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Förderung von Selbstständigkeit durch Übertragung von Verantwortung im Sportunterricht einer 8. Realschulklasse

Examensarbeit 2010 56 Seiten

Sport - Sportpädagogik, Didaktik

Leseprobe

Gliederung

1. Problemstellung

2. Begrifflichkeiten
2.1 Selbstständigkeit
2.1.1 Selbstständigkeit als allgemeines Erziehungsziel in der Schule
2.1.2 Selbstständigkeit im Sportunterricht
2.2 Verantwortung
2.2.1 Verantwortungsübernahme in der Schule
2.2.2 Verantwortung im Sportunterricht

3. Theoretische Überlegungen
3.1 Der Lehrplan
3.2 Das Kerncurriculum
3.3 Didaktische Konzepte
3.3.1 Das Sportartenprogramm nach SÖLL
3.3.2 Handlungsfähigkeit nach KURZ
3.2.3 Erziehender Sportunterricht nach BALZ u.a

4. Die Lerngruppe
4.1 Anthropogene Voraussetzungen
4.2 Lerngruppenanalyse
4.3 Die Lehrerrolle

5. Praktische Durchführung
5.1 Aufgabenübertragung im Sportunterricht
5.2 Die Aufwärmphasen
5.2.1 Die Einteilung und Durchführung
5.2.2 Ein Beispiel einer Aufwärmphase im Tischtennis
5.3 Erarbeitung von Stationen zum Thema Dribbling im Basketball

6. Auswertung
6.1 Schülerevaluationsbogen
6.2 Lehrerbeobachtungen
6.2.1 Aufgabenübertragung im Sportunterricht
6.2.2 Aufwärmphasen
6.2.3 Erarbeitung von Stationen zum Thema Dribbling im Basketball

7. Schlussfolgerungen
7.1 Grundsätzliches zur Selbstständigkeitserziehung
7.2 Lehrerverhalten und Selbstständigkeitserziehung
7.3 Verbalisieren und Selbstständigkeitserziehung
7.3.1 Sprachverhalten
7.3.2 Gesprächsgelegenheiten
7.3.3 Metakommunikation
7.4 Inhalte und Selbstständigkeitserziehung

8. Fazit

9. Literatur

10. Anhang

1. Problemstellung

Selbstständigkeit ist der erste Schritt zum Erwachsenwerden, deshalb sollte neben dem

Vermitteln von Fachwissen die Schule auch dazu beitragen, die Selbstständigkeit des Schülers

zu fördern. Im modernen Sportunterricht konzentriert sich das didaktische Interesse nicht mehr auf eine begründete Auswahl bestimmter Sportarten, sondern versucht, übergreifende Lern- und Erfahrungsfelder zu begründen und in exemplarischen Lernsituationen anzubieten.[1]

Bereits während meines Studiums an der Justus-Liebig-Universität in Giessen habe ich mich mit den Möglichkeiten und Schwierigkeiten offenen Unterrichts im Fach Sport auseinandergesetzt. Im Laufe meines Vorbereitungsdienstes an der K.schule in W. wurde ich natürlich in größerem Maße wieder mit dieser Thematik konfrontiert. Da dieser Bereich bei jeder meiner Unterrichtsvorbereitungen und auch in meinen Unterrichtsstunden ein großes Maß an Zeit einnahm und einnimmt, habe ich mich entschieden in diesem Bereich meine Staatsarbeit zu schreiben. Im Schuljahr 2009/ 2010 übernahm ich die Klasse 8R2 im Fach Sport. Die „Förderung von Selbstständigkeit durch Übertragung von Verantwortung im Sportunterricht einer 8. Realschulklasse“ lag mir in dieser Zeit sehr am Herzen und war in Folge wichtiger Bestandteil meiner Unterrichtsplanung. Unterstützt von der Klasse 8R2 habe ich mich der Beantwortung der Fragestellung gewidmet, ob es möglich ist, die Selbstständigkeit zu fördern. Dabei habe ich mich nicht auf eine einzelne Einheit beschränkt, sondern vielmehr den gesamten Unterricht des Halbjahres versucht so zu gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler zu mehr Selbstständigkeit erzogen werden. Essentiell für das Verständnis der folgenden Seiten ist eine Erklärung der Begriffe Selbstständigkeit und Verantwortung. Dieser habe ich mich in den ersten Seiten der Arbeit gewidmet. Im Folgenden werde ich mich dann damit auseinandersetzen, wie Selbstständigkeit erreicht werden kann und wozu sie befähigen soll.

