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Theoretische Grundlagen der protektiven Wirkung der personalen Ressource Selbstwirksamkeit gegen Isolation und Mobbing

Handlungsmöglichkeiten im Schulsetting

Examensarbeit 2009 114 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

1 Mobbing in der Schule
1.1 Der Begriff „Mobbing“
1.1.1 Die allgemeine Verwendung des Begriffes „Mobbing“
1.1.2 Definition
1.1.3 Mobbing im Verhältnis zu den Begriffen „Konflikt“ und „Gewalt“
1.1.3.1 Mobbing als Konflikt
1.1.3.2 Mobbing als Gewalttat
1.2 Entstehung und Verlauf von Mobbing .
1.2.1 Der Prozess
1.2.2 Mobbing als Gruppenphänomen und dessen Rollenverteilung
1.3 Die emotionale Situation des Opfers .
1.3.1 Angst und Stress
1.3.1.1 Begriffsbestimmung von Angst
1.3.1.2 Begriffsbestimmung von Stress
1.3.2 Der kognitionstheoretische Ansatz zur Angstentstehung
1.4 Ursachen von Mobbing
1.4.1 Potenzielles Persönlichkeitsprofil des „Täters“
1.4.2 Potenzielles Persönlichkeitsprofil des „Opfers“
1.4.3 Gemeinsamkeiten bei Täter und Opfern
1.4.4 Weitere Rahmenbedingungen
1.5 Folgen von Mobbing
1.5.1 Allgemeine Folgen
1.5.2 Isolation
1.5.2.1 Definition
1.5.2.2 Zum Außenseiter durch Mitschüler
1.5.2.3 Der eigene Rückzug
1.5.2.4 Auswirkungen

2 Selbstwirksamkeit als personale Ressource
2.1 Definition
2.2 Abgrenzung zu den Begriffen „Selbstkonzept“ und „Selbstwert- schätzung“
2.2.1 Abgrenzung zum Selbstkonzept
2.2.2 Abgrenzung zu Selbstwertschätzung
2.3 Das Konzept der Selbstwirksamkeit nach Bandura
2.4 Beziehung zwischen Selbstwirksamkeit und Angst
2.5 Die Entwicklung und Förderung von Selbstwirksamkeit
2.5.1 Vier Quellen der Selbstwirksamkeit
2.5.1.1 Eigene Erfahrungen
2.5.1.2 Stellvertretende Erfahrungen
2.5.1.3 Verbaler Zuspruch
2.5.1.4 Emotionales Erleben
2.5.2 Drei Einflussfelder der Selbstwirksamkeit
2.5.2.1 Familie
2.5.2.2 Peers
2.5.2.3 Schule
2.6 Die Wirkungsweise von Selbstwirksamkeit als personale Res- source
2.6.1 Wirkung auf kognitive Prozesse
2.6.2 Wirkung auf motivationale Prozesse
2.6.3 Wirkung auf affektive Prozesse
2.6.4 Wirkung auf selektive Prozesse
2.7 Exkurs: Selbstwirksame Schulen - ein Modellversuch zur Umsetzung des Selbstwirksamkeitskonzeptes in der Schule

3 Selbstwirksamkeit als Ausgangspunkt für pädagogische Maßnahmen
bei Mobbing

3.1 These: Selbstwirksamkeit als portektiver Faktor gegen Mobbing
3.2 Ansatzpunkte zur Prävention von Mobbing durch Selbstwirk- samkeit
3.3 Auswirkungen von Selbstwirksamkeit auf die Folgen von Mob-
bing

3.3.1 Selbstwirksamkeit und Stress
3.3.2 Selbstwirksamkeit und Gesundheit
3.4 Handlungsmöglichkeiten
3.4.1 Das Interventionskonzept von Dan Olweus
3.4.1.1 Ziele und Schlüsselprinzipien
3.4.1.2 Maßnahmen auf Schulebene
3.4.1.3 Maßnahmen auf der Klassenebene
3.4.1.4 Maßnahmen auf der persönlichen Ebene
3.4.2 „Schlagfertig auf dem Schulhof“ – direkte Handlungsmög- lichkeiten für Opfer
3.4.2.1 Unerwartet zustimmen
3.4.2.2 Die Ablenkungsfrage
3.4.2.3 Maßlos übertreiben
3.4.2.4 Der Körper spricht zuerst
3.4.3 „Alltagshelden“
3.4.3.1 Pädagogische Leitlinien
3.4.3.2 Sensibilisierung
3.4.3.3 Projektziele
3.5 Ergebnisse
3.5.1 Der Wirkungskreislauf von Selbstwirksamkeit
3.5.2 Der Mobbing-Prozess als Teufelskreis
3.5.3 Positiver Kreislauf bei Einfluss von Selbstwirksamkeit
bei Mobbing

Fazit

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Überblick über Themenbereiche der Arbeit und Verdeutlichung, deren gegenseitiger Einflussnahme

Abb. 2: Die Gewaltpyramide im Kontext medialer Berichterstattung

Abb. 3: Tafel: Aggressionen und einige verwandte Begriffe

Abb. 4: Die typische Mobbing-Struktur in Lerngruppen und Möglichkeiten der gegenseitigen Beobachtung (gestrichelter Pfeil) bzw. Interaktion (durchgezogener Pfeil)

Abb. 5: Beispielhafte Übersicht zur Verteilung der Mitschüler-
rollen in Abhängigkeit von der untersuchten Altersgruppe

Abb. 6: Bewertungsprozess nach Lazarus

Abb. 7: Zusammengefasste Persönlichkeitsmerkmale eines „Täters“ und dessen Einflussfaktoren

Abb. 8: Zusammengefasste Persönlichkeitsmerkmale eines „Opfers“ und dessen Einflussfaktoren

Abb. 9: Zusammenfassung der Persönlichkeitsmerkmale von Tätern und Opfern

Abb. 10: „Aufschaukelungsprozess“ bei Mobbing modelliert nach Cronenberg

Abb. 11: Pfadanalyse des 2. Und 3. Abschnittes. Korrelationswerte zwischen persönlichen Zielen und Selbstwirksamkeit

Abb. 12: Entwicklung des Angstempfindens (Mittelwerte) der bei- den Gruppen

Abb. 13: Grafische Darstellung des fördernden Selbstwirksamkeits- prozesses

Abb. 14: Grafische Darstellung des Mobbingverlaufs beim Opfer

Abb. 15: Selbstwirksamkeit als protektiver Faktor gegen Mobbing

Abb. 16: Risiko- und Schutzfaktoren für Bullying in der Schule

Abb. 17: Skala zur Erfassung von allgemeinen Selbstwirksamkeits-
erwartungen bei Schülern und Lehrern

Abb. 18: Sequenzieller Prozess der Hilfeleistung nach Latan und Darley und Ableitung von Kompetenzen für zivilcoura- giertes Handeln

Abb. 19: Projektziele zur Förderung von Zivilcourage

Einleitung

Mobbing und Selbstwirksamkeit - Zwei Themenbereiche, die erst in den letzten Jahren immer stärker das Interesse der Forschung geweckt haben und aktuell sind wie nie zuvor. Dabei ist Mobbing kein neues Phänomen, sondern gab es vermutlich schon immer dort, wo Menschen regelmäßig aufeinander treffen, wie im Beruf oder in der Schule. Erst Anfang der 90er Jahre hat der Begriff des „Mobbings“ in Deutschland große Aufmerksamkeit erregt. Mittlerweile sind Meldungen wie „Amokdrohung versetzt Schule in Angst“[1] in den Medien keine Seltenheit mehr. In diesem Fall wollte sich eine Schülerin[2] für den Tod ihres Bruders „rächen“, der sich aufgrund von Mobbing durch andere Schüler das Leben nahm.

