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Zur Bedeutung der Zweitsprache

Theoretische Grundlagen & Förderungsmöglichkeiten

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 27 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Einleitung

2. Erstsprache
2.1 Definition Erstsprache
2.2 Theoretische Erklärungsversuche - Spracherwerbstheorien
2.3 Bedingungen des Erstspracherwerbs

3. Zweitsprache
3.1 Was bedeutet Zweisprachigkeit?
3.2 Gleichzeitiger Erwerb zweier Sprachen
3.3 Nachzeitiger Erwerb zweier Sprachen
3.3.1 Definition Zweitspracherwerb
3.4 Unterschied gesteuerter & ungesteuerter Zweitspracherwerb
3.4.1 Definition Zweitsprache
3.5 Bedingungen des Zweitspracherwerbs
3.6 Theorien des Zweitspracherwerbs

4. Mehrsprachigkeit im Elementarbereich
4.1 Grundprinzipien der zweisprachigen Erziehung im institutionellen Rahmen
4.2 Vor- und Nachteile der mehrsprachigen Erziehung

5. Förderungsmöglichkeiten der Zweitsprache
5.1 Förderungskonzepte
5.2 Förderungsschwerpunkte
5.3 Fördermaterial

6. Sprachförderung am Beispiel der städtischen Tageseinrichtung für Kinder Laarmannshof in Gelsenkirchen

7. Resümee

Literaturangaben

1. Einleitung

In Anbetracht der Diskussion um die frühkindliche Sprachförderung, die einerseits durch den PISA-Schock und zum Anderen im Zusammenhang mit der vor allem in den letzten Jahren fortgeschrittenen Forschung sowie den zahlreich daraus resultierenden Förderprogrammen wieder aufgeflammt ist, scheint vor allem die Bedeutung der Zweitsprache bei Kindern mit Migrationshintergrund ein hochaktuelles Thema zu sein.

Besonders da wir in einer Welt leben, die von einer Sprachenvielfalt geprägt ist. Dazu tragen sowohl die Globalisierung, neue technologische Entwicklungen, die Erweiterung der EU sowie die Migration und Mobilität bei. Infolge dieses ständigen Wandels entstehen zunehmend Begegnungen mit Menschen anderer Sprache. Trotz der hohen Zuwanderungen existieren, zu Beginn der Zuwanderung sowie heute, einige Probleme, die zum Teil barriereartige Züge für viele Migranten einnehmen. Die unterschiedliche Sprache, Herkunft und Weltanschauung lösen Verunsicherung aus, weil viele Bereiche der Gesellschaft auf den großen Zuzug von Menschen nicht vorbereitet waren und sind.

Gerade bei Migrantenkindern der dritten und vierten Generation wurde die Bedeutung sprachlicher Defizite nicht rechtzeitig erkannt. Da Sprachangemessenheit heutzutage jedoch eng an die gesellschaftliche Stellung geknüpft sowie Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches, selbstbestimmtes Leben in unserer Leistungsgesellschaft ist, muss aufgrund der zunehmenden Bedeutung der Zweisprachigkeit vor allem die Zweitsprache Deutsch bei Kindern mit Migrationshintergrund Förderung erfahren, um eine kulturell unabhängige Gleichstellung zu muttersprachlichen Kindern zu ermöglichen.

Mit der Hausarbeit soll versucht werden, einen Einstieg und Überblick in die weitreichende Thematik der frühen Mehrsprachigkeit, mit besonderem Blick auf die Zweitsprache, zu ermöglichen. Im Folgenden werden zuerst theoretische Grundlagen des Erst- und Zweitspracherwerbs genauer dargestellt, die die Verständnisgrundlage für die im Anschluss vorgestellten Besonderheiten und frühsprachlichen Förderungsmöglichkeiten im Elementarbereich bilden.

