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Akkulturation muslimischer Schüler

Analysen zu Religion und Integrationsstatus

Bachelorarbeit 2011 44 Seiten

Medien / Kommunikation - Methoden und Forschungslogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen

3. Aktueller Forschungsstand
3.1 Berry's zweidimensionales Modell der Akkulturation
3.2 Berry's Rahmenmodell

4. Hypothesen

5. Em pirischer Teil
5.1 Stichprobe
5.2 Methode
5.2.1 Religiosität
5.2.2 Akkulturationstypen
5.2.3 Integrationsstatus
5.3 Ergebnisse
5.3.1 Deskriptive Ergebnisse
5.3.2 Inferenzstatistische Ergebnisse

6. Diskussion

7. Fazit und Ausblick

8. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Berry's Rahmenmodell der Akkulturation (1997)

Abbildung 2: Drei Cluster der Akkulturation

Abbildung 3: Zusammenhänge der aktuellen Studie

Abbildung 4: mögliche Untersuchungszusammenhänge für zukünftige Akkulturationsforschung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Berry's zweidimensionales Modell (1997)

Tabelle 2: ANOVA

Tabelle 3: Scheffé-Test

Tabelle 4: Homogene Untergruppen

Tabelle 5: Kreuztabelle: Akkulturationsstrategien * gesprochene Sprache imFreundeskreis

Tabelle 6: Chi-Quadrat nach Pearson

1. Einleitung

Nie zuvor wurde das Thema der Migration in Deutschland so heftig in Öffentlichkeit, Politik und Medien diskutiert. Beginnendmit den Anschlägen des 11. Septembers 2009 entwickelte sich die Migrationsdebatte in Deutschland zu einer neuen Dimension. Nach jahrelanger Diskussion über Integration, entflamm te Thilo Sarrazinmit der Veröffentlichung seines Buches „Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ die Debatten erneut und dies in unerdenkbarem Ausm aß. Im Fokus stehen dabeimuslim ische Migranten, diemit rund 3,2 bis 3,5 Millionen Menschen Deutschlands größte Migrantengruppe darstellen (Hünseler, 2009) und inzwischen zumfesten Bestandteil der Bevölkerung geworden sind. Im Gespräch ist dabei die Anpassungmuslim ischer Migranten an deutsche Lebensweisen und -gewohnheiten und die Integration in die Gesellschaft, wobei besonders Schulen und Bildungseinrichtungen die Aufgabe zukommt, jungen Muslim en den Eintritt und die Eingewöhnung in die Gesellschaft zu erleichtern. Die folgende Arbeit beschäftigt sich aufgrund der hoch aktuellen Debattemit der Akkulturationmuslim ischer Schüler in Deutschland und setzt es sich als Ziel, die Einstellungen junger Muslime hinsichtlich Akkulturation und Religion zu analysieren und damit die Relationen zwischen Akkulturationsstrategien, der Religiosität und dem Integrationsstatus zu untersuchen. Folgende Forschungsfragen sollen dabei diskutiert werden: Sind beimuslim ischen Schülern Akkulturationsm uster zu erkennen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Religiosität der Migranten und der präferierten Akkulturationsstrategie? Existiert ein Zusammenhang zwischen demIntegrationsstatus und der Akkulturationsstrategie und wie sind eventuell vorhandene Differenzen zu erklären?

Nach einem Überblick über Definitionsversuche und demVersuch einer Begriffsabgrenzung und -fokussierung auf Akkulturation, soll der aktuelle Forschungsstand aufgearbeitet werden. Dabei wird die Zusammenfassung einiger Studien dazu dienen, bisherige Forschungsbereiche, em pirische Disziplinen und die Reichweite der Akkulturationsforschung zu beleuchten. Grundlegend für die vorliegende Studie sind dabei zwei Akkulturationsmodelle nach Berry (1997). Nach der Erläuterung dieser Modelle werden die zu prüfenden Hypothesen und der empirische Teil der Arbeit vorgestellt. Dazu wird kurz die Stichprobe der Erhebung, sowiemethodische Prozesse dargestellt. Schließlich werden die Untersuchungsergebnisse präsentiert, diskutiert undmögliche Forschungsansätze und Prognosen für zukünftige Erhebungen form uliert. Die Autorin weist im Vorfeld darauf hin, dass die vorliegende Studie sehr fokussiert angelegt ist und Forschungsergebnisse eingeschränkte Gültigkeit besitzen.