Die Psychologin Mechthild Schäfer geht nach einer Langzeitstudie davon aus, dass in Deutschland jede Woche 500.000 Kinder und Jugendliche gemobbt werden. Nimmt man zu dieser Opferzahl noch die Anzahl der Schüler mit Tätererfahrungen hinzu, kommt man nach Jannen (2008) auf bis zu 1,1 Millionen Kinder (Jannan, 2008, S. 22). Diese Zahlen verdeutlichen wie stark Mobbing tatsächlich in den Schulen verbreitet ist und das vor allem unter den Schülern, weshalb der Schwerpunkt der Arbeit hier gesetzt wird. Weiter führt Jannan aus, dass das Hauptproblem nicht die weiterführenden Schulen seien, sondern die Grundschulen, denn dort komme Mobbing z. B. doppelt so häufig vor wie an Gymnasien (ebd., S. 23).

„Mobbing ist die häufigste Gewaltform an deutschen Schulen“ (ebd., S. 22).

Zentrales Anliegen dieser Arbeit ist es zu erörtern, inwiefern Selbstwirksamkeit als personale Ressource gegen Mobbing in der Schule wirken und so somit dazu beitragen kann, die Zahl der betroffenen Kinder zu reduzieren. Da es dazu noch keine bekannten empirischen Untersuchungen gibt, wird ausgehend von dem Problem Mobbing und auf der theoretischen Grundlage des Selbstwirksamkeitskonzepts eine These aufgestellt und erste Ansätze zur Prävention von Mobbing durch Stärkung der Selbstwirksamkeit bei Kindern formuliert.

Wie bereits erwähnt hat Selbstwirksamkeit in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen, dies sowohl in der pädagogischen als auch in der psychologischen Forschung. Der Begriff der Selbstwirksamkeit oder auch Selbstwirksamkeitserwartung wurde von Albert Bandura geprägt. Er definiert Selbstwirksamkeit wie folgt:

„Wahrgenommene Selbstwirksamkeit bezieht sich auf Überzeugungen über diejenigen eigenen Fähigkeiten, die man benötigt, um eine bestimmte Handlung zu organisieren und auszuführen, um damit bestimmte Ziele zu erreichen“ (Bandura, 1997, S. 3).

Die Selbstwirksamkeitserwartungen eines Menschen betreffen also dessen Überzeugungen, in einer bestimmten Situation effektiv handeln zu können.

Mobbing stellt in dieser Arbeit das Problem dar, von dem aus betrachtet werden soll, wie eine gestärkte Selbstwirksamkeit vor allem bei Mobbing-Opfern, aber auch bei den Tätern zu einer Verminderung des Mobbing-Prozesses beitragen kann. Dazu werden in den ersten beiden Kapiteln die theoretischen Grundlagen zu „Mobbing in der Schule“ (Kapitel 1) und des Selbstwirksamkeitskonzeptes (Kapitel 2) geschaffen.

Im Kapitel 1 wird erläutert was Mobbing überhaupt ist, inwiefern es mit den Begriffen „Konflikt“ und „Gewalt“ in Verbindung gebracht werden kann, wie Mobbing als Prozess verläuft, warum Mobbing auch als Gruppenphänomen bezeichnet wird, welche Ursachen eine Entwicklung begünstigen und wie die möglichen Folgen, speziell soziale Isolation, aussehen können. Isolation wird dabei noch einmal extra hervorgehoben, da sich diese besonders auf die Entwicklung der Kinder auswirkt, vor allem hinsichtlich sozialer Kompetenzen.

Die theoretischen Grundlagen zum Bereich Selbstwirksamkeit im 2. Kapitel sollen einen Einblick in die genaue Begriffsbestimmung von Selbstwirksamkeit geben. Dazu wird diese in Abgrenzung zum Selbstkonzept und dem Selbstwert betrachtet. Weiterhin stützen sich die Ausführungen auf das Selbstwirksamkeitskonzept von Bandura, der wie erwähnt den Begriff der „Selbstwirksamkeit“ besonders geprägt hat. Folgend wird dann dazu eine Verbindung zum dem in Kapitel 1 vorgestellten Ansatz zur Entstehung von Angst hergestellt. Um ein umfassendes Verständnis zum Selbstwirksamkeitsbegriff zu ermöglichen, soll anschließend beschrieben werden, wie Selbstwirksamkeit entsteht und gefördert werden kann. Dieser Punkt sowie die Betrachtung der Wirkungsweisen von Selbstwirksamkeit auf das menschliche Handeln sind dann für das folgende dritte Kapitel von besonderer Bedeutung. Zuvor wird jedoch in einem kleinen Exkurs der Modellversuch „Verbund selbstwirksamer Schulen“ vorgestellt. Ziel dieser Untersuchung war es zu erproben, wie das Selbstwirksamkeitskonzept in der Schule umgesetzt werden kann und ob es hinsichtlich der Kontroll- und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen bei Schülern und Lehrern (Burnout-Syndrom), unter anderem im Leistungskontext aber auch im Zusammenhang veränderter sozialer Bedingungen (nicht in genauerer Verbindung mit Mobbing), positive Veränderungen gibt.

Kapitel 3 bildet das Schlüsselkapitel dieser Arbeit, da hier, ausgehend von der These, dass Selbstwirksamkeit als personale Ressource protektiv gegen Mobbing und Isolation wirken kann, die Erkenntnisse aus den vorigen Kapitel zusammengefügt werden und so versucht werden soll die These zu fundieren. Um die in dem Kapitel aufgezeigten Zusammenhänge als allgemein gültig werten zu können, wären dann weiterführende empirische Untersuchungen notwendig. Dennoch sollen diese, bevor abschließend die gesammelten Erkenntnisse noch einmal kurz zusammengefasst werden, auf konkrete Handlungsmöglichkeiten zur Inter- und Prävention von Mobbing bezogen werden. Dabei wird zuerst das Interventionsprogramm von Dan Olweus (2008) betrachtet, das vor allem auf eine Veränderung der gegebenen Schulstrukturen und Handlungsweisen der Lehrer und Eltern zielt. Die beiden dann folgenden Programme setzen ihren Blickpunkt zum einen auf die Reaktionsmöglichkeiten des Opfers („Schlagfertig auf dem Schulhof“, Pöhm, 2008), um bei Mobbingangriffen selbstsicher und souverän agieren zu können und zum anderen werden zentral die Schüler zu zivilcouragiertem Handeln („Alltagshelden“, Zitzmann, 2004b) angeregt, die im Mobbing-Prozess eher eine passive Rolle, nämlich die des Beobachters, einnehmen.

Den Abschluss der Arbeit bildet das Fazit, indem noch einmal die Ergebnisse resümiert und kleine Anregungen gegeben werden, warum das Selbstwirksamkeitskonzept stärker in die Schulstruktur integriert werden sollte.

Im Verlauf der Arbeit werden immer wieder Beispiele angeführt, die ein tieferes Verständnis des vorher Erklärten bewirken sollen. Einige Beispiele sind kursiv geschrieben, dies ist dann der Fall, wenn es in dem Beispiel um die Erfahrungen eines bestimmten Kindes geht.

Die folgende erstellte Grafik zum Themenkomplexes dieser Arbeit, soll vorweg schon mal einen genaueren Eindruck über die einzelnen Bereiche und deren gegenseitigen Wirkungseinflüsse, die hier behandelt werden, geben.

1 Mobbing in der Schule

Jeder hat den Begriff „Mobbing“ schon einmal gehört und vermutlich auch schon mal verwendet. Das Wort „Mobbing“ findet schnell Verwendung, wenn es Konflikte zwischen Personen gibt, dabei wird nicht jeder der einen Konflikt mit andern Personen hat auch gemobbt oder mobbt andere. Der Begriff „Mobbing“ ist mittlerweile den meisten Menschen aus den Medien bekannt und wird oft im Zusammenhang mit Problemen an Schulen verwendet. In der Schule gibt es verschiedene Varianten, wer wen mobbt:

- Lehrer mobben Lehrer (Schuldirektoren sind dabei nicht ausgeschlossen)
- Lehrer mobben Schüler
- Schüler mobben Lehrer und
- Schüler mobben Schüler.

