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Zu Michel Foucaults "Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses"

Die Disziplinargesellschaft als Panoptikum – Ich sehe dich, du siehst mich nicht

Rezension / Literaturbericht 2009 7 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

„Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“

Die Disziplinargesellschaft als Panoptikum - Ich sehe dich, du siehst mich nicht - Das Gefängnis. Für die meisten Menschen ist dies ein Ort der Isolierung, ein Ort ohne Freiheit und ohne Privatsphäre, ein Ort an dem man selbst nicht sein möchte. Oft wird auch die Existenz des Gefängnisses als Selbstverständlichkeit angenommen, ebenso wie die unseres demokratischen Strafsystems. Bei dem Gedanken an mittelalterliche Foltermethoden und das Strafsystem in diesen Jahrhunderten wird allerdings auch klar, dass das heutige Gefängnis und die Vorgehensweise, die Verbrecher zu strafen, ein himmelgroßer Unterschied ist. Denn diese Zeit wünscht sich wahrlich keiner zurück, im Vergleich dazu erscheinen die modernen Haftstrafen und -bedingungen harmlos.

Doch kaum einer weiß, wie sich diese Entwicklung abgespielt hat und welche historischen Abläufe damit in Zusammenhang liegen, wie es zwischen Marter und moderner Justiz ausgesehen hat. Ebenso ist vielen Menschen auch nicht bewusst, dass nicht nur die Insassen einer Justizvollzugsanstalt überwacht werden, sondern auch sie kontrolliert und beobachtet werden.

Diese historische Entwicklung der modernen Strafjustiz und die daraus entstandenen Folgen für die Gesellschaft werden in dem Buch „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ ausführlich behandelt und beantwortet.

Dieser Rezssionsessay beschäftigt sich mit dem bekanntesten Werk des französischen Philosophen und Soziologen Michel Focault mit dem Titel „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“. Das Buch erschien 1975 unter dem Titel „ Surveiller et punir. La naissance de la prison “ und wurde 1976 in Deutschland veröffentlicht. Das Werk behandelt vier große Abschnitte: Marter, Bestrafung, Disziplin und Gefängnis.

Zu Beginn ist es wichtig zu wissen, was uns Focault mit seinem Buch auf den Weg geben möchte bzw. welche Ziele er beim Schreiben verfolgte?

Schon am Titel ist zu erkennen, dass es sich bei „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ um die geschichtliche Entwicklung des modernen Strafsystems ab dem 17.

Jahrhundert in Frankreich und England handelt. Focault selbst sagt, er möchte die Geschichte des Gefängnisses schreiben (Vgl. Focault S. 43) und zwar die der Gegenwart. Er beschreibt die Geschichte von Disziplin und Macht als Reaktion auf die sich wandelnden Zustände der Gesellschaft.

Ein weiteres Thema und gleichzeitiges Ziel des Buches ist die „Korrelationsgeschichte der modernen Seele und einer neuen Richtgewalt. Eine Genealogie des heutigen Wissenschaft/Justiz-Komplexes, in welchem die Strafgewalt ihre Stützen, ihre Rechtfertigungen und ihre Regeln findet, ihre Wirkungen ausweitet und ihre ungeheure Einzigartigkeit maskiert.“ (Focault 1976, S. 33) und gleichsam damit einhergehend die Frage wie man die Geschichte der modernen Seele im Gerichtsurteil erfassen und darstellen kann (Vgl. 1976 Focault)

„Es soll also der Versuch unternommen werden, die Metamorphose der Strafmethoden von einer politischen Technologie des Körpers her zu untersuchen, aus der sich vielleicht eine gemeinsame Geschichte der Machtverhältnisse und der Erkenntnisbeziehungen ablesen lässt. So könnte aus der Analyse der Strafmilde verständlich werden, wie der Mensch, die Seele, das normale oder anormale Individuum zu weiteren Zielen der Strafintervention neben dem Verbrechen geworden sind; und wie eine spezifische Unterwerfungsmethode zur Geburt des Menschen als Wissensgegenstand für einen »wissenschaftlichen« Diskurs führen konnte." (1976 Focault, S. 34f.) Schon die ersten Seiten, auf denen die Marter Damiens′ einer ,,modernen" Gefängnisordnung gegenübergestellt werden, welche die ,,Ökonomie der Zeit" (Marx) abbildet, machen diese ,,Metamorphose" sichtbar.

