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Die Aufschreibesysteme 1800, 1900 und Ideen zum Aufschreibesystem 2000 sowie Überlegungen zur Entstehung von Medien durch militärische Forschung

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Eine technikzentrierte Medientheorie

2 Das Aufschreibesystem

3 Das Aufschreibesystem
3.1 Fallbeispiel „Schreibmaschine und Geschlecht
3.2 Grammophon Film Typewriter

4 Kritik an Friedrich A. Kittler

5 Ideen zum Aufschreibesystem 2000 und der Entwicklung neuer Medien durch militärische Forschung

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Das Thema „Aufschreibesysteme 1800 1900“ und damit verbunden auch das Buch „Grammophon Film Typewriter“ wird bearbeitet, weil es verdeutlicht, wie sich die verschiedenen Medien wie die Sprache oder das Buch im Zusammenhang mit den verschiedenen Institutionen entwickelten. In „Aufschreibesystem 1800-1900“ werden im Wesentlichen die zwei genannten Aufschreibesysteme und die technikzentrierte Medientheorie behandelt. Auch werden die verwendeten Begrifflichkeiten durch Definitionen und Erklärungen abgehandelt. Die Schrittfolge der Bearbeitung des Themas Aufschreibesysteme erfolgt chronologisch, um einen nachvollziehbaren und logischen Aufbau der Abhandlung zu gewähren.

„Grammophon Film Typewriter“ behandelt die Entwicklung dieser drei Medien und ihren Wirkungsbereich. Es geht auch um die Verwendung der Techniken in den beiden Weltkriegen und welchen Einfluss diese auf das Kriegsgeschehen hatten.

Kritik an Friedrich A. Kittler und seinen Analyseansatz und die Auseinandersetzung bzw. Idee von einem Aufschreibesystem 2000 wird in den letzten zwei Kapiteln behandelt. Dabei wird auch die Frage geklärt, inwiefern die militärische Entwicklung heutzutage unseren Medieneinsatz beeinflusst.

1 Eine technikzentrierte Medientheorie

Friedrich A. Kittler wendet sich gegen die häufig praktizierte Hermeneutik und Literatursoziologie, da seiner Meinung nach beide die eigentlichen Produktionsbedingungen von Literatur nicht im Fokus haben (vgl. Kloock/Spahr 2007, S. 165). Die Hermeneutik bezieht sich nur auf den „Sinn“ der Texte und die Literatursoziologie hingegen betrachtet die literarischen Schriften nur als „Widerspiegelungen von Produktionsverhältnissen“. Dabei stehen aber nicht die Schreibmaschine im Blickpunkt des Geschehens, sondern Webstühle, Dampfmaschinen und Fließbänder.

Seiner Meinung nach verfehlen beide Methoden den Gegenstandskern und die Grundbegriffe „Sinn“ und „Arbeit“ lassen den Informationsbegriff gänzlich außen vor (Kittler 1995, S. 520).

Nach Kittler wissen sowohl Produzenten als auch Interpreten ihre medialen Produktionsmittel nicht zu schätzen und er argumentiert „Blind sind Schreiber vor Medien, Philosophen vor Technik“ (Kittler 1986, S. 145).

Er beruft sich auf Nietzsches Diktum:“Unser Schreibzeug arbeitet mit unseren Gedanken“.

Kittler fordert, dass auch die in Deutschland technikfreie Geisteswissenschaft sich dem Materialismus verschreiben muss, denn jeder, der schreibt und denkt benutzt mediale Techniken, egal ob er Feder oder Computer benutzt.

Er macht also nicht wie so viele andere Literaturwissenschaftler die Interpretation literarischer Texte, sondern die Analyse der technischen Bedingungen der Aufschreibesysteme zum Gegenstand seiner Untersuchungen

Friedrich Kittlers Medienbegriff beinhaltet nicht etwa das Fließband oder die Elektrizität, sondern er spricht von Bücher oder Computer.