Wenn man sich mit Selbstständigkeit als Ziel des Sportunterrichts auseinandersetzt, so müssen zwei grundlegende Fragen geklärt sein.

1. Wird „Selbstständigkeit“ als Erziehungsziel durch die Lehrpläne eingefordert, also legitimiert?
2. Findet sich die Erziehung zur Selbstständigkeit in aktuellen fachdidaktischen Überlegungen wieder?

Diese Fragestellungen sollen im Theorieteil der hier vorliegenden Arbeit beantwortet werden. Ich werde mich zunächst mit den Begrifflichkeiten und Bedeutungen der Selbstständigkeit und Verantwortung auseinandersetzen. Danach wird die Legitimierung der Selbstständigkeit als Erziehungsziel in den Lehrplänen diskutiert. Die Lehrpläne sind ein Resultat der dominierenden fachdidaktischen Strömungen. Aufgrund dessen werden die aktuellen fachdidaktischen Konzepte anschließend auf ihre Erziehung zur Selbstständigkeit hin untersucht. Dabei werde ich auf das Sportartenprogramm nach SÖLL sowie die Handlungsfähigkeit nach KURZ eingehen. Aktuell wird die fachdidaktische Diskussion vom Konzept des erziehenden Sportunterrichts nach BALZ u.a. geprägt, welcher das Ziel „Mehr Selbstständigkeit im Sportunterricht“ meiner Meinung nach in besonderem Maße einfordert. Deshalb wird dieses Konzept ausführlich vorgestellt und hinterfragt werden. Im Anschluss werde ich die Lerngruppe, ihre Lernausgangslage, sowie ihre anthropogenen Voraussetzungen vorstellen. Weiterhin wichtig für die Förderung der Selbstständigkeit sind Überlegungen zur Lehrerrolle. Bezogen auf die verschiedenen Einheiten im 2. Halbjahr werde ich exemplarisch verschiedene durchgeführte Methoden zur Förderung der Selbstständigkeit vorstellen und auswerten. Dabei werde ich mich auf eigene Beobachtungen, sowie einen von den Schülerinnen und Schülern[2] erarbeiteten Fragebogen beziehen.

Abschließend werde ich Folgerungen für meinen eigenen Unterricht darstellen. Dabei werde ich besonders beachtenswerte Kriterien bei der Erziehung zu mehr Selbstständigkeit im und durch Sportunterricht herausarbeiten.

2. Begrifflichkeiten

2.1 Selbstständigkeit

Selbstständigkeit kann als Handeln der SuS beschrieben werden, das weitgehend unabhängig von den Anweisungen des Lehrers ist. Allerdings sollte Selbstständigkeit mehr sein als unbewusste Wiederholung und Reproduktion. Eine grundlegende Qualität ist erreicht, wenn die SuS nicht nur auf Grund übernommener Gewohnheiten handeln, sondern wenn ihre eigene Einsicht in sozial und sachlich begründete Erfordernisse ihre Handlungsweisen bestimmt.[3]

Selbstständigkeit im Sinne dieser Arbeit zeigt sich also, wenn SuS sich bewusst mit sachlichen und sozialen Ansprüchen auseinandersetzen und dabei Widerständen stand halten. Werden Widerstände zwar wahr genommen, ihnen dann aber doch ausgewichen, ist Selbstständigkeit nicht hinreichend ausgebildet.

