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Partnersuche im Internet – Eigenart moderner Gesellschaften

Hausarbeit 2011 21 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Was sind Internetkontaktbörsen?
2.1 Funktionsweise von Internetkontaktbörsen
2.2 Der durchschnittliche Nutzer

3. Veränderungen der Sozialstruktur
3.1 Haushalte und Lebensformen
3.2 Bildungsexpansion

4. Wertewandel
4.1 Die romantische Liebe
4.2 Die Liebe in Zeiten der Individualisierung
4.3 Die Planbarkeit des Lebens

5. Internetkontaktbörsen - Eigenart unserer Gesellschaft?
5.1 Internetkontaktbörsen und die Veränderungen der Sozialstruktur
5.2 Internetkontaktbörsen und der Wertewandel der Liebe

6. Fazit

7. Literatur

„Es gibt kaum eine Aktivität, kaum ein Unterfangen, das mit so ungeheuren Hoffnungen und Erwartungen begonnen wurde und das mit einer solchen Regelmäßigkeit fehlschlägt wie die Liebe.“ Erich Fromm 1956

1. Einleitung

Internetkontaktbörsen erfreuen sich seit Bestehen über stetig wachsende Nachfrage.1 Aber warum sind immer mehr Menschen davon überzeugt, einen Liebespartner im World Wide Web zu finden? Hätte man früher diese Möglichkeit, wenn es das Angebot gegeben hätte, ebenso euphorisch genutzt? Oder ist das Online-Dating ein spezifisches Merkmal unserer heutigen Gesellschaft? Diese Hausarbeit analysiert die Ursachen der Erfolge von Internetkontaktbörsen und sucht nach Zusammenhängen zwischen den Veränderungen der Sozialstruktur und dem Wertewandel der Liebe einerseits und der steigenden Nutzung von Kontaktbörsen im Internet andererseits.

Zu Beginn wird erklärt, worum es sich bei einer Internetkontaktbörse handelt, wie sie funktioniert und welche Eigenschaften der durchschnittliche Nutzer aufweist. Im nächsten Kapitel wird die Veränderung der Sozialstruktur Deutschlands kurz zusammengefasst mit dem Fokus auf die Entwicklung der Lebensformen, Haushaltsstrukturen und der Bildungsexpansion. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der romantischen und der individualistischen Liebe und anschließend mit der Entstehung des planbaren Lebens. Darauf aufbauend sollen die beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungen mit der steigenden Nachfrage nach Internetkontaktbörsen in Verbindung gebracht werden.

2. Was sind Internetkontaktbörsen?

Neben den bekannten Gelegenheitsstrukturen der Partnersuche wie beispielsweise Bildungseinrichtungen, dem Arbeitsplatz oder der Disco hat sich mittlerweile auch das Internet als Möglichkeit der Partnersuche etabliert.2 Es verdrängt damit andere „Real-Life-Liebesvermittler“ wie Singlepartys oder traditionelle Heiratsvermittlungsinstitute.3 Der Cyberspace bietet den Menschen diverse Möglichkeiten, virtuell aufeinander aufmerksam zu werden, denn immer wenn Menschen miteinander kommunizieren ist der Aufbau von Beziehungen prinzipiell möglich, unabhängig vom Ort der Kommunikation.4 Auch in Social Network Sites, in Blogs oder Foren kann es zu Annäherungen in Form von schriftlicher Kommunikation kommen, die schließlich nach persönlichen Treffen in Zweierbeziehungen münden.5 Solche Annäherungen sind jedoch zufällig und nicht primärer Zweck von Social Network Sites o. ä.. Diese Arbeit konzentriert sich hingegen auf Internetkontaktbörsen, da die Nutzung solcher Börsen das primäre Ziel der Partnersuche voraussetzt. Wer sich bei einer Singlebörse oder Vermittlungsplattform anmeldet, entscheidet sich aktiv für die Partnersuche. Wer diesen Schritt geht, beabsichtigt die Partnerentscheidung nicht mehr dem Zufall überlassen, man möchte Amor die Arbeit abnehmen und selbst entscheiden ohne von einem Pfeil getroffen zu werden.6

Zur Übersichtlichkeit kann man die Kontaktbörsen im Internet nach ihren Zielgruppen kaegorisieren: sind allgemein alle Personen angesprochen, die nach einem Partner suchen7, oder richtet sich die Börse an eine bestimmte Gruppe von Suchenden mit einem gemeinsamen entscheidenden Merkmal.8 Zusätzlich sind die Börsen unterscheidbar nach ihrer Funktionsweise, was im Folgenden genauer betrachtet werden soll.

