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Die Bedeutung von Religion in der postmodernen Gesellschaft

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Religionsbegriff
2.1 funktionale Betrachtung
2.2 substantielle Betrachtung

3. Das Phänomen Säkularisierung
3.1 Dimensionen von Säkularisierung
3.2 Kritik an der Säkularisierungsthese

4. Rational-Choice-Ansatz

5. Die Bedeutung der Religion in der Postmoderne

6. Fazit

7. Literaturangaben

1. Einleitung

Die Frage danach, was Religion in einer postmodernen Gesellschaft bedeutet, ist wahrlich keine leicht zu beantwortende, so beschäftigt sich auch die Soziologie damit, was dieser Begriff eigentlich meint. Emile Durkheim gilt als ein Gründervater der funktionalen Bestimmung von Religion, Thomas Luckmann hingegen beschreibt die Religion als Teilsystem des Gesamtsystems Gesellschaft, andere Theoretiker sprechen von einer Illusion der Religion, von einer säkularisierten Welt, in der wir leben. So verschieden die Betrachtungsweisen und Definitionsansätze der Wissenschaftler sind, so unterschiedlich können auch die Meinungen über das Verhältnis von Religion und postmoderner Gesellschaft sein: Einige Theoretiker behaupten, wir leben in einer nahezu religionslosen Welt, einer Welt ohne Konfessionen, andere wiederum behaupten, die Formen religiösen Daseins sind lediglich einem Wandel unterlegen, werden zunehmend privatisiert und individualisiert ausgelebt.

Definitionsversuche zum Begriff „Religion“ gibt es viele, im Folgenden sollen funktionaltheoretische und strukturtheoretische Ansätze einer Begriffsdefinition vorgestellt werden, um sich dem Begriff anzunähern. Daran anschließend möchte ich mich dem Phänomen der Säkularisierung und dem Rational-Choice-Ansatz widmen. Später werde ich schließlich versuchen, die Frage zu beantworten, ob wir es in unserer postmodernen Gesellschaft nun mit einer religionslosen, säkularen Welt zu tun haben bzw. in welcher Art und Weise uns die Religion heutzutage begegnet.

2. Der Religionsbegriff

Zwar können viele Religionen bereits auf eine lange Tradition zurückblicken, so beispielsweise das Christentum, dessen Entstehung auf das erste Jahrhundert datiert ist[1]. Dennoch zeigen begriffsgeschichtliche Studien, „daß von ´Religion` im Sinne einer spezifischen Kategorie der Wirklichkeitsauffassung erst seit dem 18. Jahrhundert die Rede ist“ (Kaufmann 2000, S.85). Besonders Philosophen der Aufklärung griffen den Gedanken auf, dass der Mensch von Natur aus Religion innehat, „gemessen daran aber ist er gegenüber jeder geschichtlichen Religion oder Konfession frei“ (ebd., S.86). Auch unsere heutige Auffassung von Religion ist „aufklärerischer Herkunft“, argumentiert der renommierte Soziologe Franz-Xaver Kaufmann.

Zwar gab es in der Vergangenheit eine Fülle an Versuchen, die Bedeutung des Terminus Religion zu klären, trotzdem gibt es bisher keine klare Definition des Religionsbegriffs. Nicht zuletzt der Pluralismus und die Vielfältigkeit der Religion führten dazu, dass „kein einzelnes Kriterium auf alle Phänomene zutrifft, die gemeinhin als „Religion“ bezeichnet werden. Derartigen Definitionsversuchen über die Benennung eines einzigen bestimmenden Merkmals oder einer Merkmalskombination wird in der Regel vorgehalten, dass sie entweder zu eng oder zu weit gefasst bzw. kulturell voreingenommen seien“ (Mastiaux 2008, S.18).

Ulrich Oevermann entwickelte ein Strukturmodell, welches drei Struktureigenschaften herausstellt, die phasenweise aufeinander folgen: Er nennt hier erstens das Bewährungsproblem, welches aufgrund des Bewusstseins der Endlichkeit des Lebens eine nicht abstellbare Bewährungsdynamik freisetzt, weiter führt er den Bewährungsmythos an, welcher „eine notwendige Hoffnung auf die Bewährtheit verbürgt“ (Franzmann 2006, S.53). Drittens schließlich nennt er hier „die Evidenz des Mythos aufgrund einer vergemeinschafteten Praxis“ (ebd, S.53). Oevermann macht deutlich, dass die Struktur von Religion als universell gilt, ihr Inhalt jedoch je nach Gestalt und Herkunft der Bewährungsmythen historisch variabel betrachtet werden muss, demnach „kulturspezifisch“ ist (vgl. ebd., S.53).

