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Die Ziele und Wirksamkeit von Schulsozialarbeit im Kontext der Zusammenarbeit von LehrerInnen und SozialarbeiterInnen

Mit einem Exkurs zur aktuellen Situation von Schulsozialarbeit im Landkreis Kassel

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Schulsozialarbeit - eine Definition

3. Historische Entwicklung von Schulsozialarbeit in Deutschland

4. Warum Schulsozialarbeit?
4.1. Strukturelle Ursachen von Schulsozialarbeit
4.2 Alltagspraktische Begründungsmuster
4.3. Theoretische Begründungsmuster

5. Aufgaben und Leistungen von Schulsozialarbeit
5.1. Ziele und Zielgruppen der Schulsozialarbeit
5.2. Aufgaben und Methoden sozialer Arbeit

6. Zum Verhältnis zwischen Schule und sozialer Arbeit
6.1. Schwierigkeiten bei der Kooperation zwischen LehrerInnen und SozialarbeiterInnen
6.2 Ursachen für diese Entwicklungen

7. Die Wirksamkeit von Schulsozialarbeit für SchülerInnen und Schulen
7.1. Die Vorteile für SchülerInnen und LehrerInnen
7.2. Empirische Studien zur Wirksamkeit von Schulso

8. Sozialarbeit in Schule im Landkreis Kassel

9. Fazit

1. Einleitung

Die folgende Ausarbeitung gibt, ausgehend aus einer historischen Perspektive, einen kompakten Überblick über die verschiedenen Aspekte von SiS1 in Deutschland und der Schweiz. Dabei versucht sie, SiS als Element von Jugendhilfe näher zu bestimmen und deren Funktion innerhalb der Schule zu thematisieren.

Zunächst wird die Entwicklung von SiS seit den siebziger Jahren thematisiert und deren Bedeutung begrifflich umrissen.

Im weiteren Verlauf geht es um außerschulische und schulische Herausforderungen, mit denen Schüler konfrontiert sind und die SiS notwendig machen. Darauf aufbauend flie- ßen praktische wie auch theoretische Ansätze für die Begründung von SiS mit ein. An- schließend werden die konkreten Aufgabenfelder, Methoden und Strukturen von SiS weiter ausgeführt. Schließlich beschäftigt sich die Hausarbeit mit der konfliktreichen Zusammenarbeit zwischen SozialarbeiterInnen und LehrerInnen, um danach die kon- kreten Vorteile und Effekte für SchülerInnen und LehrerInnen zu beleuchten.

Am Ende der Arbeit steht einen Exkurs zur Situation der SiS im Landkreis Kassel.

2. Schulsozialarbeit - eine Definition

Der Begriff “Schulsozialarbeit” kommt ursprünglich von dem englischen Ausdruck “School Social Work”, der 1906 in den USA eingeführt wurde. Dieser Begriff definiert einen klar umrissenen Tätigkeitsbereich mit festen Aufgaben und in der Folgezeit auch landesweite Standards für soziale Arbeit in Schulen. Mittlerweile ist Schulsozialarbeit ein anerkannter Begriff und in Deutschland weitgehend gebräuchlich.2 Aufgrund der unterschiedlichen Aufgaben von SiS ist es schwierig, eine einheitliche, standardisierte Formulierung zu finden. Insofern haben sich seit den siebziger Jahren unterschiedliche Vorstellungen darüber entwickelt, was SiS leisten kann.

Die ersten Definitionen beschäftigten sich mit der Kritik am Bildungssystem und der daraus resultierenden Bildungsungleichheit. In diesem Zusammenhang sollte SiS Sozia- lisationsdefizite kompensieren und somit zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen. “Die Schulsozialarbeit kann die Defizite unseres Schulsystems ausgleichen helfen. Vor allem aber ist sie der Beitrag, den die Schule als Kompensationshilfe für die Jugendli- chen leisten muss, die [….], den sich immer rasch differenzierenden und komplizieren- den Anforderungen und Möglichkeiten der Industriegesellschaft nicht gerecht werden.”3

Seither haben sich unterschiedliche Definitionen von Schulsozialarbeit entwickelt.