Selbstständigkeit kann also als Fähigkeit verstanden werden, die eigenen Ansprüche mit sozialen Erwartungen abzustimmen. Die Selbstständigkeit eines Individuums besteht demnach darin, dass es sich einerseits nicht bloß an das anpasst, was ist und was andere erwarten, andererseits es nicht auf Kosten von Anderen das verwirklicht, was es eigensinnig will.[4]

2.1.1 Selbstständigkeit als allgemeines Erziehungsziel in der Schule

Erzieherische Einwirkungen in der Schule zielen darauf ab, Kinder zu selbstständigen Menschen zu erziehen. Sie sollen sich in möglichst vielen Lebensbereichen selbst helfen können und nicht unbedingt auf andere angewiesen sein. Nach PIAGET besitzen Kinder eine Autoritätsmoral und die Entwicklung zur Autonomie beginnt bereits in früher Kindheit und mündet im Jugendalter in größere Unabhängigkeit.[5]

MASLOW sieht in der Selbstgestaltung und Verwirklichung das letzte Motiv in der Entwicklung. Voraussetzung dafür ist eine Selbstständigkeitserziehung. Ist diese Fähigkeit entwickelt, spricht man von der Autonomie des Individuums. Dies ist die treibende Kraft für den Erhalt und die Weiterentwicklung einer Gesellschaft. Nach HENTIG ist es nun der Auftrag der Schule, zu dieser Fähigkeit, nämlich der geistigen und moralischen Selbstständigkeit, zu erziehen.[6]

Die Schule soll die SuS durch Vermittlung überfachlicher Kompetenzen dazu befähigen, künftig, auch in ihrem privaten und beruflichen Leben, unbekannte und komplexe Herausforderungen erfolgreich meistern zu können. Dabei handelt es sich um allgemeine grundlegende Kompetenzen der Lern- und Lebensgestaltung, die zum persönlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wohlergehen beitragen sollen. Um dies erreichen zu können, muss die Schule neben dem angeleiteten Lernen Lerngelegenheiten einräumen und zur Mitarbeit, Gemeinschaft und Verantwortungsübernahme erziehen.[7]

2.1.2 Selbstständigkeit im Sportunterricht

Der im Mai 2010 veröffentlichte Entwurf zu Bildungsstandards und Inhaltsfeldern für das Fach Sport ist zwar noch nicht verbindlich, zeigt aber in seiner Wortwahl ganz klar eine Tendenz zur Selbstständigkeitserziehung im Sportunterricht. Der Schulsport leistet einen eigenständigen und nicht ersetzbaren Beitrag zur Einlösung des ganzheitlichen Bildungs- und Erziehungsauftrages. Sport ist das einzige Bewegungsfach in der Schule. Es trägt zu einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung bei und eröffnet den Lernenden Möglichkeiten, sich die Bewegungs-, Spiel- und Sportkultur individuell zu erschließen. Durch den fachspezifischen Beitrag des Sportunterrichts zur Werteerziehung erwerben die Lernenden persönlichkeitsbildende Schlüsselkompetenzen. Diese sollen erreicht werden durch Erziehung zum und durch Sport. Im Rahmen sozialen Lernens entwickeln sich Konfliktlösungs-strategien, faires Verhalten, Toleranz gegenüber fremden Körper- und Bewegungskulturen und eine ästhetisch-gestalterische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Der Sportunterricht wird seinem Doppelauftrag, der Erschließung der Bewegungskultur und Beitrag zur Werteerziehung jedoch nur dann gerecht, wenn die Vermittlung integrativ erfolgt.[8]

Sport in der Schule ist jedoch nicht nur auf den Sportunterricht beschränkt. Über den Fachunterricht hinaus bezieht er sich in vielfältiger Weise auf andere Bereiche des schulischen Lernens. Beispiele hierfür sind Bundesjugendspiele oder AGs. Er stellt so ein wesentliches Element der Ausgestaltung eines der Gesundheit förderlichen und attraktiven Schullebens dar.[9]

2.2 Verantwortung

„Eine fundamentale Voraussetzung für die Entwicklung von Verantwortung (bzw. die Bereitschaft zur Verantwortung) ist, dass der Schüler / die Schülerin echte Handlungsfreiheit bei der Erfüllung von Aufgaben erhält.“[10]

