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Der Positivismusstreit - Adornos Standpunkt

Adornos Korreferat "Zur Logik der Sozialwissenschaften"

Hausarbeit 2011 12 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Begriffsdefinitionen
1.1.1 Positivismus
1.1.2 Wertfreiheit und Kritischer Rationalismus
1.1.3 Ideologie und Kritische Theorie

2 Hauptteil
2.1 Adornos Standpunkt
2.1.1 Konzept der Gesellschaft
2.1.2 Erkenntnistheoretische und methodologische Auswirkungen
2.1.3 Wertbegriff und erkenntnistheoretische Auswirkungen
2.1.4 Kritikbegriff und erkenntnistheoretische Auswirkungen
2.1.5 Rangfolge der Humanwissenschaften: Position der Soziologie
2.1.6 Bestimmung der Soziologie

3 Schluss
3.1 Adornos Argumentationsstrategie
3.1.1 Impressionen anderer Teilnehmer
3.1.2 Mögliche Gründe missverständlicher Auffassungen

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Als Positivismusstreit wird die Auseinandersetzung um die Methodenvielfalt der Soziologie zwischen der Kritischen Theorie und dem Kritischen Rationalismus bezeichnet. Der Positivismusstreit war nicht nur ein Streit der Theorie, sondern auch einer der soziologischen Institutionen. Es existierten zwei große internationale Soziologie- Vereinigungen (vgl. Dahms 1994, 320). Die International Sociological Association (ISA, gegründet 1949) war inhaltlich progressivantifaschistisch, das Institut International de Sociologie (IIS, gegründet 1893) eher konservativ. Beide Vereinigungen hatten deutsche Sektionen, zwischen denen es verschiedene inhaltliche Spannungen gab. Eine kaum überschaubare Theorien- und Methodenvielfalt zeichnet die moderne deutsche Soziologie aus. Aus wissenschaftstheoretischer Sicht vor allem durch die hermeneutisch verfahrenden (theoretischen) Geisteswissenschaften zum einen und den experimentell überprüfenden bzw. messenden (empirischen) Naturwissenschaften zum anderen. Am deutlichsten zeigen sich diese Richtungen in der andauernden Auseinandersetzung von qualitativer und quantitativer Sozialforschung und deren passend favorisierter Forschungsdesigns. Die Existenz beider Richtungen und deren zeitweise Verflechtung, schließt die Möglichkeit nicht aus, dass sich die Ansätze, jedoch mit unterschiedlicher Gewichtung, gegenseitig durchdringen. Der „Positivismusstreit“ nach Adorno, welcher auf einer Tübinger Arbeitstagung der deutschen Gesellschaft für Soziologie 1961 stattfand und maßgeblich von Ralf Dahrendorf mit organisiert wurde, lies die bis dahin latenten Differenzen der jeweiligen Forschungsausrichtungen und Theorien unter den deutschen Soziologen erstmals in komplexer Art öffentlich werden. Karl R. Popper (1902- 1994), stellungnehmend zu theoretisch und methodologischen Problemen der Soziologie, steht ebenso wie Theodor W. Adorno (1903-1969), als Vertreter der Frankfurter Schule argumentierend mit einem dialektisch-kritischen Theorieentwurf der Sozialwissenschaften, im Fokus der Diskussion. Aufgrund der Tatsache, dass Adorno Popper als „Positivist“ titulierte, selbst aber unter konstantem Ideologieverdacht stand, bezüglich der objektiv oder wertenden Verfahrensweise der Sozialwissenschaften, erscheint es in diesem Zusammenhang notwendig zunächst einige Begriffsklärungen vorzunehmen, um den thematischen Rahmen des Positivismusstreits darstellen zu können und folglich auf den Beitrag Adornos einzugehen. Der Einfachheit halber werden lediglich die geläufigen Definitionen von ,,Positivismus", ,,Ideologie" und ,,Objektivität" bzw. ,,Wertfreiheit" dargestellt.

Darauf aufbauend sollen einige von Adornos Thesen aufgeführt werden, die anhand seiner Argumentationsstrategie gefestigt werden sollen. Da der seine Wurzeln im Ersten Weltkrieg tragende Positivismusstreit nicht nur eine Diskussion in sich einschließt, sondern einflussreich im soziologischen Bezug war und Veränderungen hervorrief, sollen abschließend Eindrücke anderer Teilnehmer ihre Berechtigung finden.