Oevermanns Strukturmodell verdeutlicht noch einmal mehr, dass es einen allumfassenden Religionsbegriff nicht geben kann und lediglich Merkmale herausgestellt werden können, die Religion charakterisieren. Ein solch allgemeiner Religionsbegriff müsste „nicht nur auf institutionalisierte Religionen zutreffen, sondern auch andere gemeinhin als religiös erachtete Phänomene umfassen“ (ebd., S.18). Ein allumfassender Religionsbegriff müsste so beispielsweise auch für Formen des Aberglaubens, des New Age, der Volksfrömmigkeit zutreffen (vgl. ebd., S.18). Da es kaum möglich ist, eine derart umfassende Definition von Religion herauszustellen, ohne den Begriff zu allgemein - und damit nicht mehr nur spezifisch auf religiöse Phänomene zutreffend - zu fassen, sollen im Folgenden zwei Typisierungen bearbeitet werden, welche die Bedeutung und das Wesen der Religion von unterschiedlichen Perspektiven aus erklären.

2.1 funktionale Betrachtung

„Funktionale Definitionen […] sehen Religionen vor allem durch die Leistungen bestimmt, welche sie für die Gesellschaft oder für die Individuen erfüllen“ (Mastiaux 2008. S.20). Funktionale Betrachtungen von Religionen können einerseits aus psychologischer Sicht, andererseits soziologisch orientiert, betrachtet werden. Psychologische Betrachtungsweise meint hier beispielsweise die Betonung der affektiven Funktion von Religion – „also die Bewältigung außergewöhnlicher emotionaler Zustände […] Wenn als ihr Wesen vor allem ihre Legitimationsfunktion - also die Begründung von Herrschaftsstrukturen - herausgestellt wird, handelt es sich dagegen um eine soziologisch orientierte funktionale Definition von Religion“ (Mastiaux 2008, S.20).

Emile Durkheim war es, der sich zu Lebzeiten mit dem Wesen des Totemismus- der primitivsten Religion, wie er sagt- befasste. Durkheim legte mit seinem 1912 in Frankreich erschienenen Werk „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ einen Grundstein für eine funktionale Betrachtungsweise von Religion. In diesem Werk analysierte er anhand des Totemismus in Australien und Nordamerika die Funktionsweise von Religion. Den Totemismus sieht Durkheim als Basis einer jeden Religion, alle Religionen entwickelten sich aus dieser primitiven Glaubensform (vgl. Durkheim 1984, S.128). Seinem Religionsbegriff legte er die folgende Definition zugrunde: „ Eine Religion ist ein solidarisches System von Überzeugungen und Praktiken, die sich auf heilige, d.h. abgesonderte und verbotene Dinge, Überzeugungen und Praktiken beziehen, die in einer und derselben moralischen Gemeinschaft, die man Kirche nennt, alle vereinen, die ihr angehören “ (Durkheim 1984, S.75). Schon diese Definition deutet an, dass Durkheim Religion als ein Kollektivgut ansieht, Glaube kann nur gemeinsam gelebt werden: „Man kann ihn zwar einige Zeit durch ganz persönliche Anstrengung aufrechterhalten; aber so entsteht er nicht und so wird er nicht erworben. Es ist sogar zweifelhaft, ob er unter diesen Umständen überhaupt erhalten werden kann. In der Tat hat der Mensch, der wirklich glaubt, ein unwiderstehliches Bedürfnis, ihn zu verbreiten. Dazu tritt er aus seiner Isolierung heraus“ (ebd., S.587). Er stellt somit heraus, dass der Glaube als fundamentale Bedingung religiösen Lebens nur aktiv ist, wenn er geteilt wird, es braucht also eine Gemeinschaft, um Religion am Leben zu halten (vgl. ebd., S.569f). Durkheim sah „als wesentliches Element der Religion die gesellschaftlichen Integration, welche von ihr ausgehe“ (Mastiaux 2008, S. 20). Die Religion entspringt demnach aus der Gesellschaft, gleichzeitig schafft die Religion eine Gemeinschaft und sichert das Fortbestehen der Gesellschaft. Durkheim kommt zu dem Schluss, dass die wahre Funktion der Religion darin besteht, „uns zum Handeln zu bringen und uns zu helfen zu leben“ (Durkheim 1984, S.558). Weiter sagt er, dass die Hauptaufgabe der Religion ist, „auf das moralische Leben einzuwirken“ (ebd., S.562). Durkheim beschreibt die Religion als „eine Realität“, „ein Mittel […] um die Menschen zum Leben zu bringen“ (ebd., S.575), die auch nicht durch Wissenschaft ersetzt werden kann.

