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Der russische Symbolismus und seine Sprache

Analyse anhand des Werkes „Argonavty“ von Andrej Belyj

Hausarbeit 2011 13 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Symbolismus in der russischen Literatur
2.1. Kritik am Realismus
2.2. Vorgehen der symbolistischen Kunst
2.3. Dekaden des russischen Symbolismus

3. Andrej Belyj
3.1. Erneuerung der literarischen Sprache bei Belyj
3.2. Programmatik Belyjs
3.3. Gesprächskreis Argonavty

4. Erzählung „Argonavty“
4.1. Definition „Utopie“ und Anti-Utopie“
4.2. Textanalyse

Schlussbetrachtung

Bibliographie

1. Einführung

Der Symbolismus hat den Realismus schlagartig als Epoche abgelöst oder sogar verdrängt. Diese neue Richtung in der russischen Literatur währte nicht lange, war jedoch bezogen auf den historischen Hintergrund im Russischen Zarenreich eine kulturelle Antwort auf den Wandel der Zeit und auf den bevorstehenden Zerfall des zaristischen Systems.

Die Aufgabe dieser Ausarbeitung besteht darin, den Symbolismus und seine sprachlichen Stilmittel, die zur Erneuerung der russischen Literatursprache beigesteuert haben, exemplarisch anhand stilistischer Beispiele aus einem Werk darzustellen. Es wird zu diesem Zwecke auf Belyjs Erzählung „Argonavty“ eingegangen. Des Weiteren gilt es, die Dekaden des Symbolismus vorzuweisen und die Merkmale einer Utopie sowie einer Anti-Utopie zu erläutern.

Die Dekaden und die Entwicklung des Symbolismus werden kurz erläutert, um die Strömung als eine besondere stilistische Epoche in den Fokus zu rücken. Um nicht Gefahr zu laufen die knappen Vorgaben zu sprengen, wird in der vorliegenden Arbeit nur auf Belyjs Schaffen bis ca. 1910 eingegangen, seine Schaffenszeit aber im Kontext mit anderen Philosophen und Künstlern seines Zeitalters kurz dargelegt.

2. Symbolismus in der russischen Literatur

Die Entstehung des russischen Symbolismus beginnt 1893 mit Dmitrij Merežkovskijs programmatischem Essay „О причинах упадка и о новых течениях современной русской литературы“ („Über die Ursachen des Niedergangs und über neue Strömungen der zeitgenössischen neuen Literatur“). Wie der Literaturwissenschaftler Reinhard Lauer feststellt, wird hier das Aufbegehren gegen die positivistisch-utilitaristische Ästhetik deutlich:

Nicht mehr das `Leben` mit der Betonung des für die Gesellschaft Nützlichen wurde als Gegenstand der Kunst angesehen, sondern die Transzendenz, das eigentliche Sein.[1]

Die positivistische Weltanschauung des Realismus wurde abgelegt.

Tiefe Skepsis dem Realismus gegenüber und Zukunftshoffnungen am Ende des 19. Jahrhunderts sowie die Angst vor Entfremdung von dem eigenen Geschichtsbewusstsein riefen zahlreiche Kritiker auf den Plan. Da war eben Merežkovskij einer der Kulturkritiker, der die Geringschätzung des Dichterischen anprangerte und seinem Unbehagen an der bisherigen Kunst Ausdruck gab.[2]

2.1. Kritik am Realismus

Merežkovskijs Absicht war es folglich, die Kunst nicht mehr auf rührende oder moralische Tendenzen auszurichten, sondern es auf die sog. „Wahrheitsliebe“ (pravdivost‘) des Künstlers ankommen zu lassen.[3] Er kritisierte das Rationalitätskonzept der Naturwissenschaft und Technik und wies insbesondere in seinem Essay auf die Sprachverderbnis und die Stagnation der Künste hin. So sollte seiner Meinung nach die Dichtung wieder als eigenständige Schöpfungs- und Erkenntniskraft wirken.[4] Merežkovskij kritisierte ferner die realistische Erzählkunst. Dieser wurde ein Verfall bescheinigt und tatsächlich widmeten sich am Ende des 19. Jahrhunderts vermehrt zweitklassige und epigonale Schriftsteller dem Roman als Gattung. Neuzeitliche Schriftsteller produzierten ab 1880 vermehrt kleinere literarische Formen wie Skizzen, Porträts und Etuden.[5]