In diesem Kapitel der Arbeit geht es um den Themenbereich „Mobbing“, genauer um Mobbing in der Schule unter Schülern. Aber was ist eigentlich Mobbing? Woher kommt der Begriff? Gibt es typische Strukturen und Merkmale für Mobbing? Wie und warum kommt es zu Mobbing?

1.1 Der Begriff „Mobbing“

Gewalttätiges Verhalten in Form von Mobbing ist ein altes Phänomen und hat es vermutlich schon immer gegeben. Aber wo findet der Begriff seinen Ursprung?

Der schwedische Psychologe Heinz Leymann einer der wichtigsten Mobbingforscher, erzählt zum Ursprung der Mobbingforschung folgende Geschichte:

„Es war einmal […] ein kleiner zehnjähriger Junge in Österreich und dem hatte es ein Buch der schwedischen Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf besonders angetan: Nils Holgersson. Besonders eine Episode faszinierte den Jungen sehr. Es war das Kapitel, in dem der Däumling Nils auf einem Baum flüchtete, unter dem der Fuchs mit triefender Schnauze darauf wartete, ihn fressen zu können. Nils aber bekam Hilfe von den Gänsen. Im Tiefflug starteten sie Scheinangriffe auf den Fuchs – wieder und immer wieder. Am Abend liegt der Fuchs vollkommen erschöpft auf dem Rücken, und Nils kann entkommen“ (Leymann, 1995, S. 14).

Der kleine Junge, der so große Begeisterung für dieses Kinderbuch zeigte, hieß Konrad Lorenz. Er hatte schon früh Interesse an dem Verhalten von Gänsen entwickelt und fing an, sich im Erwachsenenalter genauer damit auseinander zu setzten. So wurde aus Konrad Lorenz ein berühmter Verhaltensforscher. Er studierte unter anderem das Aggressionsverhalten von Tieren und Menschen. Dabei fand er heraus, dass Aggressivität zur Instinkt- und Triebausstattung des Menschen gehört. Aus Beobachtungen an Tieren schloss Lorenz, dass die innerliche Aggression beim Menschen ein echter Instinkt mit eigener endogener Erregungsproduktion ist und zu einem gefährlichen aggressiven Verhalten führen kann. In einem Versuch hat er das Angriffsverhalten einer Tiergruppe beobachtet, die gegen einzelne Eindringlinge zum Schutz der Gruppe kämpften. Diesem Verhalten gab Lorenz die Bezeichnung „Mobbing“ (ebd.) und prägte damit den Begriff wie er heute verwendet wird.

1.1.1 Die allgemeine Verwendung des Begriffes „Mobbing“

Die meisten Menschen verbinden mit „Mobbing“ eine negative, vielleicht schon böswillige Handlung. Auch Schlagwörter wie „jemanden ärgern“, „beleidigen“ oder „schlecht behandeln“ würden viele mit dem Begriff „Mobbing“ assoziieren. Personen, die mit dem Themenfeld vertrauter sind oder eigene Erfahrungen mit Mobbing gemacht haben, würden vermutlich auch von „psychischem Terror“ und „Gewalttaten“ sprechen.

Mobber greifen ihre Opfer häufiger auf psychische Weise an, als auf physische. Mobbing kann überall dort vorkommen, wo viele Menschen sind, die regelmäßig (zwangsweise) zusammenkommen, wie z. B. in der Schule und das obwohl „Mobbing“ ein Verstoß gegen die Grundrechte des Menschen ist.

Laut dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (BRD), wird jedem einzelnen Kind und Erwachsenem den Schutz vor Verletzungen seiner Würde und seiner Person zugesichert und somit auch vor „Mobbing“. Die UN-Kinderkonvention[3] bestärkt die Rechte der Kinder auf Schutz und Förderung seiner Entwicklung und schließt damit ein Diskriminierungsverbot mit ein. Dieses Recht gilt für alle Kinder bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres. Im Herbst 2000 kam eine Ergänzung nach §1631 Absatz 2 des BGB hinzu, die da lautet: „Jedes Kind hat ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“ (Kasper, 2004, S. 5).

1.1.2 Definition

Wie eben ausgeführt liegen die Ursprünge der Begriffsentwicklung bei Konrad Lorenz. Anfang der 60er Jahre benutzte dann Heimann den Begriff „Mobbing“, um das Verhalten von schikanierenden Schülern anderen gegenüber zu definieren (Busch, 1998, S. 24). Olweus beobachtete etwas später, dass sowohl Gruppen von Schülern als auch einzelne Schüler systematisch von ihnen ausgewählte Opfer angriffen.

Eine synonyme Bezeichnung für diese Art der Gewalt unter Schülern ist „Bullying“. Bis vor einigen Jahren lag die Unterscheidung der Begriffe darin, dass „Bullying“ im schulischen Bereich und „Mobbing“ für die Arbeitswelt angewandt wurde. Abgeleitet von „to bully“ bedeutet „Bullying“ so viel wie, dass Menschen sich rüpelhaft aufführen, andere tyrannisieren und schikanieren (Korn, 2006, S. 4). Der Begriff des „Bullying“ wird eher im angloeuropäischen Raum verwendet, wohingegen in Nordeuropa der Begriff „Mobbing“ verbreiteter ist. Diese Begriffsunterscheidung verliert jedoch zunehmend an Bedeutung. Daher werden sie in dieser Arbeit synonym verwendet.

Leymann (1993, 1995), der den Mobbing-Begriff in Bezug auf die Arbeitswelt Anfang der 90er Jahre besonders prägte definiert „Mobbing“ wie folgt:

„Unter Mobbing wird eine konfliktbelastete Kommunikation am Arbeitsplatz unter Kollegen oder zwischen Vorgesetzten und Untergebenen verstanden, bei der die angegriffene Person unterlegen ist und von einer oder einigen Personen systematisch, oft und während längerer Zeit [mind. Einmal pro Woche über ein halbes Jahr] mit dem Ziel und/oder dem Effekt des Ausstoßes aus dem Arbeitsverhältnis direkt oder indirekt angriffen wird und dies als Diskriminierung empfindet“ (Leymann, 1995, S. 20).

Leymann fasste damit einige entscheidende Faktoren zusammen, die als Merkmale für Mobbing betrachtet werden können. Nach Leymann wird demnach von Mobbing gesprochen, wenn folgende Kriterien zutreffen:

- eine konfliktbelastete Kommunikation (z. B. in Form von Missverständnissen, durch „Nicht-zu-Wort-kommen-lassen“ oder Ignorierung der Person)
- die angegriffene Person ist unterlegen
- das Opfer wird systematisch und über einen längeren Zeitraum (mind. einmal pro Woche über ein halbes Jahr lang) angegriffen
- das Ziel ist der Ausstoß aus dem Arbeitsverhältnis
- das Opfer fühlt sich diskriminiert

Nach Cronenberg (2009) kann man die Definition von Leymann wie folgt auf die Schule übertragen:

„Unter Mobbing unter Schülern wird eine konfliktbeladene Kommunikation zwischen Schülern einer Klasse oder Schule verstanden, bei der der angegriffene Schüler

(1) unterlegen ist und
(2) von einer oder mehreren Mitschülern systematisch, oft und während längerer Zeit angegriffen wird.
(3) Das Ziel der Angriffe ist das Ausstoßen des Schülers aus der Klasse- bzw. Schulgemeinschaft.
(4) Diese Angriffe können direkt [Beschimpfungen, körperliche Angriffe] oder indirekt [Gerüchte verbreiten] erfolgen.
(5) Der angegriffene Schüler empfindet dies als Diskriminierung und fühlt sich als Opfer.“ (Cronenberg, 2009)

Diese Umformung von Cronenberg soll die dieser Arbeit zugrunde liegende Definition für „Mobbing in der Schule“ sein, da sie sich direkt auf den Mobbing-Prozess unter Schülern bezieht.

