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Das Gedächtnis des Grauens

Simone de Beauvoirs, Claude Lanzmanns und Jean-Paul Sartres Erinnerungen an den Holocaust

Studienarbeit 2011 19 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das historische Interview als Quelle der Erinnerung und die historische Erforschung des Holocausts in Europa

3 Simone de Beauvoirs, Claude Lanzmanns und Jean-Paul Sartres Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und an das deutsche Besatzungsregime in Frankreich

4 Die Bewältigung des Kriegserlebnisses oder die Figur des
Intellectuell Engagé

5 »Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung«

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Diese Studienarbeit ist der Wechselbeziehung zwischen Philosophie (Simone de Beauvoir[1] und Jean-Paul Sartre[2] ) und Geschichte (Claude Lanzmann[3] ) unter dem Aspekt der Erinnerung bzw. der Methode der Zeitzeugenbefragung gewidmet.

Simone de Beauvoir ist eine der erfolgreichsten Philosophinnen und Schriftstellerinnen aller Zeiten. Ihre Tagebücher, Memoiren, philosophischen und politischen Essays geben die grundlegenden existenzialistischen Konzeptionen aus der Sicht einer Frau wider. Jean-Paul Sartre hat den Menschen neu erfunden, Simone de Beauvoir die Frau. Während sich Sartre in seinem philosophischen Meisterwerk der Kondition des Menschen im Allgemeinen widmet, stellt Simone de Beauvoir die Situation der Frau in den Mittelpunkt ihres Denkens.

Professor Dr. Ingrid Böhler vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck hat in ihrem Beitrag Gedächtnis und Erinnerung anschaulich dargestellt, welche Bedeutung die Forschungsmethode der Zeitzeugenbefragung für die Schaffung neuen Wissens hat. Der Filmausschnitt aus Lanzmanns Shoah, über Jan Karskis[4] Besuch im Warschauer Ghetto 1943, hat mich dazu bewogen, über den Zusammenhang zwischen Beauvoir, Sartre (Philosophie), Lanzmann (Geschichte) und dem Begriff der Erinnerung zu reflektieren. In Ritters Historischem Wörterbuch der Philosophie [5] stellen einige Autoren bei der Begriffsbestimmung der Erinnerung fest, in welch engem Verhältnis Philosophie und Geschichte stehen. Denn erst die Entwicklung des Erinnerungsbegriffes – die von Sokrates bis Descartes reicht – ermöglicht es, diese auf das Feld der menschlichen Subjektivität – auf Geschichte und Individuum – zu übertragen und die Einheit von Geschichte und Individualität zu stiften.[6] Friedrich Schellings[7] Worte, mit denen er auf die Aufgabe der Philosophie verweist, bestätigen ebenfalls die – unter dem Aspekt der Erinnerung – Unzertrennbarkeit dieser Disziplinen: »Die Philosophie ist insofern für das Ich nichts anderes als eine Anamnese, Erinnerung dessen, was es in seinem allgemeinen (seinem vorindividuellen) Sein getan und gelitten hat«.[8] Auch Herbert Marcuse,[9] Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten, der vor Hitlerdeutschland zuerst in die Schweiz und zuletzt in die Vereinigten Staaten emigrierte, hat eine klare Vorstellung vom Zusammenhang zwischen Geschichte und Erinnerung: »Die Geschichte ist es, die die Erinnerung bewahrt.«[10]

Die Überlieferung der Erinnerung erfolgt wiederkehrend durch Zeitzeugen. Erst diese ermöglichen es, die Geschichte lebendig erscheinen zu lassen und allen deutlich vor Augen zu führen, wie sich bestimmte Situationen entwickelt und letztendlich ereignet haben.

2 Das historische Interview als Quelle der Erinnerung und die historische Erforschung des Holocausts in Europa

Das historische Interview, die Produktion und Bearbeitung mündlicher Quellen – auch Oral History genannt –, ist die »wissenschaftliche Methode der Zeitgeschichtsforschung«.[11] Die Vorgehensweise des historischen Interviews sieht vor, dass sich die Historiker bewusst – um ihren Einfluss auf den Befragten so gering wie möglich ausfallen zu lassen – im Hintergrund halten. Die Befürworter der Oral History sind der Meinung, dass es erst diese Technik ermöglicht, Zeitzeugen selbst entscheiden zu lassen, was sie für erwähnenswert bzw. für wichtig erachten.

