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Grenzgebiete der Individualisierung

Persönlichkeitsstörungen und Devianz als Faktoren der soziologischen Forschung

Hausarbeit 2011 53 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkungen

Gesellschaft und Norm

Norm und Normalität

Devianz und Dissozialität
Abweichendes Verhalten als positives Verhalten
Abweichendes Verhalten als negatives Verhalten

Epidemiologie und Inzidenz

Devianz oder Normalität?

Schlussbetrachtungen

Anhang 1 (Klassifikationen nach ICD-10 mit Bezug zu Störungen des Sozialverhaltens/ Störungen der sozialen Interaktion/ Ursachen der Erkrankung aus dem sozialen Feld heraus)

Anhang 2 – Fallzahlen entlassene KrankenhauspatientInnen der ICD-Klassifikationen F60.2 und F91.x in den Jahren 2005-

Anhang 3 (Studienergebnisse zu Sozial-/ Verhaltensstörungen)

Literaturliste

Endnoten

Vorbemerkungen

Spricht man von ‚Individualisierung’ und ‚Persönlichkeit’ oder von ‚Cha-rakter’, wie auch von ‚Integration’, ‚Inklusion’ oder ‚Exklusion’, so wird damit unterschwellig, wenn auch nicht immer klar thematisiert, der Ein-zelmensch im Vergleich zu den Mitmenschen angesprochen. Die Grundannahme ist, dass Verhaltensweisen, Ansichten oder Merkmale des Einzelmenschen sich von den vorhandenen Ausprägungen der Mit-menschen mehr oder weniger stark unterscheiden. Diese Differenzierung kann sowohl positive als auch negative Formen und Bewertungen beinhalten.

Empirische Sozialforschung, sofern sie sich auf die quantitativen Erhe-bungen bezieht, setzt in ihren Prämissen dabei das Vorliegen einer ge-wissen statistisch-mathematisch prüfbaren Norm voraus – oder legt sie mit ihren Ergebnissen zugrunde. Sozialphilosophische Idealnormen re-sultieren auf allgemeingültigen und grundlegenden Anschauungen, wel-che die Basis des gesellschaftlichen Lebens deskriptiv, analytisch oder normativ darstellen wollen. Die Sozialnorm an sich stellt die Formen der „gesellschaftlich definierten Verhaltensnormen“ dar, die innerhalb einer Gemeinschaft vorhanden sind. Dem zur Seite - oder auch gegenüber - steht die subjektive Norm, welche persönliche (individuelle) Maßstäbe beinhaltet. Auf der phänomenologischen Ebene beschreibt die funk-tionale Norm den Grad der Zweckmäßigkeit zur Erreichung eines Zieles.[i]

Normen werden damit sowohl auf der Mikroebene (Subjektive Norm/Individualnorm), wie auch auf der Mesoebene (Sozialnorm) und der Makroebene (Idealnorm, statistische Norm) gebildet. Treiber beschreibt die Bedeutungsinhalte der Norm wie folgt:

„[1] eine beobachtbare Gleichförmigkeit des Verhaltens;
[2] eine soziale Bewertung von Verhalten;
[3] eine verbindliche Forderung eines bestimmten Verhaltens.“[ii]

Die Norm wird damit zum ‚archimedischen Punkt’, von dem aus sowohl Gesellschaft als auch Einzelmensch zu betrachten sind.

Normen der Makroebene stellen häufig institutionalisierte Normen dar, die in Form von wissenschaftlichen Auswertungen und rechtlichen Regelungen konstituierend wirken. Dies bedeutet wiederum, dass eine ‚beobachtbare Gleichförmigkeit des Verhaltens’ zugrunde gelegt werden kann und diese eine annehmbare Konstante bildet. Auch ist die Frage nach der Dynamik der ‚sozialen Bewertung von Verhalten’ zu stellen, denn eventuell sind Verhaltensnormen, die Jahre oder Jahrzehnte zuvor noch als Maßstab galten mittlerweile obsolet, wenn hierzu ein Wertewandel oder Normwandel stattgefunden hat. Und auch die gesellschaftlich ‚verbindliche Forderung eines bestimmten Verhaltens’ mag damit historische Veränderungen erfahren.[iii]

Kritik an der sozialwissenschaftlichen Praxis wurde in Bezug auf das Normalitätsverständnis hierzu bereits Mitte der 90er Jahre unter anderem von HONNETH geübt:

„Um von einer sozialen Pathologie sprechen zu können, die nach dem Vorbild der Medizin einer Diagnose zugänglich sein soll, bedarf es vielmehr einer Vorstellung von Normalität, die auf das gesellschaftliche Leben im ganzen bezogen ist. Welche immensen Probleme mit einem derartigen Ansinnen verknüpft sind, hat das Scheitern jener sozialwissenschaftlichen Ansätze deutlich gemacht, die die Funktionserfordernisse von Gesellschaften nur durch externe Beobachtung festlegen wollten: weil in sozialen Zusammenhängen das, was als Entwicklungsziel oder als Normalität gilt, stets kulturell definiert ist, lassen sich auch Funktionen oder ihre entsprechenden Störungen allein unter hermeneutischem Bezug auf das interne Selbstverständnis von Gesellschaften bestimmen.“[iv]