1.1.3 Mobbing im Verhältnis zu den Begriffen „Konflikt“ und „Gewalt“

Zwei Begriffe wurden zuvor immer wieder mit Mobbing in Verbindung gebracht. Die Rede ist von den Begriffen „Konflikt“ und „Gewalt“. Ist „Mobbing“ nun eine Art von Gewalt oder ein Konflikt? Sind beide Bereiche charakteristisch für Mobbing?

1.1.3.1 Mobbing als Konflikt

Von Saldern (2002) erläutert:

„Mobbing ist ein Spezialfall eines Konfliktes, […]. Bei Mobbing handelt es sich im weitesten Sinne um einen interindividuellen Konflikt, wenn man die Kommunikationsbeziehungen zwischen einer und mehreren anderen Personen in Betracht zieht“ (Von Saldern, 2002, S. 26).

Er stützt sich dabei auf die Ergebnisse und Ansichten von Leymann (vgl. Definition Mobbing).

Nach Pikas (1974) besteht ein Konflikt dann, wenn sich die Konfliktparteien negativ zueinander verhalten. Sie greifen einander an und versuchen dem anderen bewusst oder auch unbewusst Schaden zu zufügen. Unerheblich ist dabei, wie stark der Angriff ist und ob er verbal oder mit anderen Mitteln ausgeführt wird (Pikas, 1974, S. 18).

In Beziehung zu den Merkmalen von Mobbing wird hier deutlich, dass es sich dabei um einen längerfristigen Konflikt handelt mit dem Ziel einer bestimmten Person Schaden zuzufügen. Wobei festzuhalten ist, dass bei Mobbing der Auslöser nicht logisch nachvollziehbar sein muss. da es sich um einen personenbezogenen Konflikt handelt. Zwei Beispiele sollen dies einmal verdeutlichen.

Beispiel 1: Lauritz geht jetzt in die 5. Klasse einer Realschule. In der neuen Klasse findet er nur schwer Anschluss. Aus irgendeinem Grund lassen ihn die anderen Kinder nicht mitspielen. Lauritz weiß nicht, woran es liegt und fragt daraufhin eines der anderen Kinder, was er machen müsse, damit sie ihn mal mitspielen lassen. Dieses Kind wusste nicht recht, warum sie ihn immer ausgrenzten, beschloss aber Lauritz zu ignorieren, weil auch die anderen Kinder nicht mit ihm redeten. Nach ein paar Monaten fingen einige der Kinder sogar an über Lauritz Gerüchte zu verbreiten und ihn zu beschimpfen. Das war für Lauritz nur schwer auszuhalten, denn auch seine Freunde aus der Grundschule zogen sich mehr und mehr zurück. Er konnte auch dies nicht verstehen, denn in der Grundschule wollte immer jemand ihm spielen und er hatte viele Freunde.

Beispiel 2: Das Elternpaar der Familie Sahling möchte am Wochenende an die See fahren und dort einmal ganz für sich sein. Die drei Kinder Stefan (20), Jessica (18) und Kevin (14) bleiben daheim und kümmern sich um den Haushalt. Die Mutter hat ihnen verschiedene Aufgaben aufgeschrieben, die die Kinder in ihrer Abwesenheit zu erledigen sind. Sie sollen sich untereinander einigen, wer was macht. Alle Aufgaben bis auf das Rasenmähen sind verteilt. Keiner hat Lust dazu und sie beginnen zu diskutieren. Stefan findet, dass Kevin den Rasen mähen sollte, weil er das schließlich immer mache und deshalb bestimmt auch am schnellsten fertig wäre. Außerdem will er eigentlich nur mit Jessica „Pro Evo“ auf der X-Box spielen. Kevin ahnt das und ist sauer. Er findet es zum einen ungerecht, dass die beiden Großen ihn beim Spielen nicht dabei haben möchten und ihm zum anderen das Rasenmähen aufdrücken wollen. Er weigert sich die Aufgabe zu übernehmen, da er bereits den Carport fegt und jeden Tag mit dem Hund spazieren geht. Jeder der drei hat zwei Aufgaben und will keine mehr machen als die anderen.

Im Beispiel 1 wird deutlich, dass es sich hierbei um einen Konflikt handelt, dessen Ursprung man nicht nachvollziehen kann. Keiner weiß, warum es gerade Lauritz getroffen hat und woran es liegt, dass sie ihn ausgrenzen. Daher sieht er auch keine Möglichkeit, wie er etwas an der Situation ändern kann. Lauritz fühlt sich ungerecht behandelt und einsam. Auch die Mobbing-Merkmale nach Leymann lassen sich hier wiederfinden. Lauritz wird über einen längeren Zeitraum immer wieder gezielt direkt und indirekt „angegriffen“ und ist schon aufgrund dessen, dass er alleine ist, unterlegen. Man kann vermuten, dass er sich in seiner Klasse zunehmend unwohl fühlt.

Das zweite Beispiel dient als Gegenbeispiel. Hier geht es um einen durchschaubaren Konflikt, der in der Tatsache (dem Übernehmen uninteressanter Aufgaben) liegt und nicht grundsätzlich gegen eine Person zielt, um ihr zu schaden. Hierbei handelt es sich also nicht um Mobbing.

1.1.3.2 Mobbing als Gewalttat

In den Medien wird in Bezug auf Mobbing auch von Gewalt gesprochen, vor allem bei besonders dramatischen Fällen wie bei dem erschreckenden Fall Anfang 2004 in einer Hildesheimer Schule. Dort wurde ein 18-jähriger von mehreren Mitschülern über Monate lang innerhalb der Schule gefoltert und gedemütigt. Sie filmten ihre Handlungen und veröffentlichten diese (SPIEGELnet GmbH, 2004). Aufgrund solcher Fälle, ist für viele Menschen „Mobbing“ ein Synonym für schwere körperliche Gewalt. Jannan (2008) formuliert das wie folgt: „Die Medien haben in ihrer Wahrnehmung ein Bild schulischer Gewalt geschaffen, das durch die fortwährende Be

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Die Gewaltpyramide im Kontext medialer Berichterstattung (ebd., S. 21)

Wenn von gewalttätigem Verhalten gesprochen wird, ist damit häufig eine aggressive Handlung, oder wie Kasper (2004) formulierte, eine „kleine Gewalt“ gemeint. Folgende Tafel soll die Begriffszusammenhänge näher verdeutlichen.

- Aggression: Verhalten, das darauf gerichtet ist, andere Individuen zu schädigen oder ihnen wehzutun
- Aggressivität: Individuelle Ausprägung der Häufigkeit und Intensität aggressiven Verhaltens („Eigenschaft“ einer Person)
- Gewalt: Schwerwiegende Formen aggressiven Verhaltens
- Mobbing: Aggressive Handlungen gegen eine schwächere Person über einen längeren Zeitraum (gewöhnlich im Kontext des Arbeitsplatzes)

Abb. 3: Tafel: Aggressionen und einige verwandte Begriffe (Nolting, 2008, S. 15)

Aus dieser Tafel lässt sich entnehmen, dass Mobbing nur in Form von Gewalt auftritt, wenn das Opfer auch physischen Angriffen ausgesetzt ist, wie im Fall des 18-jährigen. Wie Nolting (2008) in seinem Buch „Lernfall Aggression“ beschreibt, sollten die nichtgewalttätigen Aggressionsformen verbaler, nonverbaler oder relationaler Art ebenfalls ernst genommen werden (Nolting, 2008, S. 282). Zu verbalen Angriffen zählen unter anderem das Verspotten, Drohen (inhaltlich aggressiv) sowie das Anschreien, Beschimpfen und Fluchen (in Wortschatz und Tonfall aggressiv). Nonverbale Aktionen sind z. B. böse Blicke, Gestiken, wie das Rausstrecken der Zunge oder ein drohender Finger. Relationale Aggression äußert sich durch Ausgrenzung oder Verleumdung (ebd., S. 20).

