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Die Familie im Bürgertum - Eine sozialwissenschaftliche Analyse

Hausarbeit 2007 15 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Zur Begrifflichkeit der Familie

2. Das Bürgertum

3. Das Leitbild der bürgerlichen Familie
3.1 Die bürgerliche Ehe
3.2 Kinder in der bürgerlichen Familie
3.3 Wohnverhältnisse im Bürgertum

4. Fazit

5. Literaturnachweis

1. Zur Begrifflichkeit der Familie

Der Begriff „Familie“ wird in der heutigen Zeit ganz selbstverständlich verwendet. Was aber ist „Familie“ genau?

Eine „Familie“ besteht aus einem Elternpaar und mindestens einem Kind. Dies ist der Begriff im engeren Sinne, er bezeichnet die „Kernfamilie“. Weiter gefasst bezeichnet „Familie“ auch die übrige Verwandtschaft, zum Beispiel die Eltern und Geschwister des Elternpaares.

Die „Familie“ ist eine Institution, die sich über Jahrhunderte immer wieder gewandelt hat. Die Veränderungen sozialer und ökonomischer Situationen haben für unterschiedliche Familienformen gesorgt.

Die Struktur der Familie hat sich aus verschiedenen Formen der Großfamilie zu der heutigen Vater-Mutter-Kind-Familie gewandelt. Selbst diese Form unterliegt jedoch den Umständen der Zeit und ist heute nicht mehr die dominierende Familienart. Die Institution der Familie verliert ihre traditionellen Züge vor allem durch Alleinerziehende. Auch die Patchwork-Familie, in der die Partner Kinder aus erster Ehe in die neue Familie mit einbringen, ist eine moderne Familienform.

In meiner Arbeit befasse ich mich mit dem Familienbild des Bürgertums, das Ende des 18. Jahrhunderts entstanden ist. Ich setze mich mit der sozialen Situation des Bürgertums auseinander und stelle in einer sozialwissenschaftlichen Analyse die wesentlichen Aspekte der bürgerlichen Familie heraus. In einer abschließenden Schlussbetrachtung zeige ich die Besonderheit des Bürgertums für die moderne Familie auf und ziehe mit Hilfe eines kurzen Vergleichs ein persönliches Fazit über die Lebenslage der Menschen im Bürgertum.

2. Das Bürgertum

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich innerhalb der ständisch geprägten Gesellschaft eine neue soziale Klasse, die sich jedoch erst Ende des Jahrhunderts als solche konstituieren konnte: Das Bürgertum. Die Zeit war geprägt durch eine Umbruchsituation. Die neue Familienform des Bürgertums konnte nur teilweise realisiert werden. Traditionelle Verhaltensweisen, wie sie noch in der vorangegangenen Familienform des „ganzen Hauses“ Anwendung fanden, wurden noch lange weiter praktiziert. Durchsetzen und voll entfalten konnte sich das Bürgertum erst im deutschen Kaiserreich Ende des 19. Jahrhunderts.

Entstehung und Struktur des Bürgertums waren gebunden an spezielle soziale und ökonomische Lebensbedingungen, welche die Grundlage für die Ausbildung des propagierten neuen Familienideals der bürgerlichen Familie darstellten. Dieses Ideal wurde die „prägende Kraft innerhalb des Bürgertums“ (Rosenbaum 1996, 252).

Das Bürgertum setzte sich aus Unternehmern, höheren Beamten und selbständigen Akademikern zusammen. Bezeichnet werden kann diese soziale Schicht auch als mittlerer Stand. Abgrenzungskriterien waren zum einen das Vermögen, bzw. der Besitz und vor allem auch die Bildung. Durch diese Momente differenzierte sich das Bürgertum „nach unten“ zum Kleinbürgertum und „nach oben“ zum Adel.

Da das Bürgertum zunächst noch nicht „sozial verortet“ (Rosenbaum 1996, 258) werden konnte, wurde es auch als „persönlicher Stand“ (Rosenbaum 1996, 258) bezeichnet. Die Position, die man sich selbst erarbeitet hatte, beruhte auf der eigenen Leistung, die daher zum Inbegriff des bürgerlichen Wesens wurde. Diese Tatsache prägte das Selbstbewusstsein des Bürgers und bildete die Grundlage des Individualismus, dem im Bürgertum eine bedeutende Rolle zugeschrieben wurde.