Luhmann, der den Begriff der Religion ebenfalls durch seine Funktion bestimmt, sieht ebendiese als nach außen hin abgeschlossenes Teilsystem der Gesellschaft an. Die Funktion der Religion für die Gesellschaft sieht er darin, „die unbestimmbare, weil nach außen (Umwelt) und nach innen (System) hin unabschließbare Welt in eine bestimmbare zu transformieren, in der System und Umwelt in Beziehung stehen können, die auf beiden Seiten Beliebigkeit der Veränderung ausschließen“ (Luhmann 1977, S.26). Luhmann sieht die Funktion der Religion als eigenes - nach außen hin abgegrenztes System - also darin, Unbestimmbares bestimmbar zu machen, anders gesagt: Transzendentes erklärbar zu machen. Weiter betont Luhmann die Selektivität der Systemgrenzen, denn nur so können sie miteinander kommunizieren, die Systeme beobachten ihre jeweilige Außenwelt und sich selbst, unterscheiden und selektieren schließlich zwischen Umwelt und Innenwelt (vgl. ebd., S.13f).

Kritisiert wird der Ansatz der funktionalen Definition von Religion dahingehend, dass sich der ihm zugrunde gelegte Religionsbegriff nicht „auf seine funktionalistische Sicht reduzieren“ (Mastiaux 2008, S.20) lässt. Zwar charakterisiert er Religion als das, „was eine Gemeinschaft eint, [jedoch] muss dieses etwas in seiner Substanz als „heilig“ oder „sakral“, d.h. mit außeralltäglicher Ehrfurcht behandelt werden“ (ebd., S.20). Weiterhin wird kritisiert, dass die Betonung der Funktion der gesellschaftlichen Integration von Religion dazu führt, dass ein Verschwinden von Religion per Definition ausgeschlossen ist, solange keine Anarchie vorherrscht (vgl. ebd., S.21). Die Kritik zielt hier auf die Weite der Definition, die eine zunehmende Säkularisierung per se ausschließt.

2.2 substantielle Betrachtung

Während an der funktionaltheoretischen Betrachtung von Religion die Weite des ihm zugrunde gelegten Begriffsverständnisses beklagt wird, wird Vertretern der substantiellen Betrachtung von Religion häufig eine zu enge Definition des Terminus vorgeworfen. Hier finde „häufig eine zu große Konzentration auf kirchlich organisierte Religionen statt, so die Kritiker (vgl. ebd., S.21).

Eine substantielle Betrachtung von Religion bestimmt das Wesen ebendieser dadurch, was ihren Inhalt und ihre Form ausmacht. „Derartige Definitionen sagen etwa aus, dass sich Religion vor allem durch einen Glauben an etwas „Außerweltliches“ auszeichne (ebd., S.19), gemeint sind hier „übernatürliche“ bzw. „überempirische Mächte“ (ebd., S.19). Definitionen dieser Art sehen „als Grundlage von Religion die Erfahrung von etwas „Heiligem“ oder „Numinosem“, von etwas „Außeralltäglichem“ […]. Sie vertreten einen psychologisch orientierten substantiellen Religionsbegriff“ (Mastiaux 2008, S.19). Eher soziologisch geprägt ist die substantielle Definition der Religion bei Max Weber, der den sozialen Ursprung der Religion betont. Schließlich ist Grundlage einer Erfahrung von etwas Heiligem „die Teilhabe an Ritualen und die Mitgliedschaft in organisierten Gruppen“ (ebd., S.19). Weber stellte zudem Kriterien heraus, die den Begriff der Religion von dem der Magie abgrenzen. Zu diesen Kriterien zählt neben den von Propheten ausgearbeiteten Lehren und Geboten auch die Ausbildung von Priestern zu einer Expertenschaft, um hier nur zwei Beispiele zu nennen (vgl. ebd., S.20). Zwar sieht Weber den Glaube an das Heilige bzw. Transzendente als Grundlage der Religion – und gilt damit als Vertreter der substantiellen Definition von Religion - jedoch sieht er Religion zudem als „ein die Gesamtgesellschaft überspannendes Sinnsystem“ (ebd., S.32), was wiederum auf die Funktion von Religion verweist. Das Beispiel Weber verdeutlicht, dass sich viele Religionstheoretiker nicht eindeutig einer der beiden Betrachtungsweise zuordnen lassen, daher gelten ihre Definitionen von Religion zumeist als eher substantiell oder eher funktional. Neben dem Religionsbegriff gilt es im Folgenden, eine Annäherung an den Begriff der Säkularisierung durchzuführen, da dieser Grundlage für aktuell andauernde Debatten, auch in unserer Gesellschaft, bildet.

[...]


[1] Mehr zu diesem Thema: http://www.vierzehnheiligen.de/de/geschichte/geschichte_christentum.php, Zugriff am 19.07.2010 um 11:14Uhr.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640898510
ISBN (Buch)
9783640898404
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170811
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Soziologie
Note
2.0
Schlagworte
bedeutung religion gesellschaft

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