in erster Linie auf Spaß und Witz gesetzt, was sich auch in den Videos bemerkbar machte und was Vertreter der Old-School nur missgünstig beobachteten. Immerhin waren die Mitglieder der Fantastischen Vier in der Szene gänzlich unbekannt, die Texte hatten nichts mehr mit dem ursprünglichen Hip-Hop zu tun und kommerzieller Erfolg war sowieso als Verrat an der Szene verpönt. Dieses „nette, schöne, pinke“ sollte nun offiziell deutscher Hip-Hop sein?[42] Angespornt durch die Erfolge fingen dann aber doch viele Rapper an, auf Deutsch zu texten und suchten nach Erfolg. Hier kann man beispielsweise MC Rene oder Tobi und das Bo nennen. Neben vielfältigem „Spaßrap“ gab es auch in Deutschland Rapper, die endlich eine Möglichkeit gefunden hatten, ihre politischen Meinungen loszuwerden. Hier kann man den Song „Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“[43] von Freundeskreis im Jahre 1997 nennen, in dem Max Herre auf viele schlimme Ereignisse der letzten Jahre eingeht und immer betont, dass alles nur Zufall sei dass es gerade uns nicht betreffe. Er wollte mit dem Song wieder mehr politisches Interesse wecken und zeigen, dass das, was auf der Welt passiert, jeden etwas angeht und auch jeder etwas tun kann. In dem kompletten Musikvideo sieht man die Band in einer Bibliothek sitzen und spielen. Nicht viel lenkt ab von dem Inhalt des Textes.

In den 90er Jahren differenzierte sich der Hip-Hop in Deutschland, genauso auch wie vorher beschrieben in den USA, immer mehr aus. Der deutsche Hip-Hop bestand aus „Spaßrap“(z.B. Absolute Beginner, Fettes Brot u.v.m.), politischem Rap (z. B. Brothers Keepers), orientalischem Rap (z. B. Da Crime Posse) aus Deutschland und vielen anderen Subgenres. Die Hip-Hop-Welle war komplett in Deutschland angekommen. Um die Jahrtausendwende räumte allerdings der lustige Rap oder „alternative Rap“ immer mehr den Platz für den deutschsprachigen Gangsta-Rap, der nach dem Vorbild der USA auch hier großes Aufsehen erregte. Statt Stuttgart und Hamburg wurden nun Berlin und Frankfurt zu den Hip-Hop-Metropolen und auch der Inhalt der Songs veränderte sich komplett. Im Mittelpunkt standen nun - wie in amerikanischem Gangsta-Rap - Gewalt, Sex, und Drogen. Auch wurden die gleichen Ghettobezüge benutzt, wie im amerikanischen Vorbild, und auch immer mehr Wert auf Statussymbole gelegt. Diese Übertragung vom amerikanischen Gangsta-Rap nach Deutschland wurde in der Öffentlichkeit stark diskutiert und ist bis heute umstritten.[44] Die Sprache in den Texten der selbsternannten Gangsta-Rapper ist sexistisch, ordinär und gewaltverherrlichend.