Um diese beiden Bereiche miteinander zu verbinden, wird in der vorlie-genden Arbeit die Frage nach der Abweichung, der Devianz oder Disso-zialität, des Verhaltens gestellt und mittels einer Literaturübersicht, auch auf der Basis bereits vorliegender Untersuchungen, analysiert. Ausgehend sowohl von den Persönlichkeitsmodellen der Psychologie und Psychiatrie als auch der Soziologie wird anhand der Epidemiologie und Inzidenz von Persönlichkeitsstörungen und psychischen Krankheitsbildern die Frage nach der Fundierung von gesellschaftlichen Normen des Verhaltens und der vermutbaren Verteilung des Nicht-Normgerechten in der Gesellschaft aufgeworfen. Die Arbeit bewegt sich dabei im Spannungsverhältnis der Begriffe Gesellschaft, Persönlichkeit, Individualisierung, Norm und Abweichung. Ergänzend, aber nicht abschließend, werden hierzu auch Theorien aus dem Bereich der Wirtschaftswissenschaften, Biologie, Medizin, Philosophie und Anthropologie betrachtet.

Gesellschaft und Norm

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzungen finden sich bereits seit zahlreichen Jahrhunderten die Vorstellungen der Normsetzung durch Gesellschaften zur Regelung und Durchsetzung der Bedürfnisse der Allgemeinheit, wie auch der Einzelnen. Populär geworden ist auch die im 17. Jahrhundert getroffene Annahme HOBBES, das menschliche Zusammenleben sei ein „Krieg eines Jeden gegen Jeden.“[v] So gelangte er auch zu der Ansicht, dass „der Mensch […] ein Wolf für den Menschen [ist], […] wenn man die Staaten untereinander vergleicht.“[vi] HOBBES vertrat also eine durchaus kritische Perspektive in Bezug auf das Zusammenleben von Menschen und deren Interaktionen. Und um jenem kriegerischen Zustand zu entgehen und ein zufriedeneres Leben zu führen gründen die Menschen das „Gemeinwesen“, so seine Ansicht, um mittels der dahinter steckenden Macht zu sichern, was der „Mensch im Naturzustand“[vii] nicht zu bewältigen vermag.

Der Mensch im Naturzustand kann aber auch unterschiedliche Prägungen annehmen, wie bspw. FROMM darlegt[viii]. So sind drei Gesellschaftsformen zu unterscheiden:

1. Typ A – die Lebensbejahende Gesellschaft,
2. Typ B – die Nichtdestruktiv-aggressive Gesellschaft und
3. Typ C – die Destruktive Gesellschaft.

Während in Typ A

„Feindseligkeiten, Gewalttätigkeiten und Grausamkeiten […] nur in minimalem Ausmaß zu finden“ sind, gibt es auch „keine harten Strafen, kaum Verbrechen, und der Krieg als Institution fehlt ganz oder spielt nur eine äußerst geringe Rolle“.[ix]

Typ C stellt die Antipode hierzu dar, denn diese Gesellschaft ist

„gekennzeichnet durch interpersonale Gewalttätigkeit, Zerstörungslust, Aggression und Grausamkeit, sowohl innerhalb des Stammes als auch anderen gegenüber, durch Freude am Krieg, Heimtücke und Verrat“.[x]

Hieraus ergibt sich auch der Maßstab für die gesellschaftliche Norm und die Abweichung, denn in Gesellschaft A gilt:

„Wer sich aggressiv, rücksichtslos und unkameradschaftlich verhält, wird als anomal angesehen.“[xi]

Für Gesellschaft C ist jedoch

„das Ideal eines guten und erfolgreichen Mannes […] einer, der einen anderen heimtückisch von seinem Platz vertrieben hat. Die am meisten bewunderte Tugend und die größte Leistung ist ‚wabuwabu’, ein System rücksichtsloser Praktiken, durch die man auf Kosten anderer Vorteile einheimst. Die Kunst besteht darin zum Nachteil anderer sich persönliche Vorteile zu sichern.“[xii]

BEELMANN/RAABE haben verschiedene Arten des aggressiven Ver-haltens klassifiziert, so z. B.: körperliche vs. verbale, offene/direkte vs. verdeckte/indirekte (soziale od. relationale), instrumentelle vs. feindse-lige, proaktive vs. reaktive Aggression. Gesellschaft C weist, bis auf die offene Aggression, das gesamte Spektrum aggressiven Handelns auf.[xiii]

Und auch wenn das erwähnte System B durch seine nichtdestruktiven Züge näher an System A herangerückt bleibt, wird deutlich, dass sich Mischgesellschaften bilden können, insofern das gesellschaftliche Ideal der Gruppe nicht von allen Mitgliedern geteilt wird und/oder die Normen anderes Handeln gestatten. Gewalt wird in Gesellschaft dann ‚normal’.[xiv]

Doch diese Normen werden schließlich auch nicht einfach vorgefunden – Normen existieren durch gesellschaftliche Konvention und sie werden