JUUL unterscheidet zwischen sozialer Verantwortung und persönlicher Verantwortung. Als soziale Verantwortung sieht er die Verantwortung unserer Familie oder unseren Freunden gegenüber, gesellschaftliche Verantwortung oder auch berufliche Verantwortung, z.B. als Lehrer.[11] Werteerziehung kann nur in einem ganzheitlichen Erziehungsprozess geschehen. Die Vermittlung individueller und gemeinschaftsbezogener Werte muss im rechten Verhältnis zueinander erfolgen. Eine Erziehung zur Mündigkeit muss in sozialer Verantwortung der SuS eingebunden sein. Die Ermöglichung von Identitätsfindung, schöpferischer Kreativität und Eigeninitiative sind eng verbunden mit Erfahrungen des sozialen Lernens, der Arbeit in Gruppen und der Teamfähigkeit. Für die Entwicklung einer solchen sozialen Verantwortung ist es wichtig, dass Lehrer und Eltern als Vorbilder agieren und selbst verantwortungsvoll miteinander umgehen. Ebenso wichtig ist es nach JUUL, dass sie den Drang der Kinder zum Kooperieren erkennen, wenn dieser gezeigt wird.[12]

Als noch wichtiger sieht er die persönliche Verantwortung an, weil sie wichtiger Bestandteil der Kindererziehung und Pädagogik ist. Unter persönlicher Verantwortung versteht er in diesem Kontext die Fähigkeit und den Willen des einzelnen Menschen, zu verstehen, Verantwortung zu übernehmen für seine Integrität, für sein Handeln und für die kleinen und großen Lebensentscheidungen, die daraus folgen.[13] Einige Bereiche, für die Kinder Verantwortung übernehmen können, variieren von Kind zu Kind und es besteht ein Zusammenhang zwischen dem Alter des Kindes und seiner Bereitschaft, die Verantwortung für einen Bereich zu übernehmen. Ein weiterer wichtiger Faktor ist, in welchem Umfang die soziale Verantwortung der Eltern oder Lehrer die Entwicklung stützt oder hemmt.[14]

Selbstverständlich geht es nicht darum, dass Kinder stets ihren Willen durchsetzen oder dass sie tun und lassen können worauf sie Lust haben. Vielmehr ist es wichtig, die Bedürfnisse der Kinder zu erkennen und diese ernst zu nehmen. Vor allem gilt dies im Hinblick auf das Bedürfnis, die Sichtweisen des Gegenübers zu verstehen und zu akzeptieren, aber auch das Bedürfnis, auf Äußerungen mit Verständnis zu reagieren und so die Position des Gegenübers ernst zu nehmen.

Die soziale und die persönliche Verantwortung hängen sehr eng zusammen. Es sollte jedoch ein gesundes Gleichgewicht zwischen der persönlichen und der sozialen Verantwortung herrschen, da ein Übergewicht einer Seite hier schnell zu Frustration führen kann, wenn z.B. die soziale Verantwortung überwiegt und das Individuum überverantwortlich für die Belange anderer Menschen wird.[15]

Je älter Kinder werden, desto deutlicher können sie ihre Integrität markieren. Sie können ihre persönliche Verantwortung formulieren und für ihr Recht, sie zu übernehmen, Argumente anführen. Der Weg von Kindern und Jugendlichen zur persönlichen Verantwortlichkeit hängt ab, von der Führungsqualität der Eltern, der Lehrer und von dem Grad an persönlicher und sozialer Verantwortlichkeit, den die Erwachsenen in der Interaktion mit ihnen zeigen.[16]

2.2.1 Verantwortungsübernahme in der Schule

Schule ist nicht nur Lern-, sondern Lebensort. Kinder und Jugendliche verbringen einen Großteil ihres Lebens in der Schule, die für sie nicht nur Ort des Zusammenwirkens von Eltern, Schülern und Lehrern ist, sondern auch Stätte gestalteten Miteinanderlebens. Seit Auswertung der PISA-Studie, die vor allem die Leistungsdefizite der deutschen Schule offen legte, reißen die Diskussionen um Bildungsstandards, Aufgaben von Schule, die Rolle des Lehrers usw. nicht ab.

