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Mächtegleichgewicht im Kalten Krieg - eine Illusion?

USA und UdSSR im Vergleich

Seminararbeit 2011 28 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abkürzungsverzeichnis

Einleitung

Mächtegleichgewicht im Kalten Krieg – eine Illusion
1. Mächtegleichgewicht – was ist das eigentlich?
1.1 Gleichgewicht als Zustand mehr oder weniger gleicher Machtverteilung
1.2 Gleichgewicht als Politik
1.3 Gleichgewicht als Ideologie
2. Der Kalte Krieg: Ursprung und Entstehung
3. Einzelne Kategorien im Vergleich
3.1 Waffensysteme
3.1.1 Nuklearwaffen
3.1.1.1 Nukleares Patt
3.1.1.2 Gleichgewicht des Schreckens und Zweitschlagfähigkeit
3.1.2 Konventionelle Waffen
3.2 Geographische Lage
3.3 Politische Systeme und die Rolle der Bevölkerung
3.4 Vorläufige Zusammenfassung
4. Der Versuch der Herstellung eines Gleichgewichts – die Rüstungskontrollverträge

Zusammenfassung

Quellen

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Es gibt viele Erklärungen, warum aus dem Kalten Krieg kein heißer geworden ist. Unter den verschiedenen Ansätzen taucht einer immer wieder aufs Neue auf: das Mächtegleichgewicht. Ihm wird zugeschrieben, den Ausbruch des Kalten Krieges verhindert und damit die Welt vor einer der schlimmsten Katastrophen ihrer Geschichte bewahrt zu haben.

Bevor wir uns jedoch genauer mit dem Begriff des Mächtegleichgewichts befassen, muss zunächst einmal geklärt werden, was ein Mächtegleichgewicht überhaupt ist. Wie definiert man diesen Begriff? Was kann man sich abseits der üblichen Gedanken, die dem Leser zum Thema Gleichgewicht in den Sinn kommen, unter diesem Begriff vorstellen? Aber auch andere Fragen liegen mehr oder weniger auf der Hand: kann man ein Mächtegleichgewicht denn überhaupt objektiv feststellen? Falls ja: an welchen Kriterien macht man dies fest? Wie wiegt man die verschiedenen Kategorien, die bezüglich des Machtfaktors einer Nation eine Rolle spielen, gegeneinander ab? Falls nein: wie ist diesbezüglich ein von Menschen abgesprochenes und durch Verträge festgeschriebenes Mächtegleichgewicht zu beurteilen?

Auf diese und andere Fragen wird die vorliegende Arbeit eingehen. Dabei stellt der Autor die Hypothese auf, dass ein wirklich objektiv feststellbares Gleichgewicht illusorischer Natur ist und man höchstens von einem partiellen Gleichgewicht, das auf bestimmte Unterkategorien begrenzt ist, sprechen kann. Diese Hypothese soll im Folgenden in einer kritisch-analytischen Vergehensweise unter der Einbeziehung verschiedener Sekundärliteratur einer genauen Untersuchung unterzogen werden. Selbstverständlich können dabei nicht alle Aspekte eines derart komplexen Themas, schon gar nicht in einer Arbeit dieses Umfangs, behandelt werden. Daher müssen im Vorfeld der Untersuchung einige Aspekte ausgegrenzt werden, um nicht vom Hundertsten ins Tausendste abzudriften. Aus diesem Grund begrenzt sich die Arbeit auf einen Vergleich der beiden Supermächte USA und Sowjetunion, den beiden wichtigsten Akteuren des Kalten Krieges. Die verschiedenen anderen Mitgliedsstaaten der beiden Blöcke, d.h. von NATO und Warschauer Pakt, müssen der Übersichtlichkeit und Komplexitätsreduktion zuliebe außen vorgelassen werden. Darunter fällt auch die Problematik der Kurz- und Mittelstreckenwaffen, da diese zwar für die Sowjetunion eine mögliche Gefahr darstellten – jedoch nicht in direktem Zusammenhang mit den USA, da die Vereinigten Staaten und die UdSSR einander nur sehr bedingt von ihrem eigenen Territorium aus mit Kurz- oder Mittelstreckenwaffen bekämpfen konnten. Folglich wurde bei der genaueren Betrachtung der Rüstungskontrollverträge auch der INF-Vertrag außen vorgelassen. Auf eine Betrachtung des KSE-Vertrages wurde ebenfalls verzichtet, da dieser insbesondere für die Sicherheit und Stabilität in Europa relevant war und nicht direkt das Verhältnis der USA und der UdSSR betraf. Schließlich wurde auch die Rolle des SDI bewusst übergangen, da diese nicht die ursprünglich erwartete Bedrohung darstellte[1] und relativ leicht zu überwinden gewesen wäre.[2]