„im Prozeß der Sozialisation und durch systematische Erziehung, die DURKHEIM ‚socialisation méthodique’ (1903, S. 45) nennt, kontinuierlich an jede neue Generation weitergegeben.“[xv]

Norm und Normalität

Damit wird die Frage zentral, was denn in diesen Gesellschaften als Norm und Normalität zu gelten hat. Im juristischen Verständnis geht man von einer Normenhierarchie - einer Normenpyramide - aus, nach der es höherrangige und niederrangige Vorschriften gibt.[xvi] Der Begriff der Norm wird allgemeinsprachlich eher mit dem Begriff des Gesetzes, als einer Vorschrift des Sollens, Müssens oder Unterlassens als sank-tionierbare Handlung gleichgesetzt. Neben den festgeschriebenen Rechtsnormen existieren jedoch auch weitere, ungeschriebene Normen, wie beispielsweise das Gewohnheitsrecht, das sich aus einer ‚ständigen Übung’ oder ‚ständige Handhabung’ ergeben kann. Einen ähnlich nor-mativen Charakter können auch jegliche Verhaltensregeln, als soziale Normen, besitzen, wie sie sich beispielsweise in Anstands-‚ oder Be-nimmregeln niederschlagen. Derartige Regelwerke können sehr kom-plex sein, hängen von den jeweiligen und vielfältigen Kulturen ab, wie oben kurz skizziert, und

„werden von Personen hervorgebracht, um das Handeln anderer Personen (und möglicherweise auch das eigene) zu beeinflussen und zu steuern.“[xvii]

Diese Steuerungsfähigkeit auf der einen Seite und die Lenkungsbereitschaft auf der anderen Seite werden im Spiel der menschlichen Interaktionen und Interdependenzen damit zum wichtigen Faktor der Sozialisation. So definiert denn auch KLIMA:

Sozialisation, Sozialisierung, selten auf deutsch: Vergesellschaftung, [1] Bezeichnung für den Prozeß, durch den ein Individuum in eine soziale Gruppe eingegliedert wird, indem es die in dieser Gruppe geltenden sozialen Normen, insbesondere die an das Individuum als Inhaber bestimmter Positionen gerichteten Rollenerwartung, die zur Erfüllung dieser Normen und Erwartungen erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie die zur Kultur der Gruppe gehörenden Werte, Überzeugungen usw. erlernt und in sich aufnimmt. […]“[xviii]

Eine Normmatrix, welche den Geltungs- und Wirkungsgrad und die Sanktionsbereitschaft veranschaulicht, und dies über die reine Definition und Einordnung der juristischen Norm hinaus, findet sich bei LAMNEK[xix]. Der Geltungsgrad bezeichnet dabei in etwa die Reichweite der Norm, die vom Normgeber angestrebt wird, der Wirkungsgrad ist die von den Normadressaten verinnerlichte und umgesetzte Reichweite der Norm. Beides wird ergänzt durch die Sanktionsbereitschaft des Normgebers, bei Nichtbeachtung den Verstoß zu ahnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Tabelle entnommen aus Lamnek 1996, S. 22)

Etwas salopp lässt sich formulieren: Mit dem zunehmenden Grad der Internalisierung der Normen und Erwartungen wird das sich integrierende Individuum ‚normal’. Dem gegenüber steht der Begriff und das Bedürfnis nach Individualisierung, denn, wie es bei ABELS heißt:

„Individualisierung meint die eigene Vorstellung des Individuums von sich selbst und von der sozialen Bedeutung und Relevanz der gesellschaftlichen Verhältnisse. Der Mensch nimmt die gesellschaftliche Ordnung und ihre Institutionen nicht mehr einfach hin, sondern reflektiert ihren Sinn für sich. Er nimmt sich als ein besonderes Individuum an seinem spezifischen Ort in der Gesellschaft und in seiner besonderen Funktion wahr. Individualisierung bedeutet in diesem Sinne, gegen die Dominanz der Gesellschaft den Anspruch des Individuums auf eigenes Denken und Handeln zu erheben. Die Geschichte der Individualisierung ist der unmerkliche Kampf, gegenüber kollektiven Verpflichtungen und traditionellen Orientierungen individuelle Vorstellungen von den richtigen Zielen und Mitteln des Handelns durchzusetzen.“[xx]

Ist mit der sophistischen Annahme des ‚homo mensura’ der Mensch das Maß der Dinge, der derart imstande ist eine normative Rolle zu entwickeln, so birgt die Individualisierung zumindest im Keim das Risiko eines ‚ego mensura’, wodurch das Ich das Maß der Dinge wird und es zu einer Hypertrophie des Individuums kommt, das nicht über eine „organische Solidarität“[xxi] verfügt, sondern sich somit bewußt abgrenzend verhält, indem es die eigenen Maßstäbe zum Fixpunkt der gesellschaftlichen Norm erhebt. Wie in einer Zwangsnorm versucht das Individuum den Geltungsgrad seiner Regeln allgemeingültig zu setzen, auch bei einem bislang niedrigen Wirkungsgrad, aber hoher Sanktionierungsbereitschaft, die sich jedoch gegenüber materiellen und immateriellen Werten äußert. Möglicherweise wird aber auch eine unzureichende Sanktionsbereitschaft, die zu einem ‚Normenverfall’ führen kann, zum Agens einer devianten Handlung. Ob es also tatsächlich ein „unmerklicher Kampf“ ist, wie es oben bei ABELS heißt, oder die Individualisierung nicht doch in einen merklichen Kampf mit sich und der Gesellschaft ausufern kann, soll nachfolgend betrachtet werden.