2. Definitionen

Um das Feld der Akkulturation untersuchen zu können,muss vorerst geklärt werden, was Akkulturation bedeutet und welche Aspekte dazugehören. Dazu sollen zunächst einige Definitionen und ihre Besonderheiten untersucht werden.

Akkulturation kann einerseits auf Gruppenebene, durch die Untersuchung der Intergruppenrelationen, oder auf Individualebene betrachtet werden. Letzteres umfasst beispielsweise Studien zu akkulturativen Stressbewältigungstheorien, sowie Forschung über den Zusammenhang zwischen Akkulturation und dem Gesundheitsstatus. Eine einheitliche Auffassung des Begriffs besteht jedoch nicht, da zu viele, auf unterschiedliche Disziplinen orientierte Definitionen existieren. Jede dieser Begriffsbestimm ungen legt Akkulturation inhaltlich unterschiedlich aus und konzeptionalisiert sie passend für den jeweiligen Fachbereich. Bei solch einer großen Menge an Definitionen fällt es schwer, ähnliche Begriffe inhaltlich zu differenzieren. So werden zumBeispiel Akkulturation, Assim ilation, Akkommodation und Adaption oft verwechselt oder inhaltlich falsch eingebunden. Eine universelle Definitionmit allen Aspekten der Akkulturationsforschung ist aufgrund der begrifflichen Unschärfe nahezu unmöglich zu entwickeln. Im Folgenden soll trotzdemversucht werden, einen kleinen Überblick über bisherige Definitionsansätze zu geben.

Ursprünglich nutzen amerikanische Anthropologen um1880 den Begriff der Akkulturation, umdie Veränderung einer Kultur beimAufeinandertreffen zweier unterschiedlicher Kulturen zu beschreiben (Zick, 2010). Während dabei der kulturelle Aspekt dominierte, fokussierten spätere Studien den Wanderungsprozess und die (Aus-) Wanderungsgruppe. Dabei wurde jedoch vernachlässigt, dass auch innerhalb der Kultur, in welcher nicht gewandert wird, Akkulturation stattfinden kann (Berry, 2003).

Die erste umfassendere und in wissenschaftlichen Texten oft zitierte Definition lieferten Redfield, Linton & Herskovits (1936): „Acculturation comprehends those phenomena which result when groups of individuals having different cultures come into continuous first-hand contact, with subsequent changes in the original culture patterns of either or both groups." (Redfield, Linton & Herskovits, 1936, S. 149). Dam it wird der Begriff der Akkulturation abgegrenzt und eine Differenzierung zum„cultural-change", zur Diffusion und der Assim ilation, welche als Phase der Akkulturation gesehen wird, geschaffen. Einige Jahre intensiver Forschung später, form uliert Berry (1997)mehrere Grunddim ensionen, die Akkulturation beinhaltet. Er konstatiert, dass jeder, dieser Aspekte berücksichtigt werdenmuss, umAkkulturation vollständig zu analysieren. Dabei handelt es sich umfolgende Kontexte:

- Zeit: Esmuss berücksichtigt werden, ob es sich nur umeine tem poräre Aussiedlung oder eine dauerhafte beziehungsweise perm anente Auswanderung handelt.
- Umfang: Beziehen sich die Untersuchungen auf ein Individuum, eine Gruppe von Menschen oder eine ganze Kultur?
- Ursache: Dabei wird untersucht, ob die Migranten freiwillig oder aus Zwang beziehungsweise Flucht ihr Heim atland verlassen haben. Meistens wird dabei zwischen Gastarbeitern, Flüchtlingen, Asylbewerbern und Aussiedlern (Vertriebene) differenziert (Rudolph, 1996; Berry, 1997; Berry & Sam , 1997).
- Raum : Hierbei wird geprüft, in welchen räum liehen

Dimensionen die Migration stattfindet, das bedeutet, ob Menschen innerhalb eines kulturellen Kontextes umsiedeln oder extern, in einen anderen Kulturkreis auswandern.