SuS empfinden Schule oft als lebensfremd und wenig motivierend. Die Wirtschaft bemängelt fehlende Qualifikationen und Kompetenzen bei den zukünftigen Auszubildenden. Es besteht deshalb bei allen Beteiligten der Konsens, dass Team- und Kommunikationsfähigkeit sowie vernetztes Denken grundlegende Voraussetzungen für eine befriedigende Lebensgestaltung und -bewältigung in unserer Gesellschaft sind. Neben dem Aufbau fachlicher Kompetenzen kommt dem Erwerb überfachlicher Kompetenzen in modernem Unterricht eine besondere Bedeutung zu. Dabei geht es um ein Zusammenspiel von Wissen und Können, von Fähigkeiten und Fertigkeiten, Einstellungen und Haltungen. Zu einer Kompetenzentwicklung in diesem Sinne tragen alle Fächer gleichermaßen bei.[17]

Die überfachlichen Kompetenzen sollen die Lernenden wie bereits beschrieben, dazu befähigen, künftig, auch in ihrem privaten und beruflichen Leben, unbekannte und komplexe Herausforderungen erfolgreich bearbeiten zu können. Dabei handelt es sich um allgemeine grundlegende Kompetenzen der Lern- und Lebensgestaltung, die zum persönlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wohlergehen beitragen sollen. Die Förderung überfachlicher Kompetenzen orientiert sich auch an veränderten Zugängen zur Welterschließung, wie sie die heutige Informations- und Mediengesellschaft bereithält.

Nach JUUL kann Kindern in besonderem Maße geholfen werden, wenn sie angemessen unterstützt werden. Er sieht eine Notwendigkeit von Seiten der Erwachsenen, die Verbindung zwischen der persönlichen Integrität, dem Selbstwertgefühl und der persönlichen Verantwortung eines Menschen zu stärken, durch mehr Aufmerksamkeit, Unterstützung und Zuwendung.[18] Lehrer müssen nach JUUL die Verantwortung übernehmen für ihr eigenes Verhalten, dann steigt die persönliche und soziale Verantwortlichkeit der Kinder. Die Verantwortlichkeit der Kinder entwickelt sich optimal, wenn sie mit Erwachsenen zusammen sind, die Verantwortlichkeit praktizieren und nicht predigen.[19] Schüler müssen im Laufe ihrer Schullaufbahn auf künftige Herausforderungen vorbereitet werden. Dazu gehört auch die Entwicklung sozialer Kompetenzen als Teil ihrer Persönlichkeitsentwicklung.

2.2.2 Verantwortung im Sportunterricht

Die aktuellen Standards und Kompetenzen sehen in der Übernahme und Gestaltung verschiedener Rollen eine Möglichkeit der Entwicklung von Selbstständigkeit und Selbstwertgefühl. Ein übergeordnetes Ziel von Unterricht soll also der Erwerb von Kompetenzen sein, die den SuS dabei helfen ihre Lernprozesse eigenverantwortlich und selbstständig zu steuern.[20] Ein solches soziales Lernen findet im Sportunterricht immer, ob nun gewollt, oder nicht, statt. Weiterhin können motorisches Lernen im Sport und soziales Lernen nicht voneinander getrennt werden.[21]

SuS müssen selbst Erfahrungen sammeln und über die Reflexion derselben gegebenenfalls zu Verhaltens- bzw. Einstellungsänderungen gelangen. Dies gelingt nur in einem Sportunterricht, in dem SuS der Raum zu selbstständigem und eigenverantwortlichem Handeln gelassen wird.[22]

3. Theoretische Überlegungen

3.1 Der Lehrplan

Zwar gibt es für Lehrer die Möglichkeit der individuellen Auslegung und Ausgestaltung der Lehrplaninhalte, aber der Rahmen seines beruflichen Tuns ist durch den Lehrplan festgelegt. Insofern muss sich die Selbstständigkeitserziehung in den Sportlehrplänen der Länder wiederfinden lassen, ansonsten hat diese pädagogische Ausrichtung keine Berechtigung im Sportunterricht.