Devianz und Dissozialität

Zur Betrachtung und Bewertung von Devianz – als dem von der Norm oder einer Wertvorstellung abweichenden Verhalten - finden sich ver-schiedenen theoretische Ansätze.[xxii] So ergibt sich bspw. nach COHEN

„individuelle Verhaltensdevianz aus Normenkonflikten zwischen Subsystemen der Gesellschaft und dem Gesamtsystem […]. Ausgangspunkt sozialer Ausdifferenzierung sind Spannungszustände zwischen Zielen und Wünschen einer Person und der realen Lebensumwelt, die letztlich zur Ausbildung devianter Subkulturen führen.“[xxiii]

LAMNEK hingegen diskutiert Devianz auch als Zeichen des „Normwandels“ (was gleichfalls als Zeichen des Wertewandels weitergeführt werden kann).[xxiv] Von der Warte des ‚labeling approach’ aus betrachtet, ist deviantes Verhalten gleichsam nur deshalb, weil das Verhalten als deviant bezeichnet (etikettiert) wird. Wiederum andere sahen und sehen „Devianz [als] ein Handeln, das gegen gesellschaftliche Normen verstößt und von negativen Sanktionen bedroht ist.“[xxv] Es werden damit zahlreiche Teilaspekte beleuchtet, die sich in dieser Form auch wiederfinden lassen.

Nach BECKER/KOCH ergeben sich vier Typen des devianten Verhaltens[xxvi]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Tabelle entnommen bei Keckeisen 1976, S. 42)

Nach SIEGRIST ist „Konformität […] Ausdruck sozialer Integration einer Per-son in ein Beziehungsnetz“ und bezeichnet „die Anpassung eigener Einstel-lungen und Verhaltensweisen an diejenigen einer Gruppe, in der Regel einer Bezugsgruppe, der man sich zugehörig fühlt.“[xxvii] Das non-konforme (sich-nicht-anpassende) Individuum gerät dann in das Spannungsverhältnis zwischen Ich (Ego) und die Anderen (Alter) und wird so möglicherweise gegenüber der (ursprünglichen) Bezugsgruppe abweichend.

Die Frage nach der Gruppennorm und dem Grad der akzeptierbaren Abweichung wird dann laut BECKER/KOCH bedeutsam, denn

„nicht so zu sein wie alle anderen, ist in einer Gesellschaft, die zunehmend komplexere Probleme zu lösen hat, funktional störend. Der Umgang mit Nicht-Normalen kostet Aufmerksamkeit und bedeutet Kontrollaufwand, ist zeitintensiv und routinestörend“.[xxviii]

Es zeigt sich also, dass sowohl deviantes Verhalten nicht als solches erkannt (falsch negativ) werden kann, als auch, dass nicht-deviantes Verhalten als solches verkannt wird (falsch-positiv). Auch wird nicht jedes sanktionierungsfähige deviante Verhalten tatsächlich von Strafe bedroht, was zu verschiedenen Formen der Nichtgeltung und in letzter Konsequenz bis zum Verfall von Normen führen kann. Ein solches ‚ Modell der Geltungsstruktur sozialer Normen ’ weist POPITZ aus[xxix]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Tabelle entnommen bei Popitz 2006, S. 164)

Wie gestaltet sich dies aber aus?

Abweichendes Verhalten als positives Verhalten

Sich nicht wie die Menschen der breiten Masse zu verhalten, kann ein innovatives[xxx] und veränderndes Moment beinhalten. Bereits JUNG sah den Hang und den Zwang zur Normalität als Nutzen und als Problemfall des Menschen:

„Normalmensch zu sein, ist das Nützlichste und Zweckmäßigste, das man sich wohl denken kann. Aber im Begriff „Normalmensch“ schon, wie im Begriffe der Anpassung liegt eine Beschränkung auf das Durchschnittliche, die nur dem als eine wünschenswerte Verbesserung vorkommt, der sowieso schon Mühe hat, mit der gewöhnlichen Welt fertig zu werden, der z.B. infolge seiner Neurose unfähig ist, eine normale Existenz zu gründen. Der „Normalmensch“ ist das ideale Ziel für die Erfolglosen, für alle die, die noch unterhalb des allgemeinen Anpassungsniveaus stehen. Für Menschen aber, die weit mehr können als der Durchschnittsmensch, Menschen, denen es nie schwer fiel, Erfolge zu erreichen und mehr als genügende Leistungen hervorzubringen, für solche ist die Idee oder der moralische Zwang, nichts als normal sein zu müssen, der Inbegriff eines Prokrustesbettes, einer unerträglichen, tödlichen Langeweile, einer sterilen, hoffnungslosen Hölle. Und es gibt dementsprechend ebenso viele Neurotiker, die erkranken, weil sie bloß normal sind, wie es solche gibt, die krank sind, weil sie nicht normal werden können. Der Gedanke, dass jemand darauf verfallen könnte, erstere zur Normalität erziehen zu wollen, bedeutet für diese Menschen soviel wie ein böser Traum, denn ihre tiefste Notwendigkeit liegt in Wirklichkeit darin, ein abnormes Leben führen zu können.“[xxxi]