2.1 Funktionsweise von Internetkontaktbörsen

Als Datingplattformen oder auch Singlebörsen bezeichnet man Plattformen, bei denen die Nutzer selbstständig potentielle Partner suchen. Jeder Nutzer erstellt ein Profil, das „harte“ Daten (Alter, Wohnort, Beruf usw.), „weiche“ Daten (Charaktereigenschaften, Freizeitbeschäftigungen usw.) und mindestens ein Foto enthält. Um einen geringen Zeitaufwand und Vergleichbarkeit zu erlangen sind in der Regel komplette Fragebögen vorgegeben.9 Nach Erstellung eines eigenen Profils kann der Nutzer nun die Profile der Anderen einsehen. Bei Sichtung eines interessanten Profils kann durch den plattformeigenen Nachrichtendienst schriftlich Kontakt aufgenommen werden.

Im Gegensatz zu Singlebörsen beruhen Vermittlungsplattformen auf dem Prinzip der klassischen Partnervermittlung, d.h. es werden potentielle Partner vom System vorgeschlagen. Der Nutzer füllt einen umfangreichen Persönlichkeitstest aus, welcher mit Hilfe von Computeralgorithmen ausgewertet wird. Danach werden „passende“ Partner vorgeschlagen, ohne dass eine selbstständige aktive Suche vollzogen wird.10

2.2 Der durchschnittliche Nutzer

Grundsätzlich treten alle Merkmalskonstellationen in Internetkontaktbörsen auf, aber einige Eigenschaften sind im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung signifikant häufiger aufzufinden. Der durchschnittliche Nutzer ist eher jünger, männlich, höher gebildet, lebt tendenziell häufiger in Haushalten mit höherem Einkommen und in städtischen Gebieten, ist vergleichsweise stärker auf der Suche nach einer Zweierbeziehung und verfügt über hohe Kompetenzen im Umgang mit dem Internet. Außerdem lebt der durchschnittliche Nutzer eher allein und ist öfter Single.11 Mit dem Begriff „Single“ sind hier die Menschen gemeint, die aktuell in keiner Zweierbeziehung leben, unabhängig von beispielsweise der Haushaltsform.12

3. Veränderungen der Sozialstruktur

Im Rahmen dieser Arbeit kann aufgrund des Umfangs nicht eine komplette Sozialstrukturanalyse der Gesellschaften der letzten Jahrhunderte angefertigt werden. Stattdessen sollen bestimmte Entwicklungen kurz skizziert werden, die später in der Diskussion um die Internetkontaktbörsen eine Rolle spielen werden.

3.1 Haushalte und Lebensformen

In der vorindustriellen Gesellschaft war die am häufigsten anzutreffende Lebensform die des „Ganzen Hauses“.13 Bauernhöfe, Handwerksbetriebe oder Handelshäuser waren in sich geschlossene Einheiten, die aus einem Ehepaar, deren Kindern, sonstigen Verwandten, Dienstboten, Mägden und teilweise bedürftigen Nichtverwandten bestanden.14 Es war eine Zeit ohne soziale Sicherungssysteme in der die Existenzsicherung die primäre Aufgabe aller Beteiligten war. Freiraum für persönliche Neigungen oder individuelle Entwicklungen gab es nicht. Die Ehen wurden meistens von den Eltern mit Blick auf die ökonomischen Bedingungen arrangiert. Liebe spielte keine Rolle, es ging schlicht ums überleben. Die Arbeitsgemeinschaft des „Ganzen Hauses“ musste funktionieren und da war es egal, ob die Ehepartner nun gefühlsmäßig zueinander passten oder nicht. Die Eheleute konnten froh sein, dass sie überhaupt heiraten durften, denn für die Mehrheit der Bevölkerung galten strikte Heiratsverbote.15

Während der Industrialisierung brachen diese festen Strukturen des „Ganzen Hauses“ langsam auf und es entstand die weit verbreitete Lebensform der isolierten Kernfamilie.16 Durch die Einführung der Schulpflicht konnten die Kinder nicht mehr als Arbeitskraft dienen und durch die entstehenden sozialen Sicherungssysteme mussten sie auch nicht mehr als Altersvorsorge hinhalten. Wegen der medizinischen Entwicklung ging die Kindersterblichkeit kontinuierlich zurück. Dies führte zu einem schnellen Geburtenrückgang. Das Geburtenniveau war bereits in den 1920er Jahren unter das Bestandserhaltungsniveau gesunken.17 Durch die geringere Kinderzahl und dem Anstieg der Lebenserwartung verlängerte sich die Zeit, in der nur das Ehepaar ohne Kinder zusammenlebte („empty nest“). Wenn am Ende des 19. Jahrhunderts eine Ehe im üblichen Heiratsalter geschlossen wurde, war diese nach spätestens 20 Jahren durch den Tod einer der beiden Ehegatten beendet. Heute dauert eine Ehe, die mit 25 Jahren begonnen und nicht geschieden wird, 40-50 Jahre.18

