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Familiäre und kulturelle Konflikte in Fatih Akins 'Auf der anderen Seite'

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Auf der anderen Seite
2.1. Figuren
2.2. Handlung

3. These

4. Definitionen
4.1. Familie
4.2. Kultur

5. Figuren in der „Presse“ zwischen individuellen Wünschen und kulturellen
5.1. Yeter
5.2. Ayten
5.3. Lotte

6. Familie als Überlebensraum

7. Grenzen
7.1. Yeter und Ayten
7.2. Susanne und Lotte

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Es sieht düster aus für die Bundesrepublik Deutschland des Jahres 2011: „1962 wurden in Deutschland 1316534 Babys geboren. Im Jahr 2010 waren es nicht mal halb so viele.“[1] Gleichzeitig nimmt die Anzahl nichtehelicher Lebensgemeinschaften unweigerlich zu: „So ist der Anteil von Personen, die einer ehelichen Familienform angehören, zwischen 1996 und 2005 um 13% gesunken. Im Gegenzug ist ein starker Anstieg nichtehelicher Lebensformen (mit und ohne Kinder) zu beobachten.“[2] Es scheint, als sei das Ende der kleinbürgerlichen Familie nahe. Doch außer ein paar konservativen Politikern scheint das niemanden zu beunruhigen – hat doch bereits Sigmund Freud „die Familie als Kriegsschauplatz beschrieben“.[3] Unzählige deutsche Schriftsteller folgten seinem Beispiel: „Wer will, kann sich von der ersten bis zur letzten Minute des zwanzigsten Jahrhunderts in der Literatur mit Munition gegen Familiengründung und Familienleben ausrüsten.“[4] Zwar wollen die Deutschen offensichtlich keine Familien im althergebrachten Sinn (Vater, Mutter und Kinder) gründen, größtenteils scheinbar gar keine Kinder mehr bekommen. Doch gleichzeitig wächst hierzulande „die Angst vor Überfremdung“[5], weil nach Deutschland eingewanderte Menschen mehr Kinder bekämen. Schon werden die Rufe nach einer neuen Integrationspolitik laut, denn „Multikulti ist tot“[6]. Und tatsächlich scheint es fast, als habe eine interkulturelle Welt keine Chance: „Ich sage ja zur Integration, aber nein zur Assimilation. Niemand wird in der Lage sein, uns von unserer eigenen Kultur und Identität loszureißen.“ Diese Worte richtete der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Rede im Frühjahr 2011 in Düsseldorf an in Deutschland lebende Türken und türkischstämmige Deutsche und forderte, in der BRD lebende Türken sollten ihren Kindern zuallererst Türkisch beibringen, bevor sie dann Deutsch lernen könnten.[7] Und genau wie einige darauf folgende Reaktionen deutscher Politiker belegen diese Äußerungen vor allem eines: alle bisherigen „Integrationsgipfel“ haben nicht geholfen, das Misstrauen zwischen Deutschen und Türken abzubauen. Vielmehr scheint der Graben 18 Jahre nach Huntingtons „Kampf der Kulturen“-These immer tiefer zu werden, wie der anhaltende Verkaufserfolg von Integrationsskeptikern wie Thilo Sarrazin zu belegen scheint.

Wie also umgehen mit den großen Themen ‚Familie‘ und ‚Kultur‘? Wenn sowohl die Politik als auch die Elite deutscher Sachbuchschreiber keine brauchbaren Antworten bieten, lohnt vielleicht ein Blick auf ein sonst eher für seichte Unterhaltung bekanntes Genre: den Film.