Die prekäre soziale Situation des Bürgertums Ende des 18. Jahrhunderts bedingte die Aufwertung der familiären Beziehungen. Aus der sozialen Not, des fehlenden sozialen Rückhalts, resultierte eine Tugend. Die Familie und ihre Entwicklung zur gefühlvollen, innigen Lebensform wurde der Mittelpunkt des Lebens.

Während die Situation des eingeleiteten 19. Jahrhunderts noch sehr dem 18. Jahrhundert glich, änderte sich dies in der zweiten Hälfte, die sich durch die industrielle Revolution und der damit einhergehenden schnellen ökonomischen Entwicklung kennzeichnen ließ. Tradierte Formen und Verhaltensweisen waren weitgehend verschwunden und das „Wirtschaftsbürgertum“ tat sich hervor. Unternehmer erlangten aufgrund ihrer ökonomischen Macht und ihres vergrößerten Reichtums eine herausragende Stellung im Bürgertum. Gekennzeichnet war das Bürgertum des 19. Jahrhunderts zudem durch die „Feudalisierung“, die in Einstellungen und Verhalten der Bürger zum Ausdruck kam. Die Vorstellungen des Bürgertums über eine standesgemäße Lebensführung näherten sich immer mehr den Normen des Adels an. Da die Einkommensverteilungen jedoch zunehmend ungleicher wurden, waren die Anforderungen vor allem für die selbständigen Akademiker nur schwer zu erfüllen. Um aber seine soziale Stellung nach außen präsentieren zu können, wurde in nicht-öffentliche Bereiche (zum Beispiel Schlafstätten) weniger investiert und der Schein, den Ansprüchen an ein bürgerliches Leben gerecht zu werden, gewahrt.

3. Das Leitbild der bürgerlichen Familie

Die Angehörigen des Bürgertums entwickelten ein neues Familienideal, dass sich in wesentlichen Aspekten von den traditionellen Formen unterschied. Propagiert wurde es vor allem von moralischen Wochenschriften und Familienzeitschriften, die sich als neue Literaturform hervorhoben. Sie behandelten diskursiv die Aspekte, die das bürgerliche Leben ausmachten. Das neue Familienleitbild wurde zu einer Art „Sittenreform“ (Rosenbaum 1996, 262), die sich nicht unmittelbar realisieren ließ.

Die bedeutenden Unterschiede beziehen sich auf die Intensivierung und Intimisierung der Ehebeziehung, die Entdeckung der Kindheit, wodurch der Erziehung eine zentrale Bedeutung beigemessen wurde, und die Entstehung der Familie als Privatsphäre, die sich nach außen hin abschottete.

3.1 Die bürgerliche Ehe

Die veränderte Einstellung zu der ehelichen Liebe stand im Zentrum des neuen Eheideals. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts dominierte eine traditionelle, sachliche Einstellung zur Ehe. Sie war gebunden an wirtschaftliche Faktoren. Mit dem neuen Familienideal sollte diese Einstellung reformier twerden. Die „vernünftige Liebe“, die auf der Tugendhaftigkeit des geliebten Menschen gründete, gewann als zentrales ehestiftendes Motiv zunehmend an Bedeutung (vgl. Sieder 1987, 130). Die auf sachlichen Überlegungen basierende Ehe wurde demnach abgelehnt, aber auch Leidenschaft, die Vernunft ausschloss, war nicht erwünscht. Für eine glückliche Ehe reichte ein Minimum an Gefühlen, die auf Gegenseitigkeit beruhten, sowie gegenseitige Achtung.

Bevor das neue Eheverständnis in das Leben der Bürger einzog, war der Wille der Tochter bei der Wahl des Ehepartners nicht relevant. Der bürgerliche Individualismus durchdrang diese Einstellung und so sollten die Töchter nicht mehr gegen ihren Willen verheiratet werden. Allerdings gab es bei einem Bewerber, der nicht entstellt war, sowie über eine gesicherte Position, einen guten Charakter und das Wohlwollen der Eltern verfügte, auch keinen vernünftigen Grund ihn abzulehnen (vgl. Rosenbaum 1996, 265).