BRÄUTIGAM findet in fast allen Lehrplänen Aussagen über den Beitrag des Schulsports zur gesunden Lebensführung, zur Entwicklung von Sozialkompetenz, Solidarität und Fairness, zur Bewältigung von Freizeitanforderungen sowie zur Förderung eines vernünftigen Umgangs mit Umwelt und Natur. Insgesamt ist demnach zu erkennen, dass aktuelle Lehrpläne tendenziell eine zunehmende pädagogische Ausrichtung des Schulsports favorisieren.[23]

Die Berücksichtigung möglichst aller pädagogisch wertvollen Zuwendungsmotive von SuS für sportliche Aktivitäten gewährleistet den Erwerb einer umfassenden Handlungskompetenz und ermöglicht ihnen, eine individuelle Sinngebung für das Sporttreiben zu finden. Die pädagogischen Perspektiven beschreiben dabei grundsätzlich, was die SuS bei sportlicher Bewegung erfahren und lernen sollen. Dabei erschließt jede Perspektive zunächst von einem besonderen Standpunkt aus, inwiefern sportliche Aktivität pädagogisch wertvoll sein kann. Sie bietet darüber hinaus eine Antwort auf die Frage, inwiefern sich im Schulsport die Entwicklung Heranwachsender in einer Weise fördern lässt, die kein anderes Fach ersetzen kann. Dabei verbinden sich in der Regel Gedanken, die von Bildungsgehalten des Sports, von verbreiteten Entwicklungsproblemen Heranwachsender und von anerkannten Aufgaben der Schule ausgehen.

Unter jeder Perspektive lässt sich auch an eine individuelle Sinngebung anknüpfen, die im Sport geläufig ist und mit der auch schon Jugendliche begründen, was sie im Sport suchen und warum sie ihn als Bereicherung ihres Lebens schätzen. Der Unterricht kann jedoch bei diesen individuellen Sinngebungen nicht stehen bleiben, da diese nicht zwingend mit den erzieherischen Zielen übereinstimmen müssen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Pädagogische Perspektiven[24]

Kriterien für entsprechende erzieherische Impulse kann die Lehrkraft dabei aus jeder der aufgeführten Perspektiven gewinnen.[25]

Der (noch) aktuelle Lehrplan Sport sieht ein wesentliches Ziel der SuS im Sportunterricht darin, ihr sportliches Handeln und den Umgang mit ihrem eigenem Körper zunehmend selbstständig und eigenverantwortlich zu übernehmen, indem sie Lernprozesse mitgestalten und mit verantworten und so zu individueller Verantwortungsübernahme erzogen werden. Sie sollen also das Lernen zunehmend zu ihrer eigenen Angelegenheit machen.[26] Weiterhin sollen die SuS dazu befähigt werden, ihren Lernstand individuell zu ermitteln und zu überprüfen. Für ein Erreichen dieser Ziele ist es wichtig, notwendige Basiskompetenzen, wie Lern- und Arbeitstechniken, Kommunikationstechniken und Kooperation sowie Teamfähigkeit durch wiederholtes Anwenden zu erlernen.

3.2 Das Kerncurriculum

Das neue Kerncurriculum für das Land Hessen greift die fachdidaktisch und pädagogisch begründeten Bildungsziele der bisherigen Lehr- und Bildungspläne auf, beschränkt sich aber auf die Beschreibung der angestrebten Ergebnisse des Lernens und verzichtet auf einen Katalog von Unterrichtsthemen. Bildungsstandards und die zugehörigen Inhaltsfelder entfalten ihre Wirkung in einem Unterricht, in dem Lernen als individueller und letztlich eigenverantwortlicher Prozess der Aneignung und Verarbeitung verstanden wird, einem Unterricht, der auf den vorhandenen Kompetenzen der Kinder und Jugendlichen aufbaut, den Erwerb neuer Kompetenzen auf dieser Grundlage ermöglicht und sich dabei an den zu erreichenden Lernergebnissen orientiert. Kompetenzen werden individuell erworben, nicht gelehrt.

BRÄUTIGAMs Meinung, dass Lehrpläne ein Beleg dafür sind, dass die Orientierung an der Leitidee eines erziehenden Sportunterrichts weiterhin Zustimmung findet, möchte ich mich hier anschließen.[27] Die Lehrpläne werden von vorherrschenden sportdidaktischen Strömungen maßgeblich beeinflusst. Da die Lehrpläne mehr Selbstständigkeit und Verantwortung im Sportunterricht definitiv fordern, sollte auch in der Sportdidaktik die Tendenz zu einem erhöhten erzieherischen Anspruch von Sportunterricht und Schulsport sichtbar werden.