Auch was die Analyse der einzelnen Gebiete angeht, auf denen eine Mächtegleichgewicht möglicherweise bestehen könnte, sah sich der Autor gezwungen, einen sehr enge Auswahl zu treffen, um den Umfang dieser Arbeit nicht zu sprengen. Im Folgenden wird dabei vor allem ein Schwerpunkt auf der militärischen Vergleichbarkeit beider Parteien liegen, da die militärischen Fähigkeiten beider Seiten sicher einer der wichtigsten Punkte im Mächtegleichgewicht darstellten. Aber auch andere wichtige Kategorien wie die geographische Lage und die Rolle der Bevölkerung und des politischen Systems werden im Folgenden behandelt, da es sich bei diesen nach Ansicht des Autors um zwei ebenfalls sehr wichtige Kategorien handelt, in denen angesichts der in anderen Bereichen deutlich ausgeprägteren Komplexität ein Vergleich der beiden Supermächte noch relativ gut zu stemmen ist. Die drei behandelten Kategorien sind dabei als Beispiele zu verstehen. Sie stellen alle drei möglichen Machtverteilungskonstellationen dar: Vorteil USA, Vorteil UdSSR und Gleichgewicht. Ihre Analyse steht stellvertretend für all die anderen Kategorien, die hier außen vorgelassen werden mussten.

Was die Forschungslage zum Thema Mächtegleichgewicht angeht, wäre es müßig, hier eine Übersicht über alle wichtigen Autoren zu geben, die sich dem Mächtegleichgewicht gewidmet haben, zu groß ist die Zahl derer, die sich mit dem Thema genauer beschäftigt haben. Lediglich auf Hans J. Morgenthau, einen der wichtigsten Vertreter der klassischen Realismus in den Internationalen Beziehungen, sei in diesem Zusammenhang hingewiesen. In seinem Werk „Macht und Frieden“, das u.a. als Grundlage für die Definition von Mächtegleichgewicht herangezogen wurde, schildert er ausführlich, was man unter einem Mächtegleichgewicht versteht, wie dieses funktioniert, aber auch wie es missbraucht werden kann. Da die Definition von Mächtegleichgewicht, die im Folgenden verwendet wird, auf breite Zustimmung stößt und die Arbeit im Prinzip nur auf diesem Gleichgewichtskonstrukt aufbaut, wäre es auch nicht weiter sinnvoll, hier verschiedene Kontroversen zum Thema Mächtegleichgewicht (beispielsweise zur Relevanz von Gleichgewicht nach dem Kalten Krieg) auszubreiten, die mit der Arbeit an sich nicht mehr viel zu tun haben. Daher wird an dieser Stelle darauf verzichtet.