Exemplarisch hierfür sind die Gespräche und Interviews, die mit den Überlebenden des Holocausts geführt wurden. Um eine höchstmögliche Anzahl von Zeitzeugeninterviews der Shoah für die nachfolgenden Generationen sicherzustellen, sind sowohl öffentliche Einrichtungen als auch private Unterstützer bemüht. Eine prominente Initiative ist die von Steven Spielberg. Mit der Gründung seines Survivors of the Shoah Visual History Foundation Institute [12] verfolgt er das Ziel, eine Sammlung von Interviews mit Überlebenden und anderen Zeugen des Holocausts zu schaffen. Bis zum heutigen Tag verfügt das Visual History Archive über 52.000 Zeitzeugeninterviews.[13] Dieser Form der Geschichtsvermittlung wird vor allem in den Gedenkstätten des Holocausts eine wichtige Aufgabe zuteil. Ulrich Herbert stellt im Handbuch der Geschichtsdidaktik fest, dass erzählte Lebensgeschichten vor allem für die junge Generation eine wichtige Rolle spielen:

„Denen die Geschichte meist als Abfolge von Epochen und Ensemble von Strukturen entgegentritt, Einblicke in die Totalität und Kontinuität historischern Zeitgenossenschaft vermitteln es ihnen ermöglichen kann, politische Geschichte in den katastrophischen Auswirkungen für die einzelnen und die private Lebensgeschichte in ihren politischen Kontext zu verstehen. So kann Gegenwart auf unmittelbare Weise in historische Dimension erfahren werden: eine Art Historisierung der Umwelt, die es ermöglicht, historische Identität nicht als lästiges Erbe, sondern als Gegenstand politischer Reflexion zu begreifen.“[14]

Die historische Erforschung des Holocausts hat in Europa erst sehr spät – während der Achtzigerjahre[15] – begonnen. Rolf Steininger[16] hat 1980, aus Filmmaterial des Archivs der US-Air Force über Buchenwald und Dachau nach der Befreiung im Frühjahr 1945, die Dokumentation Ihr habt es gewusst [17] ins Leben gerufen. Der Historiker erinnert sich in diesem Zusammenhang an die Vorwände, die eine Ausstrahlung desselben in Deutschland hätten verhindern sollen.[18] Das deutsche und das österreichische Fernsehen begründeten ihr Desinteresse bzw. ihren Widerstand damit, dass solche Bilder schon zur Genüge gezeigt worden wären. Dies hat Steininger jedoch nicht daran gehindert, an der Überzeugung festzuhalten, dass sich nach wie vor jeder dieser Thematik dringend stellen muss, denn: »gegen „Schlussstrich-Propagandisten“ hilft nur die Erinnerung«.[19] Im Sammelband, in dem die Vorträge über den Diskurs der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit bzw. über den Umgang mit dem Holocaust nach 1945 enthalten sind, beschränkt sich die Analyse besagten Umganges nicht nur auf Deutschland und Österreich, sondern betrifft ganz Europa.

3 Simone de Beauvoirs, Claude Lanzmanns und Jean-Paul Sartres Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und an das deutsche Besatzungsregime in Frankreich

Im Rahmen dieser Untersuchung ist das Beispiel Frankreichs – da Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre und Claude Lanzmann französische Staatsbürger sind, die den größten Teils ihres Lebens in Frankreich verbracht und den Zweiten Weltkrieg auch dort erlebt haben – von Bedeutung. Sowohl die Kriegserfahrungen als auch die Erinnerungen an die Schreckensherrschaft der Deutschen liegen, angesichts der Ähnlichkeit der Lebensgeschichten, auf der Hand. Alle drei engagierten sich in Untergrundorganisationen, kooperierten mit Widerstandsgruppen und überlebten den Krieg.

Bevor es infolge Hitlers Angriff auf Polen zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kam, hält Simone de Beauvoir in ihrem Memoirenband In den besten Jahren [20] fest, was sie damals empfand:

„Plötzlich ergriff die Geschichte von mir Besitz, ich zerbarst und fand mich über die ganze Welt zerstreut wieder, mit allen Fasern an alle und jeden gebunden. Ideen, Werte, alles wurde umgestürzt; selbst das Glück verlor seine Bedeutung.“[21]

Michel Fabrèguets Aufsatz Frankreichs Historiker und der Völkermord an den Juden 1945-1993, [22] trifft exakt auf das, was Jean-Paul Sartre in seinem Roman Der Aufschub [23] einen französischen Staatsbürger jüdischen Glaubens über die Situation der Juden in Frankreich vor dem Zweiten Weltkrieg erzählen lässt, zu:

„Ich habe Polen 1910 verlassen, ich bin nach Frankreich gekommen. Man hat mich hier gut aufgenommen, ich habe mich hier wohl gefühlt, ich habe mir gesagt: «Gut, jetzt ist Frankreich meine Heimat.» 1914 kam der Krieg. Gut: ich habe gesagt: «Ich mache den Krieg mit, denn es ist ja meine Heimat.“[24]

Zudem hat Sartre 1944 und 1945 unter dem Titel Paris unter der Besatzung [25] Artikel, Reportagen und Aufsätze über die Besatzungszeit veröffentlicht. In Die Republik des Schweigens [26] erinnert er sich:

[...]