2. Erstsprache

2.1 Definition Erstsprache

Unter Erstsprache versteht man die Sprache, die das Kind als erstes erwirbt und meist die Sprache seiner Umgebung ist. Diese Sprache ist zudem oft, jedoch nicht immer, die Sprache seiner Mutter (vgl. Glumpler/Apeltauer (1997): 10).

Kielhöfer/Joneheit (1983) unterscheiden und kategorisieren die Sprachen nach starker und schwacher Ausprägung. Dabei wir „die dominierende Sprache als starke Sprache und die weniger stark ausgeprägte als schwache Sprache bezeichnet“ (Günther (2004): 56). Diese Unterscheidung ist deshalb nötig, da die Erstsprache meist die dominierende, also stärkere Sprache eines Menschen ist, es jedoch durch verschieden Lebensbedingungen (z.B Migration) zu einem Wechsel der Lebensumstände führen kann, wodurch die anfänglich dominierende Sprache (Erstsprache) mit der Zeit zur schwächeren Sprache wird.

Bsp.: Ein Kind wächst in Polen auf und lernt somit als Erstsprache Polnisch. Da die Eltern aus beruflichen Gründen nach Deutschland ziehen, lernt das Kind „gezwungenermaßen“ Deutsch. Das Kind geht in den Kindergarten bzw. in die Schule und redet allmählich mit dem größten Teil seiner Freunde sowie im alltäglichen Leben Deutsch. Somit wird die anfänglich dominierende Sprache Polnisch allmählich zu der weniger stark ausgeprägten Sprache (bspw. Polnisch wird nur noch in der Familie gesprochen oder zu Besuch bei den Verwandten in Polen).

Deshalb muss die dominierende Sprache „nicht unbedingt die zuerst erworbene Sprache sein“ (vgl.ebd.).

Durch das zuvor angeführte Beispiel, kann man nicht davon ausgehen, dass Migrantenkinder „die Sprache ihrer Mutter in vergleichbarer Weise beherrschen wie gleichaltrige deutsche Kinder Deutsch“ (Glumpler/Apeltauer (1997): 10).

Durch Zuwanderung ist es also möglich, dass veränderte Lebensumstände insofern einen Einfluss auf den Sprachgebrauch haben, als dass das Kind die zuerst erworbene Sprache durch eine andere Sprache ersetzt und somit die zunächst stärker ausgeprägte Sprache immer mehr in Vergessenheit gerät (vgl. Günther (2004): 56).

Zusammenfassend bezeichnet man mit der Erstsprache die starke Sprache, „die ein Kind im Vergleich zu anderen Sprachen am besten beherrscht“ (Glumpler/Apeltauer (1997): 10).

2.2 Theoretische Erklärungsversuche - Spracherwerbstheorien

Bis zum heutigen Tage ist es der Spracherwerbsforschung nicht möglich, den kindlichen Spracherwerb in all seinen Zügen genau zu determinieren. Es gibt verschiedene wissenschaftliche Theorien, die jeweils einen bestimmten Aspekt oder eine bestimmte Vermutung in den Fokus rücken. Dabei ist zu beachten, dass nach Popper (1985) „ [...] Theorien nie eindeutig sind, sondern nur an und mit Hypothesen arbeiten“, die eine bestimmte wissenschaftliche Richtung (bspw. Neuropsychologie, Kognitionspsychologie, Linguistik etc.) vertreten (vgl. Günther (2004): 88).

Im Folgenden sollen die vier wichtigsten Theorien des Spracherwerbs, in ihren Grundzügen, vorgestellt werden.

1. Behaviourismus - Sprache wird erlernt

Der lerntheoretische Ansatz geht davon aus, dass die Sprache, wie alle anderen Verhaltensweisen, vom Kind gelernt wird und diese somit als besondere Form des menschlichen Verhaltens betrachtet werden kann (vgl. Günther (2004): 89). Nach Skinner (1957), einem der bekanntesten Vertreter der behaviouristischen Lerntheorie, ahmen Kinder die ihnen durch den Erwachsenen präsentierte Sprache nach. Diese Imitationsorientierung bestimmt den Sprachansatz durchweg. Durch das operante Konditionieren wird das Kind durch Belohnungen (positive Verstärkungen) dazu gebracht, sich die sprachlichen Muster, aufgrund von Erfolgszuversicht (Belohnung), im Verlauf anzueignen und zu verwenden (vgl. Günther (2004): 90).

