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Suns fragwürdiger beruflich-sozialer Aufstieg im achten Bild (zu Bertolt Brecht: "Der gute Mensch von Sezuan")

Unterrichtsentwurf zu einer benoteten Lehrprobe (Gymnasium)

Unterrichtsentwurf 2007 15 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

1. Bedingungsfelder

Die Klasse 10f, der 19 Schülerinnen und 10Schüler[1] angehören, unterrichte ich seit dem 7. März im Rahmen des betreuten Unterrichts bei Herrn xxx.

Die Klasse ist im mündlichen Bereich stark. Die Schülerinnen teilen sich gerne mit, diskutieren rege und sind ideenreich. Nur einige wenige beteiligen sich nicht regelmäßig am Unterrichtsgespräch.

Die Klassenatmosphäre ist gut. Die Schülerinnen pflegen einen freundschaftlichen Umgang und verhalten sich mir gegenüber höflich. Unterrichtsstörungen kommen kaum vor und können leicht unterbunden werden.

Die Klasse, die schon „Wilhelm Tell“ und „Biedermann und die Brandstifter“ gelesen hat, ist im Umgang mit Dramentexten schon recht geübt. Die Schülerinnen haben „Der gute Mensch von Sezuan“ ganz gelesen und sollen als Hausaufgabe zur Lehrprobenstunde noch einmal das achte Bild lesen.

2. Sachanalyse

In dem Parabelstück „Der gute Mensch von Sezuan“, an dem Bertolt Brecht von 1930 bis 1942 arbeitete und das 1943 uraufgeführt wurde, wird der Kapitalismus als (Wirtschafts-) System, in dem „Menschen von Menschen ausgebeutet werden“ (S. 6)[2], kritisiert. Am Beispiel der jungen Frau Shen Te zeigt sich, derjenige, der versucht, der kapitalistischen Logik zu widersprechen und im Sinne der Menschen,anstatt im Sinneder eigenen Finanzenzu handeln, wird nicht bestehen können.

Das achte Bild, das in der Lehrprobenstunde behandelt werden soll, gilt gemeinhin als „Musterszene“[3] des epischen Theaters.Es zeichnet sich durch ein „Wechselspiel von epischer und dramatischer Ebene“[4] aus. An der Bühnenrampe steht die Figur Frau Yang, die direkt zum Publikum spricht und die szenischen Darstellungen auf der Bühne erzählerisch einleitet, verknüpft und kommentiert.

Frau Yang erzählt den Zuschauern, wie ihr Sohn Sun, der stellenlose Flieger und ehemalige Geliebte Shen Tes, mit der Hilfe Shui Tas innerhalb von drei Monaten vom nichtsnutzigen „Lump[en]“ (S. 112) zum Aufseher in der Tabakfabrik des „Tabakkönigs“ aufgestiegen ist. Gleichsam als Wahrheitsbeweis ihrer Darstellungen werden ihre Erzählteile mit vier passenden szenischen Rückblenden kombiniert.

Dieerste Rückblende, die von Frau Yang wortreich eingeleitet wird,zeigt, wie Shui Ta Sun erpresst und ihn so in seine Fabrik zwingt. In der zweiten eingeblendeten Szene, der ein kurzer Bericht Frau Yangs über die ersten Arbeitswochen ihres Sohnes vorausgeht, sticht Sun den naiven Schreiner Lin To raffiniert und berechnend aus, um Shui Ta von seinem vermeintlichen Arbeitseifer zu überzeugen. Mit wenigen erklärenden Worten leitet Frau Yang in die dritte Rückblende über, in welcher der heuchlerische Sun gegen den arbeiterfreundlichen Aufseher in der Fabrik intrigiert und so zu dessen Posten kommt. Im folgenden Erzählteil berichtet Frau Yang, wie sie ihren Sohn noch „an diesem Abend“ (S. 115) für sein rücksichtslos-hinterhältiges Handeln lobt und ihn zu weiteren karrierefördernden „Wunderwerken“ (S. 115) in diesem Sinne anstachelt. So zeigt die vierte und letzte szenische Darstellung, in der die geknechteten Arbeiter „Das Lied vom achten Elefanten“ singen, wie Sun die Arbeit in der Fabrik optimiert und somit die Ausbeutung der Arbeiter, unter denen auch Kinder und Alte sind, perfektioniert.Das achte Bild schließt mit einem epilogartigen Kommentar Frau Yangs. Sie lobt Shui Ta, der „mit Strenge und Weisheit […] alles Gute [aus ihrem Sohn] herausgeholt [hat]“ (117).

Im Verlaufe des achten Bildes wird deutlich, dass dieeingespielten szenischen Rückblenden stets in auffälligem Widerspruch zu Frau Yangs Bewertung der Vorgänge stehen. Sie stellt den raschenAufstieg ihres „gut[en]“ (S. 113) und fleißigen Sohnes als „ehrlich[…]“(S. 117) erarbeitet dar. Die Rückblenden zeigen aber, dass Suns Karriere auf menschenverachtender Rücksichtslosigkeit (vgl. 115), radikalem Egoismus, Heuchelei (vgl. S. 114) und Verrat an der eigenen „Klasse“ (vgl. S. 115) beruht.