In den achtziger Jahren wurde SiS vor allem im Zusammenhang mit der Jugendhilfe gesehen. Jedoch kam es in dieser Zeit eher zu einer Stagnation von SiS, da sich die angestrebte Bildungsreform mit der flächendeckenden Einführung von Gesamtschulen nicht durchsetzte. Auf der anderen Seite gab es viele Forschungsprojekte, die das Fundament für die Weiterentwicklung in den neunziger Jahre legten.4

Seither wurde der Ausbau von SiS deutlich forciert, wodurch auch die gegenseitige Öffnung von Jugendhilfe und Schule beigetragen hat. Zugleich flossen auch gesell- schaftliche Veränderungen in die Begriffserklärung ein, wobei SiS eher präventiven Charakter hatte und soziale Ungleichheiten ausgleichen sollte. Weitere Ansatzpunkte be- zogen sich auf die Integration sämtlicher Instanzen, die für Schüler maßgeblich sind, wie Eltern, LehrerInnen und Medien. Wobei sich SiS nicht nur auf die Schule beziehen sollte, sondern an der Jugendförderung orientieren und sich mit Schulen, Jugendämtern und freien Trägern vernetzen sollte.5 Bis in die heutige Zeit hat sich SiS in unterschiedli- che Themenbereiche ausdifferenziert, wie etwa Hausaufgaben Betreuung, Berufsbera- tung oder Gewaltprävention. Dementsprechend bietet SiS kein einheitliches Aufgaben- profil, sondern beinhaltet unterschiedliche Facetten sozialpädagogischer Betreuung.6

Eine aktuell prägnante Definition, die auch die Komplexität von Schulsozialarbeit abbil- det, liefert Karsten Speck: “Unter Schulsozialarbeit wird im Folgenden ein Angebot der Jugendhilfe verstanden, bei dem sozialpädagogische Fachkräfte kontinuierlich am Ort Schule tätig sind und mit Lehrkräften […] zusammenarbeiten, um junge Menschen in ihrer individuellen, sozialen, schulischen und beruflichen Entwicklung zu fördern, dazu beizutragen, Bildungsbenachteiligungen zu vermeiden und abzubauen, Erziehungsbe- rechtigte und Lehrerinnen bei der Erziehung […] zu beraten und zu unterstützen […]”7

3. Historische Entwicklung von Schulsozialarbeit in Deutschland

Die Entstehung der SiS in Deutschland fand ihren Ausgangspunkt am Ende der siebzi- ger Jahre. Bis dahin war die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen vor allem von der in stitutionellen Trennung und einer klaren Arbeitsteilung von Schule und Jugendhilfe ge prägt. Die Jugendhilfe hatte die Funktion als “Notfallhilfe“ und sollte sich überwiegend um “auffällige Jugendliche” kümmern, die sich nicht in den Schulalltag integrieren konnten, um so den reibungslosen Fortgang des Unterrichtes zu garantieren. Diese Auf- gabenkonstellation der Jugendhilfe hat sich zum großen Teil bis heute gehalten. Insofern kümmert sich die Jugendhilfe um sozial benachteiligte KlientInnen und Themen, wie Delinquenz, Schulabbruch, Drogenprobleme und agiert somit auf unterschiedlichen Funktionsebenen.8

Speziell die Bildungsreform von 1970 mit der Einführung neuer pädagogischer Richtli- nien änderte die Zielsetzung von Bildungseinrichtungen: “Strukturplan und Bildungsbe- richt stellen die Forderung nach Herstellung von Chancengleichheit im Bildungssystem auf und fokussieren auf die Bedeutung sozialisationsbezogener (externaler) Faktoren im Bildungsprozess.”9

Durch die Reform sollte eine Durchlässigkeit der einzelnen Schulformen verstärkt wer- den, um mehr Gerechtigkeit im Bildungssystem zu erreichen.10 Dieser Ansatzpunkt war der entscheidende Anstoß für die Thematisierung eines neuen Verhältnisses zwischen Schule und Jugendhilfe. Vor allem die aus der Bildungsreform hervorgegangenen Ganz- tags- und Gesamtschulen konfrontierte die Schüler und Schulen mit neuen Herausforde- rungen. Die SchülerInnen sahen sich nun einer neuen Schulform gegenübergestellt, die zum einen durch ihre große Schülerzahl mehr Anonymität vermittelte und zum anderen ein differenzierteres Leistungsdenken hervorbrachte. Auf Seiten der Schulen musste zu- dem ein außerschulischer Betreuungs- und Freizeitangebot entstehen, dass die Schulen jedoch vor organisatorische Probleme stellte.11

Schließlich hatte sich aber zum Ende der siebziger Jahre SiS als kooperatives Element zwischen Jugendhilfe und Schule etabliert.12 SiS entstand somit als Reaktion auf Proble- me und Konflikte von Kindern und Jugendlichen, die mit pädagogischen Mitteln der Schule nicht aufzufangen waren.13 Insofern entwickelten sich schulsozialpädagogische