Während also das Thema Mächtegleichgewicht sicherlich eine breite Quellenlage vorweisen kann, sieht es beim konkreten Vergleich zwischen den beiden Supermächten etwas anders aus. Zwar existieren hinsichtlich der militärischen Vergleichbarkeit viele unterschiedliche Studien; dabei sei beispielsweise auf das das Internetportal „Atomwaffen A-Z“ hingewiesen, das diesbezüglich eine sehr informative Basis darstellt und über fast alles informiert, was zum Thema Nuklearwaffen relevant sein könnte. Aber auch das von Gert Krell und Erhard Forndran herausgegebene Werk „Kernwaffen im Ost-West-Vergleich“ ist in diesem Zusammenhang zu nennen, das sich insbesondere mit den nuklearen Kräfteverhältnissen und der damit verbundenen Abschreckung beschäftigt. Was die anderen Kategorien, die ein Mächtegleichgewicht konstituieren, anbelangt, ist die Forschungslage jedoch eher dürftig. Nach Kenntnisstand des Autors liegt bisher noch keine wissenschaftliche Arbeit vor, die konkret die Frage nach dem Gleichgewicht zwischen der UdSSR und den USA stellt und dabei nicht nur die militärische Komponente einbezieht, sondern auch andere Kategorien berücksichtigt.

Eingedenk der Tatsache, dass eine Gegenüberstellung solcher Kategorien aufgrund deren Komplexität und bedingten Vergleichbarkeit nur geringe Aussagekraft haben wird, wird die vorliegende Arbeit dennoch einen solchen Vergleich wagen. Angesichts des Themas dieser Arbeit dürfte ein allumfassender Vergleich aber ohnehin zweitrangig sein, denn er dient lediglich als Untermauerung der Hypothese, dass ein Gleichgewicht nicht objektiv feststellbar ist, und ist keinesfalls Selbstzweck. Der Grund, warum der Autor dieses Thema gewählt hat, liegt daher auch weniger im geringen Forschungsstand, der aufgrund der angesprochenen Problematik mit dieser Arbeit nur bedingt erweitert werden kann. Viel mehr hat die Tatsache, dass der Begriff Mächtegleichgewicht allenthalben gebraucht wird, ohne sich immer über dessen bedingte Feststellbarkeit im Klaren zu sein, den Autor dazu veranlasst, das Thema genauer zu betrachten. Mit der vorliegenden Arbeit soll auf diese Problemantik hingewiesen werden.

Beginnend mit einem kurzen Definitionsüberblick zum Thema Mächtegleichgewicht, der dem Leser Klarheit über das zu behandelnde Thema verschaffen soll, werden danach die jeweiligen Gleichgewichtskategorien eine detaillierten Analyse unterzogen – einzeln, um sie überhaupt unabhängig von den anderen Kategorien betrachten zu können. Diese werden jeweils mit einem Fazit, in welchem die Vergleichbarkeit untersucht und die Ausrichtung der „Gleichgewichtswaage“ dargestellt werden, zusammengefasst. Die Schwierigkeit der Feststellung eines Gleichgewichts soll so deutlich gemacht werden – bevor eine mögliche Lösung, die Rüstungsbegrenzungsverträge seit den siebziger Jahren, ins Auge gefasst wird. Bei diesen Verträgen wird dann insbesondere der Versuch der Einrichtung eines Mächtegleichgewichts kritisch beleuchtet und analysiert. Die Arbeit wird abschließend in einem Resümee zusammengefasst, wobei versucht wird, die Hypothese zu verifizieren und auf die oben aufgeworfenen Fragen Antworten zu finden.

Mächtegleichgewicht im Kalten Krieg – eine Illusion

1. Mächtegleichgewicht – was ist das eigentlich?

Wer an Gleichgewicht im politischen Kontext denkt, dem kommt in erster Linie eine bestimmte Vorstellung in den Sinn. Er oder sie denkt zumeist an zwei oder mehr einander gegenüberstehende Parteien, die über annähernd die gleiche Macht verfügen. Ein wichtiger Aspekt des Konzepts ist damit zwar genannt. Dass diese Vorstellung jedoch nur einen Aspekt dieses Konzepts darstellt, der nicht dessen gesamte Definitionsbreite erfasst, dürfte den wenigsten klar sein. Aus diesem Grund soll im Folgenden, ausgehend von den Definitionen von Joseph S. Nye[3] und Hans J. Morgenthau[4], eine Übersicht über den Begriff des Gleichgewichts gegeben werden, um deutlich zu machen, welche verschiedenen Aspekte dabei eine Rolle spielen.