In der aktuellen Forschung wird imm er wieder kritisiert, dass zwar viele Definitionsversuche existieren, diese aber wesentliche Aspekte des Akkulturationsprozesses vernachlässigen (Rudmin, 2003; Zick, 2010; Berry, 1997; Berry, 2003). Daraufhin stellte Zick (2010), aufbauend auf Berry's Ausführungen, eine Liste der Aspekte auf, die eine vollständige Definition enthalten sollte. Diese beinhaltet eine genaue Nennung der Dimensionen, die Richtung des Akkulturationsprozesses (Angleichung an oder Abkehr von der neuen Kultur), die Untersuchung unterschiedlicher Phänom ene bei Wanderern (Neuankömmlinge) und Einheim ischen und die genaue Klärung der Begriffe Akkulturationsprozess, Akkulturationsorientierung, Akkulturationseinstellungen und Akkulturationsstrategie. Außerdem fordert Zick eine genaue Abgrenzung zu anderen kontextnahen Begriffen, sowie die Einbindung des Kulturbegriffes.

Nach dieser kurzen Übersicht über Definitionsaspekte, soll das folgende Kapitel einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand und zu bisherigen Studien und Untersuchungen geben.

3. Aktueller Forschungsstand

Das Stichwort der Akkulturationsforschung ist Integration. Zahlreiche Studien them atisieren den Integrationsprozess und versuchen aktuelle Trends, Einstellungen und Probleme zu erfassen. So untersuchte Frese (2002) die subjektive Wahrnehmung von Integration und fand heraus, dassmit diesemBereich eher negative Assoziationen verbunden sind und Integration oft, vor allemaus Sicht der Migranten,mit Assim ilation gleichgesetzt wird. Sie sind häufig der Ansicht, dass eine lückenlose

Anpassung an die neue Kultur vorausgesetzt beziehungsweise von ihnen erwartet wird (Frese, 2002). Stattdessen haben junge Muslime den Wunsch, vollständig integriert zu sein, dabei aber dennoch ihre religiöse und kulturelle Besonderheit zu wahren und anerkannt zu bekommen (Brettfeld&Wetzels, 2007).

Hinsichtlich der Herkunft der Migrantengruppen gibt es überdurchschnittlich viele Studien zu türkisch-stämmigen Muslimen. Gruppen aus anderen Ländern (Iran, ehem alige GUS-Staaten, Nordafrika, u.a.) werden vergleichsweise selten untersucht. Diemeisten Studien fokussieren auf eine bestimm te Religions-- oder Altersgruppe, wobei Schüler und junge Muslime imMittelpunkt stehen. Angeregt durch die imm er wieder aufkommende Bildungsdebatte und die Integrationsfrage während der schulischen Ausbildung, liefern PISA und ähnliche Bildungsstudien ständig neue Diskussionspunkte, die es wissenschaftlich zu untersuchen gilt. So analysieren Brettfeld und Wetzels (2007) den Zusammenhang zwischen der Einstellung zu Integration und der tatsächlichen, praktischen Integration. Sie konnten feststellen, dass Muslimemit positiver Integrationseinstellung eine höhere sprachlich-soziale Integration aufweisen. Ein weiterer Schwerpunkt in der Akkulturationsforschung ist die Untersuchung der Religiosität der Migranten. Dabei gibt es zahlreiche Studien, die die Bedeutung von Religion speziell für junge Muslime erfassen (Heitm eyer, Müller&Schröder, 1997; §en&Sauer, 2006; Brettfeld&Wetzels, 2007, u.a.). Sie alle stimm en darin überein, dass die Religiosität bei jungen Muslimen erheblich stärker ausgeprägt ist als bei anderen Religionsrichtungen (Brettfeld&Wetzels, 2003). Gewöhnlich wird in den Studien zwischen der Einstellung zu Religion und der Religionspraxis differenziert (Brettfeld&Wetzels, 2007; Wilamowitz-Moellendorff, 2002). So klassifiziert beispielsweise Haug (2009) die subjektive Einschätzung der Gläubigkeit und das religiöses Verhalten, sowohl privat als auch rituell. §en und Sauer (2006) untersuchten den subjektiven Grad der Religiosität bei türkisch-stämm igen Muslim en und fanden heraus, dass sich 55 Prozent der Befragten als „eher religiös“ und 28 Prozent als „streng religiös“ bezeichnen würden. Sie konstatierten, dass es seit 2000 eine deutlich zunehmende Polarisierung gegeben hat, bei der sich Muslime entweder als sehr streng oder als gar nicht religiös bezeichnen. Ähnliche Ergebnisse findetman von Heitm eyer, Müller und Schröder (1997), die bei demGroßteil der befragten jugendlichen Muslime eine hohe Bedeutung der Religion, jedoch eine geringe Religionspraxis diagnostizieren. Diese Prognose unterstützen ebenfalls Brettfeld und Wetzels (2007), die heraus fanden, dass die Zahl der Muslim e, die nie oder selten beten anteilsmäßig hoch anzusetzen ist. So gaben knapp 20 Prozent der Befragten an, nie zu beten und weitere 16,5 Prozent erklärten, nur ein Paarmal im Jahr zu beten. Bei Männern ist die Religionsausübung stärker ausgeprägt als beimuslimischen Frauen (Brettfeld&Wetzels, 2003).