2.2. Das Vorgehen der symbolistischen Kunst

Die Auffassung der symbolistischen Kunst war eine andere als die des Realismus. Merežkovskij beschrieb diese folgendermaßen:

Sie [die symbolistische Kunst] vergeistigt die schöne Form, den poetischen Stil, das heißt den künstlerischen Stoff, macht sie transparent und läßt auf diese Weise das wahrhaftige Sein, die Transzendenz, ahnbar werden.[6]

Der neuen Kunstströmung wurden von Merežkovskij drei Hauptelemente zum Pflichtinhalt erklärt:

Таковы три главных элемента нового искусства: мистическое содержание, символы и расширение художественной впечатлительности.[7]

Auch der Sprache sollte eine neue bzw. wichtigere Funktion verliehen werden:

Das Wort sollte nicht mehr als Begriff oder Terminus funktionieren wie in der denotativen Semantik des Realismus, sondern als dynamische Energie, die die erstrebte Transparenz zum Ewigen hin ermöglichte.[8]

So sollte der Leser durch Wörter hypnotisiert und durch mystische Inhalte der Realität entzogen werden. Durch Lautstrukturen, Alliterationen, Metaphern und weitere Stilmittel haben die Symbolisten den Sinn ihrer Werke anders wiedergegeben und der literarischen Sprache auf diese Weise große Aufmerksamkeit geschenkt.

2.3. Dekaden des russischen Symbolismus

Der russische Symbolismus vollzog sich in zwei Schritten. Die erste Dekade der Strömung bestimmte die so genannte „Erste Generation“ oder „Ältere Symbolisten“, zu denen Minskij, Merežkovskij, Bal´mont, Sologub und Zinaida Gippius gehörten und die sich der mystisch-idealistischen Richtung der Symbolistik verschrieben haben. Sie waren Anhänger des französischen Symbolismus, der als dekadent galt.

Geistig-ideelle Werte und philosophische Grundzüge prägten das Denken der älteren Symbolisten.[9] Bereits der frühe Symbolismus stand im Zeichen mystischer und apokalyptischer Visionen und Vorahnungen. Der russisch-japanische Krieg und die erste russische Revolution von 1905 bestätigten diese Vorahnungen der Literaten. Der Symbolismus war die ideale Möglichkeit, diese Visionen sprachlich zu verarbeiten. Dem vorausgegangenen Positivismus würde eine solche Poesie widerstreben und deshalb nicht gelingen.

Die „Jüngere Generation“ profilierte sich unmittelbar nach der Jahrhundertwende. Als wichtigste Vertreter sind hier Aleksandr Blok und Andrej Belyj zu nennen. Nach der misslungenen Revolution von 1905 beginnt in der russischen Literatur die Suche nach nationaler Identität verbunden mit nationalen Mythenbildungen. Der altslavische Mythos ist bei der Suche genauso zu finden wie eine christlich-sektiererische Komponente und die Auswirkungen der griechisch-hellenistischen Antike.[10]

3. Andrej Belyj

Andrej Belyj, oder mit bürgerlichem Namen Boris Bugaev, 1880 in Moskau als Sohn eines namhaften Mathematik-Professors geboren, war einer der bekanntesten Vertreter des russischen Symbolismus. Belyjs Bemühung bestand darin, den Symbolismus auch theoretisch (dichtungstheoretisch, ästhetisch, logisch) zu begründen und auf diese Weise die Beziehungen zwischen Mythos und Logos zu knüpfen. Seine Schriften über das Wesen des Symbolismus haben einen hohen Stellen- und Aussagewert, auch über das rein Literarische hinaus.[11] Belyjs Schaffen und seine geistige Entwicklung stehen im Zeichen Solov´ёvs, Nietzsches und Schopenhauers. Auch Rudolf Steiners Theosophie und der Neukantianismus begründen seine Werke.[12] So hat Belyj als einer der ersten den Versuch unternommen, die russische Literatursprache zu revolutionieren. Neben den stilistischen Mitteln ist die programmatische Sichtweise Andrej Belyjs innerhalb des Symbolistenkreises von Bedeutung. Kenntnisse darüber erleichtern zum einen das Verständnis seiner Werke und geben zum anderen auch die Möglichkeit, die Mystik und die okkulten Züge seiner Werke zu deuten.