Es geht Frau Yang offensichtlich darum,das gewissenlose Handeln ihres Sohnes, das sie nicht nur gutheißt, sondern auch noch motiviert, mit den gängigen bürgerlichen Moralvorstellungen (nach denen Erfolg redlich erarbeitet werden soll) in Einklangzu bringen und somit zu rechtfertigen. Die bürgerliche Ethik wird im Munde Frau Yangs zu Farce, sie liefert lediglich das nötige Verschleierungsvokabular, um die kapitalistische „Konkurrenz- und Ausbeutungspraxis“[5] zu beschönigen.

Die Strategie Frau Yangs wird dem Publikum durch die Einblendung der szenischen Darstellungen natürlich bald deutlich. Der Widerspruch (die Dialektik) zwischen Erzähltem und Gezeigtem soll den Zuschauer (gemäß der Theorie des epischen Theaters) zu „eingreifendem Denken“ bewegen und ihn die bürgerliche (Schein-) Moral als Legitimationsmittel des Kapitalismus durchschauen lassen.

Entgegen den Darstellungen seiner Mutter bedeutet Suns beruflich-sozialer Aufstieg also einen menschlich-moralischen Abstieg. Der stellenlose Flieger entwickelt sich im Verlaufe des achten Bildeszum Schreckensbild des Kapitalisten.

Während […] Shen Te eine restlose Verwandlung in den bösen Kapitalisten ablehnt, passt sich Sun mit letzter Konsequenz an die kapitalistische Ausbeuterpraxis an, zunächst als selbst ausgebeuteter Hilfsarbeiter, dann als Verräter und schließlich als Verräter seiner eigenen Klasse.[6]

Das achte Bild ist nicht nur aufgrund seiner Episierungstechnik bemerkenswert, es ist auch in inhaltlicher Hinsicht ein Schlüsselbild. Nirgends im Drama tritt Brechts Kapitalismuskritik so deutlich zu Tage.Das kapitalistische System lässt es nicht zu „[g]ut zu sein und doch zu leben“ (139), wer bestehen will, der muss gewissenlos-egoistisch auf seinen Vorteil bedacht sein und seinen Mitmenschen rücksichtslos begegnen. Deshalb ist Sun und den anderen Figuren, die im Sinne der kapitalistischen Logik handeln, nach Brecht auch kein Vorwurf zu machen, sie passen sich lediglich den Anforderungen des Systems an.

3. Didaktische Überlegungen

Man kann argumentieren, dass sich das Werk des „literarischen Chefideologen des Kommunismus“[7], Bertolt Brecht, mit dem Scheitern der kommunistischen Ideologie bzw. dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten des Ostblocks erledigt habe. Damit vertut man aber mit einem Mal das große kritische Potenzial, das Brecht birgt. In seinem Aufsatz „Brecht im 21. Jahrhundert“ hegt der renommierte Brecht-Forscher Jan Knopf Zweifel an der ideologischen Gebundenheit Brechts und plädiert für einen ideologiefreien Umgang mit dessen Werk.

Brechts Werke zeichnen sich dadurch aus, dass sie in der jetzigen und in den kommenden Zeiten immer wieder (auch im Auf und Ab) zu neuen Deutungen […] herausfordern, die Aspekte freilegen, an die bis dahin noch niemand gedacht hat. Vor allem in diesem Sinn werden Brechts große Werke immer aktuell bleiben.[8]

[...]


[1] Im Folgenden wird wegen der besseren Lesbarkeit für beide Geschlechter die weibliche Form gewählt.

[2] Ich beziehe mich auf folgende Textausgabe: Brecht, Bertolt 2005: Der gute Mensch von Sezuan. Ulm. Edition Suhrkamp.

[3] Knopf, Jan 1980: Brecht-Handbuch Theater. Stuttgart, S. 211.

[4] Schneidewind, Wolf-Egmar/Sowinski, Bernhard 1992: Der gute Mensch von Sezuan. Interpretation. München, S. 106.

[5] Schneidewind, Wolf-Egmar/Sowinski, Bernhard 1992: S. 103.

[6] Schneidewind, Wolf-Egmar/Sowinski, Bernhard 1992: S. 103.

[7] Schneidewind, Wolf-Egmar/Sowinski, Bernhard 1992: S. 9.

[8] Knopf, Jan 2006: Brecht im 21. Jahrhundert. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 23-24/06, S. 12.

Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640900381
ISBN (Buch)
9783640900596
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170420
Institution / Hochschule
Staatliches Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien Bad Kreuznach
Note
2
Schlagworte
Bertolt Brecht "Der gute Mensch von Sezuan" Lehrprobe

Autor

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