Weitere Forschungen konnten einen Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau und demGrad der Religiosität entdecken. Folglich steigt die Religiositätmit sinkendemBildungsniveau (Brettfeld&Wetzels, 2003; Eilers, Seitz&Hirschler, 2008). Der Anteil der Schülermit Migrationshintergrund ist an Hauptschulen (38 Prozent) wesentlich höher als an Gymnasien (14 Prozent) und die Ergebnisse verdeutlichen, „dass Muslime in fast allen Bereichen erheblich geringere Bildungserfolge erzielen als Angehörige der Vergleichsgruppen unter denselben Parametern.“ (Spenlen, 2010, S.62). Einschränkend ist hinzuzufügen, dass ein Großteil der Studien zwar bildungsspezifische Variablen erfasst, andere Prädiktoren, wie sozialer Status und Einreisealter jedoch unbeachtet lässt.

Ein ebenso großes Feld an wissenschaftlicher Forschung analysiert Sprache beziehungsweise Sprachkom petenz und den Kontakt zur Mehrheitskultur als Integrationsindikatoren. Bei der Untersuchungmuslimischer Schüler stellten Vedder und O'Dowd (1999) heraus, dass die Sprachkompetenz grundlegend für die soziale Integration ist und die Qualität der Beziehungen und Kontakte zur Mehrheitskultur bestimm t. Muslime zeigten eine schlechtere Sprachperform anz als andere Migrantengruppen, besonders, wenn die Jugendlichen angaben, sehr religiös zu sein (Vedder&O'Dowd, 1999). Für türkische Migranten zeigte Wilam owitz-Moellendorff (2002), dass die Nutzung der deutschen Sprache nicht einheitlich ist, sondern zwischen den verschiedenen Lebensbereichen[1] unterschieden werdenmuss. So wird amArbeitsplatzmeist Deutsch gesprochen, während in der Fam ilie die türkische Sprache vorherrschend ist. Die Sprache in der Freizeit ist zwar frei wählbar, bleibt jedochmeist Türkisch. Diesbezüglich konstatierte Wilamowitz-Moellendorff ein deutliches Integrationsdefizit.

Haug (2009) untersuchte dazu den Kontakt der Migranten zu deutschen Mitm enschen und entdeckte, dass der Anteil derjenigen, die nie Kontakte zu Deutschen haben relativ hoch ist - besonders bei Migranten aus der Türkei, demIran und Afrika (15 bis 19 Prozent). In vergleichbaren Studien gaben 63,3 Prozent der jungen Muslim e an „gar keine“ oder „nur wenige“ deutsche Freunde zu haben (Brettfeld&Wetzels, 2007). Der Kontakt dient außerdemals Indikator für die religiöse Einbindung. Es konnte nachgewiesen werden, dass Muslime, die regelmäßig den Gottesdienst besuchen, weniger Kontakte zu Deutschen haben (Haug, 2009). Des weiteren gab es erhebliche Differenzen zwischen Muslimenmit deutscher Staatsbürgerschaft und jenen, die sie nicht besitzen (Brettfeld&Wetzels, 2007; Wilamowitz- Moellendorff, 2002).

All diese Studien versuchen Zusamm enhänge zwischen den Prädiktoren zu finden und Voraussetzungen für eine vollständige Integration zu kreieren. Dabei ist das Netz der Einflussfaktoren so vielseitig, dass kaumalle Elemente gleichzeitig erfasst werden können und es nahezu unmöglich ist, alle zu berücksichtigen.

Im Gegensatz dazu wurde Akkulturation früher als eindimensionaler Prozess verstanden, näm lich als Anpassungsprozess der Minderheitskultur an die neue Kultur. Erst Berry (1997) definierte einen zweidimensionalen Prozess auf der Grundlage des Bikulturalismus und entwickelte ein Modell, in demerstm als Aspekte für beide beteiligten Kulturen enthalten waren. Dieses Modell soll imnächsten Kapitel erläutert, veranschaulicht und hinterfragt werden.