3.1. Erneuerung der literarischen Sprache bei Belyj

Wie kein anderer verstand es Belyj, die russische Literatur zu erneuern, indem er das „Prinzip der Instrumentalisierung“[13] einführte. Bereits in seinem ersten Symphonien-Band „Dramatičeskaja“ präsentierte Belyj die bis dahin in Russland unbekannte literarische Gattung[14], die maßgeblich für das erste Viertel des 20. Jahrhunderts sein wird. Diese musikalisch anmutende und systematisch angelegte Prosa mit ihren Klängen und Symbolen war einzigartig. Das 1902 erschienene Werk war das erste der auf dem Prinzip der Instrumentalisierung fußenden lyrisch-prosaischen Symbolismusliteratur von Belyj.[15]

Neu an dieser symphonischen Prosa war nicht das Thematische, […] die ständige Präokkupation, das Schicksal Rußlands und der ganzen Welt aus ominösen Zeichen zu ergründen; neu waren vielmehr die musikalischen Gestaltungsmittel, die Belyj auf allen Textebenen zu realisieren suchte.[16]

So revolutionierte Belyj die russische Literatursprache in seinen Prosawerken. Als Lyriker ist es ihm allerdings nicht gelungen, seinen Altersgenossen Aleksandr Blok qualitativ zu erreichen. Seine Gedichtsammlungen wie beispielsweise „Zoloto v lazuri“ (1904), „Pepel“ (1909) und „Urna“ (1909) waren nicht so einflussreich bzw. bedeutend und enthielten nichts sonderlich Aufsehenerregendes.[17]

[...]


[1] Lauer, Reinhard, Geschichte der russischen Literatur. Von 1700 bis zur Gegenwart, München 2009. S. 455f. Im Folgenden zitiert als Geschichte der russischen Literatur ab 1700.

[2] Vgl. Holthusen, Johannes, Russische Literatur im 20. Jahrhundert, München 1978, S. 17. Im Folgenden zitiert als Literatur im 20. Jhdt.

[3] Vgl. Lauer, Geschichte der russischen Literatur ab 1700, S. 456.

[4] Vgl. Städtke, Klaus (Hrsg.), Russische Literaturgeschichte, Stuttgart 2002, S. 229f. Im Folgenden zitiert als Russische Literaturgeschichte.

[5] Vgl. Holthusen, Literatur im 20. Jhdt., S. 18f.

[6] Lauer, Geschichte der russischen Literatur ab 1700, S. 456.

[7] Merežkovskij, D.S., Mysl´ i slovo, Moskva, 1999. S. 16.

[8] Lauer, Geschichte der russischen Literatur ab 1700, S. 456.

[9] Vgl. ebd. S. 458f.

[10] Vgl. Holthusen, Literatur im 20. Jhdt., S. 25.

[11] ebd. S. 43.

[12] ebd.

[13] Stender-Petersen, Adolf, Geschichte der russischen Literatur, München 1986. S. 523. Im Folgenden zitiert als Geschichte der russischen Literatur.

[14] Die Bezeichnung Gattung ist an dieser Stelle bewusst richtig gesetzt. Belyjs Prosasymphonien waren laut Lauer eine bis dahin unbekannte literarische Gattung in Russland.

Siehe hierzu: Lauer, Geschichte der russischen Literatur ab 1700, S. 465.

[15] Vgl. Stender-Petersen, Geschichte der russischen Literatur, S. 523.

[16] Lauer, Reinhard, Geschichte der russischen Literatur ab 1700, S. 465.

[17] Vgl. Stender-Petersen, Geschichte der russischen Literatur, S. 524.

Details

Seiten
13
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640907885
ISBN (Buch)
9783640908004
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171410
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Slavistik
Note
1,3
Schlagworte
symbolismus sprache analyse werkes andrej belyj

Autor

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