Und auch FIEDLER sieht Devianz „unter dem Blickwinkel der Kompetenz“ , denn

„nimmt man die unstete Lebensführung, das ständige Suchen nach neuen Reizen und Herausforderungen, nach Sensationen und Risiken hinzu und denkt man in diesem Zusammenhang einmal über die Merkmale der Devianz und Kriminalität hinaus, dann läßt sich feststellen, daß diese Merkmale nicht nur für sozial deviante Menschen kennzeichnend sind, sondern daß sie sich gelegentlich auch bei besonders erfolgreichen Sportlern, Entdeckern, Hasardeuren, Managern oder Politikern finden lassen, wenn es ihnen nur gelingt, die gefährlichsten Situationen zu meiden.“ Oder, wie SASS (1987) dazu mit Verweis auf LYKKEN aphoristisch formuliert: ‚Es ist genau diese Furchtlosigkeit ein besonderer Stoff, aus dem die Helden und die antisozialen Persönlichkeiten sind.’“[xxxii]

Der Faktor ‚Kompetenz’ wird dabei in der Literatur sehr unterschiedlich bewertet.[xxxiii] Hier ist er eher positiv konnotiert, denn die Devianz wird für das Individuum quasi überlebenswichtig (um nicht neurotisch oder psy-chotisch zu werden) oder sie dient als positiver Impetus, um bspw. be-ruflichen Erfolg zu erzielen und in bestimmten Lebens- und Arbeits-bereichen durchsetzungsfähig zu sein oder außergewöhnliche Leistun-gen zu vollbringen.[xxxiv] Auch LAMNEK sieht in abweichendem Verhalten daher einen „ Indikator für Normwandel “, denn niemand würde sich, sei-ner Meinung nach, freiwillig einer (drohenden) Sanktionierung ausset-zen. Die permanente Devianz gegenüber Normen bei konstanter Sank-tionierung sei also „eine erste Voraussetzung für einen Normwandel“[xxxv] – eine Situation, wie sie sich in erster Linie auf (politische) Dissidenten anwenden lässt.

Auch die gesellschaftliche Betrachtung des devianten Verhaltens als ei-ner positiven Akzentuierung der Persönlichkeit kann wiedergefunden werden – und ist damit auch Ausdruck einer Akzeptanz. Betrachtet man Heroisierungen des devianten Verhaltens, wie sie sich in der Literatur und Film bspw. an Figuren wie Robin Hood, Johannes Bückler (Schinderhannes)[xxxvi], Jesse James und Bonnie & Clyde, aber auch modernen ‚Rebellenfiguren’, wie bspw. James Dean in „…denn sie wissen nicht, was sie tun“ zeigen, so findet sich häufig auch eine Um-interpretation der Handlungen in der Volksüberlieferung: Die sich deviant oder delinquent verhaltenden Protagonisten werden teils als uneigen-nützig und sozial ausgleichend beschrieben oder als Spielball der gesellschaftlichen Umstände.[xxxvii] Das Motiv des Gesetzlosen, der die Reichen bestiehlt und das Geraubte den Armen und Bedürftigen gibt oder des charismatischen und vom Umfeld in seine Rolle hi-neingezwungenen ‚Rebel without a cause’[xxxviii] setzt sich über Jahr-hunderte und Ländergrenzen fort und wird zu diesem positiven Bild teils erst umgeformt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang also die Frage, ob es sich bei dem Verhalten nur um scheinbar deviantes, also doch gesell-schaftskonformes Verhalten handelt, das den Niederschlag bspw. von den sozialen in die juristischen Normen noch nicht gefunden hat – oder ob das Bewußtsein um das deviante Verhalten in der Gesellschaft nicht, noch nicht oder nicht mehr vorhanden ist.