Sein Medienbegriff definiert sich als Technik, die zum Speichern, Übertragen und Verarbeiten von Informationen dienen (vgl. Kittler 1995, S. 519) und dabei ist der Begriff Technik nicht immer maschinell zu sehen, mediale Techniken können auch Verse sein, die eine zentrale Speichertechnik oraler Kulturen darstellten.

Ebenso beinhaltet sein Medienbegriff, dass Informationen nur in Verbindung mit einem Medium gedacht werden können.

Das soll heißen, dass Informationen nur über Medien übermittelt werden können und daher ist das Denken auch medial bestimmt. Menschen denken zum Beispiel seit jeher schon immer in Bildern oder in Sprache.

Im Gegensatz zur geistigen Freiheit heißt dies, dass es eine geistige Freiheit entsprechend gar nicht gibt – sie ist durch die medialen Vorgaben bereits eingeschränkt. Also können Menschen nur solches Erkennen was in einem ihn bekannten medialen Rahmen passt.

Somit ist jedes Wissen bezogen auf seine medialen Voraussetzungen.

Diese Voraussetzungen sind weder unmittelbar als „solche zu identifizieren, noch liegen ihre Wirkungen auf der Hand“ (Kloock/Spahr 2007, S. 167). Vergleichbar ist dies mit den Unterscheidungen beim Beobachten, die Menschen wenden die Unterscheidung beim Beobachten eines Sachverhalts an, erkennen diese aber selbst nicht. Kittler vermutet, dass eine Gesellschaft nicht merkt, dass sie durch mediale Bedingungen vorgegebene Weise wahrnimmt und sie bemerkt auch nicht die Wirkung dieser Wahrnehmung. Kittler betont die Unmöglichkeit Medien zu verstehen, "weil gerade umgekehrt die jeweils herrschenden Nachrichtentechniken alles Verstehen fernsteuern." (1986, S. 5).

Allerdings führt Kittler das Wissen und die Kultur nicht ausschließlich und allein auf Medientechnik zurück, damit unterscheidet er sich von anderen Medientheoretikern wie McLuhan, Postman oder Flusser (vgl. Kloock/Spahr 2007).

Es lassen sich bei Kittler eher Parallelen zum Poststrukturalismus finden. Poststrukturalisten sehen bestehende Strukturen und Diskurse weniger als statische und stabile Gebilde, sondern richten den Blick stärker auf die historischen Diskontinuitäten, Brüche und vor allem auf die Konstruktionsbedingungen von Strukturen. Er selbst verfährt nach dem Prinzip der Diskursanalyse, d.h. wichtig sind nicht die inhaltlichen Aussagen, wie das Weltbild oder die Philosophie, sondern die geheimen Mechanismen, die die inhaltlichen Aussagen begründen. Literarische Texte werden bei Kittler als reine Datenansammlung wahrgenommen und als solche auch analysiert. Seit der Auflösung des Schriftmonopols durch die technischen Fortschritte von Speicher- und Übertragungsmedien ist die Einschränkung auf die Diskursanalyse allein für Kittler nicht mehr angebracht. Er sagt dazu, dass „Archäologien der Gegenwart“ technische Medien berücksichtigen müssen, denn ohne sie ist es nicht möglich „Macht- und Wissensformen“ zu erfassen (Kittler 1995, S. 519).

Friedrich Kittlers zentrale Einsicht liegt also darin, dass Texte vor allem durch ihre "Machart" - d.h. durch die Art und Weise wie sie technisch hergestellt werden - bestimmt sind. Genauer gesagt geht es Kittler um die Frage, wie Diskurse, wobei er diese als geregelte Formationen von Aussagen definiert, durch sich wandelnde technische Medien gestaltet werden. Die zu einem bestimmten Zeitpunkt nachweisbaren Formationen des Diskurses nennt er Aufschreibesysteme, die er wie folgt definiert:

„Das Wort Aufschreibesystem […] kann auch das Netzwerk von Techniken und Institutionen bezeichnen, die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben.“ (Kittler 1995, S. 519).