Elemente zunächst an Gesamtschulen. Jedoch gab es kein einheitliches Vorgehen oder Standardisierungen bei der Einführung von SiS, sie wurde vielmehr mit unterschiedlichen Konzepten, Trägern und Zielen eingeführt. Gleichzeitig war diesen Konzepten das Aufbrechen der räumlichen und organisatorischen Trennung von Jugendarbeit und Schule gemeinsam. Trotz einer Etablierung von SiS blieb die funktionale Trennung zwischen Jugendarbeit und Schule weitgehend erhalten.

4. Warum Schulsozialarbeit?

In den letzten 10 Jahren haben die Problemfelder in der Schule an Komplexität gewonnen. Besonders die Lehrer sehen sich pluralisierten Problemlagen gegenüber gestellt, die sie nicht mehr alleine bewältigen können.14

In diesem Zusammenhang wirken sich veränderte Sozialisationseffekte, wie Armut oder Perspektivlosigkeit in den Familien, Migration sowie erhöhte berufliche Anforderung direkt auf die Lebenswelt der Schüler aus.

Hinzu kommen noch der gestiegene Leistungsdruck an den Schulen sowie die zunehme Anonymität und der erhöhte Massenkonsum von Medien.15

Die hier entstehenden Symptome äußern sich als alltagspraktische Probleme in vielfältiger Form an den Schulen. Gewalt, Sucht, Bildungsungleichheit, Schulverdrossenheit oder Versagensängste wirken sich direkt auf den Schulalltag aus. Zudem beeinträchtigen sie die Fähigkeiten des sozialen Lernens und sorgen somit für nachhaltige Lerndefizite bei den betroffenen Schülern.

Auf der rechtlichen Ebene hatte das Inkrafttreten des Kinder- und Jugendgesetzes von 1990 auch einen entscheidenden Anteil am Ausbau von SiS.

Denn die bis dahin auf Kontrolle setzende “Sozialdisziplinierung” von Jugendhilfe wurde zugunsten einer stärker präventiven und partizipatorischen Orientierung ersetzt. “Jungen Menschen, die zum Ausgleich sozialer Benachteiligungen auf Unterstützung angewiesen sind, sollen […] sozialpädagogische Hilfen angeboten werden […] die ihre soziale Integration fördern.”16

Zusammengefasst kann man drei große Bereiche definieren, die Schulsozialarbeit erforderlich machen. Zum die fehlende Chancengleichheit, die durch die Korrelation von sozialen Status und Schulabschlüssen manifestiert wird, zum zweiten der erhöhte Leistungsdruck mit verbundener Selektion an den Schulen und schließlich Sozialisationsprobleme der Jugendlichen.

4.1. Strukturelle Ursachen von Schulsozialarbeit

Bei einer strukturierten Sichtweise auf die Gründe und Muster von SiS lassen sich drei Funktionsebenen in der Schule unterscheiden: Die Qualifikations-, Selektions- und Integrationsebene.17

Die Qualifikationsebene bezieht sich auf die Vermittlung von Fertigkeiten, Wissen und Kenntnissen, die für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und der konkreten Arbeit notwendig sind. Im Vergleich dazu regelt die Selektionsfunktion die Weitergabe des so- zialen Status innerhalb einer Gesellschaft zur nächsten Gesellschaft. Mit Hilfe der Inte- gration wird schließlich die Weitergabe von Normen, Werten und Verhaltensweisen be- schrieben.

Im Rahmen dieser drei Funktionsebenen der Schule können massive Konflikte auftre- ten. Die Qualifikationsstrukturen bieten zwar eine auf die Zukunft gerichtete Wissens- vermittlung, ignorieren aber den Gegenwarts- und Lebensweltbezug der Schüler, da Kinder und Jugendliche vor allem gegenwartsorientiert agieren und denken. Zudem bie- ten die Schulabschlüsse, vor allem in der Hauptschule, nur bedingt Chancen auf dem Arbeits- bzw. Ausbildungsmarkt und beinhalten somit teilweise eine fehlende berufliche Perspektive.