3.3 Didaktische Konzepte

Im täglichen Sportunterricht kann sich die Lehrkraft von den vorherrschenden Konzepten distanzieren oder sich daran orientieren. Im Alltag folgt die Lehrkraft dabei nicht einem jener Konzepte auf dem Weg in die Praxis. Vielmehr formt sie ihren persönlichen Orientierungsrahmen mit einer Mischung aus Alltagserfahrung und Handlungswissen, aus Richtlinien, Routinen, Rezepten und wohl auch aus fachdidaktischen Konzept-bausteinen.[28] Dazu kommen noch Erfahrungen und Vorlieben des Individuums Lehrer.

[...]


[1] Schmidt, Walther/ Brettschneider, W.-D; Erster Deutscher Kinder und Jugendsportbereicht, S. 101

[2] Im Folgenden der Einfachheit halber als SuS abgekürzt.

[3] Müller, Frank; Selbstständigkeit fördern und fordern; S. 15f.

[4] Köppe, Günter; Zur Selbstständigkeit anleiten; S. 24

[5] Köppe, Günter; Zur Selbstständigkeit anleiten; S. 24

[6] Köppe, Günter; Zur Selbstständigkeit anleiten; S. 25

[7] Vgl. Hessisches Kultusministerium; Bildungsstandards und Inhaltsfelder – Sport (Entwurf); Seite 8

[8] Hessisches Kultusministerium; Bildungsstandards und Inhaltsfelder – Sport (Entwurf); Seite 17

[9] Hessisches Kultusministerium; Bildungsstandards und Inhaltsfelder – Sport (Entwurf); Seite 17

[10] Jürgens, Eiko; Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung für ihr eigenes lernen; Seite 8

[11] Juul, Jesper/ Jensen, Helle; Vom Gehorsam zur Verantwortung; S. 137

[12] Juul, Jesper/ Jensen, Helle; Vom Gehorsam zur Verantwortung; S. 175f.

[13] Juul, Jesper/ Jensen, Helle; Vom Gehorsam zur Verantwortung; S. 100f.

[14] Juul, Jesper/ Jensen, Helle; Vom Gehorsam zur Verantwortung; S. 102

[15] Juul, Jesper/ Jensen, Helle; Vom Gehorsam zur Verantwortung; S. 137f.

[16] Juul, Jesper/ Jensen, Helle; Vom Gehorsam zur Verantwortung; S. 103, S. 114

[17] Hessisches Kultusministerium; Bildungsstandards und Inhaltsfelder – Sport (Entwurf); Seite 8

[18] Juul, Jesper; Aus Erziehung wird Beziehung; S. 330

[19] Juul, Jesper/ Jensen, Helle; Vom Gehorsam zur Verantwortung; S. 125

[20] Hessisches Kultusministerium; Bildungsstandards und Inhaltsfelder – Sport (Entwurf); Seite, S.8

[21] Balz, Eckart; Wie kann man soziales Lernen fördern?; S. 150

[22] Vgl. Müller, Frank; Selbstständigkeit fördern und fordern, S. 11ff.

[23] Bräutigam, Michael; Sportdidaktik; S. 84

[24] Vgl. Hessisches Kultusministerium; Lehrplan Sport des Landes Hessen, Seite 5

[25] Vgl. Hessisches Kultusministerium; Lehrplan Sport des Landes Hessen, Seite 4

[26] Vgl. Hessisches Kultusministerium; Lehrplan Sport des Landes Hessen, Seite 4

[27] Bräutigam, Michael; Sportdidaktik – Ein Lehrbuch in 12 Lektionen; S. 84

[28] Balz, Eckart; Fachdidaktische Konzepte; Seite 13

Details

Seiten
56
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640911554
ISBN (Buch)
9783640909674
Dateigröße
4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v171593
Note
14
Schlagworte
förderung selbstständigkeit verantwortung sportunterricht realschulklasse

Autor

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Titel: Förderung von Selbstständigkeit durch Übertragung von Verantwortung im Sportunterricht einer 8. Realschulklasse