Je mehr Tabus hier gebrochen werden und je mehr öffentlich über bestimmte Songs diskutiert wird, desto mehr scheinen Jugendliche Interesse für sie zu hegen. Gerade umstrittene Platten haben großen Erfolg. In Deutschland sorgte in den letzten Jahren besonders das Label Aggro Berlin für viel Aufsehen. Die Rapper dort prahlten genauso wie ihre amerikanischen Kollegen mit Statussymbolen und rappten über ihre Ghettovergangenheit, als wären sie auch in der amerikanischen Bronx aufgewachsen. Bei genauerer Recherche konnten dies aber nur einige wenige von sich behaupten. Es wird wie in Amerika über das Ghettoleben, Gefängnisaufenthalte, Gewalt, Sex und das Ziel von mehr Macht und Ruhm gerappt oder einfach nur geprahlt und gebattlet. Die „(...) Old-School-Regeln von Fairness und Respekt“[45] werden belacht. Die Rapper Cool Savas, K.I.Z. und Sido fielen vor allem durch ihre extrem sexistischen Texte auf, Rapper wie Bushido wurden als gewaltverherrlichend bezeichnet, der Rapper B-Tights fiel vor allem durch seine rassistischen Texte auf sowie auch Fler, der mit seinem Song „Neue deutsche Welle“ aufkommenden Nazi-Rap vermuten ließ. Immer wieder wurde diskutiert, welche Auswirkungen diese Musik auf die jugendlichen Rezipienten haben könnte und ob der Rapper nicht auch eine gewisse Verantwortung habe. Diese Gangster-Inszenierungen reichten ja sogar dazu, dass auf den Rapper Massiv geschossen wurde, wie damals in Amerika auf Tupac Shakur und Notorious B.I.G.. Fakt ist aber, dass genau diese Tabuthemen bei dem Publikum gut ankommen; das, was verboten ist, reizt.[46] Auch im deutschen Gangsta-Rap gibt es scheinbar verschiedene Strömungen und Tendenzen, wie beispielsweise den Porno-Rap (King Kool Savas, King Orgasmus One) oder den Gewalt-Rap (Hirntot Records, mit Blokkmonsta und Uzi), die teilweise von den Medien oder Fans als Subgenre gesehen werden. Im weiteren werden diese Strömungen unter dem Gangsta-Rap mit einbezogen, da Künstler dieser Genre zwar nicht unbedingt die Ghetto-Bezüge nutzen, wie es im normalen Gangsta-Rap der Fall ist, aber mit ihren gewaltverherrlichenden und sexistischen Texten in Hinblick auf die in dieser Arbeit zu untersuchenden Geschlechterdarstellungen die gleichen Aussagen treffen. In diesem neuen Feld ist es noch schwer, die Musik zu kategorisieren. Im Weiteren wird die Rolle von Männern und Frauen in Text und Video des Gangsta- Rap genauer beleuchten. Die geschlechtsspezifischen Darstellungsweisen werden vor allem in der feministischen Medien- und Genderforschung viel diskutiert.

5. Geschlechterrollen im Gangsta-Rap

Die Diskussionen über Geschlechterdarstellungen in Videoclips gibt es schon lange. Schon Anfang der 90er Jahre wurde festgestellt, dass diese oft traditionell bestimmt sind. Auch der aufkommende Sexismus und die Gewalt waren hier ein großes Thema. „Trotz des vielerlei emanzipatorischen Potentials [...] wird so das kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit im Musikfernsehen ständig reproduziert“ Im Hip-Hop herrscht eine archaische Rollenverteilung der Geschlechter, die sich sowohl im Text als auch in den Videos der Rapper wiederspiegelt.

5.1 Der Mann im Gangsta-Rap

Die Geschichte des Mannes im Gangsta-Rap kann auf bestimmte Muster, die im Folgenden erklärt und beleuchtet werden, zurückgeführt werden.

Der Rapper kommt meist aus einem Ghetto, in dem er mit viel Gewalt und Drogen in Kontakt kam und sich nur auf seine eigenen Leute verlassen konnte. Durch seine Stärke, sein Talent und seine Kämpfernatur hat er dort hinausgefunden und lebt nun im Luxus. Der Rapper zeigt sich stets als ein starker Kämpfer. Er erlebt viele schlimme Dinge und schafft es dennoch, diese zu überstehen. Für diese Leistung verdient er Respekt. Der Lebensweg, der im Ghetto beginnt, ist wichtig, da der Rapper nur mit dieser Geschichte als „real“ und authentisch gilt.

Der deutsche Gangsta-Rap hat den amerikanischen als Vorbild genommen und steht ihm in keiner Weise nach.