Eine starke Veränderung zeigt sich auch bei den Personenzahlen der Haushalte. Am Ende des 19. Jahrhunderts lebten in 50% der Haushalte mindestens 5 Personen.19 Dieser Haushaltstyp schrumpfte auf unter 1% im Jahr 2000.20 Im Gegensatz dazu verzeichnete der Einpersonenhaushalt eine enorme Entwicklung: 1925: 7%, 1957: 18%, 1975: 28%, 2004: 37%. Die größte Gruppe unter den Einpersonenhaushalten ist aufgrund demographischer Entwicklungen die der über 65-jährigen (40%), die nach dem Tod des Ehepartners als Witwe oder Witwer leben. Hinzu kommt, dass junge Menschen nicht mehr sofort von dem elterlichen Haushalt in einen Paarhaushalt wechseln, dass der Arbeitsmarkt immer mehr mobile Flexibilität erwartet und dass generell eine Wohlstandsentwicklung stattgefunden hat. Aber freiwilliges und dauerhaftes Alleinleben wird nur von einer Minderheit angestrebt, für die meisten Menschen stellt es eine Übergangsphase dar.21

Bis in die 1960er Jahre galt die Kern- oder Normalfamilie als einzige legitimierte Lebensform, es war die Zeit des „Babybooms“ und „Golden Age of Marriage“. Man heiratete früh und ließ sich selten scheiden. Fast 95% der Bevölkerung waren im Laufe ihres Lebens verheiratet.22 Der Anteil der Nicht-Heiratenden lag bis 1970 bei lediglich 10%. Heutzutage bleiben bis zu 30% der Menschen ein Leben lang unverheiratet.23 Die Institution Ehe hat sowohl an Verbindlichkeit verloren als auch seinen normativen Wert verändert. Früher hat man geheiratet, bevor man Kinder bekam, heutzutage beobachtet man eine entgegengesetzte Entwicklung, denn Paare heiraten bevorzugt nach der Geburt des ersten Kindes. Oder Paare heiraten ohne das Kinder geplant sind, weshalb in Deutschland derzeit 20% kinderloser Ehen existieren.24

Die Frauen- und Studentenbewegung der 1970er Jahre führte zur Entstehung alternativer und legitimer Lebensformen neben der Normalfamilie, z.B. Nichteheliche Lebensgemeinschaften, gleichgeschlechtliche Partnerschaften, offene Beziehungen oder Wohngemeinschaften. Darüber hinaus kam es zur Emanzipation der Frauen. Für Frauen waren die Pflege und Erziehung der Kinder sowie die Führung des Haushalts nicht mehr die Hauptaufgaben des Lebens. Kindererziehung stellte nur noch einen Lebensabschnitt von vielen dar. Gesetze, die die Frauen zur Hausarbeit verpflichteten, wurden aufgehoben. Die Einführung des reformierten Scheidungsrechts 1976 veranlasste Frauen einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, um sich vor möglichen Scheidungen abzusichern. Außerdem kam es zur Angleichung der Bildungschancen, was dazu geführt hat, dass Frauen heute genauso häufig in Bildungseinrichtungen vertreten sind und über hohe Bildungsabschlüsse verfügen wie Männer.25

[...]


1 Vgl. Pflitsch & Wiechers 2010 oder BITKOM 2008 (Anm.: Wahrscheinlich geschönte Zahlen aufgrund ökonomischer Interessen und Undurchschaubarkeit der Methoden).

2 Bühler-Ilieva 2006: S. 313.

3 Ebd. 2003: S. 2.

4 Schulz & Zillmann 2009: S. 8.

5 5 Im weiteren Verlauf steht der Begriff „Zweierbeziehung“ für die neutrale Bezeichnung einer Paarbeziehung, d.h. Ehen, Nichteheliche Lebensgemeinschaften, homosexuelle Partnerschaften, Distanzbeziehungen usw. können diesem Begriff untergeordnet werden. Vgl. Bühler-Ilieva 2006: S. 27 oder Lenz 2009: S. 45ff..

6 6 Bühler-Ilieva 2006: S. 30f..

7 Die großen Internetkontaktbörsen sprechen in der Regel auch eine breite Zielgruppe an, vgl. z.B. www.friendscout24.de.

8 Ein entscheidendes gemeinsames Merkmal kann beispielsweise die Religion sein, vgl. www.muslimlife.eu oder www.christfindetchrist.de.

9 Herlyn 2001: S. 3.

10 Schulz & Zillmann 2009: S. 8.

11 Ebd. S. 9f..

12 Lenz 2009: S. 25.

13 Das „Ganze Haus“ war aber nicht die einzige Lebensform in der vorindustriellen Gesellschaft, vgl. Hradil 2006: S. 125f..

14 Hradil 2006: S. 90f..

15 Beck & Beck-Gernsheim 1990: S. 69.

16 Hradil 2006: S. 238.

17 Dorbritz 1998: S. 200f

18 Peuckert 2006: S. 167.

19 Holtmann 2010: S. 215.

20 Wagner 2008: S. 109.

21 Meyer 2006: S. 346ff.

22 Ebd. S. 333.

23 Ebd. S. 335.

24 Lenz 2009: S. 15ff.

25 Peuckert 2008: S. 230.

Details

Seiten
21
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783640910762
ISBN (Buch)
9783640908615
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171461
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Schlagworte
partnersuche internet eigenart gesellschaften

Autor

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Titel: Partnersuche im Internet – Eigenart moderner Gesellschaften