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Irreguläre Freimaurerei und hermetische Traditionen

Hausarbeit 2003 13 Seiten

Kulturwissenschaften - Europa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Aufklärung und Magie

2. Hermetische Naturphilosophie

3. Gnosis und Gnostizismus

4. Kabbala

5. Jacob Böhme und die Rösenkreuzer

Fazit

Literaturverzeichnis

Irreguläre Freimaurerei und hermetische Traditionen

„Freimaurerei - welche Assoziationen weckt dieses Wort? [...] Widersprüchliche Vorstellungen verknüpfen sich mit diesem Begriff - hier dunkle Machenschaften einer konspirativen Geheimgesellschaft, Gottesleugner, Teufelsanbeter gar - dort Fackelträger eines humanitären Ideals, eine weltweite Bruderschaft, deren Grundprinzipien Toleranz und Nächstenliebe dem Menschen zu einer höheren Entwicklungsstufe verhelfen sollen“[1]

1. Aufklärung und Magie

In ihrer Vorrede zur „Dialektik der Aufklärung“ vom Mai 1944 schrieben Max Horkheimer und Theodor W. Adorno von einer „Aporie“, die sie vorfanden und die der erste „Gegenstand“ ihrer Untersuchung sein solle - „die Selbstzerstörung der Aufklärung“:

„Wir hegen keinen Zweifel - und darin liegt unsere petitio principii -, daß die Freiheit in der Gesellschaft vom aufklärerischen Denken unabtrennbar ist. Jedoch glauben wir, genauso deutlich erkannt zu haben, daß der Begriff eben dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Institutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zujenem Rückschritt enthalten, der überall heute sich ereignet.“[2]

Eine bürgerliche Öffentlichkeit entstand, die sich in Organisationsformen wie Klubs, Salons, literarischen Gesellschaften, Lesezirkeln, Bibliotheken oder Kaffeehäusern institutionalisierte, „wobei jedoch die Geheimgesellschaften eine Sonderstellung einnehmen“[3]. Das politische Programm der Aufklärung als „Austritt des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ mit seinen schließlich revolutionären Konsequenzen ist dabei Substrat eines geistesgeschichtlichen Entwicklungsprozesses, der zurückführt in die frühe Neuzeit und Renaissance, zu Namen wie Coluccio Salutati (1331 - 1406), Nikolaus von Kues (1404 - 1464), Marsilio Ficino (1433 - 1499) oder Jacopo Zabarello (1533 - 1589).

Diese langwierige sogenannte „Emanzipation vom Mittelalter“ war zugleich auch Wiederentdeckung der Antike und Austausch mit dem Orient, Ficino übersetzt beispielsweise nicht nur Platon, sondern auch die Schriften des Hermes Trismegistos. Gerade aus diesen „magischen“ Traditionen sollten Elemente in das sich historisch neu entwickelnde Verständnis von Individuen und ihren Ansprüchen und Möglichkeiten einfließen, so daß beispielsweise der Humanist von Kues in seiner Schrift „Über den Beryll“ die Rolle der menschlichen Vernunft durch die Anmerkung „beachte den Ausspruch des Hermes Trismegistos: Der Mensch ist ein zweiter Gott“ zu verdeutlichen vermag[4]. Der Rechtshistoriker Michael W. Fischer sieht ebenso in den Schriften des Rosenkreuzertums eine „Frühform der Aufklärung“, die Ausrichtung auf „Aufklärung“, „Erleuchtung“, „Fortschritt“ und „Fortschritt der Erkenntnis“ präge einen neuen „Anspruch der Vernunft gegenüber den überlieferten Werten und Bindungen“[5].

Nun finde man, „[i]nnerhalb des Phänomens Freimaurerei [...] exponierte Vertreter der Aufklärung ebenso wie Repräsentanten der Gegenbewegung“, so daß Eugen Lennhoff und Oskar Posner schlußfolgern, daß, obwohl „[z]weifellos [...] einzelne freimaurerische Gruppen in Paris oder in Wien zu den hervorragendsten Vertretern der Aufklärung gezählt [haben], eine Gleichsetzung von Freimaurerei und Aufklärung im 18. Jahrhundert [...] aber nicht zulässig“ sei[6]. Von einem anderen Ansatz ausgehend, gibt es aber durchaus Bezüge auf einer anderen Ebene, wie Helmut Keiler nahelegt:

„Nach Kant ist ,die veranlassende Ursache aller geheimen Gesellschaften’ der ,Geist der Freiheit’ gewesen. Ursache der Arkanpraxis der Aufklärung sieht Habermas darin, daß der ,öffentliche Gebrauch des Verstandes’ die Herrschaftsverhältnisse bedroht und des ,Schutzes vor Veröffentlichung’ bedurft habe. Ideologisch ist die Freimaurerei sowohl Ausdruck als auch integraler Bestandteil der Aufklärung“[7]

Letztlich läßt sich mit Christian Begemann konstatieren, daß es „[i]m Kampf der Aufklärung gegen den Aberglauben keine klare Demarkation [gibt]: Es ist keineswegs so, daß der erkenntnistheoretisch, medizinisch und psychologisch versierte Aufklärer distanziert und ironisch den Scharen der Geisterseher, Visionäre und Besessenen als ihm ganz fremden Objekten gegenüberstünde und sie als Phantasten, Abergläubige, Schwärmer oder Irre abqualifizierte; die Front der Aufklärung gegen den Aberglauben verläuft [bzw. verlaufe] vielmehr immer auch quer durch die eigene Person“[8].

Das aus den Bauhüttentraditionen sich entwickelnde Freimaurertum begründet 1717 mit dem Zusammenschluß von vier Logen zur Londoner Großloge den Beginn der spekulativen Maurerei, welche 1725 nach Frankreich und 1737 nach Deutschland kam, wobei jedoch teilweise auf der Templerlegende aufbauende Hochgrade eingeführt wurden, ein Beispiel wäre das rigide System eines Herrn Karl Gotthelf von Hund (1722 - 1776), die Strikte Observanz[9]. Aber auch die Rosenkreuzer bauten ihr Gradsystem so aus, daß es die Freimaurergrade Lehrling, Geselle und Meister einbezog und teilweise zur Voraussetzung machte. Das Ende der Rosenkreuzer war wie auch bei den Illuminaten kurz vor dem Beginn der Französischen

Revolution, nämlich um 1787. Diese über die Trias der Grade hinausgehenden Systeme sind „irregulär“ und werden von der regulären Freimaurerei nicht anerkannt. Die Entscheidungsgewalt soll dabei die Londoner Mutter-Großloge innehaben.

Innerhalb dieser irregulären Bereiche tauchen magische Traditionen - als solche - unmittelbar auf, insbesondere bei den Gold- und Rosenkreuzern. Für die reguläre Freimaurerei, etwa in ihrer Bedeutung als ein „Ausdruck der Aufklärung“, ergeben sich nicht nur Doppelmitgliedschaften, sondern auch hermeneutische Bezüge, in denen insbesondere die hermetischen Traditionen für die Vorstellung der „Selbstveredelung“ des Menschen eine Rolle spielen. Außerdem verweist die Symbolik der Freimaurer nicht allein auf die Herkunft aus den Bauhütten, sondern ist durch die Salomonische Tempelbaulegende immer schon auch bedeutend für die „magischen Künste“ Astrologie, Alchemie und Magie gewesen.

2. Hermetische Naturphilosophie

Jene bisher noch nicht erläuterten hermetischen Traditionen gehen zurück auf die dem „Hermes Trismegistos“ zugeschriebenen Schriften des Corpus Hermeticum - es handelt sich um achtzehn Traktate aus dem 2. und 3. Jh. n. Chr., eine synkretistische Verschmelzung von gnostisch-hellenistischen, neuplatonisch-pythagoreischen und mystisch-kabbalistischen Ideen. 1471 wurden sie von Marsilius Ficino ins Lateinische übersetzt. Sie mögen in ihren weltanschaulichen Grundzügen über die sogenannte „Smaragdtafel“ des Hermes Trismegistos verdeutlicht sein. Zunächst gilt das Prinzip der unio, wie es als pantheistisch anmutender Monismus erscheinen kann, „[d]as All ist Geist“[10]. Das zweite hermetische Prinzip ist die Entsprechungslehre von Makrokosmos des Alls und Mikrokosmos des Menschen: „Wie oben, so unten; wie unten so oben“[11]. Dieses Reich der geistigen Kräfte ist dabei vor allem mit Klang zu assoziieren: „Nichts ist in Ruhe, alles bewegt sich, alles ist in Schwingung“[12]. Der

alchemischen transformatio und der mystischen coincidenti oppositorum verwandt, ist „[a]lles [...] zwiefach, alles hat zwei Pole [...] alle Widersprüche können miteinander in Einklang gebracht werden“[13]. Ursache und Wirkung bestehen, aber nur für die Zeit, welche in letzter Konsequenz aber illusionär wird. Die das Sein konstituierenden Gegensätze sind dabei mit Geschlechtszuordnungen[14] versehen, die entsprechend der geistigen unio ihre materielle Auflösung in die Androgynität finden. Magie, Alchemie und Magie erscheinen letztlich als verschiedene Wege der Veredelung und Gottwerdung der ins Sein gefallenen Schöpfung, spirituelle Arbeit an der Erlösung der Welt.