1.1 Gleichgewicht als Zustand mehr oder weniger gleicher
Machtverteilung

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei diesem Punkt um einen ebenso simplen wie zentralen Aspekte des politischen Gleichgewichts: auf der Bildfläche der internationalen Politik existieren mehrere Parteien, die grob betrachtet über eine mehr oder weniger gleich verteilte Macht verfügen. Dabei ist jedoch anzumerken, dass dieses Szenario äußerst selten ist.

1.2 Gleichgewicht als Politik

Gleichgewicht beschreibt aber nicht nur einen Zustand. Es kann auch in Form einer bestimmten Politik, der so genannten Gleichgewichtspolitik, in Erscheinung treten. Diese Politik lässt sich am besten anhand eines Beispiels verdeutlichen. Angenommen, auf dem Spielfeld der internationalen Politik existieren zwei Parteien: Nation A und Nation B. Wir nehmen dabei an, dass Nation A versucht, Nation B davon abzuhalten, eine Vormachtstellung zu erhalten. Dies geschieht beispielsweise durch eine Schwächung des Gegners (z.B. durch die Stärkung dessen politischer Opposition), durch Aufrüstung oder durch Bündnisse. Bei diesem Szenario spielen aber nicht nur die beiden Nationen A und B eine Rolle. Auch kleinere Staaten sind von nicht zu vernachlässigender Bedeutung, denn bei einem mehr oder weniger ausgeprägten Mächtegleichweit der Nationen A und B fungieren diese als ausschlaggebendes „Zünglein an der Waage“. Dabei ist jedoch anzumerken, dass diese nicht unbedingt versuchen, ihre eigene Macht zu maximieren, indem sie sich dem Stärkeren anschließen. Meist ist ihnen eher daran gelegen, die Vormachtstellung einer Nation zu verhindern, indem sie sich auf die Seite des Schwächeren schlagen, denn dieses Verhalten erhöht ihre Sicherheit. Joseph Nye erklärt das anhand eines Beispiels aus der Tierwelt: „Balance of power is a policy of helping the underdog because if you help the top dog, it may eventually turn around and eat you.“[5]

[...]


[1] Vgl. Schulte, Ludwig (1990). Trumpf der Verteidigung: Mehr Stabilität durch moderne Technologien, (=Militär, Rüstung, Sicherheit, Band 60), Baden-Baden: Nomos, S. 42.

[2] Vgl. Kubbig, Bernd W. (2004). Wissen als Machtfaktor im Kalten Krieg. Naturwissenschaftler und die Raketenabwehr der USA, Frankfurt a. M.: Campus, S. 512.

[3] Vgl. Nye, Joseph S. JNR. (2007). Understanding international conflicts. An Introduction to theory and history, sechste Auflage, New York: Pearson International, S. 65 f.

[4] Vgl. Morgenthau, Hans J. (1963). Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der Internationalen Politik, aus dem Englischen von , Gütersloh: Bertelsmann, S. 152-188.

[5] Nye (2007). Understanding international conflicts, a.a.O., S. 65.

Details

Seiten
28
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640891818
ISBN (Buch)
9783640892051
Dateigröße
705 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170364
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Mächtegleichgewicht Realismus Nuklearwaffen Kernwaffen SALT START ABM Rüstungskontrollverträge Kalter Krieg USA Sowjetunion UdSSR Geographische Lage Rolle der Bevölkerung Rolle des politischen Systems

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Titel: Mächtegleichgewicht im Kalten Krieg - eine Illusion?