Die Ehe als „Gefühls- und geistige Gemeinschaft“ war eine zentrale Anforderung im Bürgertum. Es wurde verlangt, dass die Ehegatten miteinander über häusliche Angelegenheiten, sich selbst aber auch über Dinge außerhalb des beschränkten häuslichen Horizonts kommunizierten (vgl. Rosenbaum 1996, 265). Um diesen Anspruch erfüllen zu können musste die Bildung der Frau auch auf öffentliche Bereiche ausgeweitet werden. “Daraus resultierte das gemütvolle Familienleben, die schlichte Häuslichkeit, das innige Zusammenleben als Quelle von Zufriedenheit und Glückseligkeit“ (Rosenbaum 1996, 266).

Ein sicheres materielles Fundament war Ende des 18. Jahrhunderts, trotz der stärkeren Betonung der Gefühlsebene, nach wie vor eine unabdingbare Vorraussetzung für eine bürgerliche Ehe. Für die Frau war diese die einzige Perspektive, die sich für ihre Zukunft ergab. Blieb sie ledig, so war sie finanziell abhängig von den Eltern oder Brüdern. Doch auch für die Männer war die finanzielle Lage der Frau bedeutend. Zum Beispiel dann, wenn deren Gehalt bescheiden war. Aber auch bei einem angemessenen Gehalt konnte dies Kreditwürdigkeit bedeuten. Die Bedeutung, die den Finanzen zukam, hielt sich noch bis weit ins 19. Jahrhundert aufrecht (vgl. Rosenbaum 1996, 286/287).

Da also eine feste Position und ein gesichertes Einkommen des Mannes Vorraussetzungen für die Eheschließung und erst nach einer langen Ausbildung möglich waren, konnten die Männer erst in einem hohen Alter heiraten. Befunden über das niedersächsische Bildungsbürgertum in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zufolge, betrug die durchschnittliche Altersdifferenz der Ehepartner 10 Jahre. Während die Männer erst mit mehr als 30 Jahren heirateten, waren die Frauen wesentlich jünger (vgl. Rosenbaum 1996, 288). Es resultierte ein „Autoritätsgefälle“ (Sieder 1987, 134). Der Mann hatte mehr Lebenserfahrung. Er hatte die Welt kennen gelernt und fungierte als eine Art Vormund, da er die Rechte der Familie vertrat und das Vermögen verwaltete. Ihr Selbstbewusstsein sollte die Frau durch die „Identifikation mit dem Mann, seiner Leistung und gesellschaftlicher Position gewinnen“ (Rosenbaum 1996, 290).

Die Realität Ende des 18. Jahrhunderts unterschied sich noch erheblich vom bürgerlichen Ideal. Auch im 19. Jahrhundert änderte sich nicht viel. Materielle Aspekte spielten bei einer Heirat nach wie vor eine Rolle, lediglich die Bedeutung hatte abgenommen. Der durchschnittliche Altersabstand sank auf fünf bis sechs Jahre, da das Heiratsalter der bürgerlichen Frauen leicht angestiegen war (vgl. Sieder 1987, 142).In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Lockerung der Zwänge, die die Eheschließungen bestimmten. Die Ehen wurden bei den Unternehmern nicht mehr nur als Geschäftsverbindung gesehen. Die höheren Beamten jedoch befanden sich in schlechten materiellen Umständen. Daher waren sie gezwungen, der finanziellen Lage des Partners besondere Beachtung zu schenken. Durch die Verbesserung der Verkehrsverbindungen und die Ausweitung des Kapitalmarktes weiteten sich die Heiratskreise aus. Der regionale Schwerpunkt blieb jedoch bestehen. Die Eltern spielten nur noch bei den Ehen eine entscheidende Rolle, wenn es sich bei den Ehepartnern um Minderjährige handelte. Zentrale Bedeutung kam ihnen bei der Eheeinleitung ihrer Tochter zu teil. Heiratspläne- und -strategien hatten für die bürgerliche Familie des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine besondere Relevanz. Ausserdem galt die Ehe für die Frau nach wie vor als Versorgungssicherheit und einzig akzeptable Perspektive. Diese Alternativlosigkeit beruhte darauf, dass nur wenige Frauen im deutschen Kaiserreich eine Berufsausbildung hatten. Geschiedene oder ledige Frauen („alte Jungfern“) waren stark eingeschränkt. Sie konnten sich nicht frei bewegen und es wurde schnell über sie geredet.

[...]

Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640906307
ISBN (Buch)
9783640906208
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171325
Institution / Hochschule
Universität Siegen
Note
1,7
Schlagworte
Familienkonzeption Familienmodell Bürgertum Familie im Bürgertum

Autor

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Titel: Die Familie im Bürgertum - Eine sozialwissenschaftliche Analyse