Der Deutsch-Türke Fatih Akin, ein in Hamburg lebender Regisseur, wurde 2004 mit dem Drama Gegen die Wand berühmt. Der Film zeigt das Schicksal einer jungen türkischstämmigen Frau in Deutschland, die eine Scheinehe mit einem älteren, alkoholkranken Mann eingeht, um ihrem strengen Elternhaus zu entkommen. Gegen die Wand war der erste Teil einer von Akin geplanten Trilogie über „Liebe, Tod und Teufel“. Im Jahre 2007 folgte mit Auf der anderen Seite der zweite Teil eben dieser Trilogie[8], der in dieser Arbeit untersucht werden soll. Dabei wird die These vertreten, dass die Figuren in Akins Film in einer „Kulturpresse“ gefangen sind und von dieser erdrückt zu werden drohen. Anschließend soll dann untersucht werden, welchen Ausweg Akin aus diesem Dilemma aufzeigt, wobei argumentiert wird, dass die Institution ‚Familie‘ im Film als universeller Überlebensraum präsentiert wird, der einen Ausweg aus kulturellen Zwängen ermöglicht. Anschließend werden die Grenzen dieser Argumentation aufgezeigt, bevor die gefundenen Ergebnisse abschließend in einem Fazit zusammengefasst werden. Doch bevor mit der oben skizzierten Analyse begonnen wird, sollen im Folgenden kurz einige Informationen zu Akins Auf der anderen Seite zusammengefasst, die Handlung und die Figuren des Films erläutert sowie die zentralen Begriffe dieser Arbeit, ‚Familie‘ und ‚Kultur‘, definiert werden.

2. Auf der anderen Seite

Mit Auf der anderen Seite gelang dem deutsch-türkischen Regisseur Fatih Akin im Jahr 2007 nach Gegen die Wand (2004) ein imposanter zweiter Teil seiner Liebe, Tod und Teufel-Trilogie. Der Film gewann unzählige deutsche und internationale Auszeichnungen[9] und war sogar bei der Oscar-Verleihung 2008 in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert.

Das Drama erzählt die Geschichten von sechs Menschen, die zunächst in drei Eltern-Kind-Paaren gezeigt werden. Dabei ist der Film (neben Pro- und Epilog) in drei Kapitel unterteilt, die wiederum durch Zwischentitel voneinander abgegrenzt sind. In struktureller Hinsicht ist auffällig, dass Akin in Auf der anderen Seite regen Gebrauch von „vielen sorgfältigen Parallelkonstruktionen“[10] macht, fast alles passiert doppelt. Dabei ist der Film langsam geschnitten, es dominieren „totale und hell fotografierte Einstellungen den Duktus des Films“[11]. Im Folgenden sollen die Figuren kurz vorgestellt sowie die Handlung der drei Kapitel des Films zusammengefasst werden.

2.1 Figuren

- Ali Aksu (gespielt von Tuncel Kurtiz): Ali ist ein türkischer Einwanderer der ersten Generation. Er lebt als einsamer Witwer und Rentner in Bremen und ist der Vater von Nejat.
- Nejat Aksu (gespielt von Baki Davrak): Nejat ist Deutsch-Türke der 2. Generation und arbeitet als Germanistikprofessor in Hamburg. Der introvertierte Mann ist Alis Sohn.
- Yeter Öztürk (gespielt von Nursel Köse): Die türkische Einwanderin erster Generation arbeitet als Prostituierte in Bremen. Sie ist Witwe und hat eine in der Türkei lebende Tochter, Ayten.
- Ayten Öztürk (gespielt von Nurgül Yesilcay): Die türkische Studentin und linke Polit-Aktivistin ist Yeters Tochter. Sie lebt in Istanbul.
- Susanne Staub (gespielt von Hanna Schygulla): Eine alleinstehende deutsche Hausfrau, Mutter von Lotte.
- Lotte Staub (Patrycia Ziolkowska): Die deutsche Studentin lebt mit ihrer Mutter in einem Hamburger Vorort.