Auch in Deutschland nehmen die Rapper gerne das Ghetto als Stilmittel, berichten von harten Zeiten in ihren Stadtteilen. Durch dieses Stilmittel und Bild, versuchen sie auch ihren Hip-Hop zu legitimieren und authentisch darzustellen. Auch erzählen die Rapper hier davon, wie sie sich aus diesem harten Leben befreien konnten und schmücken sich nach dem amerikanischen Vorbild mit Geld, Autos, Frauen und Schmuck. Ganz traditionell steht der Mann in dem auch von Männern dominierten Genre in der Hierarchie über der Frau. Der so genannte Pimp-Rapper zeigt sich ihr gegenüber als potenter Frauenheld oder Zuhälter, bezeichnet sie als „bitch“ und ist stets auf der Suche nach seiner sexuellen Befriedigung. Lange suchen muss er danach nicht, da er so attraktiv ist (durch sein Aussehen oder sein Geld), dass er sich unter vielen willigen, leichtbekleideten Frauen nur eine aussuchen muss.[46]

Der Mann im Gangsta-Rap ist möglichst farbig, kriegerisch, stark und mächtig. Er ist aus dem Ghetto entkommen, erfolgreich, potent und bekommt alles, was er will. Er hat vor nichts Angst und ist bereit, mit Gewalt seinen Status zu verteidigen. Die Frau ist nur ein Statussymbol, mit dem er sich in großer Zahl schmückt und über das er verfügen kann. Sein Ziel ist mehr Macht und Geld.

[...]


[1] Vgl.Villányi, Dirk; Witte, Matthias D.; Sander, Uwe (Hrsg.): Globale Jugend und Jugendkulturen-Aufwachsen im Zeitalter der Globalisierung, Juventa-Verlag, München, 2007, S. 10 f.

[2] Vgl. Hurrelmann, Klaus: Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung, Juventa-Verlag, 9. aktualisierte Auflage, Weinheim, 2007, S. 41 ff, S. 118 ff.

[3] Vgl. Abels, Heinz; Honig, Michael-Sebastian; Saake, Irmhild; Weymann, Ansgar: Lebensphasen- Eine Einführung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2008, S. 133 f.

[4] Zitat: Hamm, Ingo: Die MTV-Mindset-Studien- Jugendmarketing mit Subkulturen und Lebensstilen, Schäffer-Poeschel Verlag, Stuttgart, 2003, S. 26.

[5]Vgl. Theunert, Helga: Jugend-Medien-Identität- Identitätsarbeit Jugendlicher mit und in Medien, kopaed-Verlag, München, 2009 S. 27 ff.

[6] Vgl. Hamm, Ingo: Die MTV-Mindset-Studien, S. 44 ff.

[7] Vgl. Theunert, Helga: Jugend-Medien-Identität, S. 36 f.

[8] Zitat: Hamm, Ingo: Die MTV-Mindset-Studien.

[9] Vgl. ebd., S. 61 ff.

[10] Vgl. ebd., S. 79 ff.

[11] Vgl. Lauenburg, Frank: Jugendszenen und Authentizität-Selbstdarstellungen von Mitgliedern aus Jugendszenen und szenebedingte Authentizitätskonflikte, sowie ihre Wirkung auf das (alltägliche) Szene-Leben, Lit Verlag, Berlin/Zürich, 2008, S. 13.

[12] Vgl. Theunert, Helga: Jugend-Medien-Identität, S. 36 f.

[13]

Zitat: Hagedorn, Jörg: Jugendkulturen als Fluchtlinien-Zwischen Gestaltung von Welt und der Sorge um das gegenwärtige Selbst, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2008, S. 13.

[14] Vgl. Sarah Kellner: Orale Tradition, Vermittlung und Lernen im Hip-Hop, in: Terhag, Jürgen (Hrsg): Populäre Musik und Pädagogik 3, Lugert Verlag, Oldershausen, 2000, S.77.

[15] Vgl. http://www.fws-ma.de/projekte/hip_hop, Stand: 20.07.2010.

[16] Vgl. Böß, Raphael: Step into a world-HipHop zwischen Marginalität und Mitte, Unrast-Verlag, Münster, 2009, S. 54.

[17] Vgl. ebd., S. 133.

[18] Vgl. http://www.jugendszenen.com/Hiphop/Lifestyle.html, Stand: 13.4.2010.