Abweichendes Verhalten als negatives Verhalten

Betrachtet man deviantes Verhalten nicht unter dem Blickwinkel der Kompetenz, sondern als ein für das Individuum und die Gesellschaft dysfunktionales Verhalten, dem sowohl mit Kontrolle, Strafe und Behe-bung begegnet werden muss, dann zeigt sich dies zum einen in straf-rechtlichen Normen, in der Kriminalitätsverfolgung und –ahndung, wie auch in der psychiatrischen Begutachtung und psychotherapeutischen Behandlung. Mit den Klassifikationssystemen ICD-10[xxxix] und DSM-IV[xl] liegen internationale institutionalisierte Bewertungsschemata[xli] vor, ab wann, in welcher Intensität und mit welchen Ausprägungen Verhalten als deviant oder dissozial zu gelten hat. D.h., das prosoziale[xlii], in die Gesell-schaft integrierte und an die Normen angepaßte Individuum wird als Re-gelfall betrachtet – das deviante Individuum als eben von dieser Norm abweichend und für sich selbst und/oder die Gesellschaft schädlich. Es bilden sich pathologische Prozesse heraus, in deren Folge der Mensch in Bezug auf die Gesellschaft „erkrankt“. Zahlreiche Krankheitsbilder weisen Bezug zu sozialen Kontexten auf. Von besonderem Interesse sind hier die so genannten Persönlichkeitsstörungen, die zu diversen Störungsformen in den Interdependenzen zwischen ‚Individuum’ und ‚Gesellschaft’ führen.[xliii] Dabei sind zwei Störungsbilder von Interesse, deren Problematik in Bezug auf die Gesellschaft salient wird: zum einen die Dissoziale Persönlichkeitsstörung (F60.2 ICD-10) und zum anderen die Störungen des Sozialverhaltens (F91.x ICD-10) mit Beginn in Kindheit und Jugend. (Zu den weiteren Störungsbildern im Kontext Individuum/Gesellschaft siehe die Zusammenstellung im Anhang 1).

Zu F 60.2 (Dissoziale Persönlichkeitsstörung) wird ausgesagt:

„Eine Persönlichkeitsstörung, die durch eine Mißachtung sozialer Verpflichtungen und herzloses Unbeteiligtsein an Gefühlen für andere gekennzeichnet ist. Zwischen dem Verhalten und den herrschenden sozialen Normen besteht eine erhebliche Diskrepanz. Das Verhalten erscheint durch nachteilige Erlebnisse, einschließlich Bestrafung, nicht änderungsfähig. Es besteht eine geringe Frustrationstoleranz und eine niedrige Schwelle für aggressives, auch gewalttätiges Verhalten, eine Neigung, andere zu beschuldigen oder vordergründige Rationalisierungen für das Verhalten anzubieten, durch das der betreffende Patient in einen Konflikt mit der Gesellschaft geraten ist.“[xliv]

Bei F 91.x (Störungen des Sozialverhaltens) heißt es:

„Störungen des Sozialverhaltens sind durch ein sich wiederholendes und anhaltendes Muster dissozialen, aggressiven und aufsässigen Verhaltens charakterisiert. Dieses Verhalten übersteigt mit seinen gröberen Verletzungen die altersentsprechenden sozialen Erwartungen. Es ist also schwerwiegender als gewöhnlicher kindischer Unfug oder jugendliche Aufmüpfigkeit. Das anhaltende Verhaltensmuster muß mindestens sechs Monate oder länger bestanden haben. Störungen des Sozialverhaltens können auch bei anderen psychiatrischen Krankheiten auftreten, in diesen Fällen ist die zugrundeliegende Diagnose zu verwenden.

Beispiele für Verhaltensweisen, welche diese Diagnose begründen, umfassen ein extremes Maß an Streiten oder Tyrannisieren, Grausamkeit gegenüber anderen Personen oder Tieren, erhebliche Destruktivität gegenüber Eigentum, Feuerlegen, Stehlen, häufiges Lügen, Schulschwänzen oder Weglaufen von zu Hause, ungewöhnlich häufige und schwere Wutausbrüche und Ungehorsam. Jedes dieser Beispiele ist bei erheblicher Ausprägung ausreichend für die Diagnose, nicht aber nur isolierte dissoziale Handlungen.“[xlv]

[...]


[i] Siehe Baumann/Perrez, S. 22f.

[ii] Treiber zum Lemma ‚Norm’, S. 460

[iii] Siegrist hebt hervor, dass „jede Gesellschaft […] als Gefüge verbindlicher Verhaltensnormierungen analysiert werden [kann]. Dieses Gefüge sozialer Ordnung ist in seiner inhaltlichen Bestimmtheit zwar wandelbar, nicht von der Natur festgelegt, sonder Ergebnis historischer Prozesse menschlichen Zusammenlebens. Aber ohne ein solches Gefüge sozialer Normierung ist eine menschliche Gesellschaft nicht funktionsfähig.“ 2005, S. 57 (Hervorhebung wie im Original)

[iv] Honneth 1994, S. 50, weitere Literaturangabe mit Verweis auf die thematischen Ausführungen bei Habermas und Eder

[v] Hobbes/Klenner 1996 [im Original 1651] , S. 104. Payk 2008, S. 237 greift dies Beispiel auf und läßt den Menschen dann in einen „Kampf aller gegen alle“ fallen, wenn „die zum Überleben notwendigen Ressourcen – Wasser, Nahrung, Wärme – knapp werden“. Dies schließt insgesamt an eine sozialdarwinistische Sichtweise an, indem es um den reinen Kampf ums Überleben geht – Wohlstand sichert friedfertigen Umgang.

[vi] Hobbes/Frischeisen-Köhler 1918 [im Original 1642], S. 63 (in der Widmung des Werkes an den Grafen Wilhelm von Devonshire)

[vii] Hobbes sah den Menschen auf der einen Seite um Selbstachtung und Selbstwert bemüht, andererseits aber auch als mißtrauisch gegenüber seinen Mitmenschen. In der „Natur des Menschen“ gibt es demnach drei „Hauptursachen für Konflikte: erstens Konkurrenz, zweitens Unsicherheit, drittens Ruhmsucht“, siehe Hobbes/Klenner 1996, S. 104

[viii] Fromm 2000, S. 191-201; hier verweisend auf die vorausgegangenen Studien von R. Benedict, M. Mead u.a.