„Nicht jede Gewalt ist Mobbing, aber Mobbing ist immer Gewalt “ (Jannan, 2008, S. 22).

Bei Mobbing handelt es sich um aggressives Verhalten einer bestimmten Person gegenüber, in einem länger andauernden Konflikt.

1.2 Entstehung und Verlauf von Mobbing

Ganz allgemein wird Mobbing dann möglich, wenn es in einer Gruppe von Menschen soziale Unterschiede in Form von hierarchischen Strukturen gibt, die es den „Tätern“ erlauben Macht auszuüben (Sasse, 2008, S. 9, zit. n. Schäfer, 1996). Problematisch wird ein Konflikt dann, wenn ein andauerndes Kräfteungleichgewicht herrscht. Die allgemeine Folge ist die Entwicklung einer aggressiven, gereizten Stimmung, es bilden sich Täter- und Opferrollen.

Tim geht in die 3te Klasse. Vor einem Jahr sind er und seine Eltern in eine andere Stadt umgezogen und er kam in eine neue Klasse. Er war für seine Mitschüler besonders interessant, weil er neu war und immer die neusten Spielsachen dabei hatten, wie z. B. seltene Karten von „Yu-Gi-Oh“. Dadurch kam Tim in eine Machtposition. Die anderen Kinder eiferten ihm nach und wollten unbedingt mit ihm befreundet sein. Tim konnte darüber bestimmen, wann er mit wem spielen möchte. Dies ging soweit, dass er Kindern, die bereits verabredet waren, damit drohte die Freundschaft zu kündigen, wenn sie die andere Verabredung nicht absagten. Plötzlich reichte ein Wort von ihm über einen Mitschüler aus, dass dieser von den anderen nicht mehr beachtet wurde. Tim vergaß bei all dem aber den wahren Wert richtiger Freundschaft. Nach einigen Monaten hatten seine Mitschüler seine Machtspiele durchschaut. Sie distanzierten sich von Tim und festigten die alten Freundschaften.

Die Verhaltensweisen von Tim sind Beispiel dafür, dass Menschen Macht nur dann egoistisch und tyrannisch nutzen können, wenn ihnen diese gegeben und gelassen wird sowie in dieser unterstützt werden. Ein Konflikt kann also deswegen zu Mobbing werden, weil er sich dazu entwickeln darf.

1.2.1 Der Prozess

Mobbing beginnt meist harmlos und sein Verlauf ist schleichend. Die Betroffenen nehmen die Schikanierungen und beleidigende Bemerkungen vorerst auf die leichte Schulter. Viele Betroffene gehen davon aus, dass die anderen irgendwann schon damit aufhören werden und wollen es auch nicht wahr haben.

Leider ist es so, dass, wenn sich die Angriffe ausweiten, letztendlich das Selbstvertrauen und die Würde des Opfers verletzt werden. Es verliert zunehmend sein Ansehen in der Schule und wird durch Ausgrenzung offiziell als „uncool“ und minderwertig abgestempelt.

Nahezu alle Opfer berichten, dass es ganz harmlos angefangen hat, z. B. mit einem normalen Konflikt oder einfach nur so. Wie auch in diesem Beitrag von Jureck aus dem Forum von www.schueler-mobbing.de:

„Ersma hallo leute!!!

Also mobbing ist eine schlimme Sache und ich spreche aus Erfahrung!Es hat mit der 5.Klasse begonnen. Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAm Anfang fing les harmlos an und es wurde bis zur 10. immer schlimmer. So schlimm, dass ich jetzt zur 11.hin die Schule gewechselt habe.

Ich hab es nie verstanden, wrum sie gerade mich ausgesucht haben, da ich eigentlich immer sehr engagiert war. Und ich hab mich sogr 2mal vor die Klasse gestellt und gefragt warum, doch als antwort kam- nichts!Nur dass sie es mutig finden dass ich mich vor sie gestellt habe. […]“ (Erfahrungsbericht: Jureck, 2005).

Wie schon angesprochen, entsteht Mobbing dort, wo unklare soziale Konstellationen diesen Spielraum bieten. Täter suchen sich durch geschicktes Vorgehen potenzielle „Opfer“ in der Klasse aus und nutzen bzw. missbrauchen ihre manipulativen Fähigkeiten, um ihre soziale Macht (vgl. Beispiel von Tim, S. 13) innerhalb der Klasse zu stärken (Sasse, 2008, S. 9, zit. n. Schäfer, 1996).

Mobbing ist ein Prozess, der sich in vier Phasen unterteilen lässt. Der folgende Verlauf orientiert sich an dem prototypischen Ablauf von Taglieber (Taglieber, 2005, S. 9).

Phase 1: Gemeinheiten werden platziert

- In Schulklassen geht es häufig um Macht und Einfluss. In dieser Phase kommt es zu einzelnen Attacken in Form von Gemeinheiten, z. B. dem Wegnehmen der Federtasche oder das „Tuscheln hintern dem Rücken“.

- Mitschüler werden getestet und potenzielle Opfer ausgesucht.

- Wichtig: Wenn dieser inszenierte Konflikt nicht beachtet und unterbunden wird, kann er sich zu Mobbing weiter entwickeln (Ausweitung der Angriffe).

Phase 2: systematische und regelmäßige Angriffe

- ein Grund für das Entstehen von Mobbing ist das „Sich-nicht-darum-Kümmern“. Die, die zuschauen und nicht eingreifen bzw. handeln (betrifft auch das „Opfer“) werden zu Möglichmachern.
- In dieser Phase wird die betroffene Person systematisch und regelmäßig angegriffen.
- Das Opfer gerät immer mehr in Verteidigungsnot und liefert dadurch immer mehr Anlässe zum Ausgrenzen und Ärgern, was bereits erste psychosomatische Folgen haben kann.

Phase 3: Verfestigung der Rolle des Opfers

- Das Opfer gerät endgültig in Unterlegenheit und fühlt sich hilflos. Es kann sich aus eigener Kraft nicht mehr aus der Situation befreien.
- Gefahr: Es tritt ein Gewöhnungseffekt ein, auftretendes Fehlverhalten und Fehlleistungen werden als selbstverschuldet gedeutet. à Opfer beginnt an sich zu zweifeln und fängt an, die Beleidigungen wie „Du stinkst!“ oder „Mit Dir kann man eh nix anfangen!“ zu glauben.
- Die psychische Belastung verschärft sich und erste gesundheitliche Schäden treten ein.

Phase 4: Ausschluss aus der Gemeinschaft

- Der Konflikt wird für die betroffene Person unerträglich.
- Oft wechseln gemobbte Kinder absolut hilflos und demoralisiert die Schule.
- Lehrer und Mitschüler sind häufig überrascht, weil sie nichts bemerkt haben.
- Die Täter haben ihr Ziel des Ausschlusses erreicht.

In einem eingehenden Erfahrungsbericht aus dem Internet-Portal „www.schueler-gegen-mobbing.de“ (2009) lassen sich diese vier Phasen beispielhaft wiederfinden. Der Bericht ist natürlich anonym und wurde bereits auf bezeichnende Textstellen zusammengefasst, auch wenn er immer noch relativ lang ist. Er gibt einen drastischen Einblick in einen typischen Entwicklungsprozess von Mobbing und macht die besondere Situation des Opfers deutlich.

Rilana machte am 14.10. 09 folgenden Eintrag:

[ Phase 1: Gemeinheiten werden platziert] „[…] auf eines freute ich mich besonders: Auf die Schule. Dort würde ich endlich lesen lernen! Das war mein großes Ziel, ich wollte es auch können! Mein Vater las jeden Tag Zeitung, und ich war fasziniert von der Vorstellung, dass Zeichen auf Papier Dinge vermitteln konnten.