3.1 Berry's zweidimensionales Modell der Akkulturation

Berry's Modell (1997) ist das erste, welches Akkulturation als zweidimensionalen Prozess versteht. Die erste Dimension benennt Berry als „culturalmaintenance“ (Berry, 1997, S.9). Dabei geht es darum, wie wichtig es für die Migranten ist, ihre kulturelle Identität zu wahren und sich zu bem ühen, die Charakteristiken der Kultur des Herkunftslandes beizubehalten[2]. Die zweite Dimension impliziert „contact and participation" (Berry, 1997, S.9). Sie beinhaltet den Aspekt,mit der Aufnahmekultur in Kontakt und Interaktion zu treten.[3] Werden die Dimensionen gleichzeitig berücksichtigt, so können beide

Fragestellungen jeweilsmit Ja oder Nein beantwortet werden. Berry spannt folglich,mit Hilfe zweier bipolarer Pfeile[4], ein System auf, in welchemvier Akkulturationsstrategien ähnlich einer Vier-Felder-Tabelle zu finden sind (Tabelle 1 ).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Berry's zweidimensionales Modell (1997)

Werden beide Fragenmit JA beantwortet, definiert Berry eine integrative Strategie. Dabei werden gewisse Aspekte der Herkunftskultur beibehalten und gleichzeitig Charakteristiken der neuen Kultur adaptiert.

Der Kontakt zu beiden Kulturen fördert indes Flexibilität, aber auch Stabilität und Vielfältigkeit. Assimilation hingegen ist die vollständige Übernahme der kulturellen Muster der Mehrheitskultur und eine absolute Identifikationmit der Aufnahmegesellschaft. Die ursprüngliche ethnische Identität wird dabei abgelegt (Gordon, 1964). Im Gegenteil dazu nennt Berry Separation, bei der die Menschen ihre alte Kultur beibehalten und es ablehnen,mit der neuen Kultur in Kontakt zu treten. Besteht kaumInteresse die alte Kultur beizubehalten, sowie wenig Interesse die neue Kultur anzunehmen, dann definiert Berry diesen Prozess als Marginalisation.

Die Wahl der Strategie ist abhängig von Zeit und Kontext, persönlichen Präferenzen, der Gesellschaft (unterschiedliche Gesellschaften fördern und wünschen unterschiedliche Strategien) und der persönlichen Entwicklung. Berry geht jedoch davon aus, dass die Individuen selbst und freiwillig wählen können, welche Strategie sie präferieren (Berry, 1997). Dennoch ist es möglich, dass sich die Strategie während des Prozesses ändert.

Eine Bestätigung des Modells liefern Berry, Sam, Vedder und Phinney (2006) mit einer Untersuchung, bei der die Probanden hinsichtlich der verschiedenen Akkulturationsstrategien eingeteilt wurden. Das Forscherteam konnte die Strategien Integration, Separation und Assimilation nachweisen, jedoch keine eindeutige Marginalisationsstrategie.[5]

Berry's Modell zeigt den Prozess der Akkulturation aus Sicht der Minderheitskultur. Basierend auf der Kritik, dass auch in der Mehrheitskultur akkulturiert werden kann (Zick, 2010), ergänzte Berry (2001) sein Modell um die Perspektive der Kultur beziehungsweise Gesellschaft, welche die Migranten aufnimmt. Dazu wird eine neue Dimension, in Form des Einflusses der dominanten Gesellschaft, eingeführt. Der Prozess der Assimilation wird aus Sicht der Mehrheitskultur zum „melting pot“ (Berry, 2001, S.620).

[...]


[1] Die untersuchten Lebensbereiche sind Arbeitsleben, Fa milie und Freizeit.

[2] Umdiese Dimension zu erfassen, nutzt Berry die Frage: ,,Is it considered to be of value tomaintain cultural identity and characteristics? (Berry&Sa m, 1997, S.296)

[3] Berry nutzt folgende Frage:,, Is it considered to be of value to maintain relationships with do minant society?“ (Berry&Sa m, 1997, S.296)

[4] Die Pfeile stellen die Antwortm öglichkeiten (Ja oder Nein) dar.

[5] Die Strategie der Marginalisation konnte nicht nachgewiesen werden und wurde in der Untersuchung von Berry et al. (2006) durch den Begriff des „diffuse profile“ (Berry et al., 2006, S.315) ersetzt.

Details

Seiten
44
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640898756
ISBN (Buch)
9783640898787
Dateigröße
880 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170835
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Kommunikationswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Muslim Migration Integration Kommunikation Religion Islam

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