Er beginnt in seinem bekanntesten Buch bei den grausamen Folterritualen und Martern des 17. Jahrhunderts, er beschreibt die Anfänge des Systems der Haftstrafe seit der Wende 18./19. Jahrhundert und endet im System der modernen Strafjustiz (Auch Otto Kirchheimer und Georg Rusche beschäftigten sich mit dem Thema Strafrecht in ihrem Buch „Sozialstruktur und Strafvollzug“). Dabei beschreibt er stellenweise sehr detailliert und anhand zahlreicher geschichtlicher Beispiele die Foltermethoden des 17. Jahrhunderts mit Blick auf die einzelnen Schritte der Strafe. Angefangen beim Anprangern, Abbitte leisten und zur Schau stellen des Täters über den eigentlich hinfälligen Strafprozess bis zur endgültigen Todesmarter. Dabei scheint sich dem Autor und dem Leser die Frage aufzudrängen, ob wir heute schon in einer Disziplinargesellschaft leben, in der wir vielleicht selbst zum überwachenden Element geworden sind? Diese Fragen versucht Focault durch einige Thesen zu beantworten und ihnen eine Grundlage für spätere Diskussionen zu geben.

Zu den wichtigsten Thesen gehört, dass laut Foucault Repression und Überwachung nicht einfach als einseitiges Verhältnis einer Einwirkung auf einen zuvor „ganzen Körper“ oder „ganzen Geist“ verstanden werden kann. Macht, und mit ihr auch Repression, seien so nicht nur unterdrückend, sondern auch produktiv. Das heißt, dass erst die Machtstrukturen überhaupt die Subjekte festsetzen, die dann eine Gesellschaft bilden. Nach Foucault gibt es dabei drei große Machttechniken. Erstens die Einschließung der Individuen in einen nach außen abgeschlossenen Bereich, wobei jeglicher Austausch zwischen dem eingeschlossenen Bereich und der äußeren Welt, etwa von Menschen oder Gütern, kontrolliert werden kann. Zweitens die Parzellierung, d. h. jedem Individuum wird ein fester Platz und feste Funktion zugewiesen, wodurch eine Kontrolle der Individuen und ihrer Leistungen verbessert wird. Drittens die Hierarchisierung, die Individuen werden also nach Rang und Status klassifiziert. Jedes Individuum ist dann durch einen ganz bestimmten Abstand zu Anderen definiert und wird versuchen, sich jener Norm, welche der Klassifikation zu Grunde liegt (z.B. gute Noten, hohe Produktivität), anzupassen (Vgl.Wikipedia). Eine weitere These ist, dass sich die Macht, die vom Gesetz bestätigt wird und von der Justiz eingesetzt wird und die damit begründeten Überwachungspraktiken nicht nur im Gefängnis allein, sondern auch in anderen gesellschaftlich fest etablierten und damals neu entstandenen Institutionen (z.B. Schulen, Fabriken, Kasernen) aufzeigen lassen. Diese Macht, die für kaum jemanden mehr wirklich greifbar ist, vermittelt den Eindruck eines ,,Kerkersystems" (1976 Focault, S. 390), das die gesamte Gesellschaft durchzieht und das mit seinen Überwachungsmechanismen ,,Disziplinarindividuen" (Vgl. Focault S. 397) produziert; nahezu sämtliche Lebensbereiche (siehe oben Institutionen) werden von diesen Machtmechanismen durchzogen. Es wird also nicht nur die Geburt des Gefängnisses beschrieben, sondern auch die der Disziplinargesellschaft anhand der Verallgemeinerung der Disziplin. Diese Gesellschaft lebt nach Focaults These wie in einem Panoptikum (nach dem englischen Philosophen Jeremy Bentham) und wird durch Kontrollsysteme, Disziplinierung, Organisation und die gleichsame Architektur des Panoptikums zu seinem eigenen Überwacher.