[ix] Fromm 2000, S. 191.

[x] Fromm 2000, S. 193.

[xi] Fromm 2000, S. 194. Bedenken muss man natürlich, dass die Beschreibung mit der Wortwahl des Wissenschaftlers erfolgt und dies nicht die Sprache der untersuchten Ethnie darstellt. Welchen Bedeutungsinhalt ‚anomal’ für diese Gruppe Menschen hat und wie sich dieses ‚anomal sein’ auswirkt, wird hier nicht näher beschrieben.

[xii] Fromm 2000, S. 200. Wabuwabu entstammt der Sprache des Dobu-Volkes.

[xiii] Beelmann/Raabe 2007, S. 23.

[xiv] Rowe 1997, S. 254/255 verweist diesbezüglich auf die Arbeit von Cohen & Machalek (1988), „Sie behaupteten, eine Population von kooperativen und produktiven Personen, in der es wenig Ausbeuter gibt, würde zu einer „Invasion“ von opportunistischen alternativen Strategen“ einladen (S. 481). Daher müßten Populationen mit sowohl nicht-kriminellen wie auch ausbeuterischen, kriminellen Personen die Regel sein und folglich „kann man von Kriminalität sagen, sie sei ‚normal’ in Populationen“ (S. 481). Payk 2008 äußert sich in ähnlicher Weise dazu. Bei ihm gilt es jedoch in der Hauptsache, das Gewalt ausbricht, wenn die lebensnotwendigen Ressourcen verknappen.

[xv] Abels 2010, S. 189

[xvi] Vgl. bspw. bei Katz 1991, S. 4/5

[xvii] Stemmer 2008, S. 20

[xviii] Klima 2007, S. 605/606, Lemma ‚Sozialisation’; auch zitiert bei Weymann 2004, S. 16, dort auch mit weiteren Verweisen auf die Literatur. Hervorhebung wie im Original.

[xix] Lamnek 1996, S. 22

[xx] Abels 2010, S. 45.

[xxi] Durkheim versteht unter der ‚organischen Solidarität’ „dieses Gefühl, wechselseitig verbunden zu sein, weil jedem etwas ermangelt, was er vom anderen zu erhalten hofft“, siehe Abels 2010, S. 51.

[xxii] Eine umfassende Darstellung der Theorien devianten Verhaltens bietet Lamnek mit zwei Büchern (s. Literaturverzeichnis). Aus Gründen der gebotenen Kürze können diese hier nicht im Einzelnen und ausführlich wiedergegeben werden, sondern sind nur punktuell angesprochen. Von Bedeutung ist jedoch an dieser Stelle der bei Lamnek 1997 S. 186 gegebene Hinweis, dass einige dieser Theorien eher als ‚sozialpsychologische’ denn als ‚soziologische’ Theorien betrachtet werden.

[xxiii] Zitat aus Beelmann/Raabe 2007, S. 108. Auch ausführliche Darstellung der Theorie Cohens bei Lamnek 1996.

[xxiv] Lamnek 1996, S. 41. In diesem Buch, wie auch in dem weiterführenden Band (s. Literaturverzeichnis) ausführliche Darstellung und Diskussion der ‚Theorien abweichenden Verhaltens’.

[xxv] Peters 2009, S. 19.

[xxvi] Zitiert nach Keckeisen 1976, S. 42.

[xxvii] Siegrist, 2005, S. 48/49

[xxviii] Becker/Koch 1999, S. 7

[xxix] Popitz 2006 [im Original 1968 – Über die Präventivwirkung des Nichtwissen], S. 164; auch zitiert bei Lamnek 1996, S. 27

[xxx] So bspw. bei Merton 1995, S. 174: „Ein gewisser (unbekannter) Grad der Abweichung von den geltenden Normen ist wahrscheinlich funktional für die grundlegenden Ziele aller Gruppen. Ein gewisser Grad der „Innovation“ zum Beispiel kann zur Ausbildung neuer institutioneller Verhaltensmuster führen, welche besser als die alten auf die Realisierung der Primärziele abgestimmt sind.“

[xxxi] Jung 1976 [im Original 1931], S. 75, § 161

[xxxii] Zusammen mit Bohus, Berger und Hecht 2008, S. 926 (Hervorhebung wie im Original); zuvor u.a. in ders. 1995, S. 198.

[xxxiii] Wie auch Fiedler schreibt, „wenn man über die Merkmale der Devianz und Kriminalität hinaus [denkt]“. Damit wird hervor gehoben, dass eben das deviante Verhalten in erster Linie als abweichend wahrgenommen wird und hier quasi nur im Sekundäreffekt positiv wird. Großteils wird die Devianz eben als ‚fehlende Kompetenz’ bewertet, so bspw. bei Becker/Koch 1999, S. 13; Ravens-Sieberer et al. 2002, Ravens-Sieberer/Thomas 2003, Beelmann/Raabe 2007, S. 71, 75, 100 u.ö. , Hölling et al. 2007, S. 784, Ravens-Sieberer/Wille/Erhart 2007, S. 874 u.ö., Petermann 2008, S. 490, Renneberg et al. 2010, S. 345f.