[…] Mein Großvater starb. Dann ging alles den Bach runter. Von einer Woche zur anderen hatte ich die ganze Klasse gegen mich, ohne zu wissen, warum. […] Wenn ein Haufen Leute jemanden nicht mochte, dachten sich die anderen aus den anderen Klassen, es müsse etwas dran sein. Also hielt mich binnen kurzem die ganze Schule für... ja, für was eigentlich?

Nachmittags wollte keiner mit mir spielen, in den Pausen erst recht nicht. Es hätte ja jemand sehen können. Sachen wurden mir weggenommen, wenn nicht gar geklaut und für die eigenen ausgegeben. Ich wurde am Tag öfter beleidigt, als ich zählen konnte. Da sie per Zufall von meiner Spritzenphobie erfahren hatten, fragten sie sich oft gegenseitig, ob sie sich und ihr Hab und Gut schon gegen mich impfen hätten lassen, das war ein echter Brüller.

[ Phase 2: systematische und regelmäßige Angriffe] Anfangs schlugen, kniffen, schubsten sie mich regelmäßig, doch als sie erkannten, dass andere Dinge weniger leicht nachweisbar sind und mir ebenso wenn nicht gar mehr schaden, verlegten sie sich auf andere Dinge. Riefen zu Hause an, sprachen aber nicht, legten rasch auf. Erzählten allen von mir, der hässlichen, fetten Kuh, die Lügengeschichten über sie alle erzählen würde. Bald wussten es alle Kinder im ganzen Vorort, und wenn ich die Frechheit besaß, mich auf einem der Spielplätze blicken zu lassen, wurde der Ausflug für mich nicht gerade erfreulich.

[…] Sie haben mich systematisch einer Gehirnwäsche unterzogen. Wie, Grundschüler können so etwas nicht? Falsch gedacht.

[…]Zum einen haben sie inszeniert, was sie wollten. Alle waren eingeweiht, was auch immer es war, jeder wusste, was er zu tun hatte, nur ich eben nicht. Wollte ich Hilfe holen, war ich tatsächlich naiv genug zu glauben, dass einer von ihnen mir helfen würde, spielte er brav seine Rolle, und machte es letztendlich willentlich noch schlimmer.

[ Phase 3: Verfestigung der Rolle des Opfers] Dann haben sie noch meinen Verstand manipuliert. Sie haben sich im Kreis um mich aufgestellt und mir eingeredet, was sie wollten, in den Pausen, wenn ich nicht fliehen konnte. Mal ließen sie mich glauben, "rechts" sei "links" - ich hatte Monate lang Schwierigkeiten, mir zu merken, was denn nun wo ist - dann aber musste mein Gewissen dran glauben. Ich war plötzlich nachträglich für alles verantwortlich, was geschah. Beispielsweise brach sich einer sein Schlüsselbein - ich hatte ihm schließlich ein Bein gestellt. Angeblich. Beim Basketballspielen. Auf der Klassenfahrt. Als ich gar nicht auf dem Basketballfeld gewesen war. Aber das machte doch nichts. Und nach einer Weile glaubten sie ihre eigenen Lügen.

Die Lehrerin tat nichts. "Das sind Kinder, da sind Streitigkeiten ganz normal." Alle anderen sahen nichts, wollten nichts sehen, es hieß, ich solle mich halt wehren. Das wäre doch mein Problem.

Jeden Morgen auf dem Schulweg kam ich mir vor, als wäre ich unterwegs zu meiner eigenen Hinrichtung.

[…]Am nächsten Tag musste ich mich in der Schule wegen meiner "Lügen" rechtfertigen. Es hatte für mich mehr Konsequenzen als für sie, scheint es mir. Ich übergab mich oft, war oft krank und blieb zu Hause.

[Phase 4: Ausschluss aus der Gemeinschaft] […]Eines Tages zerdepperte ich einen gläsernen Bilderrahmen. Eine Scherbe war so groß und scharfkantik, die Schmerzen so stark... ich wollte ein Gegengewicht dazu haben. Also zog ich sie mir über den Arm, und wirklich lenkte es mein Bewusstsein von dem störenden Kopf ab. In Zukunft sollte ich es immer wieder tun, bis es fast zur Sucht werden würde, mir selbst etwas anzutun, bevor jemand anderes dazu kommen konnte, aber das wusste ich da noch nicht. Ich war einfach froh darüber, etwas gefunden zu haben, was scheinbar half. […]“

Weitere eindrucksvolle Beispiele für Mobbingvorkommnisse in Schulen und Prozessbeschreibungen sind in dem Buch „Schulische Mobbing-Fälle“ von Gollnick (2008) aufgeführt. Vordergründig geht es um sechs verschiedene Beispielfälle von Mobbing in Schulen. Diese werden jeweils analysiert und interpretiert, vertiefen verschiedene Aspekte des Mobbing-Begriffes und zeigen individuelle Anti-Mobbing-Strategien auf.

1.2.2 Mobbing als Gruppenphänomen und dessen Rollenverteilung

Olweus (1978) spricht von Mobbing als „Aggression innerhalb der Peer group“ und Pikas (1975) von „Gruppenaggression“. Bei Mobbing handelt es sich um einen sozialen (Gruppen-) Prozess, der nach Jannan (2008) in einer Klassenkonstellation nur unerkannt und ungestraft funktionieren kann, wenn die Situation und damit auch die Täter anonym bleiben. Dies ist z. B. möglich, weil die Opfer sehr häufig keine Hilfe suchen und die Mobber darauf achten ihre Angriffe in unbeobachteten Momenten auszuführen(Jannan, 2008, S. 29). Neben Täter und Opfer gibt es im Mobbing-Prozess noch weitere Personen und Personengruppen, die in folgender Grafik dargestellt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Die typische Mobbing-Struktur in Lerngruppen und Möglichkeiten der gegenseitigen Beobachtung (gestrichelter Pfeil) bzw. Interaktion (durchgezogener Pfeil) (Jannan, 2008, S. 30)

Was bei der Grafik besonders ins Auge fällt, ist, dass das Opfer nicht nur die Mobber gegen sich hat, sondern auch die „Mitläufer“. Das Opfer ist also einem hohen Kräfteungleichgewicht ausgesetzt. Dies ist auch der Grund für die Entwicklung von Gefühlen wie Hilflosigkeit und Angst verbunden mit Selbstunwirksamkeit, wie sie auch im Beispiel von Rilana (vgl. S. 15) deutlich wurden.

Die vier Gruppierungen von Schülern (Opfer, Mobber, Mitläufer, restliche Lerngruppe) lassen sich nach Jannan hinsichtlich ihres Verhaltens klar voneinander unterscheiden. Das Opfer ist immer eine Einzelperson, wohingegen die Mobber im Allgemeinen max. drei Personen sind, die die Angriffe ausführen oder initiieren. Meistens schaffen sie es im Laufe des Prozesses immer mehr andere Schüler von ihrem Tun gegenüber dem Opfer zu überzeugen, wodurch das Opfer immer mehr an Ablehnung erfährt. Die Mitläufer sind immer unterschiedlich viele, da die Zusammensetzung bei den Attacken immer variiert. Häufig macht den größten Teil die restliche Lerngruppe aus. Sie ist vordergründig unbeteiligt und nimmt meist die Position des Beobachters ein. Jedoch können Schüler dieser Gruppe auch immer zu Mitläufern werden. Vier Reaktionen sind in dieser Gruppe möglich:

- Schüler sind fasziniert von dem „Schauspiel“,
- Schüler empfinden die Attacken abstoßend und haben Angst selbst zum Opfer zu werden,
- Schüler nehmen die Mobbing-Situation nicht wahr oder schätzen sie falsch ein („Ist doch nur Spaß.“) oder
- sozial kompetente Schüler versuchen einzugreifen, jedoch meist ohne Erfolg (ebd., S. 30f).