Nach behaviouristischer Auffassung ist das Kind somit ein eher passives Wesen, dass durch die Einwirkungen der Außenwelt (Eltern, Erzieher, Lehrer etc.) im Spracherwerb gelenkt, gestützt und gezielt gefördert werden kann (vgl.ebd.).

2. Nativismus - Sprache ist angeboren

Chomsky formulierte 1958, als Gegenstück zu Skinners Theorie, den nativistischen Ansatz des Spracherwerbs.

Dabei wird der Erwerb der Sprache als kindlicher Reifungsprozess verstanden, der weitgehend durch biologische und genetische Faktoren bestimmt und somit angeboren ist (vgl.ebd.). Nach dem nativistischen Verständnis, spielt dabei das Erlernen der Sprache eine untergeordnete Rolle. Deshalb spricht man auch von Sprachentwicklung. Dadurch kann ebenfalls davon ausgegangen werden, dass die Sprachentwicklung des Kindes in fast allen Sprachen und Kulturen ähnlich verläuft. Nach Chomsky „ist das Kind ein spezialisiertes Wesen, das die Sprache nach einem vorgegebenen Sprachprogramm verarbeitet und annimmt“ (vgl.ebd.).

3. Kognitivismus - Sprache und Denken bedingen sich gegenseitig

Der Entwicklungspsychologe Piaget vertrat die Auffassung, dass die Sprachentwicklung einen Teil der gesamtkognitiven Entwicklung ausmacht (vgl. ebd). Somit sind weder Nachahmung (vgl. Behaviourismus) noch angeborene Mechanismen (vgl. Nativismus) für den Erwerb der Sprache verantwortlich. Vielmehr wird die Sprache durch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Umwelt erworben (vgl. Günther (2004): 91). Das Kind ist somit kein passives Wesen mehr, dass nur durch die Umwelt beeinflusst wird, sondern es wächst dynamisch in die Welt der Sprache hinein und konstruiert diese auf natürliche Weise, im Umgang mit sprechenden Menschen (vgl.ebd.).

Dieser theoretische Ansatz betont den Charakter der „wechselseitigen Verknüpfung zwischen Sprache und Denken“ und betrachtet „das Kind [als] ein kostruktiv vorgehendes, intelligentes Wesen“ (vgl.ebd.).

4. Interaktionismus - Interaktionen und Wechselbeziehungen bestimmen den Spracherwerb

Nach Bruner (1987) ist die entscheide Grundlage der Sprachentwicklung die frühe Interaktion zwischen Mutter und Kind (vgl. Günther (2004): 91). Die interaktionistische Theorie geht ebenfalls von der Existenz sprachlicher Strukturen, Strategien sowie Regeln aus. Jedoch vollzieht sich „der eigentliche Erwerb der Erstsprache in einer sehr engen und dynamisch-aktiven Wechselbeziehung zwischen dem Kind und seinem Umfeld“ (ebd.).

Somit ist „die Entwicklung der Sprache untrennbar mit der Kommunikation verbunden“ (ebd.). Sprache wird demnach als ein Mittel zum Zweck verstanden. Primär geht es um die „Herstellung von sozialen Beziehungen“, wobei die Eltern ihre Sprache an die Bedürfnisse des Kindes anpassen müssen („Sprache wird ausgehandelt“) (vgl. Günther (2004): 92).

2.3 Bedingungen des Erstspracherwerbs

Der kindliche Erstspracherwerb vollzieht sich zwar in der Regel auf ganz natürliche Weise, jedoch ist diese Entwicklung gekennzeichnet durch Bedingungen, die zum einen im Kind selbst und zum anderen im Umfeld des Kindes verortet sind (vgl. Günther (2004): 92).