Die medialen Techniken sind mit Institutionen wie Familie, Universität oder Wissenschaft verknüpft und ergeben so ein System.

Durch dieses System laufen alle relevanten Daten und erst durch diesen Prozess erhalten sie ihre Wichtigkeit.

Die Aufgabe des Netzwerks ist die Ausbildung von Regeln der Verteilung, Rezeption und Überlieferung von Informationen, es gibt also vor welche Daten in welcher Form die Menschen erreichen und damit für sie erst zu Informationen werden. Das Netzwerk formiert, reguliert und produziert also das Wissen einer Kultur (vgl. Kloock/Spahr 2007).

Wenn das Aufschreibesystem einer Epoche erkennbar ist, dann sind auch die Umstände ihres Denkens sichtbar. Kittler sagt, dass ein Aufschreibesystem eine Art Technologie ist, die erst den Begriff „Des Menschen“ möglich macht.

Die Knotenpunkte des Netzwerkes skizziert Kittler ähnlich denen bei der mathematischen Informationstheorie von Claude Elwood Shannon.

Dieses mathematische Modell besteht aus fünf miteinander verknüpften Instanzen:

Quelle, Sender, Kanal, Empfänger und Senke (vgl. Kittler 1995). Diese fünf Knotenpunkte produzieren gemeinsam Informationen. Erläuternd dazu ist zu erklären, dass die Quelle der Ort der Selektion einer Nachricht aus einer großen Menge von Nachrichten ist. Der Sender, es kann sich dabei um einen einzelnen handeln oder um mehrere, verwandelt die Nachricht durch Codierung zu einem technischen Signal. Dieses Signal wird vom Kanal übermittelt und der Empfänger decodiert das erwähnte Signal wieder zu einer vollständigen Nachricht. Danach gelangt die Nachricht an die Adresse einer Informationssenke (vgl. Kittler 1993).

Wie schon erwähnt produzieren diese fünf Instanzen gemeinsam Informationen und diese Tatsache „erhellt die Bedeutung des Materialismus für Kittlers Ansatz“ (Kloock/Spahr 2007, S. 170). Die Tatsache, dass die Medien, wie z.B. Grammophonnadel oder Schreibmaschinentastatur, einer Materialität entsprechen ist sehr wichtig für ihre Rolle als Möglichkeitsbedingung der Information. Auf der anderen Seite ist natürlich verständlich, dass die Materialität der Medien selbst keine Information produziert. Durch die mathematische Informationstheorie von Shannon kommt Kittler zu der Aussage, dass Information einfach der Gegenpol des Rauschens ist.

Der Status der Aufschreibesysteme liegt durch diese Aussage gefestigt darin, dass nur sie Ordnung im Chaos produzieren und Sinn konstituieren. Allerdings ist zu beachten, dass das mathematische Modell von Shannon erst im Zeitalter der Computerentwicklung und auch erst in deren Verbindung entstanden ist. Somit wäre es nicht möglich dieses Modell in all seinen Phasen auf frühere Epochen anzuwenden. In diesem Sachverhalt sieht Kittler ein Problem, denn das Modell kann zum Vergleich für verschiedene Aufschreibesysteme dienen, jedoch muss es dabei an die speziellen Eigenschaften des jeweiligen Systems angepasst werden. Schlussfolgernd daraus lässt sich sagen, dass die fünf Punkte des Modells von unterschiedlichen Instanzen oder gar nicht besetzt werden (vgl. Kittler 1995). Die Anzahl der fünf Positionen, die von Medien besetzt werden hängt vom Fortschritt der Entwicklung derselben ab. Heutzutage ist es also möglich, dass der Computer gesellschaftliche Institutionen aus immer mehr Positionen verdrängt und ihren Platz fortwährend einnimmt (vgl. Kloock/Spahr 2007). Wie oben schon einmal erwähnt gibt es Parallelen zwischen Kittlers Systemvergleichs und dem Poststrukturalismus zu erkennen. Dieser begründet sich auf offene, transformierbare und geschichtlich veränderbare Strukturen. Auch die Grundbegriffe werden bei der historischen Auseinandersetzung der Theorie mit einbezogen. „Technik“ selbst soll nicht als Maschine gesehen werden, denn mediale Techniken sind z.B. auch in Versen als Speichertechniken oraler Kulturen zu finden. Diese machten erst die Weiterführung von Wissen möglich. So bildete sich im Laufe der Zeit die Trias der medialen Funktionen von „Speichern, Übertragen und Verarbeiten“.