Hörmann und Schäfer (2009) entwickelten folgende Tabelle, in der sie Ergebnisse aus verschiedenen Untersuchungen zur Rollenverteilung bei Mobbing in verschiedenen Altersstufen zusammenfassten. Diese Tabelle gibt damit einen prozentualen Überblick sowohl zu den sozialen Verhältnissen innerhalb einer Lerngruppe als auch über die Entwicklung von Mobbing im Schulverlauf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Beispielhafte Übersicht zur Verteilung der Mitschülerrollen in Abhängigkeit von der untersuchten Altersgruppe (Hörmann & Schäfer, 2009, S. 13).

Zusammenfassend lässt sich aus der Tabelle entnehmen, dass etwa 10% aller Schüler Mobbing bzw. Bullying initiieren und lenken (Täter) und dabei von ca. 20-30% der Mitschüler (Assistenten à aktive Mitläufer und Verstärker à z. B. durch Lachen) unterstützt werden. Weitere 20-30% der Schüler stellen sich auf die Seite des Opfers, indem sie es z. B. trösten oder aktiv eingreifen. Wiederrum 20-30% sind Außenstehende, die sich nicht einmischen oder das Geschehen nicht erkannt haben. Mit zunehmenden Alter scheint der Prozentsatz der Betroffenen (Opfer) zurückzugehen und variiert um die 10% (Hörmann & Schäfer, 2009, S. 113).[4]

Überraschend scheint dabei, dass Mobbing in der Grundschule verhältnismäßig weit verbreitet ist und dort die höchste Anzahl an Opfern vorhanden ist. Bis noch vor einigen Jahren fand die Grundschule in der Mobbingforschung kaum Beachtung. Wie Hörmann und Schäfer weiter dargelegt haben, „erscheinen differenzierte Untersuchungen im Grundschulbereich aber zunehmend unerlässlich, da hier offenbar determiniert wird, was sich – positiv wie negativ – in Bereich der weiterführenden Schule manifestiert“ (ebd., S. 113).

1.3 Die emotionale Situation des Opfers

Jannan (2008) als auch Dambach (2009) sprechen in Bezug auf Mobbing von einer besonders emotional belasteten Situation für das Opfer. Die bedeutsamste Emotion, die die Opfer dauerhaft begleitet ist Angst. Jeder kann sich vorstellen, dass die Betroffenen Angst haben zur Schule zu gehen und in der Schule Angst haben, dass sie jeden Moment neuen Angriffen ausgesetzt sind.

Dambach beschreibt in seinem Buch „Mobbing in der Schulklasse“, dass viele der betroffenen Schüler versuchen ihr Leiden so gut es geht zu verbergen. „Sie reagieren nicht bei Erniedrigungen und bösen Streichen oder lachen manchmal sogar mit. Dahinter steckt die Angst, dass es ihnen noch schlechter gehen könnte“, wenn sie z. B. in Tränen ausbrechen oder sich wehren würden (Dambach, 2009, S. 26f). Angst ist demnach ein ständiger Begleiter und kann als Folge von Mobbing schwerwiegende seelische und körperliche Beschwerden nach sich ziehen (ebd., S. 27).

Mobbing steht demnach in einem engen Zusammenhang mit Angst und Stress. Nach Zapf (2000) kann Mobbing als eine extreme Form sozialer Stressoren verstanden werden. „Der Ursprung liegt in den sozialen Beziehungen am Arbeitsplatz [hier in der Schule]. Zu Mobbing werden soziale Stressoren […] durch ihre Häufigkeit und Dauer“ (Zapf, 2000, S. 142). Das bedeutet, je häufiger und längerfristiger ein Schüler den Mobbing-Attacken seiner Mitschüler ausgesetzt ist, desto mehr Angst und Stress empfindet er.

Man kann daraus schließen, dass es für Mobbing-Opfer, die jeden Tag in der Schule dem Stressfaktor „Mobbing“ ausgesetzt sind, eine große Belastung sein muss und sie vermutlich ein hohes Maß an Stress aufbauen. Folgender Beitrag soll in diesen Zusammenhang einen kleinen Einblick geben:

„ Schweigend sitze ich da.

Schweigend – wie sonst? Was soll ich denn sagen?

Drei Stunden Quälerei stehen mir bevor.

Ich zittere.

Jetzt fängt es an, denke ich und ich habe Recht.

Ich atme tief durch, versuche meine Ängste durch Konzentration zu ersetzen. Aber habt ihr schon mal versucht aufzupassen wenn vor euch sechs Leute euch mobben? Sinnlos das ganze.[…]“ (Erfahrungsbericht: Alexis, 2009).

Im weiteren Verlauf des Berichts wird Alexis arg von seinen Mitschülern beschimpft und schikaniert, was für ihn in einer schier erdrückenden Situation endet.

Angst und Stress – Zwei Begriffe, die wie eben dargelegt im engen Zusammenhang mit Mobbing stehen. Aber auch im Bereich der Selbstwirksamkeit als personale Ressource spielen sie eine Rolle. Dies wird im Kapitel zur Selbstwirksamkeit (Kapitel 2) noch genauer erläutert. Aus der Einleitung ist jedoch schon bekannt, dass Selbstwirksamkeit mit der Bewältigung von schwierigen Situationen verbunden ist, sich daher vermuten lässt, dass eine hohe Selbstwirksamkeit ein starker Einflussfaktor auf Angst und Stress sein kann. Ein Mensch mit hohen Selbstwirksamkeitserwartungen wird wahrscheinlich aufgrund seiner Fähigkeiten einer problematischen vielleicht sogar bedrohlichen Situation mit weniger Angst- und Stressempfinden begegnen als jemand, der davon ausgeht das Problem von vornherein nicht lösen zu können.

Jannik (5 Jahre) ist der Jüngste von drei Geschwisterkindern und musste von Anfang an lernen sich gegen die Älteren durchzusetzen um nicht benachteiligt zu werden und Kompromisse zu finden. Dadurch hat er mittlerweile keine Berührungsängste was ältere Kinder, z. B. die Schulfreunde seiner Geschwister betrifft und hat auch keine Probleme andere Kinder anzusprechen. Einmal hat ein anderes Kind im Kindergarten Jannik beschimpft und drohte ihm mit Prügel. Jannik war zwar etwas erschrocken und hatte auch ein wenig Angst aber aufgrund seiner Erfahrungen im Umgang mit Konflikten, ging er zu dem Kind und sprach es an, warum es ihn plötzlich beleidige und schlagen wolle. Im Endeffekt stellte sich raus, dass Jannik beim Spielen draußen, sich den Ball schnappte, den dieses Kind gerne wollte und dies auch am Vortag angekündigt hatte. Jannik entschuldigte sich und damit war der Konflikt gelöst.

Anhand dieses Beispiels kann man mutmaßen, dass ein Kind mit geringen sozialen Kompetenzen nicht den Mut gehabt hätte sich der Situation zu stellen, sondern vielleicht eher versucht hätte aus Angst jeglichen Kontakt zu dem anderen Kind zu meiden.

Was genau verbirgt sich nun hinter den Begriffen „Angst“ und „Stress“? Und warum ist die Situation aufgrund von starkem Angst- und Stressempfinden für die Opfer so brisant? Diese Fragen sollen im folgenden Kapitel erörtern werden.

1.3.1 Angst und Stress

Angst ist etwas Alltägliches. Jeder von uns hat schon einmal Angst empfunden und verbindet mit ihr die unterschiedlichsten Assoziationen. Es handelt sich somit um eine individuell und subjektiv wahrgenommene Emotion, die uns allen bekannt ist. Sie wird als eine Erregung in Situationen, die für uns bedrohlich erscheinen, wahrgenommen und löst häufig Beklemmungen aus. Für Menschen, die zur Ängstlichkeit neigen oder wie Mobbing-Opfer über längeren Zeitraum, in bestimmten Situationen Angst haben, können solche Umstände als große Belastungen und Einschränkung der Handlungsfähigkeit empfunden werden (vgl. Folgen von Mobbing; Kapitel 1.5).

