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Eine Frage der Perspektive - Julius Lips und die Bedeutung der Colon-Figuren

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 27 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung - über die Bedeutung der Perspektive

2 Über den Begriff der Colon-Figuren

3 Das schwarze Bild vom weißen Mann
3.1 Julius Lips - Leben und Entstehungsgeschichte des Werkes
3.2 „The Savage Hits Back“
3.3 Darstellung und Beschreibung der Figuren
3.3.1 Die Schiffe der Weisen
3.3.2 Soldaten und Offiziere
3.3.3 Der weiße Mann in der Masse
3.3.4 Seltsame Dinge um den weißen Mann
3.3.5 Die Häuptlinge der Weißen

4 Rezeption und Wirkungsgeschichte
4.1 Frühe Rezensionen
4.2 Wiederentdeckung des Werkes
4.3 Der rote Fes

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

II Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Julius Lips, Fotografie (Pützstück 1995)

Abbildung 2: Segelschiff, Holzschnitzerei (Lips 1937:64 Fig.12)

Abbildung 3: Europäischer Soldat mit Gewehr, Holz (Lips 1937:81 Fig.28)

Abbildung 4: Deutscher Offizier mit Tropenhelm, Holzfigur (Lips 1937:87 Fig.36)

Abbildung 5: Offizier der deutschen Truppe, geschnitzte Figur (Lips 1937:91 Fig.42)

Abbildung 6: Europäer mit Strohhut, Holz (Lips 1937:131 Fig.91)

Abbildung 7: Häuptlingsstuhl mit Leopardenjagd, Holz vom Baumwollbaum (Lips 1937:142 Fig.196)

Abbildung 8: Königin Victoria, Fotografie (Lips 1937:230 Fig.204)

Abbildung 9: Königin Victoria, Holzplastik (Lips 1937:231 Fig.206)

Abbildung 10: Königin Victoria, Holzplastik (Lips 1937:231 Fig.208)

1 Einleitung - über die Bedeutung der Perspektive

In Lauf der Geschichte haben die Weißen als Eroberer, Missionare, Kolonisatoren, Händler, Touristen usw. zwangsläufig bei allen Farbigen, welche sie vor allem als Fremde wahrnahmen, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Kehrt man jedoch die Perspektive einmal um, stellt sich ziemlich schnell die Frage, wie sie denn über uns (die Weißen) denken. Für diese Umkehrung gibt es ein interessantes Beispiel: Bronislaw Malinowski, einer der großen Ethnologen, traf einmal in Britisch-Borneo einen alten Kannibalen, der ihn über den Krieg in Europa ausfragte, von dem er gerade gehört hatte. Die Frage, welche ihn dabei am meisten interessierte, war jene, wie die riesigen Mengen Menschenfleisch aufgegessen werden konnten, die ja zwangsläufig bei einem Krieg anfallen mussten. Malinowski erklärte ihm daraufhin, dass die Weißen ihre getöteten Feinde nicht verzehren, worauf ihn der Kannibale entsetzt ansah und sagte: „Was seid ihr nur für Barbaren, Menschen ohne triftigen Grund zu töten“. „In such incidents as these the athropologist learns to appreciate that Socratic wisdom can be best reached by sympathetic insight into the lives and view- points of others”.1 Anhand dieser kurzen Episode wird bereits deutlich, wie entscheidend die Perspektive des Betrachters und eine eventuelle Einseitigkeit seiner Beobachtungen ist. In der Ethnologie, die sich ja nun gerade damit beschäftigt, die Menschen in fremden Gesellschaften zu beobachten, sollte man am ehesten eine Spur von Unbehagen an der Einseitigkeit des Beobachtens erwarten. Die ethnologische Beobachtung wird heute noch größtenteils als teilnehmende Beobachtung praktiziert, der Ethnologe neigt jedoch dazu, sich als Teilnehmer auszuklammern und sich auf einen beobachtenden, aber seinerseits nicht wahrnehmbaren Punkt zu reduzieren. In der Aufklärung traute man dem Blick von au ß en noch eine Erkenntnis und ein Urteil zu. Heute vertrauen wir so sehr auf den Blick von innen, dass der Ethnologe sich gerade die Aufgabe stellt, die von ihm untersuchte Gesellschaft so zu sehen, wie sie sich selbst sieht. Diese Erkenntnisfähigkeit setzt jedoch auch ein großes Wissen voraus über das, was betrachtet wird. So stellt sich unter anderem auch Fritz Kramer die Frage, welcher Wert der Erkenntnis eines Fremden zukommen kann, der die moderne Zivilisation von außen sieht.2

Die genannten Probleme der eingeschränkten Perspektive sowie eine gewisse Voreingenommenheit westlicher Ethnologen finden ihre wissenschaftliche Aufarbeitung im relativ jungen Forschungszweig der „Whiteness-Studies“. In diesem Bereich arbeiten Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen. „Whiteness has been established as an object of study by scholars from an array of disciplines, each struggling with the task of making visible the operations of racial privilege and advantage that structure the lives, attitudes, and actions of white people“.3

Julia Leib: Eine Frage der Perspektive - Julius Lips und die Bedeutung der Colon-Figuren Man muss sich des eigenen Weiß-Seins bewusst werden, um die eigenen Voruteile sowie die eingeschränkte Sichtweise zu erkennen. Zu dem Blick von innen sollte also immer auch ein Blick von au ß en gehören, die Perspektiven der Anderen müssen in die eigenen miteinbezogen werden, um ein realistisches Bild der untersuchten Gesellschaft (und rückschließend davon auch der eigenen) zu erhalten.

Nur einmal hat ein Außenseiter der deutschen Ethnologie es gewagt, ernsthaft ein Bild der modernen Zivilisation in den Augen des „Wilden“ nachzuzeichnen und sich damit über die damaligen Grenzen der Ethnologie hinaus gewagt. Diese Arbeit widmet sich daher dem ersten ernsthaften Perspektivenwechsel in der Ethnologie, welcher mit dem Werk „The savage hits back or the white man through native eyes“ von Julius E. Lips stattfand. Dieser beschäftigte sich mit dem Phänomen der Colon-Figuren und deren seiner Meinung nach satirischen Darstellung der Europäer. Im folgenden Punkt 2 wird zunächst der Begriff der Colon-Figuren erklärt, bevor sich Punkt 3 mit dem Werk in seinem Inhalt an sich beschäftigt. Die Rezension und Wirkungsgeschichte steht beim anschließenden Punkt 4 im Mittelpunkt, wobei zwischen frühen Rezensionen und einer, in gewisser Weise, Wiederentdeckung des Werkes unterschieden werden muss. Die Ergebnisse der Untersuchung werden abschließend in Punkt 5 dargestellt.

2 Über den Begriff der Colon-Figuren

Seitdem es den Europäer seit dem 15. Jahrhundert in die Welt zieht, um sie kennenzulernen, lernt auch zunehmend die Welt ihn kennen. So überrascht es nicht, dass Europäer auch in der bildenden Kunst vieler außereuropäischer Völker dargestellt wurden.4 Die frühesten bekannten Darstellungen von Europäern finden sich bereits im 16. und 17. Jahrhundert in der höfischen Kunst Benins. Plastische Darstellungen dieser Art werden heute oft zusammenfassend als Colon-Figuren bezeichnet. Dabei handelt es sich jedoch um eine Bezeichnung, die streng genommen nur auf afrikanische Kunstwerke zutrifft, die während der Kolonialzeit entstanden sind.

Charakteristisch für alle Darstellungen ist, dass der Weiße weniger an seiner Physiognomie oder an der Hautfarbe zu erkennen ist, als an seinen Attributen. Es sind die Dinge in seinem Besitz, die ihn ausmachen: Anzüge, Spazierstock, Flaschen, Stühle, Uhren, Fahrräder und Hüte, insbesondere der Tropenhelm. Den Soldaten macht weiterhin das Gewehr und die Uniform aus. Meist steht er in strammer Haltung da, die Hände an der Hosennaht. Es werden ferner immer bestimmte Personengruppen abgebildet, mit denen der Künstler in seiner Lebenswelt konfrontiert wurde. Charakteristisch ist auch, dass man eigentlich nichts über die Colon-Figuren weiß, weder wann sie hergestellt wurden, noch von wem, und erst recht nicht warum und wofür. In der Regel sind gerade Julia Leib: Eine Frage der Perspektive - Julius Lips und die Bedeutung der Colon-Figuren einmal die Herkunftsethnie und der Sammelzeitpunkt bekannt.“Wie sehr die Figuren aber auch auf historische Vorbilder zugehen mögen, fast immer sind sie durch Pose und Ausdrucksvermögen überlieferten Stereotypen und ihrer Ikonographie verpflichtet“.5

Der Begriff „Colon“ selbst stammt aus dem Französischen. Ursprünglich wurden die französischen Siedler, welche sich in den afrikanischen Kolonien eine neue Existenz aufbauten, von den Daheimgebliebenen abschätzig „Colons“ genannt. Diese Bezeichnung wurde auf die Skulpturen übertragen, die ebenfalls lange Zeit von der Fachwelt als minderwertige, degenerierte Zeugnisse der afrikanischen Kunst angesehen wurden. An dieser Stelle sei jedoch angemerkt, dass man die afrikanische Kunst überhaupt erst Anfang des 20. Jahrhunderts als Kunst entdeckt hatte.6 Prinzipiell galt afrikanische Kunst nach Augustat als durchweg religiös motiviert und zeugte in ihrer Formgebung für das europäische Auge von einer Ursprünglichkeit, die von den europäischen Künstler als verloren gegangen angesehen wurde. Die Darstellung von Europäern in dieser Kunst könne folglich nur als Zeichen für den Zerfall und die Degeneration der afrikanischen Gesellschaft durch den europäischen Einfluss gewertet werden. Die Colon-Figuren wurden damit als „nicht traditionell“ abgelehnt. Das Bild der afrikanischen Kunst, ebenso wie das Verständnis der Colon- Figuren an sich, ist somit nicht unabhängig von der europäischen Kultur gewachsen. Dies wird vor allem bei der wissenschaftlichen Rezeption der Figuren besonders deutlich. „Colon-Stücke sind [jedoch] keineswegs vereinzelte Kuriositäten, die aus vorübergehenden Launen vereinzelter Künstler entstanden sind, sie sind vielmehr integraler Bestandteil gewisser kultischer Handlungen und besitzen ihre eigenen Regeln bildhafter Metaphorik“.7

Die erste wesentliche Attacke gegen solche Auffassungen sowie eine positive Neubewertung der Colon-Figuren markierte das 1937 erschienene Werk „The Savage Hits Back“ des deutschen Ethnologen Julius Lips, welches der Darstellung des Europäers in der außereuropäischen „primitiven Kunst“ gewidmet ist. Im Folgenden soll auf die Person des Autors und den Inhalt seines wohl bekanntesten Werkes näher eingegangen werden.

3 Das schwarze Bild vom weißen Mann

Nach der Auffassung von Julius Lips sind die Colon-Figuren als satirischer Gegenschlag der Unterdrückten zu verstehen. Lips lebte zum Zeitpunkt des Erscheinens im amerikanischen Exil und hatte Unterdrückung am eigenen Leib erfahren. Die Lips’sche These kann daher nur vor dem zeitgeschichtlichen8 und persönlichen Hintergrund betrachtet werden. Der Autor hat selbst im Vorwort, welches er als Rückblick im amerikanischen Exil geschrieben hat, die Entstehungsgeschichte des Buches mit seiner eigenen Biographie verknüpft.9

3.1 Julius Lips - Leben und Entstehungsgeschichte des Werkes

Der deutsche Ethnologe und Soziologe Julius Ernst Lips wurde am 8. September 1895 in Saarbrücken geboren.10 Von 1914 bis 1916 dient er als Soldat im Ersten Weltkrieg. Anschließend studierte er Jura, Psychologie, Völkerpsychologie und Völkerkunde in Leipzig, wobei er sein Studium in Psychologie (1919) und Jura (1921) jeweils mit der Promotion abschloss. Ab 1928 war Lips Direktor des Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde in

Köln und ab 1930 bekleidete er eine außerordentliche Professur für Völkerkunde und Soziologie an der Universität Köln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Julius Lips, Fotografie

(Pützstück 1995)

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 erfuhr die Karriere von Lips vorläufig ein jähes Ende. Er weigerte sich, die Ethnologie in den Dienst der nationalsozialistischen Rassenlehre zu stellen und legte seine Professur nieder um nicht zum Mitläufer zu werden.11 Im Vorwort zu „The savage hits back“ stellt er eine ausdrückliche Beziehung zwischen dem Verlust seiner Ämter sowie den folgenden Schikanen und Repressalien durch die Nazis auf der einen und dem Inhalt des Buches auf der anderen Seite her. Lips stellt als Grund für wiederholte Drohungen und Hausdurchsuchungen vor allem die Photograhpien der Skulpturen und Zeichnungen dar, die von den Nationalsozialisten unter anderem als „Nigger pictures, which were a crime against the race“12 dargestellt worden seien. Er wurde von den Behörden schließlich wegen „Verleumdung des Regimes“ angeklagt, woraufhin er Deutschland 1934 verlassen musste. Nur durch die Hilfe von Mittelsmännern sei es ihm gelungen, seine Abbildungen aus Deutschland herauszubringen und mit ins Exil zu nehmen. „These pictures that had before been the building stones for a new work now became the starting point and foundation of a new life”.13 Es gibt jedoch Zweifel daran, ob die geplante Publikation seines Werkes tatsächlich der Grund für die von ihm erfahrenen Repressalien war. So scheint nach Krings der kulturkritische Tenor des Werkes von den Nazis nicht sonderlich beachtet worden zu sein. Den realen historischen Hintergrund der Schikanen gegen Lips bildete vielmehr dessen langjährige SPD-Mitgliedschaft.14

Lips emigrierte über Paris in die USA, wo er von 1937 bis 1939 Leiter des Instituts für Anthropologie an der Howard University in Washington D.C. war. Sein Werk „The savage hits back“ erschien schließlich 1937 in englischer Sprache zunächst in England und dann auch in den USA. In seiner Heimat wurde er dagegen ausgebürgert.15 1948 kehrte er nach Deutschland zurück, wo er an der Universität Leipzig, der er ab 1949 auch als Direktor vorstand, auf den Lehrstuhl für Völkerkunde und Vergleichende Rechtssoziologie berufen wurde. Julius Lips starb am 21. Januar 1950 in Leipzig. Sein Frau Eva übernahm von da an die Herausgabe seiner Werke.

Lips gibt in seinem Vorwort leider nur wenige Anhaltspunkte zu seiner wissenschaftlichen Motivation an, welche ihn dazu gebracht hat, das Buch in dieser Art und Weise zu schreiben. In Anbetracht der Fülle subjektiver Beschreibungen von sogenannten „primitiven Zivilisationen“ aus der Perspektive des weißen Mannes, hat Lips nach eigener Aussage ein Interesse an der Umkehr dieser Perspektive entwickelt. So behauptet er im Vorwort, eine derart intime Kenntnis des Anderen zu haben, um seine im Hauptteil folgenden intuitiven Interpretationen außereuropäischer Kunst als legitimiert zu bezeichnen.16 Zur wissenschaftlichen Neugier gesellt sich weiterhin eine moralische Intention. Mit seiner Hilfe solle der unbekannte Künstler die Gelegenheit erhalten „to take vengeance upon his colonizer, or to honour the white man’s mode of living and blend it with the magic of his own world of ideas”.17 Dieses kulturkritische und satirische Motiv, welches Lips den außereuropäischen Künstlern auch im Titel seines Werkes unterstellt, findet seine Parallele laut Krings in der eigenen Motivation. „Während die Stimmen der Anderen - vermittelt durch Lips - zu einem Schlag gegen die westliche Welt ausholen, holt Lips im Vorwort und an zwei weiteren Textstellen zu einem Schlag gegen Nazideutschland aus“.18 Er greift sowohl in seinem Nachruf über Graebner als auch im Vorwort zu „The savage hits back“ die deutschen Ethnologen wegen ihrer schweigenden Akzeptanz des Nationalsozialismus scharf an. Somit ist „The savage hits back“ für Lips als eine doppelte, miteinander verschränkte Abrechnung von Unterdrückten mit der Willkür und Brutalität ihrer jeweiligen Unterdrücker zu lesen.

3.2 „The Savage Hits Back“

In der Erstausgabe des Werkes ist dem Hauptteil eine kurze Einleitung von Bronislaw Malinowski vorangestellt, in welcher dieser die Pionierleistung des Autors und dessen politische Offenheit hervorhebt. Weiterhin gibt er dem Werk des deutschen Ethnologen ein Motto und begründet damit gleichsam eine neue Richtung in der Ethnologie:

Anthropology is the science of humour. […] For to see ourselves as others see us is but the reverse and the counterpart of the gift to see others as they really are and as they want to be. And this is the metier of the anthropologist.19

Die ersten beiden Kapitel seines Buches dienen Lips dazu, den Boden vorzubereiten, auf dem er im Hauptteil die Fülle seines Bildmaterials zu interpretieren versucht. Er beginnt mit einer kritischen Übersicht der Beziehungen Europas zum Rest der Welt. Diese reicht von den frühen Entdeckungsreisen über die Eroberung Amerikas bis hin zur Kolonisierung Afrikas. Er nimmt auch Bezug auf die zeitgenössische deutsche Politik und die faschistische Ideologie und warnt die internationale Gemeinschaft vor der Rückgabe von Kolonien an Nazideutschland.20 Anschließend widmet sich Lips der Eroberungsgeschichte aus der Perspektive der Unterworfenen und Kolonisierten. Seine Ausführungen reichen von verschiedenen Mythologemen, welche die frühen Kontakte begleiten bis hin zu Protest- und Unabhängigkeitsbewegungen in der von ihm aus gesehenen jüngeren Geschichte.21 Am Ende dieses ersten Kapitels stellt Lips die Skulptur eines Loango-Künstlers vor, in dem er eine Allegorie für den aufkeimenden Protest und Widerstand Schwarzafrikas erkennt. Seiner Ansicht nach stellt diese Skulptur einen kampfbereiten Afrikaner dar, der in seiner erhobenen rechten Hand drohend einen Speer und in der linken Hand ein Gewehr hält. Zwischen den Beinen dieses Kriegers ist eine kleine Figur in europäischer Kleidung zu erkennen, welche dort Schutz zu suchen scheint. Lips scheint darin ein prophetisches Werk zu erkennen: „But one thing is quite certain, that we have here before us the plastic work of a black artist far ahead of his day, and on the base of the model might well be inscribed: ‘The Savage hits back’”.22

Im zweiten Kapitel wirft Lips die Frage nach der Konzeptualisierung und Darstellungsweise des außereuropäischen Fremden in verschiedenen Epochen der europäischen Geistes- und Kunstgeschichte auf. Lips wechselt an dieser Stelle die Perspektive und bereitet einen Vergleich mit den Colon-Figuren vor, um zum Schluss die prinzipielle Gleichwertigkeit, ja sogar die künstlerische Überlegenheit der sogenannten „primitiven Kunst“ zu belegen. Lips‘ Fazit an dieser Stelle lautet, dass erst die Künstler der Moderne ein realistisches, und damit in Bezug auf äußere, „rassische“ Merkmale exaktes Bild außereuropäischer Fremder entwarfen.23 Den Abbildungen, die europäische Künstler in der Vergangenheit von Fremden hergestellt haben, stellt Lips afrikanische und amerikanische Europäerdarstellungen gegenüber. Dabei ist sein Urteil ernüchternd: „The representations made by white artists of the native showed less gift of observation and far more poverty of artistic result than the plastics and drawings which the savage produced of the white man”.24 Lips erklärt seinen Forschungsgegenstand, die Colon-Figuren, der europäischen Kunst als ebenbürtig. „So verwahrt sich Lips dagegen ‚primitive Kunst‘ auf rassistische Weise als pervertiert abzuwerten oder sie mit Kinderzeichnungen beziehungsweise der Kunst von Geisteskranken zu vergleichen“.25 Er kommt weiterhin zu der Erkenntnis, dass sich außereuropäische Kunst nur im Kontext der jeweiligen kulturellen Zusammenhänge verstehen lässt.26

Im Anschluss an diese beiden Einführungskapitel widmet sich Lips in neun Kapiteln dem Hauptteil und eigentlichen Anliegen seines Werkes. Da die Betrachtung und Beschreibung seines gesammelten Materials essentiell für das Verständnis der Lips‘chen Auffassung ist, werde ich einige ausgewählte Darstellungen im nächsten Abschnitt ausführlicher vorstellen.

3.3 Darstellung und Beschreibung der Figuren

Die einzelnen Fotografien der Darstellungen von Europäern durch hauptsächlich afrikanische Künstler hat Lips im Laufe der Arbeit an diesem Buch zusammengetragen, um sie im Hauptteil vergleichend gegenüberzustellen. Diese kulturhistorische Methode soll Aufschluss über die Darstellungen der Fremden geben und darüber, wie diese wahrgenommen wurden. Dazu werden die Abbildungen von Lips in verschiedene thematische Kapitel unterteilt. Diese thematische Abfolge soll die historische Dynamik der Beziehungen zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten nachzeichnen. Er beginnt mit den Darstellungen von Schiffen, da dies die ersten europäischen Kulturgüter waren, die am Horizont erschienen und mit denen die Natives27 zuerst Kontakt hatten.

3.3.1 Die Schiffe der Weisen

„The first sailing-vessel that broke on the horizon, […] from which soon after the white man was to come ashore, brought with it a revolution in the whole world of primitive tribal experience”.28 Dieser Anblick war etwas völlig Neues und oftmals wurden die ersten Weißen für Vorfahren gehalten, die aus dem Land der Toten zurück kamen.29 Als die Schiffe dann jedoch zur Gewohnheit wurden, bezogen die Eingeborenen diese nicht nur in ihre Kunst ein, sondern fertigten auch detailreiche Abbildungen an. Als Beispiel einer solchen Abbildung wird an dieser Stelle eine Darstellung von den Nicobar Inseln aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts angeführt. Für besonders interessant hält Lips die Konzeption der drei Segel.30 Dieses aus Holz geschnitzte Schiff sei bevölkert mit seltsamen Gestalten, welche alle auf Deck zu sehen seien.31

Zwischen ihnen sitzen Vögel und wenden ihre Gesichter, ebenso wie fast alle an Bord befindlichen Lebewesen, dem Land entgegen.

Drei säulenhaft stilisierte

Gestalten geben der Szene etwas Gespenstisches, und hinter ihnen steht als größte aller Figuren der Kapitän im Zylinderhut. Noch zwei weitere Zylinder und eine

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Segelschiff, Holzschnitzerei (Lips 1937:64 Fig.12) Sportmütze auf dem erhöhten Hinterdeck kennzeichnen weiße

Männer, währende die Matrosen, vielleicht auch Eigeborene mit Spitzhüten, neben und hinter ihnen stehen. Abschließend kommt er in diesem Kapitel zu folgendem Schluss: „Wherever it appeared, the white man’s ship had a great revolutionary influence on the whole life, and so on the art of primitive man. It brought not the white man only but his wares, and his power, his medicines and his religion - his whole world”.32 Die Schiffe stellten laut Lips Vorboten für eine neue Epoche dar, welche für die „native tribes“ immer eine Epoche des Untergangs bedeutete.

[...]


1 Malinowski 1937:vii

2 Vgl. Kramer 1987

3 Hartigan 1997:496

4 Vgl. Augustat 1995:92

5 Kramer 1983:207

6 Man hatte jedoch nicht die afrikanische Kunst entdeckt, sondern ein Bild, das man sich von der afrikanischen Kunst machte.

7 Norris 1983:15

8 „Deutschland hatte seine Kolonien bereits 1918 verloren. Nationale Bewegungen und die Gewährung einer beschränkten Selbstverwaltung in den Kolonien kündigten das Ende der klassischen Form der Kolonialisierung an. Die Kritik an den Formen des Kolonialismus nahm auch in den eigenen Reihen zu“ (Augustat 1995:94).

9 Vgl. Lips 1937:xix-xxxi

10 Für eine genaue Beschreibung siehe Krings 2001b:223.

11 Siehe hierzu Lips 1937:xxii. Die Darstellung des Autors, er habe seine Ämter aus freien Stücken niedergelegt entspricht jedoch nicht ganz der historischen Wahrheit. Tatsächlich hatte er sich laut Krings im März 1933 zunächst vom Museumsdienst befristet beurlauben lassen, vermutlich um Zeit zu gewinnen. Seine de facto im Oktober 1933 erfolgte Amtsenthebung als Museumsdirektor und der Entzug seiner Lehrbefugnis im Dezember erfolgten ebenfalls aus politischen Gründen.

12 Lips 1937:xxix

13 Lips 1937:xxx

14 Vgl. Krings 2001b:224

15 1938 wurde dem Ehepaar Lips die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen sowie das Vermögen der Eheleute

beschlagnahmt und als dem Reich verfallen erklärt. Durch Beschluss vom 25. November 1938 wurde Julius Lips weiterhin des Tragens eines deutschen akademischen Grades als unwürdig empfunden und ihm die verliehene Doktorwürde entzogen (vgl. Pützstück 1995:249f.).

16 Vgl. Lips 1937:xxif.

17 Lips 1937:xxi

18 Krings 2001b:226

19 Malinowski 1937:vii

20 „To yield to the colonial demands of the Nazi Government would then be tantamount to sentence of death or slavery for the colonies entrusted to the Nazis” (Lips 1937:9).

21 Durch die gesamt Geschichte zieht sich die Beschreibung und Darstellung der Einwohner Afrikas als minderwertige und befremdlich wirkenden Gestalten. Selbst im Europa der post-Renaissance (1650-1800) wurde die kontinentale Vorstellung des Fremden zwar schrittweise objektiver, sie war jedoch noch immer nicht frei von lächerlichen Fehlern in der Beobachtung und Aufzeichnungen. „The illustrations are all strangely ‚Europeanized‘ and the ‚primitive‘ beings represented therein all have an unreal, even theatrical appearance“ (Porter 1938:101).

22 Lips 1937:26

23 Vgl. Lips 1937:30,35,48

24 Lips 1937:35

25 Krings 2001b:228

26 Statt das erarbeitete Verständnis auch selbst zu erreichen, unternimmt Lips im folgenden Hauptteil jedoch den Versuch, einzelne künstlerische Stile und Ausdrucksmittel im Sinne der kulturhistorischen Methode jeweils mit bestimmten, zu einer diachronen Abfolge geordneten Kulturkreisen zu korrelieren (vgl. Krings 2001b:228).

27 Die Begriffe wie Natives oder Eingeborene werden in dieser Arbeit ohne jegliche Wertung verwendet und enthalten keinerlei rassistische Konnotation. Sie dienen lediglich dazu, die Bewohner Afrikas zu beschreiben, welche bereits vor dem Eintreffen der europäischen Kolonisatoren dort gelebt haben.

28 Lips 1937:59

29 Diese Vorstellung rührte vor allem daher, dass die Eingeborenen davon ausgingen, dass die Geister ihrer Verstorben weiß sein müssten. Als sie dann zum ersten Mal weiße Menschen sahen, hielten sie diese verständlicherweise für ihre verstorbenen Familienmitglieder.

30 „The most interesting thing here is the conception of the three sails of the jib-boom, the flying-jib, the jib, and the foretop-staysail, which are surprisingly like the forms of the numerous bamboo engravings of New Caledonia“ (Lips 1937:63).

31 Die Schilderung der einzelnen Colon-Figuren und ihrer Charakteristika folgt in dieser Arbeit der Beschreibung von Lips und gibt damit dessen Sichtweise wieder. Es handelt sich dabei nicht im die Meinung der Autorin dieser Arbeit.

32 Lips 1937:72

10

Details

Seiten
27
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640911028
ISBN (Buch)
9783640909131
Dateigröße
875 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171518
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Ethnologie
Note
1,3
Schlagworte
eine frage perspektive julius lips bedeutung colon-figuren

Autor

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