Kittler selbst sieht seinen Medienbegriff als Produkt historischer Entwicklung durch die Ausdifferenzierung verschiedener Medien vom Schriftmonopol, denn da die Schrift das einzige Medium für lange Zeit war, wurde sich gar nicht als Medium selbst erfasst.

Er untersuchte im Zusammenhang damit zwei Epochenwellen, die sich jeweils durch die Durchsetzung eines neuen Aufschreibesystems auszeichnen. Diese nannte er Aufschreibesystem 1800 und Aufschreibesystem 1900. Er entwickelte die Theorie der Informationsnetzwerke. Im Hauptblickpunkt dieser Forschung stehen die kulturellen Umbruchsituationen zum Beginn der Jahrhunderte 1800 und 1900. Er vergegenwärtigt für diese beiden Phasen die Schaltstellen des Systems und zeigt ihre Funktionsweisen auf. Er beginnt bei seinen Ausführungen mit dem Aufschreibesystem 1800, welches im nächsten Kapitel abgehandelt werden soll.

2 Das Aufschreibesystem 1800

Friedrich A. Kittler beginnt seine Ausführungen beim 1800 und begründet diesen Einschnitt mit der Entwicklung und dem Fortschritt der allgemeinen Alphabetisierung. Bevor die allgemeine Verschriftlichung eingeführt wurde, waren Lesen und Schreiben nicht selbstverständlich miteinander verkoppelt. Berufsgruppen, z.B. Kopisten, die sich auf das Abschreiben von Texten spezialisierten konnten die Schriften teilweise gar nicht lesen.

Um 1800 begann dann der Prozess der Alphabetisierung, welche die Fähigkeiten des Lesens und Schreibens koppelte. Es entstand ein Schulsystem, das jedem Menschen die Möglichkeit gab Zugang zu Bildung zu erhalten (vgl. Schmidt 2006), auch wenn das System noch nach Ständen gegliedert war. Zuvor war es nur einer kleine Elite gegönnt in den Genuss von Bildung kommen. Für Kittler liegt der Schlüssel zum Aufschreibesystem darin, die Form dieses Prozesses zu verstehen und den Diskursursprung zu finden.

So forderte er die „Einsetzung von Müttern an den Diskursursprung“(Kittler 1995, S. 38) Durch die stetigen Verbesserungen des Schulsystems stieg die Alphabetisierungsrate von 15 Prozent um 1770 (vgl. Dülmen, 2003) auf annähernd 100 Prozent um 1900. Der Anteil der Schrift- und Lesekundigen stieg während dieser 130 Jahre rasant an.

Am Ende des 18. Jahrhunderts werden Mütter in der Pädagogik als Erziehungsinstanz primär eingesetzt und gleichzeitig durch neue Lernmethoden des Lesens zur Lehrerin.

Eine dieser neuen Lernmethoden war die „Lautiermethode“ nach Heinrich Stephanis. Inhalt dieser neuen Methode war es die Buchstaben über ihre Laute und nicht wie vorher beim Buchstabieren üblich über ihre Namen zu lehren. Der Klang der Laute bildete ein wirksamen Zusammenhang zwischen den optisch und akustisch wahrgenommenen Wörtern.

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Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640905881
ISBN (Buch)
9783640905836
Dateigröße
596 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171267
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,7
Schlagworte
aufschreibesysteme ideen aufschreibesystem entstehung medien forschung Kittler

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Titel: Die Aufschreibesysteme 1800, 1900 und Ideen zum Aufschreibesystem 2000 sowie Überlegungen zur Entstehung von Medien durch militärische Forschung