Wie bereits erwähnt wird sich das zweite Kapitel genauer mit den Wechselwirkungen von Selbstwirksamkeit und Angst befassen. An dieser Stelle soll jedoch schon einmal vorweggenommen werden, dass sich Angstsituationen negativ auf das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit auswirken können. Ist das Selbstwertgefühl bereits angegriffen, besteht die Gefahr, dass die Person sich noch weniger zutraut und sich so die Leistungsbereitschaft und auch gezeigte Leistungen weiter verschlechtern. (Lohaus, Domsch & Fridrici, 2007, S. 21). Hat z. B. ein Schüler allgemeine Prüfungsangst und schreibt eine „fünf“ in Mathe, obwohl er gut gelernt hat, wird dieser sich diesen Misserfolg vermutlich selbst zuschreiben: „Natürlich, egal was ich mache, ich kriege es nicht hin. Wozu strenge ich mich überhaupt an, kommt ja doch nichts Vernünftiges bei raus!“. Hat ein Kind eine solche aussichtslose Einschätzung sich selbst gegenüber, sinken die Selbstwirksamkeitsüberzeugungen mit jedem weiteren Misserfolg.

Das Gefühl der Angst geht mit verschiedenen körperlichen Veränderungen einher. Dazu gehören unter anderem eine erhöhte Pulsfrequenz, erweiterte Pupillen, erhöhte Herzsequenz, angespannte Muskeln, schnelleres Atmen sowie steigender Blutdruck (Sörensen, 1996, S. 7; vgl. Krohne, 1996). Die vermehrte Sekretion von Schweiß ist die wohl bekannteste als auch unangenehmste Reaktion des Körpers auf eine Angstsituation.

Angst sollte jedoch nicht grundsätzlich als etwas missverstanden werden, das ausschließlich als unangenehm empfunden und gemieden werden sollte. Denn demgegenüber kann Angst auch eine sinnvolle Reaktion des Körpers auf eine Bedrohung sein. Vor langer Zeit, als unsere Vorfahren noch in der freien Natur lebten, war es lebensnotwendig, dass bei Gefahren eine automatische Reaktion eintrat, die sie z. B. auf die Flucht vor einem Säbelzahntiger vorbereitete. Der Körper wurde durch die bereits angesprochenen körperlichen Veränderungen in eine Art Alarmbereitschaft versetzt. So wurde und wird der Mensch biologisch auf die dann folgende Handlung, „Kampf“ oder „Flucht“, eingestellt. Dabei werden Kräfte mobilisiert, die die betroffene Person kurzzeitig zu außergewöhnlicher Leistung befähigen kann. Kurz gesagt, der Organismus wird vor Gefahr gewarnt und somit geschützt. Angst dient in diesem Fall also der Überlebenssicherung.

1.3.1.1 Begriffsbestimmung von Angst

Für den Angstbegriff gibt es keine einheitliche und allgemeingültige Definition. Das liegt daran, dass, auch wenn Angst eine allen bekannte Emotion ist, sie sehr individuell und vielschichtig erlebt wird. In den letzen Jahren stieg das Interesse für das Thema und die Bemühungen auf dem Gebiet der Angstforschung. Dieses Bemühen galt auch der Definition von Angst, das zu einer erheblichen Bandbreite führte.

Einen Einblick soll hier die Definition von Hackfort und Schwenkmetzger (1985) geben. Sie bemühten sich um eine umfassende Begriffsdefinition zu formulieren und beschreiben Angst als „ eine kognitive, emotionale und körperliche Reaktion auf eine Gefahrensituation bzw. auf die Erwartung einer Gefahr- oder Bedrohungssituation. Als kognitive Merkmale sind subjektive Bewertungsprozesse und auf die eigene Person bezogene Gedanken anzuführen. […] Emotionales Merkmal ist die als unangenehm erlebte Erregung, die sich auch in physiologischen Veränderungen manifestiert und mit Verhaltensänderungen einhergehen kann“ (Hackfort & Schwenkmetzger, 1985, S. 19; zit. n. Sörensen, 1996, S. 3).

Der Begriff Angst ist mit dem lateinischen Wort „angustus“ verwandt, was so viel bedeutet wie Enge, Beklemmung oder bedrückend (Duden, 2007, S. 144). Daraus lässt sich schließen, dass Menschen, die Angst haben, nicht frei und gelöst in ihren Handlungen sind, sondern sich gehemmt fühlen.

1.3.1.2 Begriffsbestimmung von Stress

Phänomenologisch sind Angst und Stress eng miteinander verwandt und lassen sich nur schwer voneinander differenzieren. Angst kann als eine Begleiterscheinung bei Stress auftreten und ebenso kann Stress eine Reaktion auf z. B. langandauernde Ängste sein. Das Wort „Stress“ kommt aus dem Englischen, bedeutet so viel wie „Anspannung“ und bezieht sich eigentlich auf die Belastbarkeit von Stoffen wie Metall, Glas, etc..

Hans Selye (1953), der als Begründer der Stressforschung gilt, führte in den 50er Jahren den Stressbegriff mit der übergeordneten Bedeutung von Stress als eine Art von Belastung bzw. Anstrengung in die Biologie ein. Später wurde Selyes Ansatz dahingehend erweitert, dass auch psychosoziale Faktoren als Stressoren wirken können, sofern die Person sie als Bedrohung für ihr Leben oder doch zumindest für ihre Integrität wahrnimmt (Levitt, 1979, S. 18f).

Im Groben unterscheiden sich Stress und Angst in der empfundenen Intensität der Erregung. Generell sind die Grenzen jedoch schwer abzustecken, da meistens das eine das andere mit sich bringt. Die Intensität des Erlebens von Stress hängt ähnlich wie bei der Angst von dem Gleichgewicht der Kräfte zwischen Anforderungen und den eigenen Bewältigungsfähigkeiten ab[5]. Nach Krowatschek und Domsch (2006) führt länger währende starke Angst zu Stress. Sie beschreiben Angst als etwas intensives aber eher Kurzweiliges: „Nach der Angst einflößenden Situation haben wir Zeit, uns zu regenerieren […]. Langsam können wir wieder aus dem Alarm- in den Normalzustand wechseln. Erst wenn sich diese Situationen häufen, empfinden wir Stress […]. Der Körper hat keine Zeit, sich zu erholen, und schaltet auf Daueralarm“ (Krowatschek & Domsch, 2006, S. 17).

[...]


[1] Artikel von Kleine Wördemann, G. (2009). In: Ostsee-Zeitung.de (19.09.2009).

[2] Anmerkung: Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird im weiteren Verlauf nur jeweils die männliche Form verwendet. Soweit nichts anderes angeführt wird, sind jeweils Schüler und Schülerinnen, Lehrer und Lehrerinnen usw. gemeint.

[3] UN-Kinderkonvention: Übereinkommen über die Rechte des Kindes. Übereinkommen vom 20.11.1989 und für die BRD am 05.04.1992 in Kraft getreten.

[4] Detailliertere Informationen zur Rollenverteilung geben Salmivalli, Lagerspetz, Björkqvist, Kaukiainen und Österman (1996), die auf Basis eines Fragbogens eindeutige Rollen im Mobbing-Prozess identifizierten.

[5] Da eine klar Abgrenzung der beiden Begriffe nicht möglich ist, werden sie im weiteren Verlauf der Arbeit zwar nicht synonym gebraucht aber beziehen sich immer aufeinander.

Details

Seiten
114
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640901265
ISBN (Buch)
9783640901951
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v170921
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,0
Schlagworte
Mobbing Gewalt Schüler Schule Auswirkungen Selbstwert Selbstwiksamkeitserwartungen Bandura Selbstwirksamkeit Isolation Aussenseiter

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Titel: Theoretische Grundlagen der protektiven Wirkung der personalen Ressource Selbstwirksamkeit gegen Isolation und Mobbing