3. Gnosis und Gnostizismus

Jene synkretistische Verschmelzung erwähnte bereits die Gnosis als eng mit dem Corpus Hermeticum verbunden. Für diese Sammelbezeichnung spätantiker religiöser Gruppierungen gilt vergleichbar, sie ist eine aus mehreren Schulen und Richtungen bestehende dualistische Religion, „die zu Welt und damaliger Gesellschaft in einer betont ablehnenden Haltung stand und eine Befreiung (,Erlösung’) des Menschen eben aus den Zwängen des irdischen Seins durch die ,Einsicht’ [Gnosis] in seine - zeitweise verschüttete - wesenhafte Bindung, sei es als ,Seele’ oder ,Geist’, an ein überirdisches Reich der Freiheit und der Ruhe verkündet hat. Ihre zeitliche und räumliche Ausbreitung [reicht] von Beginn unserer Zeitrechnung an im westlichen Vorderasien (Syrien, Palästina, Ägypten, Kleinasien) bis nach Inner- und Ostasien und das mittelalterliche Europa (14. Jh.)“[15]. Als Grundlage alle Häresie hatte sie Nachwirkungen in den Traditionen der Theologie, Theosophie, Mystik, Philosophie und des Okkultismus.

Nach Kurt Rudolph läßt sich der Grundgedanke nur erfassen über die Behandlung der verschiedenen Aspekte der gnostischen Systeme, gründet jedoch auf der einfachen Formel „Wer die Erkenntnis (gnosis) der Wahrheit hat, ist frei“ (Philippus-Evangelium)[16]. Schon innerhalb der Formel wird letztlich deutlich, daß insbesondere der Dualismus eine starke Komponente der Gnosis ist. Er spielt auf allen Bereichen eine grundlegende Rolle. Nicht nur in der Kosmologie und -gonie hat er in differenzierter Form eine tragende Funktion in der Lehre von der Abwärtsentwicklung des Göttlichen, der Krise der Sophia bzw. Ennoia (Weisheit) am Rande und der Hervorbringung der schlechten Welt und des Zwischenreiches. Auch in der Beurteilung des als ungleich verstandenen Menschen ist er nicht zu unterschätzen. Abschließend mündet die Betrachtung der Elemente gnostischer Systeme in der Vorstellung von der Erlösung durch Wiederherstellung der geistigen Fülle (Pleroma) bzw. durch den Weltenbrand.

„[D]urchzogen wird dieser Dualismus von einem monistischen Gedanken“[17] und der ist letztlich der Grund, warum der Dualismus in der Gnosis so bedeutend ist. Die von Rudolph genannten Einflüsse des iranisch-zoroastrischen Dualismus zwischen gutem und bösen Gott, Platons Rede von den ewigen geistigen Ideen und den materiellen Abbildern („Seinsverlust“[18] )

[...]


[1] Valney 7.

[2] Adorno/Horkheimer 13.

[3] Fischer 118.

[4] Zitiert nach: Otto 241.

[5] Fischer 170.

[6] Lennhoff & Posner & Binder 94.

[7] Keiler 2.

[8] Begemann 273.

[9] vgl. Lennhoff & Posner & Binder 404ff.

[10] Gebelein 41.

[11] Gebelein 41.

[12] Gebelein 41.

[13] Gebelein 42.

[14] Gebelein 44.

[15] Rudolph 7.

[16] Rudolph 64.

[17] Rudolph 66.

[18] Rudolph 68.

Details

Seiten
13
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640895519
ISBN (Buch)
9783640896066
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170642
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Religionswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Rosenkreuzer Jacob Böhme Mystik Gnosis Gnostizismus Alchemie Hochgradsysteme Bauhüttentraditionen Templerlegenden Volkskunde Kulturwissenschaft Hermetic Studies Kabbala

Autor

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Titel: Irreguläre Freimaurerei und hermetische Traditionen