Das Panoptikum bezeichnet eine besondere Architektur bei der von einem zentralen Ort aus alle Gefängnisinsassen (oder Schüler, Fabrikarbeiter) beaufsichtigt werden können. Im Mittelpunkt steht ein Beobachtungsturm, von welchem aus Zelltrakte abgehen (in sog. Strahlenbauweise). So kann der Wärter in der Mitte in die Zellen einsehen, ohne dass die Insassen wiederum den Wärter sehen können. Das liegt daran, dass die Gefangenen aus der Sicht des Wärters im Gegenlicht gut sichtbar sind, der Wärter selbst jedoch im Dunkel seines Standortes nicht ausgemacht werden kann. Diese wissen mitunter nicht, ob sie gerade überwacht werden. Daraus resultierend kann also mit geringem personellem Aufwand eine große Zahl von Menschen permanent und total überwacht werden. Aufgrund dieser Aspekte ist es interessant eine vertiefende Diskussion über die Disziplinargesellschaft in der postmodernen Zeit anzustreben. Dabei stellt sich die Frage, in welcher Art und Weise die Menschen heute in einer Disziplinargesellschaft leben. Eine Gesellschaft in der man das Gefühl nicht los wird, permanent unter Beobachtung zu stehen und kontrolliert zu werden. Diese Situation findet täglich im Leben der Bürger statt, angefangen bei der Firmenpolitik zahlreicher Konzerne, bei denen die Angestellten unter ständiger Beobachtung stehen oder auch der Ottonormalverbraucher, der stets durch Kameras auf Schritt und Tritt überwacht wird, sei es auf Bahnhöfen, öffentlichen Plätzen oder in Kaufhäusern, in denen allerdings die Überwachungskultur zum Dogma geworden ist. Diese Beobachtung ist ein Paradebeispiel für das Panoptikum, wobei die Überwachungskamera zum panoptisc]hen Turm avancierte. Die Disziplin als gesellschaftliches Paradigma verlangt auch Gehorsam und dieser wird durch die Schaffung dieses künstlichen Machtgefüges und durch die gewaltlose Disziplinierung aufgrund von Subjektivierung und Überwachung durchgesetzt. Der Gefangene, Schüler oder Kranke wird durch das Gefühl des Überwachtwerdens und die Separation von Gleichgesinnten medial ausgegrenzt. Letztendlich wird ihm einzig die Kontrolle über den vom ihm ausgehenden Informationsfluss entzogen. Er kann sich weder dagegen wehren, überwacht zu werden, noch Kontakt aufnehmen. Allerdings gibt es auch eklatante Unterschiede zwischen dem Panoptikum und der Videoüberwachung. Da wäre einmal die Erkennbarkeit der Kamera als zielgerichteter Überwachungsapparat. Das menschenähnliche Auge verrät dem beobachtenden Betrachter, in welche Richtung eine Kamera "sieht" und somit auch in welche nicht. Seit geraumer Zeit werden Städte nach öffentlich aufgestellten Kameras kartographiert und Routen gesucht, ihnen zu entgehen. Im Idealpanoptikum nicht vorstellbar.

Als "Verstaatlichung von Disziplinarmechanismen" bezeichnet Foucault die Bestrebungen der Polizei als Staatsorgan alles sichtbar zu machen. Diese Bemühungen sind zwar auch heute noch erkennbar, erinnert sei an die Überwachungsdiskussionen bzgl. des Internets, haben private Organisationen die eigentliche Kontrolle über die Überwachungsorgane wieder an sich. Heute wird die Videoüberwachung angeordnet von Geschäftsführern und durch Aufsichtsräte abgesegnet. Der Idee der Disziplinargesellschaft tut dies indes kein Abbruch, ist es für den Beobachteten schlussendlich egal, wer anonym im Turm steht. Einzig die Existenz des Turms ist der entscheidende Punkt. Das Panoptikum hat die Macht entindividualisiert und somit auch von einer festen Kopplung an Staat oder Privateigentum entbunden. Ein weiterer, allerdings anderer Aspekt der Kontrollinstanzen ist die Tatsache, dass selbst wenn keine Kamera in Sicht ist, man sie als allüberwachter Bürger dennoch vermutet, nur eben kleiner oder versteckter. Diese Überwachungsparanoia begründet trotz vermeintlicher Nonexistenz eine Disziplin, die sich fast automatisch einstellt. Somit stellt man fest, das moderne

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Details

Seiten
7
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640905652
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171289
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
michel foucaults geburt gefängnisses disziplinargesellschaft panoptikum focault gefängnis überwachen strafen

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Titel: Zu Michel Foucaults "Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses"