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Christologische Aspekte in „Jesus Christ Superstar“

Religionspädagogisch-theologische Analyse

Hausarbeit 2010 25 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum musikalischen Erfolg und Inhalt der Rockoper
2.1. Gesellschaftliche Aspekte der Entstehungszeit
2.2. Merkantiler Erfolg und inhaltliche Intention
2.3. „Entmythologisierung“ und Jesusbild(er) in JCS

3. Werkanalyse anhand der verwendeten Jesusbilder
3.1. Szenenüberblick und Vorgehensweise dieser Hausarbeit 6
3.2. Die Jesusbilder im Einzelnen 6
3.2.1. Judas und Jesus – Ausführer von Gottes Auftrag?
3.2.1.1. Judas als rebellischer Held bei Reuber
3.2.1.2. Eigene Beiträge: Judas als Prophet
3.2.1.3. Fragen zum Jesusbild: Gott, Prädestination, Theodizée
3.2.2. Die Priester / Pharisäer und Jesus als Opfer der religiösen Institution
3.2.3. Pilatus’ Schuld und Jesus als politisches Opfer
3.2.4. Herodes und Jesus als Opfer des Kapitalismus
3.2.5. Petrus, die Jünger und der rätselhafte Jesus
3.2.5.1. Die Jünger als ahnungslose Säulen der Kirche bei Reuber
3.2.5.2. Eigene Beiträge zu Gewaltverzicht, Petrus und Nachfolge
3.2.6. Maria Magdalena, die Frauen und der Mann Jesus
3.2.7. Das Volk und kein Superstar
3.3. Zusammenfassung und Schlussbemerkungen 18

4. Jesus – gottgleich oder gottähnlich? – ein Exkurs in die Kirchengeschichte

5. Kurze Hinweise zum Einsatz von JCS im Religionsunterricht

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

Nummeriertes Szenenblatt der Rockoper

1. Einleitung

Die Darstellung der Gestalt Jesu in „Jesus Christ Superstar“ (JCS) wird untersucht. Hierzu werden die gesellschaftlich-politische Themen der Entstehungszeit von 1970 mitberücksichtigt, die sich in den Texten und Szenen teilweise provokant widerspiegeln (Kapitel 2).

Der Schwerpunkt liegt in den starken Abweichungen der Darstellung von Jesus und Judas gegenüber christlicher Überlieferung - diese „Entmythologisierung“ Jesu und „Rehabilitierung“ Judas’ wird besonders untersucht werden (Kapitel 3).

Die Szenenanalysen ergeben viele Facetten des Jesusbildes als Mensch und Anknüpfungspunkte an damalige (1970) wie heutige Lebenswelterfahrungen (2010).

Dabei werden immanente theologische Grundfragen berührt, von denen eine in einem kirchengeschichtlichen Exkurs (Kapitel 4) exemplarisch behandelt wird.

Im letzten Kapitel erfolgen Hinweise für einen Einsatz von JCS im Religionsunterricht

2. Zum musikalischen Erfolg und Inhalt der Rockoper

2.1. Gesellschaftliche Aspekte der Entstehungszeit

Andrew Lloyd-Webber und Tim Rice schufen das Werk 1970 – in welchen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geschah dies?

Die Entstehungsjahre des Werks sind geprägt von einer internationalen Friedens- und Bürgerrechtsbewegung, der sog. „sexuellen Revolution“ mit ihrem emanzipatorischen Potential für Frauen, aber auch neuen Formen politischer Agitation mit Studentenunruhen, Demonstrationen, Blockaden und Boykotten (z. B. der Spruch: auf einem Transparent bei der Rektoratsübergabe 1967 in der Hamburger Universität: „Unter den Talaren Mief von 1000 Jahren“).

Dazu gehörte auch eine antikapitalistische Konsumkritik, verbunden mit der Suche nach neuen religiösen Impulsen (v. a. östliche Religionen).

Experimentelle Tendenzen in Musik, Kunst (Beuys, Warhol) und Mode schufen eine eigene Pop- sowie Jugendkultur.[1]

2.2. Merkantiler Erfolg und inhaltliche Intention

Rice (Text) und Webber (Komposition) bezeichneten ihr Werk mit Absicht als „Rockoper“ (und nicht als Musical). Reuber weist auf die Komposition verschiedenster Stilrichtungen in JCS hin, wie „…Hard Rock, …Beatmusik, Ausflüge in den Rap, Soul, Charleston, die Folkmusic…und…schließlich…Vokabeln der Romantik.“[2]

Trotzdem wird in der musikalischen Fachliteratur das Werk als Musical geführt.[3]

Reuber verweist umfangreich auf den großen merkantilen Erfolg mit vielen tausend Aufführungen von 1971 – 1980 am Broadway, und wieder gewachsenem Interesse an Aufführungen auch in Deutschland[4].

Es stellt sich hier die Frage, ob Webber und Rice mit JCS ausschließlich merkantile Gründe hatten – also einerseits musikalisch zwar kunstfertig vorgingen, aber inhaltlich bzw. theologisch entweder oberflächlich blieben oder im Gegenteil unverantwortbar provozierten, nur um Aufsehen zu erregen.

So weist Siedhoff darauf hin, dass in Südafrika die Aufführung von JCS wegen Blasphemie verboten wurde[5], ergänzt aber auch: „Der 25jährige Rice und der 21jährige Lloyd Webber waren sich des Risikos, religiöse Gefühle zu verletzen, durchaus bewusst, dennoch waren beide von der Attraktivität einer unverbrauchten und heutigen Vermittlung der Passionsgeschichte überzeugt.“[6]

Der Musiklehrer und Theologe Reuber beurteilt die inhaltliche Qualität weniger als provokativ, sondern eher als oberflächlich: „Manche Lyrics sind allerdings recht oberflächlich, stehen offensichtlich im Dienste merkantilen Erfolgs und zeugen nicht von theologischer Durchdringung,…!“[7]

2.3. „Entmythologisierung“ und Jesusbild(er) in JCS

Reuber ergänzt sein Urteil über eine teilweise Oberflächlichkeit des Werks und spricht von der „….unbestreitbare(n) Erfahrung der Hörer…., bei denen die Songs sehr wohl religiöse und nachdenkliche Saiten zum Schwingen…bringen…!“[8] – er schildert damit m. E. mögliche religiöse Wirkungen – wie sieht es aber nun mit den genaueren theologischen Absichten von Webber und Rice aus?

Siedhoff urteilt folgendermaßen: „Lloyd Webber und besonders Rice durch seine unmittelbar gegenwärtige, bisweilen auch ironische Sprache suchten ihre menschlich gezeichnete Titelfigur in ihrer Verletzlichkeit zu entmythologisieren.“[9]

Auch der Musikexperte Walsh verwendet auffälligerweise den Begriff der „Entmythologisierung“: „…Wer ein ungebrochenes Verhältnis zu Jesus Christus hat, wird durch Jesus Christ Superstar nicht aufgeschreckt…Entmythologisierung findet im konstruktiven Sinne statt…!“[10]

Zum Begriff „Entmythologisierung“

In der protestantischen Theologie ist dieser Begriff durch Rudolf Bultmann geprägt worden, der damit das in den Evangelien enthaltene mythologisch-antike Weltbild trennen will von der eigentlichen Botschaft, damit diese Botschaft in der Moderne verständlich bleibt: „Soll also die Verkündigung des Neuen Testaments ihre Gültigkeit behalten, so gibt es gar keinen anderen Weg, als sie zu entmythologisieren.“[11]

Bedeutet dies, Webber und Rice hätten (im Sinne Bultmanns) die Passionsgeschichte einfach nur „entmythologisiert“, wie Siedhoff andeutete? (s.o.)

Das Fehlen von Jesu Wundern und Auferstehung in JCS

Bultmanns Theologie stand und steht in der Gefahr, falsch interpretiert zu werden.

In der Tat lassen sich seine Aussagen, wenn sie aus dem Zusammenhang gerissen sind, schnell falsch verstehen, wie z. B.: „Die Wunder des Neuen Testaments sind damit als Wunder erledigt,…“[12] – damit wollte er die im Neuen Testament überlieferten Wunder nicht ausschließen oder wegerklären, sondern in ihren Aussageabsichten relativieren bzw. kritisch hinterfragen.[13]

Festzustellen ist, dass Webber und Rice in JCS die Wundertätigkeiten Jesu sowie seine Auferstehung einfach wegließen und sich damit dem Verdacht aussetzen , eine misslungene, falsch verstandene „Entmythologisierung“ in JCS vorgenommen zu haben. - oder ob sie, wie die Musikkritiker Siedhoff / Walsh urteilten, es geschafft haben, die biblische Botschaft mit ihren künstlerischen und zeitkritischen Mitteln von 1970 auch theologisch vertretbar neu zu interpretieren?

Immerhin betonen Reuber und viele religionspädagogisch wirkende Autoren, dass Rockmusik mit ihrem Ausdruck des Lebensgefühl heutiger Menschen längst religiöse Themen beinhalten: „So begegnet uns bei näherem Hinsehen auch und gerade in der Rockmusik religiöses Gedankengut“[14] (vgl. S.2/3: Frage nach Intention und Wirkung von Texten).

Es muss daher näher untersucht werden, ob der theologische Anspruch der „Entmythologisierung“ von Rice und Webber theologisch vertretbar ist und nicht nur oberflächlich-kritisch und merkantil erfolgreich provozierend stehen blieb.

Das Jesusbild in „Jesus Christ Superstar“

Reuber greift die oben behandelten zeitgeschichtlichen und theologischen Aspekte auf und schildert zugleich die zentrale Frage von JCS:

„Wenn sich der Zeitgeist auch seit der Entstehung des Musicals gewandelt hat, so bleibt doch die Erkenntnis, dass dieses Werk vielen unserer Zeitgenossen etwas zu sagen hat und dass es bei vielen Zuhörern Wesentliches anzustoßen vermag. Die Frage nach sich selbst, dem Sinn des Lebens und schließlich die Gottesfrage selbst: dokumentierte sich in dem menschlich allzumenschlichen Jesus tatsächlich Gott selbst?“[15]

Damit weist er die Grobrichtung des Jesusbildes in JCS: Die menschliche Seite des Christus, der Mensch Jesus von Nazareth, ist Thema des Werkes.

Reuber deutet damit an, dass in JCS theologische Grundfragen (z. B. Gottesfrage) berührt werden und somit theologisch legale Fragestellungen initiiert werden, die zeitunabhängig immer wieder neu und aktuell gestellt werden.

Meines Ermessens ist dies zustimmenswert, wenn dabei keine abschließenden und allgemeingültigen Urteile bzw. Antworten erfolgen.

3. Kurze Werkanalyse anhand der verwendeten Jesusbilder

3.1. Szenenüberblick und Vorgehensweise dieser Hausarbeit

Siedhoff benutzt für JCS den Begriff „Stationendrama“ und deutet an, dass es in JCS mehr um eine schlaglichtartige Beleuchtung von manchmal widersprüchlichen (Siedhoff: „Gegensätzen“) Szenenbildern ginge.[16]

Reuber geht in seiner Werkanalyse deshalb wohl auch nicht chronologisch vor, sondern ordnet die Szenen nach ihren Themen – ähnlich wird nun in dieser Hausarbeit gegliedert: Die Gestalt Jesu wird anhand seiner Interaktion mit bestimmten Personen bzw. Motiven untersucht, und deshalb werden die verschiedenen Szenen (1 - 28), die im Anhang aufgelistet und nummeriert sind, in diesem Kontext zusammengefasst und behandelt, und nicht in der Reihenfolge ihrer Auftritte.

Leider konnte ich neben Reuber, der katholischer Theologe und gymnasialer Musiklehrer ist, keine weitere theologische Fachliteratur zu JCS finden. Deshalb werden Reubers Analysen ergänzt durch eigene Textanalysen. Wichtig dabei sind die zur Entstehungszeit von JCS relevanten gesellschaftlichen Bezüge (vgl. 2.1.), die sich in den Facetten der Gestalt Jesu in JCS abbilden.

Zu Beginn der Analyse wird die Gestalt des Judas einen großen Raum einnehmen, weil hier Webber und Rice äußerst tiefgreifende Abweichungen von der christlich-biblischen Tradition vorgenommen haben und mit Judas’ Darstellung gleichzeitig zentrale Aussagen über Jesus in JCS erkennbar werden.

3.2. Die Jesusbilder im Einzelnen

3.2.1. Judas und Jesus – Ausführer von Gottes Auftrag?

(relevante Szenen: 2, 4, 5, 14, 15, 16, 24, 26)

3.2.1.1. Judas als rebellischer Held bei Reuber

Die Gestalt des Judas als Symbol des verdammten Verräters - wie Dithmar eindrucksvoll schildern und belegen[17] – wurde bereits im judenkritischen Johannesevangelium geprägt. Die fatalen Auswirkungen seiner Dämonisierung, sind in der

christlichen Literatur und Kunst manifestiert und überdeutlich.[18]

Judas erhält in JCS eine deutlich positive Rolle , Siedhoff nennt ihn den „…zweifelnden Kommentator des Geschehens, …vergleichbar mit der Rolle des …..Che in EVITA (1978).“[19] Evita ist ebenfalls ein Werk von Webber und Rice, auch in Evita wurde Jahre später eine derartige Figur geschaffen.[20]

Reuber erkennt in Judas einen „rebellischen Helden“[21], der sich oft mit Elementen des Hardrock ausdrückt: Judas’ Monolog (2) zu Beginn von JCS und sein Part vor der Kreuzigung (26) haben in der Bibel keine Entsprechungen und machen daher in besonderer Weise die Intentionen von Webber und Rice offenkundig – Judas übernimmt die zweifelnde Stimme der Gegenwart, den rebellischen Helden, und übernimmt in dieser Umdeutung der christlichen Tradition einen Großteil der angesprochenen „Entmythologisierung“ (vgl. Kapitel 2.3. / 2.4.).