Schließlich beschreibt die Integrationsebene klare Normen- und Wertehaltungen in der Schule, die große Anpassungsleistungen von den Schülern verlangt.18 Durch diese klaren Rollenerwartungen fehlt den Schülern oft ein privater Raum, um eine eigene Identität zu entwickeln, die auch Verhaltensabweichungen beinhalten können. Denn eine wiederholte Abweichung dieser Normen und Regeln kann zu Stigmatisierung und Sanktionen der SchülerInnen von Seiten der Schule führen.

4.2. Alltagspraktische Begründungsmuster

Die alltagspraktischen Begründungsmuster bieten in der Regel konkrete, nachvollziehbare Begründungen für den Einsatz von SiS.

Sie bezeichnen problematische Alltagssituationen, mit denen die Schule konkret kon- frontiert ist, wie Schulverweigerung, Gewalt, Mobbing oder Lerndefizite. Die Hauptzie- le sind hierbei der Abbau von Verhaltensauffälligkeiten, die von den Schülern ausge- hen.19 Eine weiterer Bedarf an Schulsozialarbeiter ergibt sich durch die freizeitpädago- gische Ausrichtung, die durch die Einführung an Ganztagsschulen erforderlich worden.

[...]


1 Sozialarbeit in Schulen = Schulsozialarbeit

2 vgl. Wulfers, Wilfried (1991) „ Schulsozialarbeit. Ein Beitrag zur Öffnung, Humanisierung und Demokratisierung der Schule“ Hamburg, S.25

3 Abels, Heinz (1971) „Schulsozialarbeit. Ein Beitrag zum Ausgleich von Sozialisationsdefiziten.

4 vgl. Speck, Karsten ( 2007) „Schulsozialarbeit“, München Basel, S.10

5 vgl. Naber Wilhemsdorf, Klara: „Schulsozialarbeit in der Hauptschule im Kontext einer veränderten Schulwelt“, 2007, Weingarten, in: http://opus.bsz- bw.de/hsbwgt/volltexte/2008/39/pdf/Dissertation_Schulsozialarbeit.pdf S.13ff

6 vgl. Gilgen, Franziska: „Schulsozialarbeit in der Deutschlandschweizg. Begründungsansätze aus Sicht der Praxis. http://www.schulsozialarbeit.ch/cms/content/uploaddocuments/DA%20-%20SSA%20in %20DCH%20-%20Begruendungsansaetze.pdf S.11

7 vgl. Speck, Karsten ( 2007) „Schulsozialarbeit“, München Basel, S.28

8 vgl. Schermer, Franz J- Schulsozialarbeit Entwicklung und Merkmale, http://www.schulsozialarbeit.ch/cms/content/uploaddocuments/Schermer%20-%20SSA%20Entwicklung %20und%20Merkmale.pdf S.2ff

9 Schermer, Franz J Schulsozialarbeit Entwicklung und Merkmale, http://www.schulsozialarbeit.ch/cms/content/uploaddocuments/Schermer%20-%20SSA%20Entwicklung %20und%20Merkmale.pdf S.1ff

10 vgl. Tillmann, Klaus-Jürgen (1982) “Schulsozialarbeit”, München, S.26

11 vgl. Gilgen,Franziska „Schulsozialarbeit in der Deutschlandschweiz…..“http://www.schulsozi- alarbeit.ch/cms/content/uploaddocuments/DA%20-%20SSA%20in%20DCH%20-%20Begruendungsan- saetze.pdf S.28ff

12 vgl. Tillmann, Klaus-Jürgen (1982) “Schulsozialarbeit”, München, S.9

13 vgl. Grossmann, Wilma (1987), „Aschenputtel im Schulalltag. „Historische Entwicklungen und Perspektiven von Schulsozialarbeit Weinheim, S.115

14 Merten, Roland (1997) „Autonomie der sozialen Arbeit“, Weinheim, S.22

15 vgl. Rossmeisse, D., Przybilla A. (2006) „Schulsozialarbeit“ , Bad Heilbrunn, S. 63

16 KJHG, 2008, § 13 ABSATZ 1

17 vgl. Speck, Karsten (2007) „Schulsozialarbeit“, München-Basel, S.31

18 vgl. Speck, Karsten (2007) „Schulsozialarbeit“, München-Basel, S.33

19 vgl. Terner, Anja (2010) „Schulsozialarbeit in Schulischer Trägerschaft“, Marburg, S.18

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640903061
ISBN (Buch)
9783640903283
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171099
Institution / Hochschule
Universität Kassel – Humanwissenschaften
Note
2.0
Schlagworte
Schulsozialarbeit Soziale Arbeit in Schulen Schüler Lehrer Sozialarbeit an Schulen

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