2.2 Handlung

1. Mai, Bremen: Im ersten Kapitel („Yeters Tod“) beginnt Ali eine Beziehung mit der Prostituierten Yeter, was seinen Sohn Nejat skeptisch macht. Als dieser Yeter besser kennen lernt und erfährt, dass diese ihrer Tochter Ayten in Istanbul das Studium finanziert, toleriert er die Beziehung jedoch und freundet sich mit Yeter an. Als sein Vater Yeter im Streit erschlägt, bricht Nejat den Kontakt zu ihm ab und reist nach Istanbul zu Yeters Beerdigung. Dort beschließt er, Ayten zu suchen und ihr das Studium zu finanzieren, wobei er zufällig eine deutsche Buchhandlung in Istanbul übernimmt.

1. Mai, Istanbul: Im zweiten Kapitel („Lottes Tod“) flieht die linke Politaktivistin Ayten vor der türkischen Polizei aus Istanbul nach Hamburg. Dort lernt sie die Studentin Lotte kennen und lieben. Lotte nimmt Ayten gegen den Willen ihrer Mutter Susanne in deren Haus auf, bis Ayten verhaftet und in die Türkei abgeschoben wird. Lotte reist nach Istanbul um Ayten zu helfen. Bei einem Besuch im Gefängnis bittet Ayten Lotte, eine Pistole aus einem Versteck zu holen und sie einem Politaktivisten zu übergeben. Bei dem Versuch, Aytens Bitte nachzukommen, kommt Lotte ums Leben.

Die beiden oben genannten Erzählstränge, die parallel ablaufen, kommen im dritten Kapitel („Auf der anderen Seite“) ca. ein Jahr später zusammen, wenn Susanne und Ali gleichzeitig den türkischen Zoll am Istanbuler Flughafen passieren. Von nun an gibt es nur noch diesen einen Erzählstrang: Ali wurde aus Deutschland ausgewiesen und Susanna fliegt nach Istanbul, um ihrer toten Tochter näher zu sein. Sie kontaktiert Nejat und zieht in das Zimmer, in dem Lotte zu Untermiete wohnte. Sie setzt die Arbeit von Lotte fort und hilft Ayten aus dem Gefängnis, während Nejat seinen Vater in dessen Heimatdorf besuchen fährt. Am Strand wartet Nejat auf Alis Rückkehr vom Fischen, als der Film endet.

Nach dieser knappen Zusammenfassung soll im nächsten Kapitel die dieser Arbeit zugrunde liegende These aufgestellt und erläutert werden.

3. These

Im Gegensatz zur weit verbreiteten Darstellung von „Familie als Schlachthaus“ zeigt Fatih Akin die Institution ‚Familie‘ in Auf der anderen Seite als einen „Stall“, der als Überlebensraum fungiert. In diesem „Stall“ finden die Figuren Zuflucht vor dem „Schlachthaus Kultur“. Denn laut Akin sind es die kulturellen Zwänge, welche die Figuren zu erdrücken drohen, nicht die familiären: „Kultur als ‚Schlachthaus‘, Familie als ‚Stall‘!“

Diese These scheint auf den ersten Blick paradox – gibt es doch im Film keine „ganze“, heile Familie. Stattdessen sehen wir drei Eltern-Kind-Paare, bei denen je ein Elternteil fehlt. Im Verlauf der Handlung sterben dann noch je ein Kind (Lotte) und ein Elternteil (Yeter). Aber: der Film spielt im 21. Jahrhundert, in einer globalisierten Welt. Damit wird ein neues, weiteres Verständnis von Familie nötig, denn neue Formen des Zusammenlebens ersetzen zunehmend die klassische Kleinfamilie. Gleichzeitig führt die zunehmende globale Vernetzung unweigerlich zu einem Anstieg interkultureller Kontakte, was zu einem erhöhten Konfliktpotenzial zwischen verschiedenen Kulturen führt. Diesen Umständen soll durch nachfolgende Definitionen Rechnung getragen werden.