[xxxiv] Hierauf wird bspw. auch in der Behandlungsleitlinie „Persönlichkeitsstörungen“ der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) hingewiesen. Es kann sich zum einen um eine so genannte ‚akzentuierte Persönlichkeit’ handeln, die in einer Übergangs- oder Durchgangsphase bestimmte Verhaltensmerkmale zeigt, diese dann aber wieder ablegt (S. 7) oder als gesellschaftlich und kulturell akzeptiertes Verhaltensmuster in entsprechenden (Sub-)Gruppen, wie bspw. die histrionische Persönlichkeit im künstlerischen Bereich Entfaltung und Akzeptanz finden kann oder narzistische Persönlichkeiten in einem „hoch-kompetititven gesellschaftlichen Kontext […] als wenig störend erlebt […] werden“. (S. 6)

[xxxv] Lamnek 1996, S. 41

[xxxvi] Schinderhannes wurde erst allerdings erst weit über hundert Jahre nach seinem Tod als ‚ehrbarer Held’ in der Literatur verklärt.

[xxxvii] „Bliebe den Gaunern die gesellschaftliche Anerkennung versagt, währe ihre Zahl um vieles geringer.“ Ambrose Bierce, zitiert nach Merton 1995, S. 138. Hier wird die Verstärkung des devianten Verhaltens durch die soziale Unterstützung bemerkt.

[xxxviii] So der Originaltitel des Buches von R. M. Lindner – die Fallstudie eines jungen Mannes mit dissozialer (früher: antisozialer)Störung.

[xxxix] Die ICD-10 wurde als international gültiges Klassifikationsschema von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelt und findet in Deutschland Anwendung.

[xl] Von der American Psychiatric Association (APA) entwickelte Klassifikation, die in den United States of America Anwendung findet. In der Literaturliste in der deutschen Ausgabe von Saß et al. 1998

[xli] ICD-10 und DSM-IV beinhalten im Bereich der psychischen Erkrankungen Überschneidungen, sind jedoch nicht synchronisiert. Die Übereinstimmung zwischen beiden Klassifikationssystemen wurde mit den Revisionen beider Ausgaben weitgehend hergestellt. In dieser Arbeit findet das Klassifikationssystem der ICD-10 Anwendung. Die ICD-10 wurde im Jahr 1991 erstellt – sozialwissenschaftliche Arbeiten, die sich auf die Kritik der Betrachtung vom Normbegriff und der psychologischen Definition von deviantem Verhalten beziehen, beruhen auf der Vorläufervariante der ICD.

[xlii] Beelmann/Raabe 2007, S. 71 stellt - mit Verweis auf Studien von Kanning und Caldaralla & Merell - die folgenden Eigenschaften als „spezifische soziale Fertigkeiten und prosoziale verhaltensweisen“ heraus: 1. „ Fertigkeiten zur Bildung positiver Sozialbeziehungen: Andere loben, Hilfeleistungen anbieten, Übernahme sozialer Verantwortlichkeit, Gespräche initiieren, Gespür für Humor“; 2. „ Selbstmanagementfähigkeiten: Kontrolle negativer Emotionen, Befolgen sozialer Regeln, angemessene Reaktion auf Kritik, Ignorieren von Hänseleien“; 3. „ Fertigkeiten im Kontext des schulischen Lernens: aufmerksam zuhören, wenn nötig, um Hilfe bitten, ausreichend organisiert sein, Ablenkung von Mitschülern ignorieren“; 4. „ Verläßlichkeit und Kooperativität: soziale Regeln und Instruktionen anerkennen, Versprechen einhalten“; 5. „ Soziale Durchsetzungsfähigkeiten: selbstsicher eigene Bedürfnisse ausdrücken, unfaire Regeln in Frage stellen“.

[xliii] Renneberg et al. 2010, S. 341 weisen darauf hin, dass neben dem Störungskonzept auch „von dysfunktionalen Persönlichkeits- und Verhaltensstilen (Schmitz et al. 2001) oder von ‚interpersonellen Interaktionsstörungen’ (Fiedler 2007)“ gesprochen wird. So auch in „Leitlinie-Persönlichkeitsstörungen“ der Deutschen Gesellschft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, S. 6 Es gibt daneben weitere Symptombilder mit Bezug auf Sozialkonflikte, deviantes Verhalten oder weitere Formen der spezifischen Persönlichkeitsstörungen. (Siehe hierzu auch die Zusammenstellung im Anhang 2)

[xliv] DIMDI 2011, S. 300

[xlv] DIMDI 2011, S. 313f.

Details

Seiten
53
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640904105
ISBN (Buch)
9783640904426
Dateigröße
1.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171175
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für Soziologie
Note
2,7
Schlagworte
grenzgebiete individualisierung persönlichkeitsstörungen devianz faktoren forschung

Autor

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Titel: Grenzgebiete der Individualisierung