Wie im vorangegangenem Kapitel zu den Spracherwerbstheorien schon genannt, ist der Erwerbsvorgang noch nicht eindeutig geklärt. Alle Theorien stützen sich jedoch auf ein Fundament verschiedener Entwicklungsbereiche1. Dazu gehören

1. Wahrnehmung (= Hörvermögen: Lautdiskrimination, Lautsequenz, Lautanalyse- und synthese)
2. Motorik der Sprachwerkzeuge
3. Denkvermögen (= Hirnreifung)
4. Emotionalität (= Motivationale Faktoren, persönliche Zuwendung)
5. Sozialibilität (= familiäre Lebensbedingungen, soziales Netz), die entscheidenden Einfluss auf die sprachliche Fähigkeit des Kindes haben (vgl. Günther 82004): 92ff.).

Günther (2004) kommt zu dem treffenden Schluss:

„Sprache und Sprechen können nur in aktuellen Lebenssituationen mit realen Kommunikationspartnern realisiert werden. Gelingt das sprachliche Handeln nur begrenzt oder überhaupt nicht, dann müssen die Ursachen in der Persönlichkeit des Kindes, den familiären Hintergründe, den bisherigen Interaktionen, dem persönlichen Erleben und Wohlbefinden sowie dem individuellen Lernen gesucht werden“.

3. Zweitsprache

3.1 Was bedeutet Zweisprachigkeit?

In der Fachliteratur gibt es bisher noch keine einheitliche Definition des Begriffs der Zweisprachigkeit (vgl. Nauwerck (2005): 41).

Dies liegt vor allem an den (je nach Kind) individuellen Erwerbs- voraussetzungen bzw. Einstiegsbedingungen, die durch die Tatsache, dass Sprache bzw. der Spracherwerb ein stetig sich wandelnder Prozess des Lernens, Verlernens und Wiedererlernens ist, nicht genau bestimmt werden können, zumal Mehrsprachigkeit nicht als „verlässlicher endgültiger Besitz“ verstanden werden kann (vgl.ebd.). Aufgrund des Fehlens objektiver Bestimmungsmöglichkeiten, die durch den zuvor genannten Punkt des stetigen sprachlichen Prozesses nicht miteinander vereinbar sind, kann kein eindeutiger Standard zur Sprachbeherrschung bzw. Sprachentwicklungsverzögerung oder Frühreife formuliert werden (vgl.ebd.).

Auch Bialystock bemängelt diesen Aspekt der versuchten Standardisierung. Sie ist ebenfalls der Auffassung, dass „die Entwicklung zweisprachig aufwachsender Kinder als eine Art Stufenleiter [verläuft], auf der nicht festgelegt werden könnte, von welchem Zeitpunkt bzw. Kenntnisstand an das Kind als zweisprachig zu bezeichnen sei“ (ebd.).

Heutzutage unterteilt man die Sprachen von mehrsprachigen Kindern (wie schon in Kapitel 1.1. angeführt) in starke und schwache Sprache, wobei die Starke ungefähr auf dem Stand der Muttersprache einer einsprachigen Person ist (vgl. Nauwerck (2005): 42).

[...]


1 Aufgrund der Umfangsbegrenzung dieser Arbeit verweise ich für detailliertere Ausführungen auf Günther (2004) Pkt.5.2

Details

Seiten
27
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640900886
ISBN (Buch)
9783640900985
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171076
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – DaZ/DaF
Note
1,3
Schlagworte
DaZ DaF Förderungsmöglichkeiten Spracherwerb Zweisprachigkeit Erstspracherwerb Mehrsprachigkeit Zweitspracherwerb Elementarbereich Vorteile Nachteile Förderkonzept Zweitsprache Erstsprache Bedingungen

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Titel: Zur Bedeutung der Zweitsprache