4. Definitionen

4.1 Familie

Der Begriff ‚Familie‘ soll in dieser Arbeit verstanden werden als der Personenkreis, „deren Leistungen und Verhaltensregeln ausgerichtet sind auf die Sicherung der Handlungs- und Überlebensfähigkeit ihrer Mitglieder, insbesondere der Kinder und der für sie verantwortlichen Erwachsenen“.[12]

Bewusst wird darauf verzichtet, eine Blutsverwandtschaft zur Voraussetzung zu machen. Damit soll der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts Rechnung getragen werden, in der die Zahl kleinbürgerlicher Familien im herkömmlichen Sinne abnimmt, während die der anders gearteten Lebensgemeinschaften zunimmt. Die Familie des 21. Jahrhunderts ist also weiterhin „die einzige Organisation, die lebenslang wissen will, wo man ist, um retten zu können, wenn Gefahr droht“[13], ohne dabei jedoch durch „Blutbande“ miteinander verknüpft sein zu müssen.

[...]


[1] Steingart, Gabor: Das ist doch nicht normal. Wie sich die Verlässlichkeit aus unserem Leben verabschiedet, in: Der Spiegel, Nr. 10/5.3.11, S. 136.

[2] Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Hrsg., 2009): Wandel der Lebensformen, Abruf unter: http://www.bib-demografie.de/cln_090/nn_750736/DE/DatenbefundBefunde/Familienstrukturen/lebensformen.html, Stand 23.03.2011.

[3] Schirrmacher, Frank (2008): Minimum, Pantheon Verlag, S. 54.

[4] Ebd., S. 54.

[5] Stern-Umfrage: Fast jeder Zweite fürchtet Überfremdung, erschienen am: 01.09.2010, Abruf unter: http://www.stern.de/politik/deutschland/stern-umfrage-fast-jeder-zweite-fuerchtet-ueberfremdung-1599001.html, Stand 21.03.2011.

[6] ZDF.de: „Multikulti ist tot“ – Es lebe die Leitkultur?, erschienen am 16.10.2010, Abruf unter: http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/16/0,3672,8120880,00.html, Stand 21.03.2011.

[7] Zitiert nach: Rasche, Uta: Sie sind meine Staatsbürger!, in: FAZ Nr. 50, Dienstag, 1. März 2011, Seite 3.

[8] Vgl.: Senftleben, Eva-Maria: Matinée mit Fatih Akin: „Kommt Zeit, kommt Teufel“, Abruf unter: http://www.stern.de/kultur/film/matin233e-mit-fatih-akin-kommt-zeit-kommt-teufel-598835.html, Stand 19.01.2011.

[9] U.a. mit Preis der ökumenischen Jury auf den Filmfestspielen in Cannes 2007, Preis für bestes Drehbuch in Cannes 2007, deutscher Filmpreis 2007, Lux-Filmpreis der EU 2007, Karlsmedallie für europäische Medien 2008.

[10] Rodek, Hans-Georg: Fatih Akin spricht jetzt ganz sanft zu uns, in: Welt-online, Abruf unter: http://www.welt.de/kultur/article1212279/Fatih_Akin_spricht_jetzt_ganz_sanft_zu_uns.html, Stand 14.01.2011.

[11] Ezli, Özkan: Von der interkulturellen zur kulturellen Kompetenz. Fatih Akins globalisiertes Kino, in: Yildiz, Yasemin (Hrsg., 2009): Wider den Kulturenzwang: Migartion, Kulturalisierung und Weltliteratur, Transcript, S. 222.

[12] „Familie“, in: Brockhaus Enzyklopädie Online, Abruf unter: http://www.brockhaus-enzyklopaedie.de, Stand 22.01.2011.

[13] Schirrmacher, Frank (2008): Minimum, Pantheon Verlag, S. 52.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640899821
ISBN (Buch)
9783640900008
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170875
Institution / Hochschule
Universität Trier – Germanistik, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
familiäre konflikte fatih akins seite

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Titel: Familiäre und kulturelle Konflikte in Fatih Akins 'Auf der anderen Seite'