[1] Simone de Beauvoir (*9. Januar 1908 in Paris; †14. April 1986 in Paris) war eine französische Philosophin (Mitbegründerin mit Jean-Paul Sartre des französischen Existentialismus), Schriftstellerin und eine der Schlüsselfiguren der Frauenbewegung bzw. des Feminismus (1949 schrieb sie Das andere Geschlecht, eine der präzisesten Analysen der Situation der Frau aller Zeiten).

[2] Jean-Paul Sartre (*21 Juni 1905; †15. April 1980) war französischer Philosoph und Schriftsteller und mit Simone de Beauvoir Mitbegründer des französischen Existentialismus.

[3] Claude Lanzmann (*27. November 1925 in Paris) ist ein französischer Regisseur und Produzent von Dokumentarfilmen sowie der Herausgeber der von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre gegründeten Zeitschrift Les Temps modernes.

[4] Jan Kozielewski (*24. April 1914 in Łódź, Polen; †13. Juli 2000 in Washington) war polnischer Offizier und Kurier der Polnischen Heimatarmee.

[5] Ritter, Joachim: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1972.

[6] Vgl. Ritter, Joachim: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 1972, Band 2: D-F, S. 637.

[7] Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (*27. Januar 1775 in Württemberg; †20. August 1854 in Bad Ragaz, Schweiz) war ein deutscher Philosoph und einer der Hauptvertreter des deutschen Idealismus.

[8] Vgl. Ritter, Joachim: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel: Wissenschaftliche

Buchgesellschaft Darmstadt, 1972, Band 2: D-F, S. 640.

[9] Herbert Marcuse (*19. Juli 1898 in Berlin; †29. Juli 1979 in Starnberg) war ein deutsch-

amerikanischer Politologe, Philosoph und Soziologe.

[10] Vgl. Ritter, Joachim: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Basel: Wissenschaftliche

Buchgesellschaft Darmstadt, 1972, Band 2: D-F, S. 640.

[11] Bergmann, Klaus, Kuhn, Annette, Rüsen, Jürg, Schneider Gerhard (Hrsg.): Handbuch der

Geschichtsdidaktik. Düsseldorf: Schwan, 1985, S. 439.

[12] Abrufbar unter dem Link: http://college.usc.edu/vhi/

[13] Vgl. http://college.usc.edu/vhi/ (abgerufen am 17.01.2011)

[14] Bergmann, Klaus, Kuhn, Annette, Rüsen, Jürg, Schneider Gerhard (Hrsg.): Handbuch der

Geschichtsdidaktik. Düsseldorf: Schwan, 1985, S. 441.

[15] Vgl. Boll, Friedhelm, Kaminsky, Annette (Hrsg.): Gedenkstättenarbeit und Oral History. Lebensgeschichtliche Beiträge zur Verfolgung in zwei Diktaturen. Berlin: Spitz, 1999, S. 11.

[16] Steininger, Rolf (*2. August in Plettenberg) ist Historiker, Professor für Zeitgeschichte und Autor

zahlreicher Publikationen.

[17] Rolf Steininger hat seiner Dokumentation diesen Titel verliehen, da dies die Antwort der ehemaligen Gefangenen auf die Aussage der Bewohner Weimars war, die von den Amerikanern durch das Konzentrationslager Buchenwald geführt wurden und behaupteten, sie hätten es nicht gewusst.

[18] Vgl. Steininger, Rolf (Hrsg.): Der Umgang mit dem Holocaust. Europa – USA – Israel. Wien:

Böhlau, 1994.

[19] Steininger, Rolf (Hrsg.): Der Umgang mit dem Holocaust. Europa – USA – Israel. Wien:

Böhlau, 1994, S. 12.

[20] Beauvoir de, Simone: In den besten Jahren. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008.

[21] Ebenda, S. 316.

[22] Fabrèguet, Michel: Frankreichs Historiker und der Völkermord an den Juden 1945-1993. In: Steininger, Rolf (Hrsg.): Der Umgang mit dem Holocaust. Europa – USA – Israel. Wien: Böhlau, 1994, S. 317-328.

[23] Der Aufschub ist der zweite Band des dreibändigen Romanzyklus Die Wege der Freiheit (Zeit der Reife, Der Aufschub, Der Pfahl im Fleische), den Jean-Paul Sartre zwischen 1945 und 1949 geschrieben hat.

[24] Sartre, Jean-Paul: Der Aufschub. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2001, S. 86.

[25] Sartre, Jean-Paul: Paris unter der Besatzung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1997.

[26] Sartre, Jean-Paul: Die Republik des Schweigens. In: Paris unter der Besatzung. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1997.

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640890910
ISBN (Buch)
9783640891115
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170338
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – Philosophisch-Historische Fakultät
Note
sehr gut
Schlagworte
gedächtnis grauens simone beauvoirs claude lanzmanns jean-paul sartres erinnerungen holocaust

Autor

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