1.1 Begriffsdefinitionen

1.1.1 Positivismus

Die Namensgebung und erste Institutionalisierung des Positivismus geht auf Auguste Comte (1798–1857) zurück. Im 19. Jahrhundert wurde der Positivismus vorübergehend zu einem internationalen humanistischen Religionsersatz ausgebaut, der alles Transzendente aus den Überlegungen ausschloss. Jedoch entstanden rasch Differenzen zwischen der erkenntnistheoretischen Position, die vor allem die Wissenschaftsdiskussion auf sich zog, und dem institutionalisierten Positivismus, der einen Religionsersatz anstrebte. Im Allgemeinen versteht man unter dem Positivismus eine Erkenntnis- und Denkrichtung, die fordert, Erkenntnisse auf die Interpretation „positiver Befunde“ zu beschränken. Als „positiv“ werden ebenso wie in den Naturwissenschaften Befunde bezeichnet, die unter vorab definierten Bedingungen einen Nachweis erbringen. Die positive Erkenntnis ist also gleichzusetzen mit der Erfahrungserkenntnis, deren Weg von begründeten Einzelaussagen auf allgemeine Aussagen, also von der Beobachtung zur Theoriebildung führt. Demnach werden Erkenntniswege, die von abstrakten Voraussetzungen abhängig sind vom Positivismus ausgeschlossen. Eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin ist der Positivismus aber nicht, eher eine bereichs- und ansatzweise unterschiedlich stark ausgeprägte Auffassung von Wirklichkeit im beschriebenen Sinn. Daraus werden jeweils entsprechende methodologische Konsequenzen gezogen. In Übereinstimmung lehnen sowohl Popper als auch Adorno die „szientistische“ (vgl. Adorno 1972, 126) Verfahrensweise der Naturwissenschaften für die Sozialwissenschaften ab, da sie dem gekennzeichneten positiven Erkenntnisweg folgen. Hinsichtlich dieses Arguments kann Popper nicht als „Neopositivist“ benannt werden.

1.1.2 Wertfreiheit und Kritischer Rationalismus

Eine positivistische Denkrichtung ist gleichzusetzen mit dem wissenschaftlichen Ideal der Objektivität, d.h. Sachverhalte sollen unbeeinflusst von subjektiven Erkenntnis- und Wahrnehmungsbedingungen beschrieben und wiedergegeben werden. Sie sollen so dargestellt werden, wie bzw. was sie „wirklich“ sind. Eine weitere Annäherung an ein wissenschaftliches Ideal ist die objektive Genauigkeit oder auch exakte Forschung. Erstmals forderte Max Weber diese in seinen wissenschaftlichen Arbeiten im Zusammenhang mit der Wertfreiheit, die in sich selbst eine Wertvorstellung ist. Seinsaussagen, die faktische Tatsachen und Funktionen des Untersuchungsobjektes aufzeigen und Sollensaussagen, die den Gegenstand anhand einer Werteskala beschreiben, müssen voneinander getrennt werden. Somit sind jedoch Sollensaussagen unbrauchbar, um eine eindeutige Wahrheit oder Falschheit, im Sinne der klassischen zweiwertigen Logik festzustellen und Aussagen über die Wirklichkeit zu treffen. Zur Trennung von Seins- und Sollensaussagen sieht der Kritische Rationalismus, den Popper vertritt, das Falsifikationsprinzip vor. Nach Karl Popper ist der Kritische Rationalismus skeptisch gegenüber Erkenntnissen. Sicheres Gegenstandswissen sei unmöglich, da alle Aussagen kritisierbar sind. Bezüglich der Erkenntnis ist es problematisch Gegenstände zu definieren, da die jeweiligen Definitionen ebenso nach Definitionen verlangen und so ein unaufhörlicher Kreislauf entsteht. Popper vertritt den Standpunkt der Nichterkennbarkeit der Welt, da alles falsifizierbar ist. Die Unsicherheit, Wahrheiten nicht aufdecken zu können, bedeutet aber keine Aufgabe der Forschung, vielmehr steht im Mittelpunkt Hypothesen aufzustellen und durch Kritik zu überprüfen. Dabei ist das Wissen lediglich eine Vermutung, die Wahrheit soll aber dennoch gesucht werden, wenngleich Gewissheit nie erreicht werden wird. Dennoch kann es zu einer Annäherung an die Wahrheit kommen, indem der Kritische Rationalismus gute von schlechten Theorien abgrenzt. Bezüglich politischer Sichtweisen entsteht durch diese Anschauung eine Abneigung gegenüber dem Marxismus. Popper, in jungen Jahren selbst Marxist, kritisiert diesen hauptsächlich aufgrund des Historischen Materialismus und der Dialektik, die er verwirft. Historische Gesetzmäßigkeiten und Prognosen sind mit dem Kritischen Rationalismus nicht vereinbar. Eine „offene Gesellschaft“, die kritikfähig und reformierbar ist, dafür tritt Popper ein. Unter Verwerfung der marxistische Revolutionstheorie. Weiterhin fordert Popper eine intellektuelle Bescheidenheit in der Wissenschaft, so dass Ergebnisse jedem zugänglich gemacht werden können.

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Details

Seiten
12
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640904679
ISBN (Buch)
9783640904471
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171187
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Soziologie
Note
Schlagworte
positivismusstreit adornos standpunkt korreferat logik sozialwissenschaften

Autor

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