So beschreibt Judas den Weg Jesu als menschlichen Irrweg („ I remember when this whole thing began: No talk of God then, we called you a man….!), und sagt präzise die Erwartungen des Volkes an den göttlichen Messias mit allen tödlichen Konsequenzen voraus („They think they found the new messiah - and they’ll hurt you when they think you’ve lied!“).Bei dem allen beschreibt er – diese Zerrissenheit wird musikalisch und textlich deutlich – zwar seine Kritik, aber auch seine Nähe zu Jesus („my admiration for you hasn’t died“).

Neben der Gefahr, die vom Volk ausgeht, wird aber (vgl. Titel der Szene: „Heaven on their minds“) auch deutlich die Kritik an den Jüngern geübt: sie schweben im Himmel und erschaffen eine „Superstarfigur“ (Ich führe weiter: hier wird eine typische Kritik an der Kirche im Sinne der 1970er Jahre geübt).

[...]


[1] Vgl. hierzu Reuber 2007, S.14-16: Popmusik zwischen Hippiekultur, religiösem Erwachen und politischem Protest

[2] Reuber 2007, S. 7

[3] A. a. O., S.7 (eigener Hinweis: vgl. die Verfilmungen von 1973 und 2000, oder Aufführungen in Mayen / Eifel 2010, in Klagenfurt 2009, oder beim katholischen Weltjugendtag in Bonn 2005)

[4] Reuber 2007, S. 10

[5] Siedhoff 2007, S.290

[6] A. a. O.

[7] Reuber 2007, S.7

[8] Reuber 2007, S. 7

[9] Siedhoff 2007, S.290

[10] Walsh 1992, S. 227-229, zitiert in: Reuber 2007, S.11

[11] Bultmann 1948, S.22

[12] Ders., S.18

[13] Vgl. Bultmann: Jesus 1967, S. 118 ff. über „Wunderglauben“, Text bereits aus dem Jahr 1926

[14] Reuber 2007, S. 11, vgl. zu diesem Themengebiet auch Schweitzer 2009, S.2 „Ebenso bekannt ist inzwischen aber auch, dass aus.Kirchendistanz nicht auf ein allgemeines Desinteresse an Religion geschlossen werden darf. Viele Jugendliche, die mit der Kirche nichts am Hut haben wollen, finden Religion und religiöse Fragen trotzdem wichtig und interessant. Es ist kein Zufall, dass die von Jugendlichen präferierte Kultur – Musik, Filme und Literatur – voller religiöser Bezüge ist.“ oder auch Oesselmann / Rüppell / Schreiner 2008, S.11:„Die Prophezeiung vieler Religionswissenschaftler und -soziologen, dass Religion zunehmend unbedeutender würde, hat sich nicht bewahrheitet. Die ‚Wiederkehr der Götter’ (F.W. Graf ) bringt auf den Punkt, dass religiöse Glaubensformen und Sprachmuster in vielerlei Transformationen erstaunlich lebendig sind.“

[15] Reuber 2007, S.9 / 10, vgl. zum Menschsein Jesu das entsprechende Fehlen von Wundern / Auferstehung in JCS, wie oben bereits S. 3 / 4 erwähnt)

[16] Siedhoff 2007, S. 291: „Das Stück lebt von Tableaus, die jeden pathetischen Gestus meiden, sondern vielmehr in ihrer Reihung ein Stationendrama bilden. Ferner bezieht es seine stupende Wirkung von extremen Gegensätzen...“ ,

[17] Vgl. hierzu das etwas unübersichtliche, aber umfangreich mit Quellen, Texten ausgestattete Werk von Reinhard & Volker Dithmar: Der Fall Judas im fächerverbindenden Unterricht, 2004

[18] Dieselben: Die Sammlung von Bildern und Literatur, z. B. die urkirchliche, monströse Judaslegende oder Walter Jens, der 1975 mit: „Der Fall Judas“ dessen Rehabilitierung postulierte.

[19] Siedloff 2007, S.290

[20] Vgl. Siedhoff, a. a. O., und Reuber 2007, S.21

[21] Reuber 2007, S.25

Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640901173
ISBN (Buch)
9783640901821
Dateigröße
543 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170798
Institution / Hochschule
Evangelische Fachhochschule Freiburg
Note
1,0
Schlagworte
christologische aspekte christ superstar“ religionspädagogisch-theologische analyse

Autor

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