[19]Vgl. Kurp, Matthias; Hauschild, Claudia; Wiese, Klemens: Musikfernsehen in Deutschland­Politische, soziologische und medienökonomische Aspekte, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2002, S. 41.

[20] Vgl. http://www.mpfs.de/fileadmin/JIM-pdfD9/JIM-Studie2009.pdf, Stand: 16.07.2010

[21] Zitat: Vollbrecht, Ralf; Wegener, Claudia (Hrsg): Handbuch Mediensozialisation, 2010, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S. 9.

[22] Vgl. http://www.hdm- stuttgart.de/ifak/medienwissenschaft/medienkritik_medienwirkung/theorien_der_medienwirkung/ medienwirkung_kottner#these2, Stand: 16.07.2010

[23] Vgl. Vollbrecht, Ralf: Handbuch Mediensozialisation, S. 21.

[24] Vgl. ebd., S 142 ff.

[25] Zitat: Hamm, Ingo: Die MTV-Mindset-Studien, S. 50.

[26] Vgl. Kurp, Matthias: Musikfernsehen in Deutschland, S. 44.

[27] Vgl. Keazor, Henry; Wübbena, Thorsten: Video thrills the Radio Star- Musikvideos: Geschichte, Themen, Analysen, transcript Verlag, Bielefeld, 2005, S. 57ff.

[28] Vgl. Neumann-Braun, Klaus: VIVA MTV! Popmusik im Fernsehen, suhrkamp, Frankfurt am Main, 1999, S.107.

[29] Zitat: Hausheer, Cecilia; Schönholzer, Annette (Hrsg.): Visueller Sound- Musikvideos zwischen Avantgarde und Populärkultur, Zyklop Verlag, Luzern, 1994, S. 97 f.

[30] Vgl. Kurp, Matthias: Musikfernsehen in Deutschland, S. 27f.

[31] Zitat: Böß, Raphael: Step into a world, S. 45.

[32] Vgl. ebd., S.46f.

[33] Vgl. http://www.lyrics.de/songtext/thesugarhillgang/rappersdelight_48512.html, Stand: 29.07.2010

[34] Vgl. http://www.lyrics.de/songtext/grandmasterflash/themessage_c150.html, Stand: 29.07.2010

[35] Vgl. Böß, Raphael: Step into a world, S 49f.

[36] Vgl. http://www.lyrics.de/songtext/publicenemy/fightthepower_50ee2.html, Stand 29.07.2010

[37] Vgl. http://www.lyricsfreak.com/b/body+count/cop+killer_20022078.html, Stand: 29.07.2010

[38] Vgl. Verlan, Sascha; Loh, Hannes: 25 Jahre HipHop in Deutschland, Koch International GmbH/Hannibal, Höfen, 2006, S.126f.

[39]Vgl. Böß, Raphael: Step into a world, S. 51 ff.

[40]Vgl. Verlan, Sascha: 25 Jahre HipHop in Deutschland, S. 220ff.

[41] Vgl. http://www.lyrics.de/songtext/freundeskreis/legdeinohraufdieschienedergeschichte_7ed71.html,

[42] Vgl. Böß, Raphael: Step into a world, S. 60ff.

[43] Vgl. Verlan, Sascha: 25 Jahre HipHop in Deutschland, S. 39.

[44] Vgl. Böß, Raphael: Step into a world, S.67ff.

[45] Zitiert nach Neumann-Braun, Klaus: VIVA MTV!, S. 25f.

[46] Vgl. Klein, Gabriele; Friedrich, Malte: Is this real? Die Kultur des HipHop, suhrkamp, Frankfurt am Main, 2003, S. 22ff.

Details

Seiten
97
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640888542
ISBN (Buch)
9783668112384
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170156
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
2,15
Schlagworte
rappende machos models hip-hop-video wertevermittler jugendliche

Autor

  • Tina Brückmann (Autor)

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Titel: Rappende Machos und strippende Models. Das Hip-Hop-Video als Wertevermittler für Jugendliche